STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XXVI

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Obwohl meine Nacht mit nur vier Stunden Schlaf recht kurz war, verfasste ich heute Vormittag ein Stück Wochenendlektüre für Euch: Eine weitere Folge meiner interstellaren Seifenoper „Sternenkreuzer Pirmasens“.

🚀 Viel Vergnügen beim Lesen!

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Kapitel XXVI – Feindeskinder

Erster Weihnachtstag 2121 – Tag 7 in der „Leviathan“

◾Die junge Erste Offizierin der „U.E.S.S. Pirmasens“ hatte den ersten stimmungssenkenden Fehler des Tages bereits gemacht, indem sie sich auf den Vorschlag auf dem Food-Dispenser-Display einließ, ihren Morgenkaffee heute „weihnachtlich aromatisiert“ zu nehmen – er schmeckte furchtbar. Der zweite stimmungssenkende Fehler war dann, sich die Statusberichte von Eena Broussards Fußfessel im Schnelldurchgang anzuschauen…

In den letzten zwölf Stunden war die elektronische Fußfessel nicht aus Benjamin Freitags Kabine herausgekommen, wechselte dort ständig ihre Position und war immer wieder minutenlang rhythmischen Erschütterungen wechselnder Frequenz ausgesetzt. Überwachungskameras in Crewkabinen waren aus Datenschutzgründen verboten, aber auch ohne Videobeweis lief bei Hayden Findley ein entsprechendes Kopfkino ab, während sie die Lagesensor-Daten der rechten Wade der Gefangenen auf Freigang vom Monitor ablas.

„Was für eine idiotische Idee vom Alten“, dachte die Rothaarige. Weihnachten hin oder her – eine Schwerverbrecherin gehörte ihrer Auffassung nach in Einzelhaft statt ins Lotterbett ihres Liebhabers! Die ganze Idee erschien ihr blödsinnig – weshalb sollte es die Stimmung der ganzen Mannschaft heben – „die Moral stärken“ nannte der Captain das – wenn man die Weltraumpiratin wieder mit diesem Hallodri Benjamin Freitag zusammenließe? Vielleicht verstand sie ja wirklich nichts von „Menschenführung“… Erno Santorius hatte ihr vor drei Tagen diesen Vorwurf gemacht, der obwohl durch die Blume vorgetragen, seitdem an ihr fraß.

Ihr war tatsächlich vieles fremd, das in die Kategorie „Menschliches“ fiel. Sie hasste überbordende Emotionalität und Handlungen, die planlos aus Bauchgefühlen heraus geschahen. Die Unberechenbarkeit ihrer Mitmenschen. Außerirdische Kollegen, wie der stets rational und kühl handelnde Loringulaner Aegmuil Bhostor, oder der mathematisch-nüchtern denkende Eidon Ludd, der der Spezies der H’knam-Jaghar angehörte, waren ihr deshalb lieber…

Auf dem Display zeigte der Lagesensor schon wieder rhythmische Erschütterungen in horizontaler Lage an. Hayden Findley schüttelte ihren Kopf und griff zur Tasse mit dem zimtig parfümierten Gesöff. Ihr war es auch vollkommen unerklärlich, was andere Menschen – insbesondere Frauen – immer an diesen sexuellen Betätigungen fanden. Schließlich lebte man im 22. Jahrhundert, wo die Kindszeugung komplett von der Natur entkoppelt ins Labor ausgelagert worden war. Frauen brauchten nicht einmal mehr eine Schwangerschaft mit all ihren Unannehmlichkeiten durchmachen, wenn sie das nicht wollten – es gab in speziellen Kliniken die Möglichkeit, Föten in nährlösungsgefüllten Inkubatoren heranwachsen zu lassen. Seit ein paar Jahren war durch eine neue Gesetzgebung der United Earth auch die Human-Klonung aus körpereigenen Stammzellen erlaubt worden. Sollte sie jemals einen Kinderwunsch verspüren, würde sie sich bei einem Kurzaufenthalt auf der Erde klonen lassen. Ja, das gäbe eine perfekte Tochter. Ganz ohne den ärgerlichen Aufwand, einen passenden Samenspender auftreiben zu müssen…

