Soll ich zum „Baummörder“ werden?

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Über zwei Wochen ist es nun bereits her, dass ich hier zuletzt einen Blogeintrag veröffentlichte und ebenfalls über zwei Wochen, dass hier das Baumkletterteam die 41 Eichenprozessionsspinner-Nester von unseren Bäumen und jenen des angrenzenden Nachbargrundstücks entfernte. Ich weiß zwar immer noch nicht genau, was uns dieser Eingriff kosten wird – die haben bisher noch keine Rechnung geschickt – aber ich bin immerhin verhalten optimistisch, dass die Giftraupenbeseitigung doch etwas Linderung gebracht haben dürfte.

Zumindest traute ich mich nach ein paar reinigenden Regenfällen und ein paar Tagen Sicherheitsabstand erstmals wieder unter die Bäume. Ich rauche seitdem unter den beiden alten Eichen auch wieder meine übliche Abend-Zigarre. Etwa eine fabelhafte „The Navigator“ im bei dieser Zigarrenserie „Codamosto“ benannten Pyramidenformat von ADV Cigars & McKay:

0485 The Navigator

Auffallend akkurater Abbrand mit schöner heller, feiner und fester Asche, die lange stehen bleibt. So lieb ich das! Die Zigarrenmarke „ADVentura Cigars“ wurde vom Schweizer Marcel Knobel initiiert – die Zigarren der „The Navigator“-Reihe werden in Zusammenarbeit mit der Tabacalera „Henderson Ventura“ in der Dominikanischen Republik sorgfältig aus Tabaken handgefertigt, die vor der Verarbeitung fünf Jahre lang reifen. Der Serienname steht für das Navigieren durch die verschiedenen Geschmäcker im Rauchverlauf einer Zigarre. Das Deckblatt ist ein mexikanischer San Andrés, das Umblatt ist ein Sumatra aus Ecuador und die Einlage eine Melange aus nicaraguanischen und dominikanischen Tabaken. Die Serie „Adventura The Navigator“ beginnt mit Aromen von Kaffee und Nuss, im weiteren Rauchverlauf stoßen Noten von Gewürzen, Leder und Karamell hinzu. Meine Wahl fiel auf das anspruchsvollste Format – die Pyramide namens „Codamosto“ (die diversen Formate sind innerhalb der Serie nach berühmten „Navigatoren“ ergo Entdeckern und Seefahrern benannt). Hier war der venezianische Entdecker im Auftrag der portugiesischen Krone Alvise Cadamosto Namenspatron – vermutlich auch jemand, dessen Standbild sie demnächst in irgendein Hafenbecken schmeißen werden… 🙄

Deshalb schnell zurück zum eigentlichen Thema „EPS“ – Eichenprozessionsspinner. Der Aufenthalt im Freien ist also unter Einhaltung gewisser Vorsichtsmaßnahmen wieder möglich. Komplett vorbei ist die Gefahr nämlich noch lange nicht – schließlich sind die Vegetation und nach dem Regen vor allem der Boden immer noch mit den giftigen Nessel-Brennhaaren verseucht, die bis zu sieben Jahre lang ihre toxische Wirkung verbreiten können! Im letzten und im jetzigen Jahr müssen sich meinen eigenen wissenschaftlichen Berechnungen und Schätzungen nach (die auf etlichen von mir zum Thema EPS gelesenen Fachveröffentlichungen und Doktorarbeiten beruhen) auf unserem Grundstück zwischen 5 und 50 Millionen Brennhaaren abgelagert haben, die sich nun auch nach der Nesterbeseitigung durch die Baumkletterer immer noch im Garten befinden. Durch die Bekämpfungsmaßnahmen vor zwei Wochen wurden mit den Nestern und den darin enthaltenen Raupen, Raupenhüllen und Puppenhüllen aber mindestens eine halbe Milliarde weiterer Nesselhaare entfernt, die sich nun nicht mehr innerhalb der nächsten Monate ebenfalls hier auf unserer Gartenfläche niederschlagen können! Deshalb: Teilentwarnung. Unsere Gartenmöbel haben wir immer noch nicht wieder aufgestellt.

