FBKG 003 – Senta-Insa Schmittin – „Die Nachtfalterin“

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Die dritte Leser-interaktive „FBKG“, eine fiktionale und biografische Kurzgeschichte, ging mir – trotz der wirklich wieder ganz erstaunlichen von Euch eingereichten Vorschläge – dieses Mal leider nicht so leicht von der Hand, wie die ersten beiden dieser kleinen schriftstellerischen Fingerübungen.

Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich in puncto Kreativität und schriftlichem Ausdrucksvermögen mittlerweile etwas eingerostet bin, oder doch nur daran, dass ich in den letzten Nächten gravierende Schlafprobleme hatte (ich lag oft endlos lange wach und konnte dann oft nur drei bis fünf Stunden lang unruhig und wenig erholsam schlafen) und mich deshalb tagsüber leichte Konzentrationsschwierigkeiten plagten…

Wie auch immer – dennoch ist’s vollbracht und Ihr könnt nun etwas über die biografischen Brüche im mitunter dramatisch verlaufenden Leben der „Senta-Insa Schmittin“ erfahren. Danke fürs Mitmachen!

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Jetzt geht’s auch schon gleich los mit den in Euren Kommentaren eingereichten Ideen, bevor dann im Anschluss ein von mir angefertigtes Portrait und die eigentliche Kurzgeschichte folgen:

Name: Senta-Insa Schmittin (vorgeschlagen von „Erinnye“)

Alter: 37 Jahre alt (Vorgabe von „The One“)

Biografisches Detail: hat eine ausgeprägte Rechts-Links-Schwäche und ist schon dreimal in falscher Richtung auf die Autobahn aufgefahren (von „Fundsachen“ beigesteuert)

Biografisches Detail: dafür kann sie aber ihr Auto selber reparieren, da sie ausgebildete Kfz Mechanikerin ist (vorgeschlagen von „Glooa“)

Biografisches Detail: hat in den 90er-Jahren Musik für Pornofilme produziert (Idee von „inorbit64a“)

Biografisches Detail: hat dann aber gemerkt, dass Musik ihr Ding nicht ist, Pornos aber schon (beigetragen von „mohseschoh“)

Biografisches Detail: als Hobby erforscht sie das Leben der Calliteara pudibunda (von „Milou“ ersonnen)

Biografisches Detail: ist schon mal mit ihrer Harley die Route 66 entlanggetuckert (ein Vorschlag von „Kätzerin“)

Biografisches Detail: verdient hauptberuflich als Parfüm-Influencerin auf YouTube monatlich 100.000 € (ausgedacht von „Juni“)

Biografisches Detail: wird immer mal wieder von ihrem verheirateten Nachbarn besucht. Status: es ist kompliziert (vorgeschlagen von „phoebeweather“)

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Senta-Insa Schmittin

Die Nachtfalterin

Waaaaas?!“ – dass sie irgendetwas falsch gemacht haben musste, merkte sie erst, als ihr in kurzer Folge gleich drei Autos hupend entgegen kamen und nur durch halsbrecherische Ausweichmanöver einem Frontalzusammenstoß entgingen! Auto Nummer drei, ein Bauarbeiter-Pritschenwagen, verlor dabei sogar einen Teil der Ladung. Sofort sorgte der etwas verhalten einsetzender Adrenalinschub für einen Mindestgrad an Wachheit, den Senta-Insa Schmittin eigentlich besitzen sollte, wenn sie einen 460-PS-Wagen über die Autobahn steuerte. Ihr war es zuvor auch schon leicht merkwürdig vorgekommen, dass hinter der Leitplanke rechts von ihr auf einer weiteren Fahrspur der Verkehr ebenfalls in ihrer Fahrtrichtung floss.

