FBKG 002 – Dominik Baumeister – „Odyssee und Nostos“

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Danke für Eure fabelhaften Vorschläge für meine zweite Leser-interaktive „FBKG“, eine fiktionale und biografische Kurzgeschichte. Alle Ideen haben mir geholfen, mir schnell ein Bild vom Protagonisten „Dominik Baumeister“ zu machen – aber besonders inspirierend waren dieses Mal die Einfälle von „Erinnye“ und „mizzimai“. Mich juckte es danach ziemlich in den Fingern, mit dem Ausdenken der Geschichte zu beginnen. 🙂

Dieses Mal ging mir der kreative Schreibprozess noch ein bisschen schneller von den Händen, als beim der ersten „FBKG“ vor einem halben Monat – „netto“ (also ohne die Pausen, in denen ich mich mit anderen Dingen beschäftigte) brauchte ich heute in drei Portionen lediglich viereinhalb bis fünf Stunden, um die Geschichte über einen alten Hanseaten zu verfassen, der kraft Eurer Mithilfe vor meinem geistigen Auge erschienen war. Möglicherweise lag mir das geschilderte Milieu auch ein bisschen näher, als beim letzten Geschichtenausdenken. Das Portrait fertigte ich, bereits bevor ich mit dem eigentlichen Schreiben der Story begann, mit Hilfe von „Artbreeder“ in einer weiteren Viertelstunde an.

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Jetzt geht’s auch schon gleich los mit den in Euren Kommentaren eingereichten Ideen, bevor dann im Anschluss Portrait und Kurzgeschichte folgen:

  • Name: Dominik Baumeister (vorgeschlagen von „Glaeserne Cassandra“)
  • Alter: 85 Jahre alt (eine Anregung von „Milou“)
  • Biografisches Detail: hat einen Sohn in den USA (von „chaosfee“ beigesteuert)
  • Biografisches Detail: mag japanische Frauen (vorgeschlagen von „Erinnye“)
  • Biografisches Detail: die Ärzte haben ihm gesagt, er könne noch EINE große Reise machen (Idee von „mohseschoh“)
  • Biografisches Detail: hat mal einen Artikel über Sonnenstürme für PM Magazin geschrieben (beigesteuert von „inorbit“)
  • Biografisches Detail: trägt gerne dunkle Samtjackets (von „phoebeweather“ vorgeschlagen)
  • Biografisches Detail: er sammelt antike Gegenstände mit Stanhope-Linsen (ein Vorschlag von „The One“)
  • Biografisches Detail: hat Ulysses von James Joyce schon mehrmals zu lesen begonnen, ist aber nie über Seite 46 hinausgekommen – möchte es nun aber endlich fertig lesen (anempfohlen von „mizzimai“)

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Dominik Baumeister

Odyssee und Nostos

Er sitzt für einen Mann seines Alters sehr gerade auf dem Stuhl, den er sich so nah es geht an den gusseisernen Esstisch im Teehaus gerückt hat. Haltung. Auch – gerade! – wenn man alleine ist. Dominik Baumeister ist schließlich Hanseat. Durch und durch.

Das „Teehaus“ ist eigentlich ein Wintergarten – angebaut im Winkel zwischen Wohnzimmer und Esszimmer und von beiden Räumlichkeiten aus über zwei Stufen abwärts zu betreten. Kamelien vor den Fenstern. Hangabwärts nahezu unverbauter Elbblick. Containerschiffsverkehr hinter einer Reihe von frisch grünenden Alleebäumen. Wenn es vor etlichen Jahren nach ihm gegangen wäre, wäre das mit zahllosen Asiatika – die wertvolleren Stücke in kleinen Glasvitrinen – dekorierte „Teehaus“ weitaus authentischer eingerichtet: Statt des gusseisernen Ungetüms mit der geschliffenen Glasplatte stünde dort ein niedriger japanischer Washitsu-Tisch. Aber Helga hatte dagegen ihr Veto eingelegt. Jetzt, mit 85 Jahren auf dem Buckel, ist der alte Herr im dunkelblauen Samtjackett eigentlich ganz froh, dass er seine langen Beine nicht erst mühsam unter ein niedriges Möbelstück falten muss, bevor er in Ruhe im von ihm favorisierten Zimmer sitzen kann. In allen anderen Räumen hatte Helga ihre Spuren hinterlassen – das Teehaus, das eigentlich ein Wintergarten war, ist hingegen schon immer „sein“ Raum gewesen. Hier widmete er sich seinen Interessen und beließ den Rest des großen Hauses so, wie Helga es eingerichtet hatte. Von Innenarchitekten und Dekorateuren so einrichten gelassen hatte, wie es üblich war und von ehemals regelmäßigen Besuchern erwartet wurde. Auch jetzt, da sie bereits ein halbes Jahrzehnt im granitgepanzerten Familiengrab lag, änderte er in den anderen Zimmern nichts. Zog nur regelmäßig die vielen Wand-, Tisch- uns Standuhren auf. Dienstags und freitags kam Frau Jahnke zum Abstauben und blieb zum Glück nicht unnötig lange.

