STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XXVII

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Erst gestern veröffentlichte ich ein neues Kapitel meiner selbstausgedachten SciFi-Reihe „Sternenkreuzer Pirmasens“… Nun, heute gibt’s schon wieder eins – Freunde, die letzte Folge war im Grunde genommen nur der gemütliche Auftakt zur allerneuesten, die Ihr Euch nun reinziehen könnt! 😉

🚀 Los geht’s:

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Kapitel XXVII – Nahbegegnung der dritten Art

◾Der erste Weihnachtsfeiertag verlief an Bord der „U.E.S.S. Pirmasens“ relativ friedlich – offenbar war auch bei den Meuterei-Fans um den Brandredner Cody O’Brallaghan eine gewisse Besinnlichkeit eingekehrt, denn sie trafen sich heute nicht zu ihrer täglichen Protestversammlung im Arboretum des Raumschiffs. Ob das tatsächlich daran lag, dass sie allesamt ergriffen von Captain Santorius‘ großer Gütigkeit waren, nachdem er Eena Broussard aus ihrer Zelle gelassen hatte? Es darf bezweifelt werden, dass sich die Reunifizierung von Ben und Eena auf diese Weise auf die ganze Crew ausgewirkt haben dürfte. Den meisten war das wohl eher egal. Vermutlich lag es tatsächlich daran, dass heute Weihnachten war. Auch wenn dieses christliche Fest offiziell nirgends auf dem weltanschaulich-neutralem Regierungsschiff gefeiert wurde.

Auf der Kommandobrücke tagte momentan ein kleiner Krisenrat, denn vor einigen Minuten war der Funkkontakt mit dem Expeditionsteam, das außerhalb der Pirmasens jenes riesige Alien-Schiff erkundete, in dem der Sternenkreuzer nun bereits seit einer Woche mit lahmgelegtem Bordrechner und blockierten Waffensystemen festsaß, abgerissen. Kurz nachdem man noch die Meldung erhalten hatte, dass die Wissenschaftliche Expeditionsleiterin spurlos verschwunden war, nachdem sie kurzfristig in einer ominösen Halbkugel eingeschlossen wurde, die sich aus dem Deckboden der „Leviathan“ erhoben hatte. Ob dieser Techniker namens Zeke Hersberger, der vor vier Tagen auch unbemerkt verschwunden war, eventuell auf ähnliche Art und Weise abhandengekommen war? Rätsel über Rätsel. Der Kaffeekonsum auf der Sternenkreuzer-Brücke stieg und stieg…

Pavlína Dvořáková konnte sich nicht mehr daran erinnern, ob sie nach ihrem Endlossturz durch die Finsternis hart aufgeprallt, oder weich gelandet war, denn sie hatte vorübergehend das Bewusstsein verloren. Allmählich kam sie wieder zu sich und bemerkte, dass sie auf hartem, kaltem Boden lag. Ihr taten ein wenig die Knochen weh, was sie aber auf den unbequemen Untergrund schob. Bei einem wirklich harten Aufprall hätte sie sich etwas brechen müssen, was glücklicherweise nicht der Fall zu sein schien. Als sie sich wieder aufrappelte, bemerkte sie, dass sie bis auf ihre Sonnenbrille und die Ohrringe splitterfasernackt war und auch ihr Gepäck und ihre Waffe nirgendwo innerhalb ihrer Sichtweite lagen. Diese Erkenntnis alarmierte sie so, dass sie nun schnell wieder vollständig zu sich kam und sich aufsetzte. Pavlína fröstelte, zog ihre Beine an sich und umschloss sie mit den Armen. Hier herrschte alles andere als Zimmertemperatur. Höchstens 14 oder 15 Grad Celsius, schätzte sie.