Als Ihr ein weiteres Fahrzeug schlingernd entgegen kam, wurde sie endlich wach genug, um nun ihrerseits ein rabiates Fahrmanöver auszuführen – aus voller Fahrt riss sie den jetgrauen Mustang Mach 1 mittels formvollendeter Handbremswende um 180 Grad herum, kuppelte wieder ein und trat dann das Gaspedal gen Bodenblech! Auch nach den zwei folgenden Schaltvorgängen drehten die breiten Hinterräder des Wagens jeweils kurz durch…

Senta-Insa besaß zwar eine allgemeine Rechts-Links-Schwäche und hatte auch nicht das beste räumliche Orientierungsvermögen – dieses Mal (ihr war das bereits zweimal zuvor passiert) hatte es jedoch andere Gründe, dass sie in falscher Richtung auf die Autobahn aufgefahren war: Es war vielleicht nicht die beste Idee gewesen, das Frühstück lediglich aus ein paar mit einem ordentlichen Schluck Grappa runtergespülten Lorazepam-Tabletten bestehen zu lassen, wenn man danach noch eine längere Autofahrt vor sich hatte…

Außerdem war sie durch die Musik abgelenkt gewesen – die unvermittelt über den eingestellten Sender an ihr Ohr gedrungen war: „Funkin’ For Jamaica“ von Tom Browne. Immer wenn sie Jazzfunk oder irgendwelche groovy 70er-Jahre-Musik hört, beamte es sie umgehend aus dem Hier und Jetzt in die Vergangenheit zurück – Roy Ayers, Funkadelic, Parliament, George Duke – alles treue Trigger!


Gut, sie war jetzt erst 37 und hatte die 70er Jahre selbst als Baby nicht mehr miterlebt, aber diese Art von Musik hatte sie während ihrer Kindheit geprägt. Als ihr Vater früh verstorben war, hatte er einen dicken Stapel von Fusion-, Jazzfunk-, und Psychedelic Soul-Platten hinterlassen. Und eine Hammondorgel. Schon als Siebenjährige legte sie als Trost immer Herbie Hancock oder Isaac Hayes auf, wenn sie die Trauer über den Verlust des Vaters, zu dem sie als kleines Mädchen ein äußerst inniges und liebevolles Verhältnis gehabt hatte, wie ein von der Kette gelassenes Tier anfiel. Der frühe Unfalltod war ihr Ur-Trauma gewesen. Zahlreiche weitere Traumata sollten dann noch später folgen…

Mit neun Jahren bekam sie Orgelunterricht – „irgendein Instrument muss das Kind ja lernen!“ – und spielte bereits nach wenigen Monaten die verinnerlichten Jazzfunk-Nummern nach Gehör nach, begann zu improvisieren und mit dreizehn komponierte sie ihre ersten eigenen kleinen Stücke. Das Kunstholz-verkleidete Trumm von Heimorgel war ihre Brücke zurück zum geliebten Vater. Indem sie im Stil seiner Schallplatten selber schöpferisch tätig wurde, konnte sie Papa irgendwie weiterleben lassen… Sie verstieg sich regelrecht in diese Vorstellung und hatte dementsprechend einen exorbitanten Output von Eigenkompositionen.

Damals kam regelmäßig „Onkel Herbert“ zum Mittagessen. Herbert, der lieber „Herbie“ mit deutlich geknödeltem „Ö“ genannt werden wollte, war eigentlich kein direkter Onkel von ihr, sondern der Ex-Mann der Cousine von Sentas Mutter. Nach seiner Scheidung besann er sich darauf, dass Sentas Mutter in der weitläufigen Verwandtschaft als überragend gute Köchin galt und auf seine Wohnnähe in fußläufiger Entfernung. Er hatte dort gleich ums Eck sein Kellerstudio. Senta-Insa hätte dieses irgendwie geheimnisvoll klingende „Studio“ als Kind gerne mal von innen gesehen, aber Mama war unverständlicherweise entschieden dagegen – dabei war es doch auch Mama selbst gewesen, die ihr verraten hatte, dass Onkel Herbert ein „Regisseur und Filmproduzent“ sei. Senta hatte damit ganz furchtbar in ihrer Grundschulklasse angegeben! „Onkel Herbert ist ein berühmter Regisseur!“ Große Augen bei den anderen Kindern…

Als Senta-Insa Ende der 90er-Jahre und inzwischen Teenager regelmäßig neue Melodien komponierte, die sich anhörten als ob sie direkt aus einem New Yorker Jazzclub der hanfschwadendurchwehten 70er stammten – entging dieses ihrem „Onkel“ nicht. Wenn er sich wieder selbst zum Mittagessen eingeladen hatte, blieb er meistens noch länger, um Senta zuzuhören. „Datt ist so eine unglaublich geile, dreckig-authentische Funksoul-Scheiße, ich muss datt haben!“