Gestern holte ich mir über 50 neue Raupendermatitis-Pusteln!

Durchschnittliche bekomme ich auch nach den erfolgten Bekämpfungsmaßnahmen (durch meine Zigarrenrauchaufhalte im Garten und leichte Gartenarbeiten, die ich inzwischen wieder ohne Vollschutzausrüstung durchführe) täglich etwa ein oder zwei neue Raupendermatitis-Pusteln – bis zu zwei Wochen lang stark juckende kleine Hautgeschwüre. Gestern waren es dann aber leider gleich 50 bis 60 auf einmal! Ich habe gestern erstmals wieder stundenlang richtige Gartenarbeit gemacht. Heute, am Tag danach, hatte ich die besagte Zahl neuer Pusteln – fast ausnahmslos an den gesamten Beinen! Ich kann mir das nur dadurch erklären, das Philomenas Dekontaminierung meiner Gartenhose – Maschinenwäsche mit 70 Grad – nicht ausreichend war, um dabei alle Gifthaare zu zerstören. Andere Gartenkleidung hatte Philomena mit kochendem Wasser überschüttet und dann erst gewaschen, deshalb tauchte durch diese Klamotten keine neue Raupendermatitis mehr auf, wenn man sie abermals anzog. Angeblich gehen die Proteine des Giftes bei über 60 Grad Celsius kaputt – aber unsere Waschmaschine erreicht diese offenbar selbst in der 70-Grad-Einstellung nicht ganz, oder der genannte Grenzwert ist falsch. Pech für mich, jetzt sehen meine Beine aus wie ein Streuselkuchen und ich kann vor Juckreiz kaum länger stillsitzen. Mal sehen, ob ich deshalb in den nächsten Nächten überhaupt problemlos ein- und durchschlafen kann… Scheißviecher!

Hin und hergerissen – was tun mit den Bäumen?

Als ich nach der Bekämpfung erstmals wieder spätabends unter den mächtigen, ausladenden alten Eichen stand, spürte ich sofort wieder die besondere Magie dieses Ortes: Ein fast spirituelles Gefühl. Wie kann man nur ernstlich erwägen, diese alten Bäume einfach abzuräumen?

Seitdem ich mich gestern wieder gehörig verbrannt habe, will ich die elenden Eichen einfach nur noch fällen! Jedes Jahr wird der ganze Garten stärker kontaminiert. Ist schon jetzt nur noch eingeschränkt und unter Einhaltung diverser Sicherheitsmaßnahmen zu nutzen! Wohin soll das noch führen? Jedes Jahr wird der Befall um ein Vielfaches schlimmer!

Was soll ich machen? Ich bin hin und hergerissen. Entweder für immer auf eine Gartennutzung mit Gartenmöbeln und draußen sitzen verzichten? Den Garten zudem mindestens zwei Monate pro Jahr lang (außer mit einem ABC-Schutzanzug) gar nicht mehr betreten können? Anzeigen und juristisches Vorgehen gegen mich und meinen ebenfalls Eichen-besitzenden Nachbarn durch alle anderen Nachbarn und Anwohner riskieren? Die Gesundheit unserer Schildkröte gefährden? Oder Tabula rasa machen und die Bäume vor der nächsten EPS-Saison professionell entfernen lassen? Einmalig eine hohe vierstellige Summe zahlen und dann ist Schluss! Auch mit dreimal containerweise Blütenresten, Eicheln und v.a. Laubfall im Jahr. Und mit massivem Schattenwurf, der dafür sorgt, dass unser Haustierreptil schon um 15 oder 16 Uhr schlafen geht. Allerdings müsste der Nachbar mit seinen fünf Bäumen dann auch mitziehen. Ansonsten machte es keinen großen Unterschied, wenn nur wir unsere beiden Bäume beseitigen ließen… Also was jetzt?