Als sich für einige Minuten nichts weiter in ihrer Umgebung, einem großen und ziemlich verwinkelten Raum, tat, beschloss die Wissenschaftlerin mit der pink gefärbten Haarpracht, den Raum zu erkunden und sich dabei im Laufschritt zu bewegen, um etwas gegen die kriechende Kälte zu unternehmen, die ihr in die Knochen gezogen war. Auch hier überwogen rätselhaft verdreht wirkende, asymmetrische Formen – es gab jedoch erheblich mehr „Einrichtung“, als in den Hallen, die sie zuvor erkundet hatten. Mehrere Konsolen befanden sich im Raum, teils sogar mit aktivierten Anzeigeflächen. Außerdem gab es einige recht imposante technische Konstruktionen: Düster-verspielte Apparaturen, die teils ein bisschen an Industrieroboter erinnerten, deren Designer auf einem Gothic-Trip gewesen sein musste, als er sie entworfen hatte. „Als ob sich hier ein HR Giger ausgelassen hätte“, murmelte sie beeindruckt, als sie ihre Hand über ein besonders düster-expressionistisch wirkendes Gerät gleiten ließ. „Zumindest besser, als ein durchgehender Tiki-Style“, lachte sie. In diesem Moment hörte sie ein leises Rascheln hinter sich und wurde sich gewahr, dass sie in diesem geheimnisvollen Kuriositätenkabinett nicht allein war…

◾Nachdem sie verblüfft festgestellt hatten, dass ihre Waffen, Helmdisplays, und weiteren technischen Komponenten plötzlich nicht mehr funktionierten, stellten sich die sechs Soldaten schützend vor die vier verbliebenen zivilen Mitglieder des Expeditionsteams.

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Ihnen gegenüber hatten sich die beiden düsteren fremdartigen Gestalten mit den fratzenhaft verzerrten Gesichtern bis auf wenige Meter genähert. Ihr Körperumriss stimmte in Form und Größe haargenau mit der Silhouette der bereits zuvor zahlreich beobachteten leuchtend-transparenten Geisterwesen überein, stellte Professor Anders Lundquist staunend fest und teilte das im Flüsterton den Umstehenden mit. Die anderen schwiegen weiterhin, um abzuwarten, was der nächste Schritt der außerirdischen Schiffsbewohner sein würde. Leicht gebeugt, harrten die Soldaten mit gesenkten Waffen aus.

Als eine gewisse Weile nichts geschah, gab Deverell Cusmano ein Zeichen, diese ganz niederzulegen, denn egal ob Plasmakanone, Granatwerfer, oder Lasergewehr, momentan war das ganze Zeug eh mausetot. Der Colonel erhob nun das Wort: „Seid gegrüßt! Wir treten euch friedlich gegenüber und ersuchen das Gespräch.“

Die beiden Aliens verharrten reglos wie zwei Statuen. Sergeant Franjo Sirić begann in seinem Kampfanzug stark zu schwitzen. Ihm gefiel das Stillschweigen der Fremden gar nicht! Er hatte vor einigen Jahren auf einem Eisplaneten ähnliches erlebt: Es kam zu einer Begegnung mit unbekannten Außerirdischen, die zunächst keine aggressiven Absichten erkennen ließen, und dann von einer Sekunde auf die andere aus in ihren Kälteschutzanzügen versteckt eingebauten Waffen das Feuer auf seine Gruppe eröffneten. Sieben Kameraden hatte er damals verloren! Franjo wurde heiß und er begann leicht zu zittern, als ihn die Erinnerung an jene Situation überrollte. Die beiden Finsterlinge dort vorne trugen Rüstungen, die vor lauter rätselhaften Applikationen nur so strotzten – sicherlich waren das verborgene Waffensysteme! Gleich würde sich jene Hölle wiederholen, die er so nie wieder erleben wollte, vermutete er voller Panik. Abrupt drehte er den Kopf zum links neben ihm stehenden Vorgesetzten Cusmano herum und fragte mit gepresster Stimme: „Einer links, einer rechts?“