0145 HaydenHayden hatte noch nie eine Beziehung gehabt. Wenn es Leute überhaupt wagten, sie direkt nach ihrem Privatleben zu fragen – sie verabscheute solche taktlosen Zeitgenossen – dann antwortete sie stets kurzangebunden: „Ich bin mit meiner Arbeit verheiratet“. Punkt. Aufgaben und Missionen waren Hayden wichtiger, als sich hedonistisch auszuleben, indem man tierischen Verhaltensatavismen nachging. Unnötige Ablenkungen waren das in den Augen der ehrgeizigen jungen Offizierin, die schon in wenigen Jahren selber einen Sternenkreuzer kommandieren wollte. Auf der Erde hatte der Kongress kürzlich die Mittel zur Entwicklung einer „Post-Pirmasens-Klasse“ von Sternenkreuzern bewilligt. Wenn 2127 das erste Raumschiff dieser neuen, noch größeren Kampfschiffklasse vom Stapel liefe, wollte sie dort als Kapitänin anheuern…

„Alles klar, Hayden?“ Erno Santorius riss sie aus ihren Gedanken. Der graubärtige Kapitän beugte sich über Haydens Schulter, um ebenfalls die Lagesensor-Datentabelle zu studieren. „Oh, Razzle-Dazzle!“, rief er freudig und grinste breit.

Hayden rollte mit den Augen. „Vielleicht sollten wir dort eine Spionagekamera installieren und das live streamen, damit auch die ganze Mannschaft in ihrem Sinne weihnachtlich befriedet wird, Captain!“

„Warum so sarkastisch, Hayden? Es reicht ja, wenn sich langsam rumspricht, dass wir an den Feiertagen Gnade walten lassen, um den Meuterern den Wind aus den Segeln zu nehmen… Lass unsere Turteltäubchen doch später erstmal händchenhaltend durchs Arboretum schlendern – da geht einem doch das Herz auf, nicht?“

„Ich glaube ich habe keins, Captain – jedenfalls nicht eines, dass auf solche Kitsch-Inszenierungen anspräche…“

„Hayden?“ Santorius zog eine Augenbraue hoch und ging dann kopfschüttelnd zu seinem Kapitänssessel herüber. Etliche der Displays und Kontrollleuchten waren immer noch tot. Das Informatiker-Team von Eidon Ludd hatte offenbar noch keine Fortschritte gemacht. Ob sie den Kahn jemals wieder flott bekämen?

◾Das Expeditionskommando, das momentan in der fast zwölf Kilometer langen „Leviathan“ unterwegs war, hatte nun schon seit etlichen Stunden keine „Geister“ mehr gesichtet. Ob das nun ein gutes Zeichen wäre, oder eher ein schlechtes, darüber stritten sich die Wissenschaftler lebhaft, während der Trupp sich umständlich seinen Weg durch das verwirrende Ganggeflecht bahnte, welches das grünlich fahl erleuchtete Riesenschiff durchzog.

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Gegen Mittag erreichte das Team einen großen, hallenartigen Raum, der ziemlich leer war. Wie überall auf dem bisherigen Weg roch es hier gleichermaßen nach Ozon und nach Ölraffinerie, aber man hatten sich nach einigen Tagen an diesen Gestank gewöhnt. Auf dem Hallenboden zogen sich etliche verschlungene Linien entlang, die voneinander abgetrennte Bereiche markierten. Pavlína Dvořáková betrat eine kreisrunde Fläche von rund sechs Metern Durchmesser, die ebenfalls von einem geschlossenen Linienzug umgeben war. „Was mag das hier wohl bedeuten?“, fragte die Wissenschaftliche Expeditionsleiterin die außerhalb des Kreises verbliebenen Kollegen und deutete auf den leicht leuchtenden Ring, der sie auf dem pechschwarzen Untergrund umgab.

Wie zur Antwort schossen mehrere Teilsegmente einer Sphäre aus dem Bodenkreis hervor – binnen einer Sekunde war Pavlína von einer geschlossenen, dunklen Halbkugel umgeben! Panik schoss in ihr hoch, als der Blickkontakt zu ihren Teamkameraden abrupt abgerissen war. Sofort schritt sie bis zur Wandung und versuchte diese irgendwie zu öffnen oder zu entfernen. Vergeblich – ein diamanthartes, an schwarzes, undurchsichtiges Glas erinnerndes Material umgab sie wie ein großes Iglu.