Damals mochte Senta Onkel Herbert noch – ja, sie fand diesen extrovertierten kleinen dicken Mann, der stets Hawaiihemden zu weißen Jeans trug, bemerkenswert, weil er so offensichtlich anders auftrat als die übrigen Erwachsenen in ihrem Umfeld. Er brachte immer gute Laune mit und irgendwann auch lauter kleine Parfümfläschchen. „Deal: Für jedet neue Stück dieser geilen Mucke gibt’s en Parfümken für dich!“ Senta liebte Duftwässer – da sie sich als Teenie die meisten der besonders interessant riechenden Parfüms niemals vom Taschengeld hätte leisten können, war dieser Deal für sie Gold wert! Noch höher im Kurs stieg der Onkel bei ihr, als er schnell allerlei Profi-Aufnahmeequipment herbeischleppte. Die alte Heimorgel wurde über ein Mischpult an einen Heimcomputer gestöpselt, Synthesizer zogen ein, Effektgeräte, ein Drumcomputer. Damals alles ziemlich teures Zeug… Senta-Insa konnte plötzlich aus dem Vollen schöpfen und wuchs schnell über sich hinaus – und wurde somit bereits im zarten Alter von 14 zu einer „Königin des Porno-Soundtracks“ – dieses zunächst jedoch noch nicht ahnend. Welche Art von Filmen „Hörbie“ in seinem Keller genau drehte, wusste sie damals noch nicht. Auch wenn bereits die ersten Gerüchte durch ihre Klasse geisterten und sie deshalb die Angeberei mit ihrem angeblich „berühmten“ Film-Onkel eingestellt hatte…


Senta war jetzt in der richtigen Fahrtrichtung unterwegs. Sie gab den 460 Pferdchen ordentlich die Sporen. Zum Glück hatte sie den Mustang auf ihrer kurzen Geisterfahrt nicht demoliert – und wenn schon: Zur Not könnte sie ihn sogar selbst reparieren! Sie hatte nach ihrem ersten Ausstiegversuch aus dem Business mit Mitte Zwanzig erfolgreich eine Ausbildung zur KFZ-Mechanikerin abgeschlossen. War dann aber doch schnell wieder rückfällig geworden… Das Geld lockte halt! Von einem Lehrlingsgehalt konnte sie sich keine Parfüms von Xerjoff oder Roja leisten – 100 ml „Chypré Extraordinaire“ kosten halt vierstellig…

Senta griff zum Autoradio, um Tom Browne abzustellen – genug alte Erinnerungen für heute, schließlich war sie gerade unterwegs, um jeglicher Vergangenheit zu entkommen! Schnell nahm sie noch einen ordentlichen Schluck aus der Grappa-Flasche, die angenehm kühl zwischen ihren perfekt gebräunten Oberschenkeln klemmte. Sie trug ein weißes Minikleid mit sehr hohem Saum und dazu eine Designerjacke aus Büffelleder, die genau ihre Augenfarbe besaß… Als das Radio schwieg, besserte sich ihre Laune sofort. Eigentlich war ihr das Fahrgeräusch auch viel lieber, als jede Art von Musik. Der Motorsound des Mustangs wurde nur noch vom Klang ihrer Custom-Harley übertroffen. Sie hatte die stark modifizierte Maschine vor ein paar Jahren selber in den Staaten abgeholt und war damit zum Einstieg gleich die legendäre Route 66 entlanggetuckert, bevor sie den Chopper in die Verschiffung nach Deutschland gegeben hatte. Freiheit! Frei fühlte sie sich am Lenker sattklingender Boliden mit zwei oder vier Rädern – selbstbewusst, wenn sie eine 80-Euro-Portion Parfüm aufgelegt hatte…

„Sultry Senta hitting the road!“ jauchzte sie kurz auf, als sie das gelochte Gaspedal ihres rennstreckentauglichen Sportcoupés durchtrat. „Sultry Senta“, war auch der Markenname ihres internationalen Durchbruchs gewesen, die heißblütige Senta, die scharfe Senta, die temperamentvolle Senta…


Inzwischen besaß Senta-Insa eine zumindest rudimentäre Vorstellung davon, welche Art von Filmwerken Onkel Herberts Keller verließen. Mit 16 war sie schließlich kein Kind mehr! Der kolossale Ausstoß erlesener Porno-Musik steigerte sich stetig, als Senta merkte, wie schnell ihre Parfümsammlung dadurch anwuchs!

