2021 fängt gut an: Gesellschaftlichen Graben im Privaten vertieft und Rudi weggekeult

#0408[1318]

0006 LogoTrauer

6.1.2021: Dunkelste Stunde der jüngeren US-amerikanischen Geschichte: Ein primitiver Mob zerlegt aufgehetzt und angestachelt vom eigenen Präsidenten das Interieur des Kapitols. Schießt Trophäen-Selfies. Erschlägt einen Polizisten mit einem Feuerlöscher… Ich bin de facto „live“ und in Echtzeit dabei – in einem Fenster läuft CNN, in einem weiteren verfolge ich den Nachrichtenstrom auf Twitter. Ich sehe eine geifernde Bande von lächerlichen Freaks, Kaputniks und Losern und muss dennoch an die Weimarer Republik anno 1933 denken. Oder gerade deswegen? Waren die kleinen Leute, aus denen sich die Hitleristen der ersten Stunde speisten, nicht auch lächerliche Freaks? Abgehängte und Verlierertypen? Leute, die einen starken Mann mit starker Hand suchten, weil sie selber schwach waren und ihre eigene Existenz als ziemlich erbärmlich empfanden? Mehr Fanboys, als politische Anhänger? Ich weiß es nicht, aber der Vergleich zu Weimar ’33 drängte sich auf. Und der Hass auf meinen alten Freund Rudi

Rudi. Rechtsesoteriker. Reichsbürger. Revisionist. Covidiot. Trump-Fanboy und QAnon-Anhänger der ersten Stunde. „Q. ist meine Hauptinformationsquelle. Q. ist die absolute Wahrheit!“ Q. wie QAnon. Rudi folgt diesem „Trump als Erlöser“-Kult und seinen tief im Internet zunächst im Verborgenen blühenden Vorgängern wie der „Pizzagate“-Verschwörungshypothese bereits länger, als Trump im Amt ist. Meiner Meinung nach vollkommen zu Recht wurde „QAnon“ vor einigen Wochen im SPIEGEL als „eine der gefährlichsten Bewegung des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet.

Wikipedia weiß zu QAnon unter anderem:

„QAnon (/kjuːəˈnɒn/) oder kurz Q nennt sich eine mutmaßlich US-amerikanische Person oder Gruppe, die seit 2017 Verschwörungstheorien mit teilweise rechtsextremem Hintergrund im Internet verbreitet. Das Pseudonym bezeichnet seitdem auch diese Verschwörungsthesen. Zentral ist die beleglose Behauptung, eine einflussreiche, weltweit agierende, satanistische Elite entführe Kinder, halte sie gefangen, foltere und ermorde sie, um aus ihrem Blut eine Verjüngungsdroge zu gewinnen. US-Präsident Donald J. Trump bekämpfe diese Elite und einen vorgeblichen „Deep State“.

Die Behauptungen knüpfen an die von Trumpanhängern im Präsidentschaftswahlkampf 2016 verbreitete „Pizzagate“-These an, wonach hochrangige Politiker der Demokraten angeblich einen internationalen Kinderhändlerring zur Prostitution Minderjähriger betreiben. Sie werden mit vielen weiteren Verschwörungsthesen verknüpft. Daraus entwickelte sich eine Verschwörungsideologie mit Millionen Anhängern. Experten in den USA und Deutschland schätzen sie als schwere aktuelle Gefahr für die Repräsentative Demokratie ein.“

Inzwischen gibt es auch in Deutschland etliche QAnon-Anhänger – viele von ihnen sind auch „Reichsbürger“.

Als ich die Bilder auf CCN sah und die Videoclips auf Twitter und dabei an Weimar ’33 dachte, lief bei mir hinsichtlich Rudi innerlich ein Fass über – nein, es war schlagartiger: Eher so, als wenn sich ein ewig lange mit Strom aufgeladener Blitzkondensator jäh entlädt! Viel zu lange war ich viel zu tolerant gewesen, dachte mir „na, wenn’s ihm was gibt“… Wollte den (vermeintlich! ich bin da viel zu übervorsichtig…) labilen Burschen nicht mit Gegenwind destabilisieren… Rücksicht. Der Klügere gibt nach. Aber wir haben doch sooo viel zusammen erlebt!