„Nein!“, zische der Colonel zurück, „wir warten ab…“

Das konnte unmöglich gut gehen – er müsste etwas machen! Irgendeine Art von Präventivschlag, bevor die Dämonen sein ganzes Team in Konfetti verwandeln würden! Ja, Dämonen waren das! Sie sahen aus wie Kreaturen, die direkt aus der Hölle emporgestiegen waren! Als Kind war Franjo im Haushalt seiner tiefgläubigen Großeltern aufgewachsen. Einen Rosenkranz hätte er jetzt gerne gehabt – oder eine Railgun. „Eins von beiden hilft immer – mit einem Rosenkranz und einer Railgun kommst du immer heil durchs Leben, mein Junge!“, hatte sein Großvater gesagt, der, genauso wie sein Vater und jetzt auch er, ebenfalls bei den Weltraumtruppen gewesen war. Seinen Vater hatten irgendwelche außerirdischen Strolche abgeknallt, als Franjo keine vier Monate alt war. Die Mutter spritzte sich ein paar Monate später eine Überdosis in die Vene und er wuchs dann bei den Großeltern auf…

„Teufel sind das!“, flüsterte der zitternde Sergeant in seinen von innen beschlagenden Helm. Ohne Rosenkranz, Weihwasser, oder funktionierende Railgun, würde er mit dem Teufel ringen müssen! Sein rechtes Augenlid zuckte, als er sich von außen betrachtet nahezu unmerklich, aber innerlich bis zum Zerreißen angespannt, in eine Art Starthockenposition begab.

Wie hatten sie es überhaupt angestellt, dass alle Waffen ausgefallen waren und auch die Kommunikationstechnik? Wie eine Art dunkle Magie kam es ihm vor – Teufelswerk! Er würde es nun alleine richten müssen… Wie von der Sehne eines Kompositbogens geschnellt, stürzte er sich auf den rechten der beiden kaum fünf Meter entfernt stehenden Außerirdischen. Die jungen Soldatin Warona Maikutlo, die rechts neben ihm ausgeharrt hatte, versuchte ihn noch an der Schulter zu packen und zurückzuhalten – vergeblich!

◾Gegen Nachmittag kamen Benjamin Freitag und Eena Broussard auf leicht wackeligen Beinen aus der Kabine hervor – sie hatten ihr Wiedersehen wahrlich exzessiv gefeiert, aber noch nicht begossen. „Ich will Champagner!“, rief Eena lauthals lachend, als sie bei Ben untergehakt in Richtung Arboretum loszogen.

„Ich weiß was Besseres“, grinste der gebürtige Pirmasenser, dessen lange Haare einen ziemlich zerwühlten Eindruck machten, „Glühwein! Es ist schließlich Weihnachten…“

Irgendwer muss bereits dieselbe Idee gehabt haben, denn in der Nähe des Arboretum-Food-Dispensers waren etliche Stehtische aufgebaut worden. Auf einigen standen bereits dampfende Tassen mit weihnachtlich gewürztem Glühwein oder heißem Punsch. Um die Tische herum hatten sich fröhlich gestimmte Crewmitglieder versammelt, teils mit Nikolausmütze auf dem Kopf. Von Cody O’Brallaghan nirgends eine Spur. Die ausgelassene Stimmung ließ eher auf Karneval, als auf Weihnachten schließen. Irgendwer rief: „Da kommen Ben und Eena! Hoch die Tassen! Stoßen wir auf euer junges Glück an!“ Vielleicht funktionierte die santoriussche Strategie also doch noch? Zumindest im Arboretum sah es während der folgenden lustigen Stunden ganz danach aus…

◾„Das ist bestimmt nicht der Weihnachtsmann“, dachte Pavlína erschüttert, als sie sah, wer sich außer ihr noch in der verwinkelten Halle befand, „eher schon Knecht Ruprecht.“ Abgrundtief hässlich war die schwarzgewandete Missgestalt und mindestens zwei Meter zehn groß! Instinktiv bedeckte sie mit einer Hand ihre Scham und mit dem anderen Unterarm ihre Brüste, bis ihr einfiel, dass das grobschlächtige Wesen ja kein Terraner war. Sie konnte ihm also genauso gut nackt entgegen treten. Sie ließ die Arme wieder hängen und versuchte sich innerlich zu sammeln.