Der kleine dicke Mann im Hawaiihemd liebte ihre Musik – er surfte gerade finanziell sehr erfolgreich auf einer Retro-Porno-Welle: „Die 70er-Jahre sind wieder voll am Ziehen! All diese alten Wichser wolln anne eigene Jugend erinnert werden! Sich einen zu ABBA-Make-Up und vollem Fotzenkraut keulen! Ich geb denen datt, wasse brauchen!“ Special-Interest-Porn, nannte „Hörbie“ das, wenn er Streifen mit Titeln wie „Super-Büsche 3“ und „Retro-Mösen-Randale“ drehte, die er sogar bis nach Rumänien exportierte.

Senta-Insa blieb trotz tagtäglich stundenlanger Musikkomposition erstaunlicherweise eine solch gute Schülerin, dass sie 2003 schließlich ihr Abitur bestand.

„Was willze nu machen, Schnuckelken?“, fragte Herbert eines Tages. Senta wusste es nicht. Eigentlich war sie besonders in den Naturwissenschaften gut. Technikfächer wie Mathe, Physik und Informatik lagen ihr – aber auch Biologie. Sie mochte Tiere, besonders Nachtfalter. Seitdem sie mit dem Rauchen angefangen hatte, ging sie abends während kurzer Musikproduktionspausen immer auf den Balkon, wo im Schein der dortigen Wandlampe stets zahlreiche Nachtschmetterlinge auf den Klinkersteinen saßen.

Eines Tages saß dort ein lustig aussehender Falter, der seine beigefarbenen, pelzig behaarten Vorderbeinchen schnurgerade vor sich ausstreckte. Mit seinem dichten Fell sah er eher wie ein kleines Schaf aus, als nach Insekt – an Gehörn erinnernde Fühler unterstrichen diesen Eindruck noch… „Was bist du denn für ein putziges Kerlchen?“ In der Schulbibliothek fand sie später heraus, dass es sich um einen „Buchen-Streckfuß“ (Calliteara pudibunda) handelte. Seitdem waren Nachtfalter definitiv ihre „Totemtiere“. Ein paar Jahre später war „Calliteara“ auch ihr Nick-Name in der Online-Selbsthilfegruppe…

Herbert hatte Senta neben Parfüm zunehmend auch Klamotten mitgebracht, um sie für ihre Musikproduktion zu entlohnen – darunter oftmals ziemlich teure Designerkleidchen, meistens so scharf geschnittene Fummel, dass Senta sie niemals in der Öffentlichkeit angezogen hätte. Nur abends in ihrem Zimmer vor dem Spiegel.

„Wenn du noch keinen Plan hast, wasse jetz nachn Abi machen willz, hätt ich ne Idee, Schnuckelken,“ begann Herbert, das obligatorische Goldkettchen auf grau-blondem Brusthaar im tief offenen Hemdausschnitt, „der Retro-Drops is inzwischen gelutscht. Keiner hat mehr Bock auf Gebüsch. Ich brauch also auch kaum noch Seventies-Mucke…“

Senta spürte einen Kloß im Hals – insgeheim hatte sie schon darauf spekuliert, hauptberuflich für die Filme ihres Onkels Musik produzieren zu können, sobald sie mit der Schule fertig wäre…

„Ich hab da ne viel, viel bessere Idee, weißte! Du hast inzwischen richtige Hammertitten gekricht und sonne dermaßen endgeile Fresse! Du solltest datt Geklimper drangeben und bei mir vor der Kamera stehen!“

Zunächst war Senta vor Empörung außer sich gewesen, nachdem der kleine dicke Mann mit dem schütteren Haarkranz ihr diesen Vorschlag unterbreitet hatte… Aber sie hatte sich schnell gefügt. Wie hieß es doch so schön? „Sie war jung und brauchte das Geld“! …und die Aufmerksamkeit und die Anerkennung, denn egal ob am Set, oder auf irgendwelchen brancheninternen Promo-Partys – überall schlug ihr stets massive Bewunderung entgegen!

