„Armut de Luxe“ & die ultimative Waschlappen-Challenge!

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Die geschätzte Leserin „Erinnye“ kommentierte zum ersten Blogeintrag, den ich heute schrieb: „Ach du meine Güte. Philomena ist eindeutig Superwoman. Muskeln aus Stahl, Ohren wie ein Luchs. Was kommt als nächstes? […]“ Nun, völlig unbegrenzt belastbar ist selbst meine zähe Hausgenossin nicht – durch zu überambitioniert forcierte Calisthenics-Übungen hatte sie ihren Musculus latissimus dorsi übertrainiert und auch schmerzhafte Schulterprobleme bekommen und musste deshalb eine entsprechende Trainingsauszeit nehmen. Natürlich lag sie während der letzten zwei Wochen nicht faul auf der Haut, sondern machte zum Ausgleich ausgedehnte Radtouren bis zu den umgebenden Nachbarstädten. Sie fragte mich auch einmal, ob ich nicht mitfahren möchte…

autsch. 😖 Ich bin 2020 bewegungsmäßig vollkommen versumpft. Anfang des Jahres stellte ich mein nächtliches Laufprogramm ein und im Sommer spielte ich auch nur viermal Tennis. Ich weiß, das ist beschämend – das ist ein Armutszeugnis! Aber nicht nur der Hypermentale ist physisch ziemlich im Arsch, sondern auch das zugehörige Radl. Aus gutem Grund bin ich damit in den letzten fünf Jahren nur zwei oder dreimal ziemlich kurze Strecken gefahren: Die Möhre gehört mir mittlerweile seit über 32 Jahren und fährt sich im Vergleich zu Philomenas elegant-leichtläufigem State-of-the-art-Velo wie eine einbetonierte Schubkarre! Damit käme ich allenfalls noch im freien Fall auf akzeptable Geschwindigkeiten…

Eigentlich bräuchte ich ein neues Fahrrad. Ein neues Bike. Radl. Veloziped. Zweirad. Eine neue Leeze. Fiets(e). Ein Bicycle. Velo. Drahtesel. Flitzepie… Aber bisher stand das eher ziemlich weit hinten auf meinem Wunschzettel und in der Regel benutze ich meine alltäglichen Dinge stets so lange, wie es irgend nur geht – auch weil ich mir aktuell nicht so viel leisten kann, bzw. dennoch keinen Billigschrott kaufen möchte.

Bei mir ist es so: Entweder will ich etwas in Premium- bis Luxus-Qualität, oder ich verzichte lieber komplett darauf, wenn keine ausreichenden Barmittel zur Verfügung stehen. Deshalb habe ich auch immer noch das iPhone 5s (statt des seit Monaten anhimmelnd von mir umschlichenen 11 Pro), trage löcherige Klamotten und benutze einen mittlerweile acht Jahre alten PC. Wenn ich etwas ersetze, dann am besten durch Neuware aus dem gehobenen Segment. Meine beiden ersten Autos waren deshalb auch Neuwagen die mit null Kilometern auf der Uhr zu mir kamen, Schuhe mussten rahmengenäht und Anzüge maßgeschneidert sein, Zigarren unter 12 Euro pro Stück taugten nichts… Inzwischen mache ich zumindest bei den Zigarren Kompromisse und verzichte ansonsten völlig auf Neuanschaffungen. Ich existiere mittlerweile auch gefühlt nur noch eine Armeslänge über der Armutsgrenze.

„Armut de Luxe“ war deshalb auch eine Art Untertitel meines Blogs, als ich hier auf WordPress zu schreiben begonnen hatte – ich lebe in einer merkwürdigen Mischung aus Armut und Luxus, weil mich noch ein per Versatzstücke aus besseren Zeiten umgeben (ein paar Möbel, Gerätschaften, Kunstgegenstände), bzw. manchmal recht exquisite Dinge ohne mein eigenes Zutun in unseren Haushalt einzogen (etwa das Auto, das Philomena geerbt hatte, nachdem ihr Vater verstorben war). Tja, „Armut de Luxe“ eben…

Zurück zum heutigen Thema: Fahrrad. Untrainiert, an der Schwelle zur kurzatmig wobbelnden Verfettung stehend, fand ich es tragisch, dass ich nicht einmal mehr dazu in der Lage bin, Philomena auf Fahrradausflügen zu begleiten – wenn ich schon konditionell im Arsch bin, muss wenigstens das Bike was taugen! Deshalb rückte das Fahrrad in der Prioritätenliste weit nach oben, und landete auf einem höheren Platz, als beispielsweise das iPhone 11 Pro, neue Hemden, ein gutes Kamerastativ, ein neuer PC, ein Tweed-Anzug, oder noch mehr Nischenparfüms…

