panta rhei – inzwischen ist wirklich fast alles egal

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Philomena ist nun schon seit etlichen Tagen wieder zurück im Haus „Zweieichen“ (von denen zwar inzwischen eine fehlt, aber ich belasse es bei diesem Namen). Die neue Gitarre konnte ihr die Rückkehr ein wenig versüßen – was auch bitter nötig war, denn sie war mit anderthalb Monaten entschieden länger weg als ursprünglich geplant und die Zeit an jenem Ort war nicht unbedingt gut für sie. Sehr viel negativer Input, Desillusionierung und Bitternis. 😔

Im Prinzip sitzen hier nun wieder zwei am/im Leben gescheiterte traurige Gestalten statt lediglich einer perspektivlos in ihren Zimmern und warten auf den Tod. Sonst gibt es keine gravierenden Veränderungen. Vielleicht war die Gitarre ihre letzte größere Anschaffung, denn die Zeiten, in denen eine(r) von beiden jeweils mehr Reserven als der/die andere hatte, sind natürlich nicht in Stein gemeißelt…

0559 winged Dollar◾Freitag habe ich wieder an die tausend Euro beim Traden verloren. Habe eine Stop-Loss-Order ein paar Minuten zu spät gesetzt und das hochbrisante Derivat hat sich in der kurzen Zwischenzeit ausgeknockt…

„Warum handelt der Depp nun auch mit solch gefährlich spekulativen Finanzprodukten?“, werdet Ihr jetzt eventuell fragen. Nun, ich werde es Euch verraten: Wenn man nicht bereits finanziell vom Leben beschenkt worden ist, hat man an der Börse eigentlich nichts verloren. Es ist zumindest erheblich leichter, dort als Reicher superreich zu werden, als als Armer reich oder zumindest wohlhabend… 😉

Wenn man viel Geld aus der Hand geben kann und Geduld hat, reicht es, in relativ sicheren Fonds und ETFs anzulegen, binnen etlicher Jahre kann man so vielleicht seinen Einsatz verdoppeln. Aber ich lebe von der Hand in den Mund und habe so gut wie gar keinen finanziellen Hebel. Um genug zu erwirtschaften, dass ich monatlich ein paar hundert Euro entnehmen kann, muss ich so vorgehen, dass es nicht nach fünf oder zehn Jahren zu einer Verdopplung kommt, sondern binnen weniger Stunden oder Tage. Ich muss also ins volle Risiko gehen, um mit wenigen Euros so viel zu erwirtschaften, dass ich monatlich genügend entnehmen kann. Wenn ich ein paar hunderttausend Euro anlegen würde, könnte ich allein aus Dividendenzahlungen und einem moderaten Zuwachs von wenigen Prozent im Jahr genügend Geld hinzugewinnen, um davon Gas/Wasser/Strom/Benzin/Fraß/neue Socken bezahlen zu können. Um mit meiner Minimalkapitaldecke genügend Kohle für Gas/Wasser/Strom/Benzin/Fraß/neue Socken zu haben, muss ich monatlich mindestens 30 bis 40 Prozent Wachstum erzielen. Das geht nur mit spekulativen Derivaten und Wetten auf windige Außenseiteraktien, die hochvolatil sind. Entsprechend kommt es regelmäßig zu Totalausfällen. Solange diese nicht überwiegen, geht’s bei mir weiter. Häufen sich die Flops, bin ich jedoch über Nacht de facto wieder genau so pleite, wie in jenem Fall, in dem ich meinen alten Beruf nicht aufgegeben hätte… Es bleibt deshalb ein Tanz auf dem Vulkan, was ich hier momentan betreibe. 😁

Dennoch bleibe ich gelassen. Mir ist inzwischen eh alles vollkommen egal. Nichts ist für die Ewigkeit und ich habe in jüngeren Jahren mein Leben gelebt. Ob ich nun heute Nacht im Schlaf sterbe, oder erst in zehn, fünfzehn Jahren den Löffel abgeben werde – ist mir vollkommen Latte.

Ich könnte inzwischen vermutlich sogar in einem Erdloch unter einer Plastikplane leben – solange ich dort auf eine tägliche Mindestkalorienzahl komme, genügend Lesestoff habe und vielleicht ab und an noch eine Zigarre, macht es kaum einen Unterschied ob ich in einem Haus, einer Villa, einer Sozialwohnung oder einer Gefängniszelle existiere.

