Ruhe und Geräusche

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Momentan gehe ich jeden Abend zu später Stunde nochmal in den Garten und rauche dabei jeweils eine der wirklich exquisiten Zigarren aus meinem Humidor. Heute war es ein selbstredend handgerollter Longfiller, eine Arturo Fuente Classic Gran Reserva Seleccion Privada No. 1 Maduro“ im Lonsdale-Format. Sehr aromatisch charakter- und gehaltvoll mit Füllung und Umblatt aus unterschiedlichen dominikanischen Tabaken und einem dunklen seidig-öligen Deckblatt aus Kamerun. Ein zentralafrikanisches Zigarrendeckblatt in dieser Perfektion ist heutzutage kaum noch aufzutreiben – aufgrund der politischen Verhältnisse vor Ort, die einen dafür notwendigen, jahrelang langfristig geplanten und geordneten Anbau in der Regel leider verhindern. Ich habe seit Jahren kein so auserlesenes Cameroon-Deckblatt mehr gesehen, geschweige denn geraucht…

0461 Zigarre

Die Ruhe (vor dem Wurm)…

0460 NachrauchWieso zelebriere ich gegenwärtig die abendlichen Ausflüge in den Garten in dieser Art? Weil es quasi „die Ruhe vor dem Wurm“ ist – wer weiß, wie lange ich das noch tun können werde? Es geht leider schon los mit der diesjährigen Eichenprozessionsspinner-Problematik. Philomena hat an den letzten Tagen bereits Raupendermatitis an den Handinnenflächen bekommen, weil sie zuvor Arbeiten am Schildkrötenhaus verrichtet hatte. So ging es auch letztes Jahr im Mai bei ihr los – sie dachte damals zunächst, dass es sich wohl um eine Art seltsames Ekzem handeln würde… Aber es war dann leider eindeutig Giftraupendermatitis! Bei meinen Wegbauarbeiten handelte ich mir diese schmerzhaften Geschwüre zwar bereits vor einigen Wochen ein – aber das war den mikrometerkleinen Raupenbrennhärchen geschuldet, die noch aus dem letzten Jahr stammend die Oberflächen meiner Baumaterialen und den bodennahen Staub kontaminiert hatten… Nun also bereits frische Gifthaare im Garten! 😱

Jeden Tag kann es nun so weit sein, dass man schlimmstenfalls für ein halbes Jahr lang ohne Schutzausrüstung nicht mehr rausgehen kann (wenn es besonders schlimm werden sollte, bzw. auf jeden Fall, falls der Nachbar die Raupennester in seinen Bäumen dieses Jahr wieder nicht entfernen lassen sollte)! Deshalb genieße ich jetzt jeden Abend, den ich noch halbwegs unbehelligt unter meinen geliebten alten Eichen zubringen kann, mit einer besonderen Zigarre. Bald ist damit Schluss. Erste Symptome habe ich bereits – ich habe beim Aufenthalt unter den beiden riesigen Bäumen seit ein paar Tagen wieder einen leichten Hustenreiz und Augenbrennen (nein, das liegt nicht an den Zigarren – ich habe früher an manchen Tagen bis zu zwölf Zigarren in meinem Berliner Arbeitszimmer gepafft und hatte dabei nicht solche Symptome). Außerdem kann ich die Raupen sogar fressen hören, wenn es ruhig genug ist (ist wirklich wahr – ich habe ein sehr feines Gehör – laut eines Gehörtests bin ich in den obersten 10% meiner Altersgruppe)! Ein leises aber permanentes nächtliches Raspeln von oben… 😱

…und die Geräusche

Was höre ich dort draußen im Garten sonst noch zu nächtlicher Stunde? Frösche quaken. Bis vor ein paar Wochen auch das Rufen von Käuzchen und Waldohreulen. Mäuse piepen und rascheln im trockenen Laub, das auf dem Boden liegt (inzwischen vom Waldmeister und Bärlauch überwachsen). Ab und zu schnaubt ein Pferd (wir haben hier im Umkreis von wenigen hundert Metern gleich vier Pferdekoppeln, die nächst ist nur 30 Meter weit entfernt). Manchmal Gänsegeschrei aus der Flussaue hinter der Landstraße, auf der nachts nur ab und an mal ein Lastzug vorbeifährt. Vor Corona öfters Flugzeuge (ist seitdem deutlich weniger geworden) – die Anflugschneise von Maschinen aus Nordosteuropa zum nächsten internationalen Flughafen (in knapp 30 km Entfernung Luftlinie) führt über unsere ländliche Gegend hier. Je nach Windrichtung hört man auch mehr oder weniger deutlich die Autobahn in etwa drei Kilometern Entfernung.