Dominik Baumeister wollte sich heute einer weiteren Sammelleidenschaft widmen, die er neben den Asiatika, Schwerpunkt Japan – Krönung jener Sammlung war ein Original-Farbholzschnitt aus den Händen des Meisters Utagawa Hiroshige – pflegt: Vor ihm liegt ein samtbezogenes Holztablett mit Kleinodien, denen gemein ist, dass bei allen eine „Stanhope-Linse“ eingearbeitet wurde. Auf der Pariser Weltausstellung 1859 war so etwas dernier cri. Bijoux photo-microscopiques. Winzigste, quadratmillimeterkleine Fotominiaturen, eingebettet in kleinen Schmuckstücken und Glücksbringern – nur erkennbar durch eine speziell geschliffene Vergrößerungslinse, die oftmals kaum größer dimensioniert war, als heutzutage die Linse einer iPhone-Kamera. Dominik Baumeister schätzt Perfektion. Bewundert die handwerkliche Disziplin und Kunstfertigkeit vergangener Epochen. Findet diese Exaktheit gleichermaßen bei den mikroskopischen Kabinettstückchen aus dem französischen und britischen 19. Jahrhundert, wie in den penibel akkurat angefertigten asiatischen Antiquitäten. Chinesische Lackkunst und japanische Kalligraphie. Holzschnitzkunst – oft ebenso millimeterfein ausdetailliert, wie die Mikrophotographien unter den winzigen Stanhope-Linsen. Ordnung und Ebenmaß, stundenlange Freude beim Betrachten. Heute gab es solch einen handwerklichen Selbstanspruch allenfalls noch bei jemandem wie dem Goldschmiedekünstler Otto Jakob, der für Helga einen ziseliert-verspielten Aquamarin-Ring angefertigt hatte. Ein Jahr später starb sie und hatte ihn niemals getragen. Außer jenem Otto Jakob-Ring hatte Helga nichts hinterlassen, was für Dominik Baumeister von echtem Interesse war. Sie hatten ihre ganze Ehe über aneinander vorbeigelebt. Helga entstammte zwar einer derartig alteingesessenen Hamburger Kaufmannsdynastie, dass Dominik trotz seiner Position tatsächlich „heraufgeheiratet“ hatte – sah aber ähnlich liebreizend aus, wie eine Frau vom Altonaer Fischmarkt. Die Fischweiber waren auch noch gescheiter. Eindeutig. Er hätte lieber eine Japanerin geheiratet. Aber echte Hanseaten blieben in den Sechzigerjahren in der Regel unter sich – wie sich das schließlich auch gehört!

Ein Schiff tutet unten auf der silbrigen Elbe. Im Garten fliegt eine Krähe davon. Dort wo der alte Mann mit dem schlohweißen Haar sein Sammlungstablett haben will, liegt auf der Tischplatte noch ein altes „P.M. Magazin“. Er liest nur noch „Die Zeit“ und das „Hamburger Abendblatt“. Die auf dem Tisch liegende Ausgabe „Peter Moosleitners interessantes Magazin“ stammte aus den Achtzigerjahren. Damals wurde die populärwissenschaftliche Zeitschrift in vielen Haushalten gelesen. In seinem bildungsbürgerlich-konservativem nicht, aber Dominik Baumeister hatte für jene Heftausgabe einen Beitrag über Sonnenstürme verfasst. Als Ökonom. Ein ungewöhnlich heftiger Sonnensturm hätte potentiell global wirksame wirtschaftliche Folgeschäden. Ein Astrophysikprofessor hatte damals den naturwissenschaftlichen Teil des Artikels verfasst und er den Teil aus der Sicht des Volkswirtschaftlers. Gutzberg? Gutzbacher? Gutzen… Dem alten Herrn fällt der Name des Astrophysikers nicht mehr ein, mit dem er sich damals einen Nachmittag lang genau hier in diesem „Teehaus“ zusammengesetzt hatte – nur noch, dass der Mann ein unerträglich langsam sprechender Schwabe mit Halbglatze und einem albern-bunten Ringelpullover war…