Masochismus und Nutzungsverzicht zum Wohle der Bäume (die durch einen weiterhin zunehmenden EPS-Befall allerdings irgendwann auch durch die dann massiven Fraßschäden eh eingehen könnten) – oder selber zum „Baummörder“ werden? Ich tue mich schwer – bin hin und hergerissen. Einen Tag denke ich „die Bäume bleiben auf jeden Fall“ (als Schattenspender, Nistplatz, grüne Lunge) – am nächsten Tag denke ich „die Bäume müssen auf jeden Fall weg“ (noch einmal tue ich mir dieses Quälerei freiwillig nicht mehr an)… Schwierig.

0486 Hyper

36 Gedanken zu “Soll ich zum „Baummörder“ werden?

    • Er könnte erheblich günstiger fällen lassen, als wir, weil er keine Baumkletterer bräuchte (genügend Platz wäre da, vier der fünf Bäume einfach auf ein benachbartes Feld umkippen zu lassen, er müsste nur einen Deal mit dem Bauern machen, wann das ginge). Bei uns sind ringsum Bauten und Gartenbestandteile, die beim simplen Fällen zu Bruch gehen würden, deshalb die systematische und portionsweise stattfindende Beseitigung durch ein Kletterteam. Für seinen fünften Baum bräuchte der Nachbar allerdings auch das teuere Kletterteam, denn jene Eiche steht zum Fällen viel zu dicht direkt neben seinem Haus. Grundsätzlich hätte er nach seinen eigenen Erfahrungen von diesem Jahr wohl nichts mehr gegen das Fällen seiner Bäume einzuwenden.

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    • Jau. Wenn die Bäume bleiben, kann es notwendig werden, dass ich hier wegziehe… Nach allem, was ich hier investiert habe, wäre das ein Jammer. Außerdem finde ich in unserer Gegend hier auf dem Lande kein vergleichbar günstiges Objekt und müsste wohl wieder zurück in die Stadt ziehen, wo ich mir statt eines Hauses nur eine Anderthalbzimmerbude leisten könnte… 😦 Schwierige Situation, also.

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    • Danke auch für den Link zum Ärzteblatt – den Artikel kannte ich übrigens schon. Die geschilderten Symptome haben wir hier alle beide schon gehabt: Neben der Hautentzündung mit dem starken Juckreiz auch erhebliche Atemnot (ich) und Augenreizung mit starker Bindehautentzündung (Philomena).

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        • Na ja, man liest in der Presse und auf Warnschildern bei den Reaktionen auf EPS-Brennhaare oft fälschlicherweise bzw. zumindest irreführenderweise „kann Allergien“ auslösen – richtig formuliert müsste es genauer heißen: „kann allergische Reaktionen auslösen“. Im Prinzip reagiert nämlich jeder auf die Brennhaare und nicht nur spezifische Allergiker. Unser Nachbar sagte letztes Jahr auch noch „zum Glück bin ich kein Allergiker wie ihr“ (aber da hatte er selber erheblich weniger Nester in den Bäumen und es wehte monatelang fast nur Wind aus einer für ihn guten/uns schlechten Windrichtung) – dieses Jahr sieht er aus wie ein Streuselkuchen und meint „Mist, ich habe diese Allegie wohl auch“ (diesen Sommer dreht der Wind ungewöhnlich oft). Bei Brennnesseln heißt es ja auch nicht: „Gefährlich nur für Allergiker“ – da weiß jeder, wie sich eine „allergische Immunreaktion“ anfühlt… 😉

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  1. Aber wenn ich es richtig verstanden habe, hättest du doch die nächsten Jahre immer noch mit den vorhandenen Haaren zu kämpfen? Wie viele Jahre kannst du die Gage von den Kletterern zahlen, bevor sich das Fällen amortisiert?