Ihr energisches Klopfen hörte man draußen nicht – und auch das Klopfen ihrer Mitstreiter auf die Außenhülle drang nicht an Pavlínas Ohr. Der Schompad Nappoke Gnobkock trommelte mit beiden Fäusten auf das dunkle Material ein, bis sie ihm wehtaten. „Was für eine Scheiße ist denn das nun wieder?“ Immer wird hier alles verschlungen, haderte er mit dem Schicksal, erst er selber von einem lebendigen Berg auf jenem Drecksplaneten Pirmasens 98c, dann der ganze Sternenkreuzer von einem riesigen Alienschiff und nun auch noch Pavlína von diesem halbkugeligen Mistding!

Die grünhäutige Ingenieurin Sytte Vimpi steuerte einen ihrer Crab-Bots zur Sphärenhülle – dieses spezielle Exemplar der drei kleinen Roboter war mit einem ausfahrbaren Plasmaschneider ausgerüstet und machte sich umgehend ans Werk. Die Hülle entpuppte sich leider als äußerst widerstandfähig – der hauchfeine, gleißend leuchtende Plasmastrahl hinterließ lediglich eine oberflächliche Schmelzspur, die nur wenige Millimeter tief ins dunkle Material eingedrungen war.

Im Inneren der Halbkugel hatte Pavlína derweil ganz andere Sorgen, denn im schwachen Licht, das auch dort im Innenraum grünlich glomm, konnte sie erkennen, wie sich in der Mitte des Bodens eine Öffnung bildete. Ähnlich der Ringblende in einer Fotokamera tat sich dort der Untergrund auf. Sie blickte über die Kante in den finsteren Schlund hinab und musste stetig weiter zum Rand der Sphäre ausweichen, wenn sie nicht in diesen hineinstürzen wollte. Als sie nur noch auf einem knapp meterbreiten Sims stehen konnte, stieß sie einen deftigen Fluch aus, weil sie spätestens jetzt registrierte, dass der Boden sich bis zur Wandung öffnen würde. Als dieses geschah, stürzte die Wissenschaftlerin mit einem spitzen Schreckensschrei in die Tiefe. Schon nach wenigen Metern fiel sie durch absolute Dunkelheit, über ihr flatterten ihre langen Haare im Fahrtwind des Absturzes. Adrenalin schoss ihr durch den Körper und wüste Gedanken- und Erinnerungsfetzen. Ihr Sturz dauerte erschreckend lange!

Nach wenigen Minuten hatte sich die Sphäre wieder geöffnet, die Teilsegmente verschwanden rasch im Boden. Der aufbrandende Jubel erstickte im Keim, als das Expeditionsteam registrierte, dass Pavlína spurlos verschwunden war. Die Ringblende, von deren Existenz die Umstehenden nichts mitbekommen hatten, hatte sich schon vor der Öffnung der Halbkugel wieder geschlossen.

Ratlosigkeit breitete sich aus, aber vor allem Entsetzen. Wohin war die Wissenschaftlerin verschwunden? Musste man gar um ihr Leben fürchten? Die Wissenschaftler debattierten sich über die Art und Weise von Pavlínas Verschwinden die Köpfe heiß – war die Frau in ein Loch gestürzt, oder teleportiert worden? Oder schlimmstenfalls sogar dematerialisiert? Colonel Deverell Cusmano setzte dieser hässlichen Diskussion ein Ende, indem er das Kommando übernahm und den Befehl zum Weitermarsch gab: „Da wir keine wissenschaftliche Leitung mehr haben, übernimmt nun das Militär die alleinige Expeditionsleitung. Los, wir brechen auf! Nur, wenn wir eine zentrale Kommandostruktur des Schiffes erreichen, können wir mit den dortigen technischen Möglichkeiten eventuell Doktor Dvořáková retten… Marsch!

◾Bestürzung breitete sich auf der Sternenkreuzer-Brücke aus, nachdem Colonel Cusmano das Verschwinden der stellvertretenden Wissenschaftsoffizierin über Quantenfunk gemeldet hatte. Captain Santorius teilte die Ansicht des Colonels, dass man Pavlína wahrscheinlich am ehesten helfen können würde, wenn man Zugang zur Schaltzentrale des Riesenraumschiffs bekäme – so es denn dort eine solche gäbe. Er drängte das Team zur raschen Weitererkundung der „Leviathan“.