Ich recherchierte deshalb lange nach einem geeigneten Nachfolger für meine 32 Jahre alte Rostlaube und wurde schließlich in einem Fahrradladen in „Graustadt“ fündig, wo sie ein Rad auf Lager hatten, das mir gleich sehr positiv ins Auge fiel:

0518 Devon

Das Modell „Devon HS“ vom Traditionshersteller „Raleigh“. Wartungsarm, langlebig, schnörkellos, klassisch und wie sich das für solcherlei Vehikel gehört in einer „British Racing Green“ nahekommenden Farbe lackiert… 😀 Was will man mehr?! Eine Probefahrt überzeugte mich sofort.

Pech war nur, dass das Radl dort nicht in meiner Rahmengröße XL/60 vorrätig war, sondern lediglich in L/55. Wenn sie im Laden das passende Fahrrad bestellen würden, müsste ich bis zu zwei Monate lang darauf warten, da der Fahrradmarkt momentan Corona-bedingt nahezu leergefegt ist (viele radeln jetzt, statt sich in verseuchte Busse zu pferchen) und die Hersteller mit der Produktion kaum hinterher kommen.

Glücklicherweise konnte man auf der Herstellerwebseite von Raleigh nachsehen, wo die jeweiligen Rahmengrößen noch aktuell bei Händlern verfügbar sind. Und, siehe da – es fand sich noch ein „XL/60 Diamant 28 Zoll“-Rahmen bei einem Fahrradhändler im Norden von „Shangri-La“ – sehr schön!

Die maximale Challenge für einen untrainierten Lump wie mich

Noch diese Woche kann ich die neue Leeze dort abholen (und mir sogar gleich passend einstellen lassen – sie haben dort so einen Laser-Bodyscanner, der die individuell ergonomisch optimalen Lenker- und Sattel-Einstellungen ausspuckt).

Es gibt nur einen Haken an der Sache: „Shangri-La“ ist nicht „Graustadt“, sondern etwa vier- bis fünfmal so weit entfernt von unserer Hütte. Und ich muss das Teil ja irgendwie nachhause bekommen! Von „Graustadt“ aus wäre ich einfach heimgeradelt. In unser Auto passt das Fahrrad leider auch nicht – es sei denn demontiert. Aber ich bin ja gerade froh, wenn sie mir dort alles optimal eingestellt haben: Da wird ohne Not nicht mehr weiter dran herumgedoktert… Und jemanden mit einem größeren Auto (etwa dem Pampers-Bomber meines Bruders) möchte ich Corona-bedingt auch nicht um Hilfe fragen. Weil wir es aufgrund unseres eh schon ziemlich zurückgezogenen Lebensstils relativ problemlos können, vermeiden Philomena und ich weiterhin jedes unnötige Infektionsrisiko. Deshalb hole ich mir auch zum Transport keinen womöglich vom Vormieter „vollgevirten“ Leih-Kastenwagen an der Tankstelle in „Klein-Arabien“, zumal der über 50 Euro kosten würde. Das Fahrrad per Versand aus „Shangri-La“ schicken zu lassen, würde immer noch 30 bis 50 Euro kosten.

Ich blättere ja einiges für so ein brandneues Velo auf den Tisch – aber jegliche irgend vermeidbaren Zusatzkosten muss und will ich mir dafür klemmen. Thema „Armut de Luxe“ (siehe oben)… Ich kann mir – im Grunde genommen immer noch fast pleite – solch ein Fahrrad momentan eh nur leisten, weil mir mein alter Herr etwas zuschießt, dem meine Gesundheit und Fitness auch am Herzen liegt (auch damit ich mich noch lange um meine alten Eltern kümmern kann und nicht vor ihnen den Abgang in die Urne mache). 😉

Wenn ich nun die Kosten minimieren möchte, habe ich ein Problem: Wie kommt X von A nach B? Lösung: Ich werde von „Shangri-La“ aus nachhause radeln – über 60 km! In völlig untrainiertem Zustand (momentan schnaufe ich schon nach einer Etage Treppen gehen), weil ich fast nur noch liege oder sitze… Das wird mal eine Challenge! 😁

Ich habe extra meinen zunächst ausgemachten Laser-Bodyscan-Termin im Fahrradladen um anderthalb Stunden vorverlegt, damit ich nur noch die letzten Kilometer im Dunkeln radeln muss. Ich werde Essen, Trinken und eine Reiseapotheke mitschleppen… Und eine Powerbank, damit mein altes iPhone 5s lang genug durchhält, wenn ich unterwegs fünftausendmal nachschaue, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin. Ich möchte nämlich nur Feldwege und einen Fahrradfernwanderweg benutzen (deshalb sind es auch über 60 Kilometer – wenn ich mit dem Drahtesel Autobahnen und Bundesstraßen benutzen könnte, wären es zehn oder zwölf Kilometer weniger).