Sie war schon von Natur aus eine Schönheit und mit dem richtigen Make-up und Hairstyling sah sie aus wie eine verdammte Aphrodite! Als Herbert die ersten Filme herausbrachte, zu denen sein „Schnuckelken“ nicht den Soundtrack geliefert hatte, sondern bei denen es selber vor der Kamera aktiv war, verdreifachte sich sofort der Umsatz der damals noch recht kleinen Produktionsfirma. Alle wollten „sexy Senta“, „sultry Senta“, „sensational Senta“ sehen! Nachdem die Streifen nicht nur von Bochum bis Bukarest verkauft wurden, sondern auch in Los Angeles und Las Vegas große Beachtung fanden, stand für Senta-Insa plötzlich die Tür zu einem wenn auch etwas halbseidenem Jetset-Leben offen. Champagner im Whirlpool, Dubai-Urlaub und ganz, ganz, ganz viel Parfüm für Sentas Sammlung!

Die Zeit von Machwerken wie „Super-Büsche 3“ war nun endgültig vorbei – statt im muffigen Kellerstudio mit Leiendarstellern wurde bald professionell in einem schicken Neubau mit mintfarbenen Fensterrahmen im Gewerbegebiet gedreht und „Hörbie“ fuhr jetzt Porsche Carrera…

Aber die schöne neue Welt offenbarte auch zunehmend ihre Schattenseiten. Das Pornoparalleluniversum machte es Senta nahezu unmöglich, ihre alten Beziehungen zu pflegen, viele Leute wandten sich von ihr ab. Ihr erster Freund machte mit ihr Schluss und ihre Mutter wollte nun weder sie noch Herbert weiterhin zum Mittagessen bewirten – das der schäbige Dreckskerl ihrer Tochter „das“ angetan hatte, würde sie ihm nie mehr verzeihen! Senta ging der Rausschmiss aus der mütterlichen Wohnung natürlich schon recht nahe, aber sie hatte nun eine kleine Maisonettewohnung in bester Citylage mit einem brandneuen New Beetle-Cabrio in der Tiefgarage. Ziemlich nett für eine Neunzehnjährige!

Dennoch fühlte sie sich abends allein in dieser Bude oft leer und einsam. …und oft auch – wenn sie zu viel Zeit zum Grübeln hatte – „benutzt“. Die Produktionen wurden mit der Zeit immer härter. Zunächst drehte Herbert meistens weichzeichnerlastigen Teenagersex mit seiner neuen Hauptdarstellerin – aber er, der Markt und der pornografische Zeitgeist verlangten recht bald nach immer krasserem Stoff. Wieder mehr Special-Interest-Porn.

Die auch in Sentas Augen überwiegend angenehmen jungen Drehpartner aus den ersten Filmen wichen nun tätowierten Knasttypen mit kolossalen Schwänzen, die sie vor der Kamera auch mal würgten oder schlugen: „Der Markt will datt so, Schnuckelken!“ Vor manchen Szenen musste sie nun Beruhigungspillen und Schmerzmittel einwerfen. Oder gleich jenen wundersamen Bananenbrei, den Herbert in der Studioküche eigenhändig für seine „Kätzken“, „Vögelken“ und „Fötzken“ zusammenmixte. Unter die gequirlten Chiquitas zog er, dabei den Titelsong des alten Bud Spencer-Spielfilms „Banana Joe“ summend, allerlei chemische Substanzen von denen Vitaminpulver noch die mit Abstand harmloseste war. „Gez gibbet lecker Drogen-Smoothie für euch, ihr süßen Fötzelken!“


Senta war nach einer halbstündigen, leicht beschwipsten Geschwindigkeitsorgie von der Autobahn abgefahren, hatte sich per Navi durch ein ihr unbekanntes Altstadtgassengeflecht manövriert und stand nun auf einem buckelig gepflasterten Schlossplatz. Um besser über diesen laufen zu können, zog sie die Schuhe mit den Stiletto-Absätzen aus. „Calliteara pudibunda“ murmelte sie, als das alte Gemäuer in seiner majestätischen Würde vor ihr aufragte.