„Erstkontakt – Nahbegegnung der dritten Art“, dachte sie in ihrer Rolle als studierte Exobiologin und nahm umgehend eine leicht unterwürfige Haltung mit nach vorne gedreht geöffneten Handflächen ein, die dem Fremden eine friedliche Absicht signalisieren sollten. Dieser näherte sich langsam und blieb so dicht vor ihr stehen, dass sie seinen Geruch nach altem Leder, Moschus, aber auch leicht nach Teer und Petroleum wahrnahm. Nicht die schlechteste Mischung, dachte Pavlína Dvořáková, die eine Vorliebe für eher ungewöhnliche Nischen-Parfüms besaß. Obwohl der grobschlächtige Fremde brutal aussah, mit irgendwie fehlgestaltet wirkenden Gesichtszügen, hatte sie keine allzu große Furcht vor ihm – schließlich schien er zu einer technologisch hochstehenden Art zu gehören, die sich schon vor Urzeiten entwickelt hatte. Laut Selassea Aubron waren diese Wesen schließlich einstmals tatsächliche Zeitgenossen der sagenhaften Altvorderen!

Ihr Gegenüber besaß grünlich glimmende Augen, die in tiefen Höhlungen lagen, die von den knochigen Spangen seines Schädels eingerahmt wurden. Besaß diese Spezies womöglich ein Außenskelett, wie bei den Insekten? Anderseits sah die Gestalt durchaus humanoid aus. Sie besaß sogar Ohrmuscheln. Wenn die Altvorderen einen Großteil der raumfahrenden Zivilisationen des galaktischen Orion-Arms nach ihrem Bild geschaffen haben, dann waren vielleicht auch ihre angeblichen „Hauptfeinde“ leicht menschenähnlich?

Bevor Pavlína weitere wissenschaftliche Überlegungen anstellen konnte, wurde sie von ihrem Konterpart unerwartet berührt – der Fremde fuhr ihr mit einem großen, ledrig-schwarzem Finger, vermutlich handelte es sich aber um eine Art Handschuh, über die Schulter, das Schlüsselbein, die Kehle empor, bis an die Unterlippe. „Schöne Körper habt ihr Feindeskinder!“, sprach er zu ihrer völligen Verblüffung mit tief dröhnender Stimme in einem perfekten Oxford-Englisch!

Erschrocken – auch weil sie von ihm berührt worden war – wollte Pavlína einen Schritt zurückweichen, musste aber feststellen, dass dieses nicht ging. Ihre Glieder versagten ihr einfach ihren Dienst! Wie angewurzelt blieb sie stehen, auch wenn sie eigentlich die Beine bewegen wollte! Nun breitete sich in ihr doch eine leichte Furcht aus, die sie als nüchtern denkende Wissenschaftlerin zunächst im Zaum gehalten hatte. Hatte der Fremde sie partiell gelähmt?

„Du bleibst dort, wo ich es will, Menschenfrau!“ Tiefdröhnende Bassstimme. BBC-Nachrichtensprecher-Aussprache.

„Woher können sie unsere Sprache?“ Die Exobiologin hatte sich wieder etwas gefangen und sprach den Außerirdischen nun ebenfalls direkt an.

„Unsere Sonde hat sie uns mitgebracht – und etliche Petabyte an Informationen über euch Menschen, über Terra und über die euch bekannten Systeme der anderen Kinder unserer Feinde!“

„Wer sind eure Feinde? Und – wer seid ihr?“

„Ihr nennt unsere Feinde unwissend und verklärend »die Altvorderen« – wir brauchen und haben keinen Namen mehr für sie, nachdem wir sie endgültig besiegt hatten…“

„Ihr habt sie besiegt?“

„Ja, nach hunderten von Millionen Jahren war unser Konkurrenzkampf entschieden. Im letzten Gefecht schlugen wir sie vernichtend.“

„Ihr habt sie ausgerottet?“ – Pavlína war entsetzt und schlug sich die Hand vor den Mund. Gab es deshalb nirgends mehr neuere Spuren der mysteriösen Schöpfer zahlreicher intelligenter Spezies?