Er hatte das alte Heft herausgekramt, um die Enkel zu beschäftigen, als die Kinder über Weihnachten über den großen Teich zu Besuch gekommen waren. Sein Sohn schrieb für die „Washington Post“ und hatte eine aufdringlich wirkende Amerikanerin geehelicht, deren Anwesenheit über die Feiertage für Dominik Baumeister noch anstrengender gewesen war, als die Präsenz der beiden lebhaften Enkelsöhne. Zum Glück waren „die Kinder“ (wie er Sohn und Schwiegertochter samt Enkeln stets nannte) nicht bis zum Jahreswechsel geblieben. Frieden im Teehaus. Wegen dieser aktuellen Pandemiegeschichte würden sie auch im Sommer nicht zu einem weiteren Besuch kommen. Einerseits schade – andererseits weniger aufreibend für die alten Nerven. Unter dem „P.M. Magazin“ versteckt findet sich ein altes Buch, als er die Zeitschrift beiseite wischen will. „Ulysses“ von James Joyce in einer über die Jahrzehnte stark vergilbten englischsprachigen Ausgabe. Als er das Buch sieht, fühlt er einen leichten Stich in der Brust und lenkt den Blick durch die Wintergartenscheiben zur Elbe, wo der Frachter vorüberfährt, der eben getutet hat. Seit einer Weile sieht er mit dem rechten Auge nicht mehr sehr gut. Ärgerlich bei der Betrachtung seiner oftmals winzigen oder zumindest winzig genau ausdetaillierten Sammlungsobjekte…

Odyssee

Als er sich wieder dem alten Joyce-Band zuwendet, denkt er daran, dass er schon zigmal damit begonnen hatte, diesen Jahrhundertroman zu lesen, aber dabei niemals über die Seite 46 hinausgekommen war. Gut, für viele gilt das Schlüsselwerk des irischen Schriftstellers als „unlesbar“. Besonders Joyce‘ Zeitgenossen überforderte der unbändig mäandernde Bewusstseinsstrom. Diese abrupten stilistischen Sprünge, aufgeschnappt von Personen, aus denen sich indirekt ein Tag im labyrinthischen Dublin des Jahres 1904 abzubilden beginnt. Eine einzige Odyssee durch die den Lesern ausgerollte Stadt und die verschlungenen Erzählebenen, bei denen es sich oftmals nur um unkuratiert kolportierte Gedankenfetzen zu handeln schien. Kurt Tucholsky verglich den Roman in einer Rezension mit Fleischextrakt: „Man kann es nicht essen. Aber es werden noch viele Suppen damit zubereitet werden…“ Aber es lag nicht an einer vermeintlichen Unlesbarkeit, dass Dominik Burmeister regelmäßig nach wenigen Seiten irischer Irrfahrt gescheitert war – er hatte im Laufe seines Lebens viele als „nahezu unlesbar“ geltende Romane problemlos gemeistert. Marcel Prousts siebenbändige „Suche nach der verlorenen Zeit“ etwa, und sogar den sperrigen John Cowper Powys, der seine Romane eher für die begeisterte Literaturkritik zu schreiben schien, als für ein Publikum, das damit etwas anzufangen wusste… Vielmehr lag das Scheitern stets an seinen fortschweifenden Gedanken, wenn er daran erinnert wurde, wer ihm jenes Exemplar als Geschenk übergeben hatte. Spätestens auf Seite 46 war Schluss mit der Lektüre, denn dort stieß er bei jedem seiner Anläufe auf das selbstgebastelte Lesezeichen, das dort festklebte. Vermutlich weil der Leim nach der zwar exakten aber dennoch überhasteten Anfertigung noch nicht vollständig getrocknet war, als  jenes sehr persönliche Signet dem Buch einst beigefügt wurde. Ein Kloß im Hals. Ein akkurater, in seiner selbstbeherrschten Gradlinigkeit regelrecht steif wirkender Hanseat mit einer unerwarteten Träne im Augenwinkel. Übermannt durch zwischenzeitlich wieder und wieder bis an den Rand des Vergessens verdrängte Gefühle. Er konnte niemals weiterlesen, wenn er auf das filigrane Lesezeichen stieß. Niemals. Dreiundzwanzigmal war er daran gescheitert!