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    • Die verbliebenen Haare beeinträchtigen mich aber nur noch bei bodennahen Gartenarbeiten und dann, wenn Staub aufgewirbelt wird (Fegen, Rasenmähen). Außerdem kann man sie durch sehr ausgiebiges Wässern allmählich in den Boden einspülen…
      Die vom befallenen Baum herabrieselnden Haare sind viel schlimmer und gefährlicher: Sie gelangen auch in die Augen (können wie vor ein paar Wochen bei Philomena Bindehautentzündung verursachen, im allerschlimmsten Fall aber auch zur Erblindung führen) und die Atemwege (wie bei mir, ich brauchte Cortisonspray für meine zugeschwollenen Bronchien – schlimmstenfalls können Allergiker dadurch ersticken), außerdem gelangen sie überall auf die Haut und in die Kleidung… Aus verlassenen, nicht entfernten Nestern rieselt es mitunter noch ein bis zwei Jahre lang weiter zu Boden…
      Ich schätze grob, dass man die Baumfällkosten verglichen mit den jährlichen Bekämpfungskosten bei uns hier im Fall eines mittelstarken EPS-Befalls (wie in diesem Jahr) in etwa fünf bis sechs Jahren und im Fall eines erheblichen Raupenbefalls in etwa drei bis vier Jahren wieder heraus hätte.

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  2. Obwohl ich null Ahnung von Zigarren habe, mag ich es wie du sie beschreibst und man merkt, dass das eine Passion von dir ist.

    Ich habe hin und her überlegt und würde die Eichen fällen lassen, egal wie traurig das ist. Denn ich würde das Haus nicht verkaufen und den Garten wieder nutzen wollen. Ihr seid ja schliesslich auch noch keine 80 und könnt: Nach mir die Sintflut denken. Bei mir schlägt dann meistens die Ratio durch.

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  3. Ich verstehe deinen Zwiespalt. Keine Ahnung, was da die richtige Entscheidung ist.

    Die exquisiten Zigarrenaromen hast du so anschaulich beschrieben, dass selbst ich, die noch nie irgendwas geraucht hat, versucht wäre, diese Zigarre zu „verkosten“. 😉

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  4. Romantik oder spirituelle Erlebnisse sind schön, aber es wäre bekloppt die Bäume deswegen stehen zu lassen. Noch mehr Nester, noch mehr Pusteln, noch weniger Zeit in dem schönen Garten? Ganz zu schweigen von dem schönen Geld, das jedes Jahr für die Beseitigung der Viecher drauf geht. Pflanze praktische, schnellwachsende Bäume und freue dich an deren Schönheit.

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  5. Ich würde auch sagen, Bäume ab. Die müssen weg. Pflanze doch was anderes Größeres, das spendet auch Schatten irgendwann. Bis dahin muss es halt noch wachsen und Du kannst ihm dabei helfen. Gut, Du hast ja auch schon was gepflanzt. Es hat keinen Sinn, diese Gefahr länger zu beherbergen bei Dir. Hoffe, der Nachbar zieht wirklich mit. Das kommt ja jedes Jahr wieder und wird nicht besser. Es gibt andere schöne Bäume. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich habe eine klare Meinung dazu. LG! 🙂

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    • Leider ist es gar nicht so leicht einen Ersatzbaum zu finden, der a) winterhart/hitze- & trockenheitverträglich ist, b) nicht wieder irgendwelche sortenspezifischen Schädlinge und Krankheiten hat, c) so dicht am Haus kein zu riesiges oder wasserrohrleitungsbeschädigendes Wurzelwerk entwickelt und d) vor allem keine giftigen oder auch nur schwachgiftigen Pflanzenteile hat, die der Schildkröte bei versehentlichem Verzehr gefährlich werden könnten… Es erfordert deshalb noch einige Recherche, bis der ideale Baum gefunden ist. 😉

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  6. Ich kannte die auch nicht, bin jedoch froh zu hören, dass du einen einheimischen Baum favorisiert. Hier ist (invasive) Neophyten ein grosses Thema. ich wollte gerne einen Flieder für den Garten, doch seit ich weiss was der an Wasser aus dem Boden zieht, ist das grad gestorben.
    Die Kartoffel ist schliesslich auch eine Neophyte und die möchte ich nicht missen.

    Mir gefallen beide, ich würde vermutlich den schneller wachsenden favorisieren.

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