Drückt mir also die Daumen, dass ich diese Herausforderung packen werde! Als untrainierter Waschlappen mal eben über 60 Kilometer am Stück radeln – überhaupt wieder radeln, nach der ewig langen Fahrrad-Abstinenz! Dass ich den Höhenzug packe, der zwischen A und B verläuft! Dass ich unterwegs nicht kollabiere! Dass mich nach Einbruch der Dunkelheit in „Klein-Arabien“ niemand „messert“ (gut, ich werde auch Pfefferspray mitnehmen), um mir das schöne neue Rad abzunehmen! Dass ich unterwegs nicht einschlafe! Keinen Herzkasper kriege! Nicht aus Versehen nach Holland oder Polen fahre!

Ich werde jedenfalls darüber berichten, wie es war, wenn ich die Tour hinter mir habe – und dann noch dazu in der Lage sein sollte. 😉

26 Gedanken zu “„Armut de Luxe“ & die ultimative Waschlappen-Challenge!

  1. Hier hätte sich ja sowas wie Nachbarschaft Hilfe eV angeboten, aber das schließe ich bei dir mal aus. 😉

    Schicke deiner Mitbewohnerin einfach zur Sicherheit regelmäßig deinen Standort durch. 🤪

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    • Wie gesagt, ich vermeide jegliche Risiken und außerdem nehme ich ungerne Hilfe an, um mich nicht von anderen abhängig zu machen (bzw. dann selber aushelfen zu müssen, auch wenn mir gerade nicht danach sein sollte)…
      Philomena und ich haben übrigens schon seit längerer Zeit wechselseitig so eine standortanzeigende App installiert, damit keiner von uns verschütt gehen kann… 😉

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  2. Und nimm genug zum Trinken mit!

    Raleigh – sehr cool!

    Ich besitze ein sehr neues, knallpinkes Damenrad – das ich vor ein paar Jahren bei einem Hersteller um die Ecke gekauft habe – Titan-Bikes. Gebraucht habe ich es ca. 3x – sollte das je wieder nötig sein, muss das erst generalüberholt werden.

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  3. Ich schaffe normalerweise 40 km ganz okay, 60 sind eher viel, vor allem für den Hintern! Der dann weh tut! Hügel werden auch kräftezehrend.
    Ich drücke Dir feste die Daumen, dass Du es schaffst! Es wird hart! Aber Du schaffst es, ganz bestimmt. Irgendwie…
    👍

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  4. Mein gebrauuhtes Rad hat 140 Euros gekostet und ist super. Halt nix gehobener Luxus- 60 km ist arg. Ich bin 2 Jahre nicht mehr gefahren und hatte schon mit den 10 Kilometern nachhause arg zu kämpfen, als ich das Rad vom Dorf geholt habe. Dann Glück auf!

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  5. Zu schaffen ist es auf jeden Fall. Aber für deinen Hintern könnte es echt eine Herausforderung werden. Das sehe ich persönlich auch als größtes Problem. Mit der Zeit härtet man/frau da ja ab – ich spüre mein Arsch auch bei sehr langen Routen und gar nicht mehr. Hab seit ein paar Wochen auch endlich ein neues Bike – es liegen echt Welten zwischen meinem alten Drahtesel und dem jetzigen, und ich hatte schon befürchtet, dass ich die Umstellung auf den neuen Sattel mit Popoweh bezahle, aber die Schmerzen blieben aus. Jetzt weiß ich nicht, ob das an meinem trainierten Zustand oder an der neuen Sattelgeneration liegt. Vermutlich an beidem.

    Aber vielleicht kannst du deine Hose sicherheitshalber irgendwie polstern oder noch eine extra Schicht drunter-/drüberziehen.

    Ansonsten Gratulation zu dieser Entscheidung! Das Rad wird dir viel Freude machen und dich zuverlässig aus deiner Bewegungslethargie herausholen.

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  6. Falls Du irrtümlich in Düsseldorf ankommen würdest, macht mir das auch nix aus. 😉
    Radlerhosen gibt es gepolstert im Schritt, weißt eh, oder? Aber eigener Sitzspeck würde sich jetzt auszahlen, und bis der Hintern eingeritten ist, kann sich der Speck ja ruhig verloren haben.

    Gefällt 1 Person

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