„Nicht ganz. Eine winzige Restpopulation dieser verabscheuungswürdigsten Erzfeinde konnte unserer endgültigen Rache auf feigste Art entkommen, indem sie heimlich unsere Galaxis verließ… Nun aber zum zweiten Teil deiner Frage, Menschenfrau: Wir sind die »Gor‘Sostorot«, die älteste verbliebene Zivilisation der Galaxis, Bezwinger aller Gegner und Vernichter unserer Feinde, Herren über alle Kulturen und Zivilisationen, Wahrer sämtlichen Wissens, allmächtig am Ende der Zeit!“

0123 Gor Sostorot

Wow, was für ein Sermon, dachte Pavlína und antwortete dem dröhnenden Sprecher, der sie um seiner Aufzählung Nachdruck zu verleihen abermals mehrfach mit seinem ledrigen Zeigefinger ungefragt zwischen den Schlüsselbeinen angetippt hatte: „Soso… Allmächtig am Ende der Zeit – was soll denn das genau bedeuten?“

„Nun, zum einen, dass unsere Zivilisation ihren maximal möglichen Zenit erreicht hat – alle Erfindungen und Entdeckungen sind gemacht. Wir können nur noch wissen – nichts mehr lernen! Schau mich an…“ Er tippte sich an seine verwachsen wirkende Schläfe. „Wir sind am Ende unserer Evolution angelangt – wenn wir weiter existieren degenerieren wir. Es hat schon begonnen…“

Das sieht man ihm an, dachte sich die Doktorin der Exobiologie – der Genpool ihres Gegenübers schien schon deutlich angeschlagen zu sein, so missgestaltet wie er mit seiner schiefen Visage und den unterschiedlich langen Armen aussah. Signifikante Asymmetrie ist bei keinerlei Lebewesen Zeichen besonders guter Gesundheit.

Der Außerirdische fuhr mit seiner Erläuterung fort: „Deshalb haben wir uns, nachdem wir die letzte verbliebene Hochzivilisation der Galaxie waren, freiwillig in einen Dauerschlaf begeben. Am Ende der Zeit. In an verborgenen Orten geparkten Schläferschiffen wie diesem hier…“

„Es gibt noch mehr davon?“ Die nackte Wissenschaftlerin war erstaunt.

„Leider nicht mehr sehr viele, denn der ewige Kampf über eurer Zeitrechnung nach fast eine halbe Milliarde von Sonnenjahren hinweg, hat uns gleichermaßen wie unsere Erzfeinde fast bis an den Rand der Ausrottung gebracht. Zwei weitere Schläferschiffe gibt es noch – eins in jedem Drittelsektor der Galaxis.“

„Wie viele Gor’Sostorot gibt es pro Schläferschiff?“ Allmählich wunderte sich die Wissenschaftlerin, die inzwischen nicht nur vor Kälte eine ziemliche Gänsehaut hatte, wie leichtfertig ihr das uralte Geschöpf die intimsten Geheimnisse des Universums verriet.

„Auf jedem Schiff gibt es 746.496 Dauerschlafzellen. Leider haben nicht alle unsere Schläfer überlebt. Auf unserem Schiff können wir aktuell noch etwa die Hälfte davon aufwecken. Momentan wachen, eurer Zeitmessweise nach, 360 Schläfer pro Tag auf – alle 4 Minuten einer…“

Die Biologin runzelte beim Kopfrechnen die Stirn: „Also dauert es fast drei Jahre, bis hier alle wieder auf den Beinen sind?“

„Genau. Aber wir können unser Schiff bereits schon dann wieder navigieren, wenn die ersten 864 von uns wieder erwacht sind… Und nun kommen wir zum anderen, weshalb ich von allmächtig am Ende der Zeit sprach!“ Der Außerirdische wurde nun erheblich lauter und seine Augen leuchteten wie zwei grüne Scheinwerfer auf. Als Pavlína Dvořáková geblendet vom Lichtschein zurückweichen wollte, musste sie abermals feststellen, dass sie immer noch gegen ihren Willen am Boden angewurzelt war. Dräuend dröhnend erhob der mächtige Gor’Sostorot seine sonore Bassstimme: „Allmächtig am Ende der Zeit nicht nur, weil unsere eigene Evolution am Ende ist, sondern auch weil wir keine weiteren Evolutionen mehr neben uns dulden werden! Wir sind die Herren der Galaxis und die Bezwinger all unserer Feinde! Niemals mehr werden wir die Entstehung einer neuen feindlichen Hochzivilisation dulden, die zu uns aufschließt! Deshalb haben wir uns jetzt auch wiedererwecken lassen! Auf hunderttausenden von Planeten hatten wir biologische Spionage-Sonden ausgesetzt, die als Dauerform die Äonen autark überdauern können – bis sie auf intelligentes biologisches Leben stoßen… Sobald einer unserer winzigen Spione feststellt, dass sich irgendwo wieder eine Spezies von Raumfahrern entwickelt haben sollte, oder dass solch eine zufällig einen der hunderttausenden von Planeten besucht, ist er so programmiert, dass er uns aufweckt und darüber in Kenntnis versetzt!“

„Und weshalb?“, fragte Pavlína.