Monkey-Donkey“ lautete der Künstlername jenes hünenhaften Osteuropäers auf den DVD-Booklets, der mit seinem kalebassengroßen, hypnotisch auf und ab wippendem Prügel vor ihr stand, während sie mit gespreizten Beinen auf dem Tisch lag. Gleich würde sie unbändige Lust simulieren müssen, während dieses Monstrum ihren Anus einer Zerreißprobe unterzog. Was sich nicht mit Babyöl und immer größeren Buttplugs vorbereiten ließ, müsste mal wieder der Bananenbrei samt Tramadol und Valium richten… Wie schaffte sie es nur stets, diese Art von Drehs über sich ergehen zu lassen? Bei denen sie dann oftmals auch noch gewürgt wurde, bis sie dunkelviolett anlief? Oder dieses ganze wirklich „darke“ Special-Interest-Zeugs mit netten kleinen Piss- und Kackeinlagen? „Senta, Königin der Koprophagen“ hieß der neueste dieser Streifen und der feiste „Hörbie“ sah und gefiel sich zunehmend als eine Art Robert Rodriguez der Extrempornografie.

„Calliteara pudibunda“ dachte sie bei solcherlei Drehs beständig – wie ein Mantra wiederholte sie diesen biologischen Artnamen wieder und wieder und imaginierte dabei das Bild des Nachtschmetterlings mit seinen auf dem Fassadenklinker ausgestreckten kleinen Plüsch-Vorderfüßchen. Ein übergroßer Phallus durchpflügte mechanisch wie die Schubstange einer Dampflok ihren Muttermund – „Calliteara pudibunda“… Ein zweiter Darsteller penetrierte nun zeitgleich ihr überdehntes Poloch – „Calliteara pudibunda, Calliteara pudibunda“… Eine grobe Hand mit abgekauten Nägeln schloss sich eisern um ihre Kehle – „Calliteara pudibunda, Calliteara pudibunda, Calliteara pudibunda!“

Neben Schmerz- und Beruhigungsmitteln, gern mit Alkohol heruntergespült, ließ ein Nachtfalter sie die gröbsten Szenen und die ganzen Zweitausendzehnerjahre überstehen. Auf ihn konzentrierte Senta-Insa sich, wenn es eigentlich mal wieder unaushaltbar wurde. Herberts Umsatz vierfünffachte sich und ein „Buchen-Streckfuß“ sorgte ohne das Wissen des Hawaihemdenträgers – inzwischen aus Seide und nicht mehr aus Polyester – mit dafür, dass dieses überhaupt möglich war…


Ob sie wirklich auf die aufgrund ihrer Pornoprominenz schnellverdiente Kohle verzichten können würde? Dauerhaft? Nur noch Parfüms von Douglas oder aus der „Stadt-Parfümerie“? Senta-Insa hatte sich ihre hochhackigen Schuhe wieder übergestreift und stieg damit klackernd die alten, ausgetretenen Steintreppen empor. An den Wänden begleiteten sie alte Wappen und neumodische Kunstinstallationen im Wechsel. Jetzt war sie im ersten Stock des Schlosses angelangt, wo am Ende eines langen Flures das Büro lag. „Letzte Meter, Senta!“, machte sie sich Mut, „…und 37 ist ein gutes Alter, um die Branche ein für alle Mal zu verlassen!“


Nach ihrem ersten Teenager-Freund, den ihr Geständnis Pornos zu drehen umgehend in die Flucht geschlagen hatte, war Senta lange allein geblieben. Die ganzen Normalos zogen sich zwar einen Porno nach dem anderen rein, hatten dann aber offenbar nicht die Eier, mit einer Darstellerin zusammen zu sein bzw. dauerhaft zu bleiben – One-Night-Stands hatte sie nämlich viele! Oh ja, es gab da draußen Tausende von Typen, die einmal mit der Lieblingswichsvorlage in echt vögeln wollten! Aber als Freundin, als Partnerin? Prinzipiell kamen dafür dann doch nur Branchenkollegen in Frage. Aber Senta-Insa wollte unbedingt Beruf und Privatleben trennen – gerade in sogenannten „Liebesdingen“… Liebe – Schwachsinn! Gab es die überhaupt? Senta konnte es sich bereits nach kurzer Zeit in der Branche nicht mehr so wirklich vorstellen…