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Wenn ich draußen den Autos auf der Landstraße hinterherschaue und einen nagelneuen Bentley gefolgt von einem dreißig Jahre alten Polo beobachte, denke ich: „Hat beides vier Räder und man kann sich reinsetzen um irgendwohin zu gelangen“… Vollkommen egal.

Ich bin inzwischen auch äußerst uneitel geworden und mir ist für mich auch weitgehend irrelevant, was irgendwelche Leute von mir denken. Ich habe nun keine Kunden mehr und somit kommt es auch auf keinerlei Äußerlichkeiten mehr an. 😉

„panta rhei“„alles fließt“ wusste schon Heraklit vor zweieinhalbtausend Jahren. Nichts bleibt gleich. Alles kann morgen schon weg sein. Ob ich hier noch ein paar Monate wohnen bleiben kann, oder ein paar Jahre? Wer weiß das schon. Ein anderer antiker Philosoph sagte: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Das ist inzwischen auch meine Maxime, obwohl ich zweifelsohne zu jenen seltenen Menschen gehöre, die sich mit Wissen wahrlich wie eine Mastgans vollgestopft haben. Hätte man mich zu einem beliebigen Zeitpunkt meines Lebens gefragt, wo und was ich in zehn Jahren bin, so hätte ich mich jedes Mal prognostisch vollkommen geirrt. Ich wechselte meine Studienfächer, Wohnorte, Tätigkeiten, Sozialkontakte, materiellen und gesellschaftlichen Lebenssituationen regelmäßig und vollständig und das auch noch sowohl aktiv und beabsichtigt, wie in anderen Fällen passiv und von äußeren Umständen getrieben… Panta rhei.

Ich bin auch auf nichts angewiesen. Kann notfalls völlig loslassen. Wenn beispielsweise mein alter Kumpel Rudi sich nach einem halben Jahr Sendepause bei mir im Sommer nicht erneut gemeldet hätte, indem er mir ein Geburtstagspäckchen zukommen ließ, hätte ich den Kontakt trotz einer gemeinsamen Vorgeschichte von 27 Jahren einfach niemals wieder reaktiviert. Fort ist fort. Nun ruft der rechtsesoterische Impfgegner und Trump-Fan hier wieder alle paar Wochen sporadisch an. Ist halt so. Wir reden dann allerdings nicht mehr über Politik und Weltanschauungen.

Da sein Geburtstagsgeschenk – Posteingang ein halbes Jahr, nachdem ich ihm die Freundschaft gekündigt hatte – ein sehr besonderer Kunstgegenstand war, zu dem es eine gemeinsame Reiseerlebnis-Vorgeschichte gab, nötigte mich meine anerzogene Höflichkeit dazu, doch wieder Verbindung zu ihm aufzunehmen, um mich angemessen zu bedanken. Mir ist zwar alles egal, aber ein paar anstandsgeschuldete Prinzipien habe ich dennoch behalten. 😄

Im Kontakthalten bin ich nicht wirklich gut. Alte Freunde verschwanden in sehr vielen Fällen einfach nur deshalb, weil ich sie in neuen Lebenssituationen nicht stören wollte. Ich kann mit der Vergangenheit abschließen. Rigoros. Wenn es dann anders kommt – auch schön. So lud sich hier vor wenigen Tagen Udo spontan zu einem Besuch ein, als er zufällig in der Gegend zu tun hatte. Einigen Uralt-Stammlesern aus gemeinsamen myTagebuch-Bloggingzeiten dürfte dieser Name noch etwas sagen, eventuell in Kombination als Pärchen „Udo und Susanne“. Ich hatte Udo zuvor seit acht Jahren nicht mehr gesehen und auch seit etwa fünf oder sechs Jahren nicht mehr mit ihm telefoniert. Als er hier am frühen Abend eintrudelte, war es so als ob wir erst gestern den letzten Satz gewechselt hätten und er blieb gleich bis viertel vor drei in der Nacht bei mir und Philomena im Wohnzimmer (das wir erst Hals über Kopf frei räumen mussten, um dort nach über 20 Monaten Corona-Rückzug wieder einen Gast empfangen zu können). War schön, dass er da war. Aber ich initiiere solche Sachen nicht. Sie geschehen einfach.

Dass ich heutzutage ab und an mit dem unsäglichen Claude telefoniere, nachdem dieser über zwölf Jahre vollkommen in der Versenkung verschwunden war, weil er international zur Fahndung ausgeschrieben war, hätte ich mir auch niemals träumen lassen – ist aber so. Leute kommen und gehen. Verschwinden mitunter eine halbe Ewigkeit lang und plötzlich stehen sie wieder vor der Tür (in Claudes Fall würde ich ein konkretes Vor-der-Tür-Stehen jedoch nicht begrüßen und werde es bei seltenen Telefongesprächen belassen. Ich gehe nur etwa jedes vierte oder fünfte Telefonat entgegen, wenn er hier mal wieder durchklingelt).