RudiIch kenne Rudi seit 27 Jahren. Rudi war mein bester Kumpel und engster Freund. Ab 2008 wurde er schleichend verrückt. Esoterik, UFO-Glaube, Internet-Ersatzreligionen… Dann härter und härter: BRD-GmbH, geklonte Politiker, Angela Merkel wahlweise als außerirdischer „Echsenmensch“, oder als leibliche Tochter Satans, den „Thron des Teufels“-Pergamonaltar „Am Kupfergraben 6(66)“ wohnend stets direkt vor Augen… Reichsbürger, Neurechte, Identitäre Bewegung, QAnon.

Wehret den Anfängen! Bis 1933 hatten sich auch viel zu wenige Leute von den Hitler-Fanboys distanziert… Rudi spinnt nicht harmlos vor sich hin – nein er ist Anhänger eine faschistisch-antidemokratischen Terrorsekte aus dem Internet! Einer Bewegung, die aus White-Trash, Losern, Incels und Gartenlaubenbewohnern Terroristen und Mörder macht! Die Attentäter von Hanau und Halle waren auch QAnon-Fans!

Mitten in meine aufgebrachte Laune hinein rief um Mitternacht (gerade wütete der Mob in den Abgeordnetenbüros) Rudi an und vermeldete freudig: „Die Lichtkräfte triumphieren! Es wird gerade Geschichte geschrieben! Wir holen uns die gestohlene Wahl zurück!“ Lichtkräfte. Aha. Übergewichtige Fusselbärte, die Mobiliar zertrümmern und Polizisten verdreschen. Aha. Lichtkrieger, Aufgewachte, Auserwählte, Sieger… Aha. Aus.

Aus! Vorbei… Ich schmierte Rudi nun all das geballt und konzentriert aufs Brot, was ich aus falscher Höflichkeit, Respekt vor der langen Tradition unserer Freundschaft, Zögerlichkeit, falscher Rücksichtnahme mit angezogenen Samthandschuhen und klügerem Nachgeben viel zu lange auf die leichter Schulter nehmend nahezu unwidersprochen gelassen hatte! Viel zu lange war ich hypertolerant geblieben – vor allem, weil ich Rudi für labil hielt und dachte, ich würde ihn mit meiner Kritik überfordern. Dabei ist Rudi gar nicht mehr so labil wie zu früheren Zeiten, als er eine stark ausgeprägte Sozialphobie hatte – nein, er ist inzwischen bestens vernetzt in seinem Berlin (wenn auch überwiegend mit zahlreichen weiteren verschrobenen Freaks)! Zack-boom, mitten in die Fresse!

Nun, Rudi nahm mich nicht ernst: „Hast du was genommen, hyper? Ruf mich doch einfach erst dann wieder zurück, wenn du aus deiner akuten Psychokrise heraus bist, okay?“ Psychokrise? Hallo?

Offenbar nahm er mich nicht ernst mit meinem Anliegen der „Entfreundung“… Deshalb trat ich am nächsten Tag nach: Ich schrieb ihm eine gepfefferte „Vernichtungsmail“! Daraufhin schweigt er nun bis jetzt… Duckt sich weg und verdaut wahrscheinlich.

Mir fiel es sehr schwer, Rudi nach 27 Jahren die Freundschaft zu kündigen. Ich habe daran zu knabbern. Was haben wir nicht so alles zusammen erlebt! Wir standen einst gemeinsam auf so manchem Berggipfel, machten wochenlange Paddeltouren mit wildem Zelten in der unberührten Pampa…

0544 Rudi 2001

Tradition. Nostalgie. Aber alles bei Licht betrachtet schon ziemlich lange her. Wie gesagt, er fing mit seiner Spinnerei schon vor 12 Jahren an – es wurde ab 2008 kontinuierlich schräger und schlimmer und dann am Ende auch noch politisch immer rechter. „Unaushaltbar“ fühlte es sich dann aber definitiv spätestens ab dem letzten Jahr nach Beginn der COVID19-Pandemie an: Rudi war sofort glühender Coronaleugner, Fan von Dr. Schiffmann und Co., radikaler Covidiot, der sich weiterhin mit sämtlichen Bekannten in immer neuen Runden traf und im Supermarkt demonstrativ die Maske unters Kinn zog… Spätestens im letzten Jahr wurde unsere Telefon-„Bekanntschaft“ (die zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon längst keine „Freundschaft“ im eigentlichen Sinne mehr war) wirklich „schwierig“. Solange Rudi nur harmlos für sich alleine vor sich hin spinnt, ist alles noch halbwegs okay – sobald er durch sein Verhalten aber vorsätzlich Dritte gefährdet, ist das nicht mehr akzeptabel!