„Damit wir diese Spezies dann endgültig vernichten können!“ dröhnte der dämonische Erwachte zurück. Die Biologin war erschüttert. Eigentlich hätte sie sich nun mit klapprigen Knien hinsetzen müssen, aber sie stand nach wie vor wie zur Salzsäule erstarrt im Raum – es war ihr unbegreiflich, mit welcher Art von Technologie oder anderer Macht ihr Gegenüber dieses bewerkstelligen konnte.

„Aber warum?“ hauchte die stellvertretende Wissenschaftsoffizierin der Pirmasens mit fast vor Bestürzung versagender Stimme zurück.

„Nie wieder soll uns am Ende unserer Zeit ein mächtiger Gegner über den Kopf wachsen. Alle Entdeckungen sind gemacht, alles Wissen versammelt – das Ende der Zeit im Zustand der Allmacht erreicht! Wir dulden keine Herausforderungen mehr!“ Der Dämonische erhob zitternd beide Fäuste und schaute zur Decke empor, diese mit seinen Scheinwerferaugen gleißend grün erleuchtend. „Unsere Sonde hat uns nach der Erweckung darüber informiert, dass es inzwischen wieder hunderte von intelligenten Zivilisationen gibt, die interstellare Reisen beherrschen! Das hätte eigentlich niemals mehr geschehen dürfen – aber es war wohl eine unerkannte Volte unserer Erzfeinde, überall in der Galaxis die Saat für neue Zivilisationen und Hochkulturen zu legen!“

Der Außerirdische senkte wieder seinen Blick von der Zimmerdecke herab und auch seine Lautstärke: „…und nun zu dir, Menschenfrau!“ Seine Augen glommen in einem boshaften Grün.

2021 GLOSSAR Gor Sostorot

◾Sergeant Franjo Sirić wurde nach zwei Dritteln seines kurzen Sprints jäh von einer unsichtbaren Kraft ergriffen, die ihn in seiner Vorwärtsbewegung einfror und an den Boden zementierte. Er konnte sich nun gar nicht mehr rühren – weder die Arme, noch die Beine! „Was ist denn das für eine Höllenscheiße!“, kreischte er mit sich überschlagender Stimme. Er war so abrupt gebremst worden, dass ihm sein Helm vom Kopf fiel.

Die anderen Soldaten wollten nun ihrerseits reagieren – zurückweichen, unterstützend angreifen, ausweichen, was auch immer – aber es ging nicht. Die rätselhafte Bewegungsunfähigkeit hatte die ganze Truppe ergriffen! Plötzlich sprach einer der Außerirdischen mit dröhnender Stimme auf Englisch zu ihnen: „Unwürdige! Ich werde ein Exempel für euch statuieren, was es bedeutet, es auch nur zu wagen die Gor’Sostorot anfallen zu wollen!“

Der düstere Hüne hob seine unterschiedlich langen Arme und legte seinen windschief deformierten Kopf mit den unterschiedlich großen Augenhöhlen leicht zur Seite, als sich Sirić plötzlich vom Boden löste und auf magische anmutende Weise ein Stück weit in die Luft erhob. Mit einer simplen Geste seiner ausgestreckten Arme löste der Außerirdische eine Drehung des Soldaten um 90 Grad aus – leicht wie eine Feder schwebte der in seiner gepanzerten Kampfmontur sicherlich über 120 Kilo wiegende Sergeant nun vor dem dämonischen Geschöpf. Aus vollem Halse mit geschwollenen Schlagadern und tiefrotem Gesicht zu schreien, half ihn kein bisschen aus seiner misslichen Lage…