Reglos sitzt er kerzengrade in seinem Samtjackett und schiebt nun das hölzerne Tablett mit seinen Schätzen, den auf Samt gebetteten Bijoux photo-microscopiques, statt des Joyce-Romans beiseite. Ulysses. Irrfahrten des Odysseus. An ihnen hatte sich James Joyce orientiert, als er seinen Roman ähnlich gliederte, wie Homer sein antikes Versepos. Es gab viele Bezüge zur Odyssee. Aber auch Anspielungen auf andere Werke. Der „Ulysses“ ist eine wahre Spielwiese für Literaturwissenschaftler. Wird kaum mal im Gymnasium gelesen, eher von angehenden Anglisten. Obwohl die Sprache durchaus einfach und klar ist. Die Finesse liegt eindeutig in der Struktur. Eine Parallele zu seinem Leben. Organisiert und strukturiert. Aufrichtig und anständig. Nur ein einziges Mal war er ausgebrochen aus dem selbstgesetzten Rahmen, hatte sich nicht von Kopfentscheidungen leiten lassen. 1972.

Dominik Baumeister sieht abermals aus dem Fenster, bevor er nach dem vergilbten Buch greift. Parkartig nennen sie solche Gärten. Er geht nicht mehr raus. Die „neuen“ Nachbarn – sie sind noch keine zwanzig Jahre lang in jenem Viertel zugezogen, in dem man erst etabliert ist, wenn man in zweiter oder dritter Generation dort wohnt – grillen in dieser Jahreszeit regelmäßig. Man grillt nicht. Fleisch wird gebraten, geschmort, gekocht,  allenfalls noch blanchiert – aber nicht unter freiem Himmel gegrillt! Dadurch demaskieren sich die Neureichen. Zugezogene Parvenüs… Und Amerikaner, wie die Gattin seines Sohnes, die große Augen machte, als sie bei einem Sommerbesuch vor ein paar Jahren im Garten keinen Grill entdecken konnte.

Er war erst seit wenigen Jahren mit Helga, ungeschlacht und kuhäugig, verheiratet, als er 1972 zu diesem Kongress nach Kyōto musste. Kirschblütenzeit. Für einen 37-jährigen war er schon viel herumgekommen, als Interkontinentalflüge noch als echter Luxus galten. Aber er war schon damals ein gefragter Experte. Der hochgewachsene junge Professor wurde gerne eingeladen und war auch ohne die grauen und dann weißen Haare späterer Jahre eine beeindruckende Erscheinung. Hanseatische Vornehmheit, eine chirurgisch-präzise Ausdrucksweise und dann diese ein Meter zweiundneunzig, denen man immer noch die vorangegangenen Studentenjahre im Ruderteam der Universität ansah. Michiko war davon ebenfalls beeindruckt gewesen.

Odyssee. Die Jahre als Volkswirtschaftsprofessor, international gefragter Wirtschaftsberater und Fachbuchautor, waren seine Lebens-Odyssee. Er sah viele Kulturen und Weltgegenden, begegnete unzähligen Menschen sämtlicher Couleur, aber blieb immer Hanseat. Nahm seine distinguierte Panzerung überall hin mit. „Anständig bleiben“ hatte ihm bereits der Großvater mit auf den Weg gegeben, als er zum Studium in Tübingen, Paris und Cambridge das Elternhaus verließ. Nur einmal wurde er beinahe schwach. 1972 in Kyōto zur Kirschblütenzeit. Michiko. Mandelaugen, Alabasterhaut und schwarzes Seidenhaar. Helga in Hamburg. Eine Versuchung.

Homers Odysseus hatte sich an den Mast binden lassen, um dem Sirenengesang nicht zu erliegen. „Anständig bleiben!“ Dynastisch verpflichteter Hanseat. Helga in Hamburg. Ihm schwirrte der Kopf. 1972.

Dominik Baumeister blättert jetzt bewusst bis zur Seite 46 durch das vergilbte Exemplar und stößt dort auf das Lesezeichen, das Michiko für ihn unter Verwendung gepresster Blüten und einer eigenen Haarsträhne übereilt aber kunstfertig wie Origami oder Ikebana angefertigt hatte, bevor sie es ihm in den Ulysses gelegt hatte, den sie ihm als Andenken schenkte – vielmehr heimlich ins Handgepäck steckte.