Panta rhei. Ich weiß, dass ich nichts weiß. Nichts bleibt, wie es ist. Nichts lässt sich vorhersagen. Ruft Rudi nächste Woche hier noch mal an? Ist Philomena nächstes Jahr noch da? Werde ich irgendwann im Wald im Erdloch mit Plastikplane wohnen oder noch ein paar Jährchen in diesem Haus mit Garten? Vielleicht bin ich morgen schon tot – vielleicht auch nicht. Mir ist das alles vollkommen Latte… 😆 Mas schauen, wie viele tausend Euro ich als nächstes gegen die Wand fahre. Wenn es dann auch nichts mehr zu lesen gibt und keine Zigarren mehr, kann ich mich immer noch erschießen. Ich habe die totale Freiheit. 🙂

12 Gedanken zu “panta rhei – inzwischen ist wirklich fast alles egal

    • Das habe ich jetzt grad getan und jetzt möchte ich Claude in die Fresse hauen 😀
      Ich lache allerdings auch und bin böse schadenfreudig. Vor allem, weil ich eine der wenigen bin, die wirklich eher auf andere Menschen verzichten kann als die grosse Menge.

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    • Ich bin neugierig wie der richtige Name lautet und habe unter dem Claude-Beitrag mal mitgeraten.Leider habe ich zum Namen generell kein Alter und Foto gefunden

      Interessantes Foto mit sehr individueller Ausstrahlung – also von dir nun

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  1. Mir gefällt zwar nicht alles was ich hier lese, doch ich verstehe deine Einstellung sehr gut. Auch das spekulative Traden ist jedem klar, der nur ein Bisschen Ahnung von Anlegen hat.

    Von der Seite sieht die Frisur aber toll aus mit dem Zopf.

    Schön, dass Philomena auch wieder daheim ist.

    Nichts ist so beständig wie der Wandel – ebenfalls Heraklit.
    Ich mag zwar Veränderungen nicht so gerne, doch mit Menschen kommen und gehen lassen habe ich auch nicht allzu viele Probleme.

    Liebe Grüsse aus dem Süden – wo diese Woche Indian Summer wie in Amerika war. Zwar kühl, aber sonnig – hat mir gut gefallen.

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  2. Ich habe die Kontakte zu meinen besten Freunden abgebrochen. Der eine ist politisch geworden und bewegt sich auf dem geistigen Level eines 17-jährigen Antifa-Burschen, der andere hat jetzt Kinder und einen sehr erfolgreichen Beruf, wo er die ganze Zeit in der Welt herumfliegt, der will eh nix mehr von mir Sozialschrott wissen.

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  3. Na beim Erdloch bezweifle ich, dass dir das so egal wäre, alles andere nehme ich dir noch eher ab, selbst wenn ich deine Hymnen auf handgelecktes italienisches Schuhwerk oder ähnliches noch recht präsent im Ohr habe 😉 dass manche Kontakte sich wiederbeleben, ist ein schönes Zeichen 🙂

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    • Man kann im Prozess des Altersweisewerdens vielleicht auch eine zunehmend antimaterialistischere Haltung einnehmen, oder? Wozu brauche ich im Garten Ledersohlenschuhe? Da sind Gummischuhe angesagt… Rahmengenähte Lederschuhe brauchte ich als Uniform bzw. soziale Verkleidung beim einstigen Umgang mit meinen überwiegend Millionärskunden, etc..
      Das letzte mal trug ich einen Anzug übrigens auf der Beerdigung von Philomenas Vater vor fünf Jahren. Heute trage ich überwiegend uralte Jogginganzüge und Hoodies… 😉 Zumal ich seit der Pandemie keine öffentlichen Auftritte mehr hatte. Auf das Erdloch kam ich übrigens, weil ich früher gerne wild im Wald gezeltet habe – heute habe ich allerdings Rücken und bräuchte im Erdloch wohl ne Komfort-Matratze… 😁 LG, h.

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  4. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich mit einem „Scheißegal“ besser und entspannter leben lässt, als wenn man sich wegen jedem Mist nen Kopf macht. Das Traden ist ne Option… ich muss mir den Kram echt mal durch meine ergrauten Gehirnwindungen gehen lassen, in der Hoffnung, dass ich es noch auf die Reihe bekomme.

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