Trotzdem war innerhalb der letzten drei Jahre sporadisch jemand aufgetaucht in ihrem außerberuflichen Leben. Ein Frosch. So nannte Senta ihn bei sich. Sie wurde immer mal wieder von ihrem verheirateten Nachbarn besucht, wenn dessen Frau – klein, stämmig, schlecht blondierte Kurzhaarfrisur – aus dem Haus war, um mit verkniffener Miene stundenlang Nordic Walking zu betreiben. Der Frosch kam dann vorbeigehüpft, nicht auf eine köstliche Mittagssuppe – wie Herbert weiland bei Sentas Mutter – sondern auf einen kurzen Fick.

Der „Frosch“ war verbeamtet, hatte eine quäkende Stimmlage, lange dünne Beine, die er in der Kiste stets bizarr zusammenfaltete, und große Glubschaugen mit denen er Sentas luxuriösen Körper bewunderte. Vermutlich war er der einzige Mann, der Senta anhimmelte, ohne sie aus ihren Clips zu kennen. Er schaute keine Pornos – zu verklemmt vermutlich. Aber gerade deshalb ließ Senta ihn gewähren.

Ihren durchaus verschwenderisch anmutenden Lebensstil mit Mustang, Harley-Davidson und einer ganzen als Kühlvitrine gestalteten Schlafzimmerwand voller Luxus-Parfüms erklärte sie ihm mit der kleinen Notlüge, eine überaus erfolgreiche „Parfüm-Influencerin“ zu sein: „Hunderttausend Schleifen mache ich damit im Monat“, hatte sie ihm vorgeflunkert. Der Froschäugige googelte diese Behauptung interessanterweise niemals nach – was womöglich daran lag, dass er seine Technologiekenntnisse vielmehr dafür benutzte, seiner verkniffen die Gehstöcke schwingenden Ehefrau, mit der er seit der zweiten Kindszeugung nicht mehr geschlafen hatte, heimlich eine Position-Tracking-App aufs Smartphone zu schmuggeln, die ihn über sein eigenes Handy rechtzeitig warnte, wenn sie nur noch 1500 Meter von ihm entfernt war. Wenn es piepte, zog er sich hektisch die Bundfaltenhose hoch und hastete wieder in das Nachbarhaus hinüber. Sehr praktisch, denn Senta stand nicht auf postkoitales Gelaber.

Auf den Frosch stand sie eigentlich auch nicht – aber er gehörte ab irgendeinem Zeitpunkt einfach zu ihrem Leben. Zumindest sporadisch und höchstens bis zum nächsten Piepton. Es gefiel ihr außerdem, dass sie beim Frosch niemals an Calliteara pudibunda denken musste. Wirklich niemals.


Wie eine Drohung in Bronzebuchstaben hatte „Dekanat“ auf der Holztür am Ende des Ganges gestanden… Interessanterweise brauchte Senta dort nur eine Viertelstunde bis sie den Studienplatz ohne offizielles Bewerbungsverfahren sicher hatte – ganz ohne Blowjob! Ein charmantes Lächeln nach jedem zweiten Satz und der kurze Saum ihres Kleides hatten bereits ausgereicht. Senta wunderte sich öfters, wie viel weniger verdorben die „Normalo-Welt“ letzten Endes doch war, als sie es sich in ihren Vorstellungen zuvor ausgemalt hatte…

Ohne Herberts Intervention hätte sie nach dem Abitur womöglich Biologie studiert – nun sie konnte das auch heute noch tun! Sie war ja erst 37… Nach dem ersten temporären Ausstieg aus der Branche hatte sie damals auch die Mechanikerausbildung abgeschlossen – doch der Ruf des Geldes hatte sie dann wieder rückfällig werden lassen. Champagner im Whirlpool, Dubai-Urlaub und ganz, ganz, ganz viel Parfüm für Sentas Sammlung!