Sie waren damals soweit „anständig“ geblieben, wie er es gerade noch vor sich selbst rechtfertigen konnte. Selbstbeherrschung am Schiffsmast. Kirschblütensüße. Aber Hanseat in jeder Lebenslage. Helga verpflichtet. Contenance! Vorweggenommener Granitpanzer des Familiengrabes. Dynastisch verpflichtet. Sie hatten von einigen Berührungen abgesehen in jener durchwachten Nacht in Kyōto nur geredet. Stundenlang geredet. Über die Menschheit und die Welt. Kultur und Literatur. Er hatte als Europäer Shōno Junzō gelesen und sie als Japanerin James Joyce. Ihm vom Ulysses erzählt, einer seiner damaligen Bildungslücken im Kanon der selbstgelesenen Literaturklassiker. Ihm berichtet, dass die für damalige europäische Lesegewohnheiten unakzeptablen Obszönitäten zunächst dazu führten, dass der Ulysses 1922 nur in einer gekürzten Ausgabe publiziert werden konnte. Die japanische Vorkriegsliteratur galt diesbezüglich als durchaus drastischer. Sie redeten über viele Dinge. Warfen sich Anspielungen zu. Hielten wechselseitig ihre Gesichter in den Händen…

Das kunstvoll zu einem Ornament verflochtene Haarbüschel war immer noch schwarz wie Klavierlack. Vollendet seidig und mit gepressten Blumen verziert klebte es an der Seite 46, seitdem Michiko das kunstvolle Lesezeichen übereilt zusammengeleimt hatte, während der junge Professor sich in den Morgenstunden doch noch für zwei Stunden auf einem Gästefuton aufs Ohr gelegt hatte. Am frühen Vormittag begleitete sie ihn zum Shinkansen, der ihn nach Tokio bringen sollte, von wo aus der Rückflug ging. Erstmals betrachtet Dominik Baumeister das Lesezeichen nun genauer – sogar mittels einer historischen Lupe aus England, deren Linse als große Stanhope-Linse gefertigt ist, die man direkt auf das zu betrachtende Objekt auflegen muss. Er lächelt jetzt und muss das Buch zum ersten Mal nicht aus der Hand legen, wenn er die Seite 46 aufgeschlagen hat.

Nostos

„Du bist ein unverbesserlicher Technikfeind!“, hatte ihm sein eigener Sohn regelmäßig vorgeworfen. Im großen Haus gibt es weder einen PC, noch einen CD-Player. Der alte Herr hört nach wie vor Schallplatten. Die Kinder hatten ihm dennoch einen Tablet-Computer geschenkt, als sie ihn über Weihnachten zuletzt besucht hatten. Diese aufdringliche Amerikanerin und sein Sohn hatten beide Weihnachtsfeiertage lang auf ihn eingewirkt, um ihm mit Engelszungen die Verwendung des modernen Apparates schmackhaft zu machen, und ihm die ersten Bedienungsschritte beibringen zu wollen. Als er an Heiligabend zusätzlich zum Apple-Gerät unterm traditionell mit Lametta, Bienenwachskerzen und roten Glaskugeln geschmückten Tannenbaum auch noch ein Buch „iPad for Dummies“ vorgefunden hatte, war der alte Herr jedoch persönlich dermaßen beleidigt gewesen, dass er an den beiden folgenden Feiertagen standhaft weghörte.

Aber dann kam die Pandemie mit noch weniger Kontakten nach außen, als bereits in den letzten Jahren davor. „Warum skypen sie nicht mit ihren Enkelkindern?“ hatte ihn Frau Jahnke gefragt, als sie nach dem Abstauben des musealen Hausrats einmal doch nicht umgehend gegangen war. Dominik Baumeister hatte eine halbe Woche lang über diesen Satz nachgedacht und dann den iPad-Karton aus der untersten Schreibtischschublade hervorgeholt. Und – missmutig! – auch das Buch „for Dummies“…

Er hatte immer noch einen scharfen Verstand und lernte auch im hochbetagten Alter erstaunlich schnell, wenn es darauf ankam. Er hatte zwar noch nicht mit den Kindern geskypt, aber dieses „Internet“ war wirklich eine feine Sache! So viele schnellverfügbare Informationen! Seine Brockhaus-Ausgabe in 24 Bänden und die noch umfangreichere „Encyclopædia Britannica“ konnte er nun getrost im Schrank lassen… Man kann im Internet wirklich alles finden, was man sich auch nur annähernd vorstellen kann: Sogar Michiko.