Initial fühlte es sich nach dem Kündigen der Freundschaft für mich fast so an, wie nach einer Trennung. Diese Mischung aus Zweifel, beklemmendem Verlustschmerz und trauriger Nostalgie, wie ich sie eigentlich nur aus Situationen kannte, in denen ich frisch von einer Frau verlassen worden war… Aber spätestens am dritten Tag (heute) überwog dann doch Erleichterung! Ich fühle mich gerade so, als ob ich nach Stunden in einem völlig muffig-düsteren, ungelüftet-stickigem Raum endlich das Fenster aufgerissen hätte und an eisig-frischer Luft tief durchatmen würde! Endlich Schluss mit diesen stundenlangen abendlichen Telefonaten voller schwermütigem Verschwörungsgeraune!

Ich hätte das viel, viel eher tun sollen! Stellung beziehen. Draufhauen. Mich davon abkoppeln. Aber die Tradition! 27 Jahre! Bergrücken und Bootstouren! Wie wir uns in schweren Stunden gegenseitig beistanden. Wenn einer mal Liebeskummer hatte darüber auskotzen konnten… Oft ähnliche Wellenlänge am Lagerfeuer auf einer Waldlichtung. Aber all das ist prinzipiell ewig her – mindestens das letzte Drittel dieser 27 Jahre-Bromance war eher schwierig. Nach einer Weiche fuhr man auf seinen Lebens-Gleisen in zunehmend unterschiedlichen Richtungen weiter… Entfremdung, durch rückwärtsgerichtete Freundschaftsverklärung übertüncht.

Rudi war irgendwann einfach nur noch ein gestörter Freak, ein radikaler Spinner, ein Idiot vom ideologisch untersten Regalbrett, indem ich weiterhin den besten Kumpel sehen wollte. Vielleicht auch, weil ich mittlerweile nicht mehr allzu viele „echte“ Freunde habe. Vor anderthalb Jahrzehnten waren es noch rund ein Dutzend, inzwischen sind es höchstens noch zwei oder drei – wenn überhaupt. Viele alte Freunde sind nur noch sporadisch auftauchende Bekannte. Möglicherweise habe ich nach Rudis Wegfall nur noch Mitch als wahren Freund im engsten Sinne. Und sicherlich auch noch Philomena. Aber dann wird’s schon dünner…

War jedenfalls hart, den Rudi wegzukeulen – aber wahrscheinlich nötig. 😏

18 Gedanken zu “2021 fängt gut an: Gesellschaftlichen Graben im Privaten vertieft und Rudi weggekeult

  1. Ich denke auch, dass das so richtig war. Nach 27 Jahren guter Freundschaft kann man sich ja auch auseinander entwickelt haben – was hier offensichtlich der Fall ist.
    Natürlich fühlt man sich da mies und leidet.

    Ich stimme dir zu wegen Weimar 33 und ich weiss auch, dass ich recht hatte als ich mit unter 20 schon sagte, dass die Leute den gleichen Spinnern wie damals wieder nachlaufen würden, wenn es soweit sein würde. Ebenfalls mache ich mir sorgen um das Volk, dass dies bei euch und bei uns tut reps. wohin das noch führen wird.

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  2. Ich kann gut verstehen, dass es dir ob der langen Freundschaft schwer fiel, den finalen Schritt zu gehen, aber wenn ich bedenke, wie lange du schon mit dieser „Freundschaft“ haderst und wie oft du nahe dran warst, die Brocken hinzuwerfen, dann ist es letztlich die richtige Entscheidung gewesen. Allerdings gehe ich davon aus, dass von Rudi noch was kommt und er die Verbindung nicht kappen wollen wird. Aus eben den Gründen, die dich auch bislang hinderten – eure lange Verbundenheit. Dann kommt es darauf an, konsequent zu bleiben.

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    • Ich denke auch, dass er eventuell einen Brief schreiben wird (weil er vermutlich aktuell Angst vor einem direkten Telefonat hat), oder vor einem Telefonanruf ein paar Wochen abwarten wird, um „Gras über die Sache wachsen zu lassen“…

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  3. Ich habe mich in den letzten Jahren auch von 2 sehr alten Freunden verabschiedet. Der Eine denkt nur noch in Kategorien wie Arbeiten und Familie, der Andere wurde linksextrem und redet wie ein zurückgebliebener 17-jähriger aus der Antifa-Szene.

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  4. Sehr gut nachvollziehbar, wie schwer dir das gefallen ist. Auf der einen Seite die menschliche Seite und die Nostalgie der Freundschaft, aber auf der anderen Seite will man am Ende des Tages halt doch auch wieder in den Spiegel schauen können.

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