Dr. Heiko Holthusen war für schnelles Marschtempo nicht geschaffen – seine Fußgelenke schmerzten, wenn der schwere Leib mehrere Kilometer durch die Gegend gewuchtet werden musste und der Puls war auch schon bei 140 angelangt. Der Schweiß lief ihm ins Gesicht, als er kleinlaut um eine Pause flehte. Er war eindeutig das schwächste Glied in der Kette. Da es aber oberstes Gebot war, die Unversehrtheit aller Expeditionsteilnehmer zu gewährleisten, gab der militärische Expeditionsleiter dem Wunsch des Physikers nach. „Gut, fünf Minuten Rast!“

Holthusen ließ sich auf seinen Hintern fallen und griff zur Wasserflasche. Auch die anderen ließen sich nieder, die kurze Zeit reichte für Wakayoshi Tomokazu sogar aus, sich eine Selbstaufbrühportion Ramen-Suppe zu gönnen. Als er den Tütenbecher mit der heißen Nudelsuppe absetzte, sah er am Rand seines Gesichtsfeldes eine langsame Bewegung. Sofort lenkte der junge Sergeant seine volle Aufmerksamkeit dorthin. Ja, eindeutig! „Colonel, sehen sie dort auch zwei Gestalten?“, fragte er seinen Vorgesetzten und wies ins Dämmerige, das vor ihnen lag. Dort zeichneten sich gegen einen gelblichen Lichtschein, der aus einen weiter hinten angrenzenden Raum zu fallen schien, tatsächlich gemächlich näherkommende Gestalten ab!

Der Colonel sah die Wesen sofort und meldete umgehend über seinen Helmfunk „Nahbegegnung der dritten Art!“ auf die Brücke der „U.E.S.S. Pirmasens“. Zwei waren es und sie schritten bedächtig auf die Gruppe zu. Ob die zögerliche Annährung eine friedvolle Absicht ausdrückte? Die Soldaten waren sich da nicht so sicher und griffen zu ihren Waffen. Um die beiden Außerirdischen, bei denen es sich eindeutig nicht um die ihnen bereits bekannten Lichtgeister handelte, keinesfalls unnötig zu provozieren, hielten die Soldaten ihre Waffen gesenkt auf halber Höhe. Als sich das düstere Duo ein paar weitere Meter auf das Team zubewegt hatte, biss sich Heiko Holthusen vor Entsetzen auf die Hand.

„Meine Fresse, sind die hässlich!“, entfuhr es Nappoke Gnobkock, als auch er die Physis der außerirdischen Spezies besser erfassen konnte, bei der es sich laut Selassea Aubron um „die Erzfeinde der Altvorderen“ handelte. Schiefe, missgestaltete Gesichter besaßen sie, aus denen durchdringend grüne Augen wie kleine Scheinwerfer hervorleuchteten. Sie waren groß, breitschulterig und schienen in pechschwarzen Rüstungen zu stecken. Als sie sich der Gruppe bis auf rund zwanzig Meter genähert hatten, blieben die Finsterlinge abrupt stehen. Sofort machte Colonel Cusmano mit seiner Helmkamera ein Foto von den Beiden, das umgehend auf die Brücke der Pirmasens übertragen werden sollte. Eigentlich – im Helmvisier des Colonels wurde eine Übertragungsfehlermeldung eingespiegelt. Hatten die Außerirdischen einen Störsender? Als die beiden Missgestalten einen weiteren Schritt auf die Gruppe zugingen, fielen alle technischen Geräte komplett aus. Sogar „Betty Boom“, der tragbaren PG17-Plasmakanone Cusmanos, gingen die Lichter aus. Sämtliches Gerät war augenscheinlich schlagartig unbrauchbar!

Das Begrüßungskommando der „Leviathan“ machte einen weiteren Schritt auf die Eindringlinge zu, von denen es dank Zeke Hersberger mittlerweile wusste, dass es sich um Geschöpfe der Altvorderen handelte. Feindeskinder.

0124 zwei Gor Sostorot

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(eine Episodenliste mit direkten Links zu allen bisher auf meinem Blog veröffentlichten „Sternenkreuzer Pirmasens“-Kapiteln sowie ein bebildertes Glossar zur Erklärung von Fachbegriffen und als Personen-Übersicht findet Ihr unter diesem Link)

13 Gedanken zu “STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XXVI

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