Michiko Nakamura, inzwischen 77 Jahre alt. Genauso wie Dominik Baumeister seit fünf Jahren verwitwet. Sehr, sehr schnell hatte der alte Hanseat auch das Skypen erlernt.

Irgendwann muss dieser Corona-Spuk auch wieder vorbei sein. Dominik Baumeister ist sich diesbezüglich sicher. „Eine einzige große Reise könnten Sie gesundheitlich vielleicht tatsächlich noch schaffen“, hatte ihm sein Hausarzt bei der letzten Routineuntersuchung gesagt. Der Mediziner war in Baumeisters Augen eindeutig ein Pessimist oder Misanthrop – er hatte ihm vor ein paar Jahren auch die Verwendung eines Rollators nahegelegt – im eigenen Haus! Gebeugt hinter einem Demütigungsgefährt hinterherschleichen, soweit kommt es noch! Er zog einen schwarzen Gehstock mit Silberknauf vor. Schließlich hielt er sich immer noch kerzengerade und flanierte mit durchgedrücktem Kreuz durch die Zimmer, wenn er die vielen Uhren aufziehen ging.

Er hatte für Oktober den Flug nach Japan gebucht – online! Den Shinkansen nach Kyōto sogar ebenfalls schon. Sehr praktisch dieses Internet. Nach der Irrfahrt folgt die Heimkehr – Odyssee und Nostos. Auf dem Flug und der Bahnfahrt – nimmt er sich angesichts des Lesezeichens jetzt im Teehaus sitzend spontan ganz fest vor – würde Dominik Baumeister dann endlich den „Ulysses“ von James Joyce durchlesen. Und zwar über Seite 46 hinaus!

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Das war also die zweite „Fiktional-Biografische KurzGeschichte“, die ich mit Eurer Hilfe zu Papier, bzw. viel zutreffender „ins Blog“ brachte. Über Euer kurzes Feedback dazu würde ich mich freuen! (hier klickend gelangt Ihr auch auf eine Übersichtsseite zu den FBGKs)

Hypermentale Grüße! 🙂

18 Gedanken zu “FBKG 002 – Dominik Baumeister – „Odyssee und Nostos“

  1. Wunderbar! Das schreit jetzt natürlich nach einer Fortsetzung, ach mehreren. Zuerst die Geschichte von Michiko, da kannst Du uns ja auch zurate ziehen wenn Du noch Details brauchst, und dann natürlich die Reise und das Treffen. Zünde in Ermangelung eines Kamins schon mal das Parkett an und lehne mich zurück

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  2. Sehr schön aufgebaut, die Geschichte um Dominik. Ich hatte mir schon gedacht, dass es ob des Alters des Protagonisten eine Rückschau geben würde. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft perfekt verbunden und schön erzählt 👍🥇

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  3. Da kann ich mich allen Kommentaren vorbehaltlos anschließen! Mir gefällt das Positive besonders gut, das hat mich aus deiner Feder und nach Geschichte Nummer 1 auch eher überrascht. Alles sehr stimmig und auch ohne Bild hätte ich eins vor Augen gehabt. Vielen Dank und ich freu mich aufs nächste Mal!

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  4. Ich bewundere Deine Phantasie und Deine literarische Bildung. Apropos James Joyce: Als 18jähriger wollte ich mir in der Stadtbücherei Mönchengladbach „Finnegans Wake“ in der deutschen Version ausleihen. Die Bibliothekarin blätterte und suchte in Katalogen und Verzeichnissen, bis sie mir etwas ratlos mitteilte: „Davon scheint es gar keine deutsche Übersetzung zu geben.“ Sie hatte Recht.

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  5. Gefällt mir sehr gut, und ich freue mich schon auf die folgenden Geschichten… evtl. schreibst du ja sogar noch eine Fortsetzung zu dieser hier. Das Ende macht neugierig auf mehr.

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  6. Ich bin total begeistert!! Vor allem hast du einen wunderbaren Grund konstruiert, aus dem er den Ulysses nicht fertig liest (nicht etwa deshalb, weil Dominik ihn nicht kapieren würde …), woraus dann weitere Details der Geschichte schlüssig hervorgehen. Ein Lesevergnügen! Auch das Portrait finde ich sehr gelungen – interessanterweise schauen einander ja auch „weißhäutige“ Europäer keinesfalls besonders ähnlich und haben durchaus gegendtypische Gesichtszüge. Jetzt warte ich mit Ungeduld auf die nächste Biografie!