Jetzt war sie hoffentlich reifer und weiser. Sie wollte wirklich raus aus dem Business! Was war sie vor dieser Entscheidung aufgeregt gewesen! Hatte morgens drei Tabletten „Tavor“ und eine halbe Flasche Grappa gebraucht, um dann tatsächlich in die altehrwürdige Universitätsstadt zu fahren und sich dann dort auch tatsächlich für ein Biologie-Studium einzuschreiben! „Senta-Insa Schmittin, Master of Science“ würde entschieden besser klingen, als „Senta, Königin der Koprophagen“! Als sie aus dem Schlossgebäude trat, in dem die Universitätsverwaltung saß, schrie sie laut „Calliteara pudibunda!“ über den gepflasterten Platz, der sich davor erstreckte.



Epilog

Das kleine Mädchen mit der Ponyfrisur schlich sich verlegen bis zum Studio seiner Mutter und wartete linkisch an den Türrahmen gelehnt, bis diese mit dem Dreh fertig war.

„Mama, bereust du es eigentlich, dass du damals dein Studium abgebrochen hast, weil ich auf die Welt gekommen bin?“

„Wie kommst du denn auf diese Idee, mein Kind!“, antwortete die Mutter mit etwas gespielter Empörung und wies mit einer weitschweifigen Geste auf die Kamera- und Beleuchtungsstative neben und den Schneidecomputer auf dem Schreibtisch vor sich, „vermutlich würde ich ohne dich all diese schönen Sachen hier überhaupt nicht besitzen! Hätte ich aufgrund der Schwangerschaft mit dir damals nicht dieses langweilige Studium hingeschmissen, wäre ich wohl noch als schnurrige alte Biologin geendet, die irgendwo in abgelegenen Waldgebieten mit der Lupe wochenlang nach kleinen Schmetterlingen sucht…“

Das kleine Mädchen lächelte jetzt und lief zu seiner Mutter hinüber um sich an sie zu schmiegen. Just in jenem Augenblick hüpfte auch der froschäugige Papa, der gerade von seiner Arbeit zurück war, ins Zimmer und quäkte: „Das stimmt! Wenn Mama damals nicht mit dem Studium aufgehört hätte, wäre sie womöglich heute keine erfolgreiche Parfüm-Influencerin mit eigenem YouTuber-Studio! Sie hat mir ja schon damals, als wir uns gerade kennenlernten, verraten, dass sie gerne eine wäre… Und nun ist sie es tatsächlich auch geworden!“

25 Gedanken zu “FBKG 003 – Senta-Insa Schmittin – „Die Nachtfalterin“

  1. Mein Gott ist der Buchen-Streckfuss süss!

    Ein Happy End, das es leider im RL kaum gibt, der Rest machte es mir schwer zu lesen, da sehr realitätsnah – leider – doch der Bogen ist umwerfend, ich fand mich lächelnd – trotz Froschaugen (musste gleich an Günter Sigl von der Spider Murphy Gang denken).

    Gut geschrieben!

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  2. Cool! Super, wie Du das hinbekommen hast! 😎 Ich fühle mich geehrt, ähm, schade wegen der Abonnenten, die scheinen ja sogar echt bei Dir gelesen zu haben. Bei mir kündigen nur welche, die nicht lesen, aber auf ein Rückabo hoffen.
    Du hast doch ganz im Gegensatz zu mir ein Elefantengedächtnis – hab ich nicht zufällig beim letzten Mal zumindest einen ähnlichen Vorschlag abgeliefert? 😳 Scheint sich ja um insgeheime Wunscherfüllung zu handeln bei mir.
    Mit der Custom-Harley, das passt zur Senta-Insa Schmittin wirklich am besten, mein Bruder legte nämlich Wert darauf, daß seine Öfen nicht off-the-peg waren. 😉

    Gefällt 1 Person

  3. So, jetzt endlich mal gelesen. Schließe mich allem Lob an, vor allem Erinnyes und Junis. Für eine Kurzgeschichte ist es ja viel zu episch, aber als Grundlage für ein Filmkonzept kann ichs mir richtig gut vorstellen. Und am Ende wirken wirklich alle absurden Puzzleteile wie aus einem Guss. Chapeau!

    Gefällt 1 Person

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