Tagsüber schweigen die Frösche, dafür hört man ein Vogelkonzert und die Hühner vom Nachbarn. Pferde wiehern, manchmal hört man Hufe auf der Straße vorbeiklappern. Insekten summen, wenn man im Garten ist. Straßenverkehr auf der 150 Meter entfernten Landstraße. Der Bauer auf der anderen Seite vom Graben hinterm Haus sägt leider häufig Holz. Nachbarn plappern in den Gärten, Hunde bellen. Die Asylanten telefonieren lautstark auf der Straße. LKW fahren dort auch regelmäßig vorbei, weil hier einige Firmen ihren Sitz haben. Rasen wird gemäht. Im Herbst Laubssauger und -bläser. Tags ist es deutlich lauter. Ich liebe die Nacht. Das Froschkonzert. Das Rauchen unter den alten Eichen. Noch. Bald ist Schluss. Dann handele ich mir dort wieder Geschwüre und Erstickungsanfälle ein. Dieses Jahr wird es vermutlich zehnmal so schlimm wie im letzten, als die Eichenprozessionsspinner in unserer Gegend erstmals auftauchten. Plage. Katastrophe. 😱

Deshalb werden jetzt die wahren Pretiosen aus meinem Humidor plattgemacht… 😁

0459 Nacht

16 Gedanken zu “Ruhe und Geräusche

  1. Rauchst Du praktisch den Champagner unter den Zigarren in den letzten Stunden vor der Vertreibung aus dem grünen Paradies. Sooo schade darum!
    Jetzt hab ich gleich zweimal von Biozid gegen den EPS gelesen, einmal gehört im BR einmal heute im lokalen Anzeigenblättchen. Daß danach die Umgebung für eine zumutbare Zeitspanne gemieden werden muß, und daß Privateigentümer dafür selber aufkommen müssen. Was hältst Du davon? Ich weiß jetzt allerdings nicht, ob es für heuer bei Dir bereits zu spät ist.

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    • Das Biozid tötet auch alle anderen nützlichen und seltenen Insekten, die wir hier im Garten haben. Es soll zwar harmlos für Haustiere wie Hunde und Katzen sein, das sind allerdings Säugetiere – bei Reptilien, die ein anders funktionierendes Verdauungssystem haben, könnte es anders aussehen und somit „Kröt“ eventuell daran sterben. Außerdem sind die Sprühkanonen, die bis ins höchste Geäst von 25 Meter hohen Bäumen reichen oft auf Autoanhänger oder Lastwagenladeflächen montiert, aber unser Grundstück ist nicht befahrbar (Gartentor nur etwa 70 cm breit). Darüberhinaus sind Firmen, die dieses Verfahren anbieten sehr gefragt und bereits mit Aufträgen von Städten und Landkreisen vollkommen ausgelastet. Soweit ich weiß, ist die Raupenbekämpfung mit dem Bakteriellen Biozid (zumindest in etlichen Bundesländern) Privatleuten nicht gestattet…
      Deshalb kommt leider nur die manuelle Entfernung der Nester durch Baumkletterer infrage – für oftmals 300 bis 500 Euro je Baum (je nach Befall).

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  2. Das ist ja gruselig, wenn du die Raupen schon fressen hörst 😱 mir tut das wirklich sehr leid, weil ich den Garten als Refugium gerade seit Corona immer mehr zu schätzen beginne. Daher hoffe ich, dass der Nachbar die Aktion macht und ihr es daher irgendwie eindämmen könnt.
    Wie lange sitzt du eigentlich an so einem Oschi? 💨

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    • Je nach dem – wenn man in einer gepflegten Runde beim Gespräch rauchen würde (und dabei Whisky oder Cognac trinken), dann etwa anderthalb bis zwei Stunden, alleine im Garten aber eher 45 Minuten bis eine Stunde…

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  3. Vor ein paar Tagen hätte ich dir fast eine Meldung geschickt, wonach auch hier bereits vor der Raupeninvasion gewarnt wurde. Letztes Jahr habe ich davon bei uns nichts mitbekommen. Ob das heißt, dass es dieses Jahr schlimmer wird?
    Ich mag das Sägegeräusch gern, erinnert mich an meine Urlaube im Schwarzwald, wo auch jeden Tag Holz gemacht wurde. Mir geht gerade extremst das tägliche Gedudel eines Nachbarn auf seiner Klarinette oder was auch immer für ein Blasinstrument auf den Keks. Wenn man sich auf die Arbeit konzentrieren muss, treibt einen das fast in den Wahnsinn.

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    • Gar nicht – außer…
      …jährlich Nester für 150 bis 500 Euro pro Baum professionell entfernen lassen (den Ärger hat man dann nur einen, statt sieben Monate – vorher geht’s nicht),
      …Bäume fällen,
      …Bekämpfung mit bakteriellem Biozid (bringt aber auch andere Insekten und wahrscheinlich die Schildkröte um, Giftkanone die bis ca. zwanzig Meter Höhe pustet ist auch zu sperrig fürs Grundstück, da Autoanhängergröße, in einigen Bundesländern für Privatkunden verboten, nur wenige Spezialfirmen bieten das an),
      …auf Winter mit langen Frösten unter minus fünfzehn Grad hoffen (dann sterben die Viecher lokal für etliche Jahre aus, weil die Eier erfrieren),
      …auf Frostnächte im Mai hoffen (dann erfrieren die geschlüpften Raupen).

      Wir werden die Nester Ende Juni für ein paar hundert Euro entfernen lassen – das ist die beste Lösung. Falls keine harten Winter mehr kommen sollten, ist aber Bäumefällen langjährig billiger (kostet etwa 2000 bis 3000 Euro pro Baum, weil das nur Baumkletterer machen können – die Bäume können nicht einfach umgesägt werden, dann zerstören sie hier zu viel).

      Philomena hat heute Brennhaare ins Auge bekommen – sieht nun aus wie aus einem Horrorfilm… ☹️

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