Die reglos paralysierten Kameraden und Wissenschaftler mussten sich den nun folgenden weiteren Verlauf des ekelhaft-perfiden „Zauberkunststückes“ – unfähig ihre Köpfe abzuwenden – gegen ihren Willen bis zum bitteren Ende anschauen: Mit wackelnden Handflächen sorgte der Finstere dafür, dass sich sein Opfer waagrecht liegend gemächlich durch die Luft erhob. Als Sirić weiterhin schreiend und fluchend fast auf Kinnhöhe des Teufels angekommen war, packte dieser jählings mit beiden prankenartigen Händen zu und zerriss den Unglücklichen samt seiner Rüstung wie ein Knallbonbon in der Luft! Nach einem unerhört nass klingenden, infernalischen Reißgeräusch verstarben die Schreie Sirićs schlagartig. Gedärm klatschte im weiten Umfeld zu Boden und warmes Blut spritzte auf die gelähmten Umstehenden! Heiko Holthusen gab einen Laut von sich, der an das Winseln eines kleinen Hundes erinnerte, als ihn ein nach Galle stinkender Gewebefetzen im Gesicht traf.

„Seht her, ihr Menschen!“ Der Hüne ließ beide Hälften des Sergeants demonstrativ zu Boden fallen. Er wandte sich nun der oberen Hälfte zu – Kopf, Arme und Oberkörper – und ließ diese bluttriefend wieder bis auf anderthalb Meter Höhe über dem Boden emporsteigen. Blitzartig packte er den zerteilten Leichnam nun am Hals und riss ihm in einer nur Sekundenbruchteile dauernden Bewegungskombination den Kopf ab. Genauer gesagt den Kopf samt eines großen Stückes Wirbelsäule aus dem Rumpfrest. Wie eine Art klobiges Zepter hielt er die gewonnene Trophäe nun in die Höhe, während der Rest erneut rumpelnd zu Boden fiel. Heiko Holthusen übergab sich sprudelnd auf seinen hervorstehenden dicken Bauch, Warona Maikutlo und Professor Lundquist begannen leise zu weinen. An der schaurigen Monstranz baumelte sogar noch die Luftröhre samt eines halben Lungenflügels herab, als der Gor’Sostorot diese den Zuschauern entgegenstreckte, das abgerissene Wirbelsäulenende wie einen Handgriff umklammernd…

Seht her, ihr Menschen! Prägt euch ein, was euch erwartet, wenn ihr euch mit den Gor’Sostorot anlegt, der ältesten verbliebenen Zivilisation der Galaxis, den Bezwingern aller Gegner und Vernichter ihrer Feinde, den Herren über alle Kulturen und Zivilisationen, den Wahrern sämtlichen Wissens, allmächtig am Ende der Zeit!“

Selbst der ansonsten kaum irgendwie emotional beeindruckbare loringulanische Second Lieutenant Aegmuil Bhostor ließ seinem Schnabel nun einen erschrockenen Klicklaut entfahren.

Seht her, ihr unwürdigen Menschlein! …und nun kehrt zurück in euer primitives Schifflein und berichtet davon!“

Schlagartig wurde der Bewegungsbann wieder aufgehoben, was dazu führte, dass Doktor Holthusen und auch der Schompad Nappoke Gnobkock auf ihre Hinterteile plumpsten, Professor Lundquist mittlerweile im Stehen ohnmächtig geworden zusammenbrach und die Soldaten bis auf Colonel Cusmano in alle Himmelsrichtungen davonstoben. Cusmano blieb kurz regungslos stehen, hob dann seine immer noch funktionsblockierte Waffe auf, wandte sich zur Truppe um und verkündete trocken: „Wir gehen zurück nach Hause, Soldaten, die Mission ist gelaufen.

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(eine Episodenliste mit Direkt-Links zu allen bisher auf meinem Blog veröffentlichten „Sternenkreuzer Pirmasens“-Folgen sowie ein illustriertes Glossar zur Erklärung der Fachbegriffe und zur Übersicht über die Personen findet Ihr unter diesem Link)

7 Gedanken zu “STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XXVII

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