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  7. Du hast recht behalten. Gefällt mir echt gut, diese neue Kurzgeschichte! 👍Und die geforderten Eckpfeiler hast du kunstvoll in den Plot mit hineingewoben. Die Detailfülle würden bei anderen, weniger eloquenten Autoren zum Problem werden, aber bei dir ergibt sich daraus ein buntes und originelles Potpourri, in dem jede Winzigkeit ihre Bedeutung hat und zu einer alle Sinne stimulierenden Gesamtkomposition beiträgt. Darin liegt eine besondere Stärke von dir. Dominik ist ein sympathischer Typ. Ich wünsche ihm, dass er mit Michiko noch ein paar schöne Jahre verbringen kann. Im Gegensatz zu einigen meiner Vorschreiber plädiere ich allerdings nicht für eine Fortsetzung. Die Geschichte ist gut, wie sie ist. Und dafür gemacht, in den Köpfen der Leser weitergesponnen zu werden. Ein Ende (vorzu)schreiben würde ihr ein wenig von ihrem Zauber nehmen.

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    • Danke. 😊 Ich sehe das auch so – eine Fortsetzung wäre eine Entzauberung…
      Ich fürchte dieser verschwurbelt-überfrachtete Schreibstil bleibt mein Markenzeichen, bzw. hindert mich daran, ein wirklicher Schriftsteller werden zu können… So packend-soghaft-reinversetzbar wie Du, könnte ich jedenfalls niemals schreiben. Ich bewundere das gerade in Deinem ersten Band, den ich momentan etwa zu Einem Drittel gelesen habe (wenn ich am Wochenende Zeit finde, lese ich das Buch sicherlich in ein oder zwei weiteren Portionen fertig)… 🙂

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      • So ein Quatsch – wieso sollte dich das hindern? Dass du es virtuos beherrscht, selbst Details derart interessant und lebendig in Szene zu setzen, ist eine Stärke und ein Alleinstellungsmerkmal, um es mal marketingtechnisch auszudrücken. Du willst doch nicht schreiben wie diese 0815-Idioten, die Kochrezepte aus sogenannten „Schreibratgebern“ abkupfern! Sei doch froh darüber, dass du Kunststücke beherrscht, bei denen andere sich unweigerlich das Genick brechen würden!

        Ich freue mich natürlich sehr darüber, dass mein Roman dich tu fesseln vermag, obwohl das eigentlich nicht so dein Genre und triviale Frauenliteratur ist. Wie gesagt stehe ich dazu. Aber tatsächlich haben schon einige Männer die Geschichte gelesen und das gern. Insofern bin ich da mittlerweile etwas entspannter. Den ersten Band habe ich allerdings unter speziellen Rahmenbedingungen verfasst – und damit meine ich nicht (nur), dass ich zeitweise links mein Baby im Arm hatte und rechts tippte, während meine „größere“ Tochter (damals 2,5) hundertmal in der Stunde aufs Klo wollte, weil sie da gerade ihre ersten Schritte Richtung „Trockenwerden“ unternahm, sondern insbesondere den National Novel Writing Month (NaNoWriMo). Für mich war die Teilnahme an diesem Wettbewerb ein Experiment. Ich wollte sehen, was es mit mir und meinem Schreibstil macht, wenn ich unter Zeitdruck schreibe. Die Vorgabe waren 50.000 Worte in diesem einen Monat und im Gegensatz zu vielen anderen wollte ich nicht irgendwas, sondern eine echt gute Geschichte schreiben. Bis kurz vor der sinnlichen Episode in Südtirol ist alles im November 2016 entstanden. Danach habe ich mir beim Schreiben wieder mehr Zeit gelassen. Unterm Strich hat sich gezeigt, dass sich unter Zeitdruck mein Erzähltempo erhöht, die Sätze kürzer und teils auch einfacher werden und die ein oder andere Metapher auf der Strecke bleibt. War auf jeden Fall eine Erfahrung wert, aber ich bin dann doch zu meinem alten Stiefel zurückgekehrt. 😀 Kannst das j mal beim Lesen im Hinterkopf behalten und mir später berichten, ob dir ein Unterschied aufgefallen ist. Fände ich interessant. 🙂

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