FBKG 001 – Horst Bittermeier – „Der Überflieger“

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Ihr wart wirklich unheimlich fleißig, als ich Euch in meinem letzten Blogeintrag darum bat, mir bei meinem neuen interaktiven Schreib-Experiment behilflich zu sein – einer biografisch erscheinenden, aber natürlich vollkommen fiktionalen Kurzgeschichte, die auf Ideen beruht, die Ihr mir in Kommentaren zuschickt!

Es trudelten dann auch umgehend erheblich mehr Kommentare ein, als ich je erwartet hätte! Super! 😃👍 Allerdings müsste ich bei der nächsten Runde dieser Art von Schreib-Abenteuer (die wird es wohl geben, denn es hat mir Freude gemacht) darauf hinweisen, dass pro Kommentator nur ein oder zwei Vorgaben gemacht werden sollten – sonst wächst mir der Vorschlagswust an biografischen Versatzstücken zu schnell über den Kopf und es bleiben auch nicht mehr genügend Ideen für jene Leser übrig, die erst etwas später von meinem Experiment Kenntnis erhalten. Ich möchte beim nächsten Mal lieber etwas länger sammeln, um eine noch größere Vielfalt allein schon dadurch zu erhalten, dass insgesamt mehr unterschiedliche Leser mitmachen können, als dieses Mal…

Aber es lag auch an mir – ich wollte möglichst zügig mit der ersten „FBKG“ („Fiktional-Biografische KurzGeschichte“) starten! Nun hier ist sie! 🥳 Es folgt nun eine kurze Übersicht über die von meinen Lesern eingereichten eine fiktionale Biografie entwickelnden Vorschläge, ein von mir mittels „Artbreeder“ angefertigtes Portrait des Protagonisten „Horst Bittermeier“ (wie ich ihn mir vorgestellt habe) und schließlich die selbstausgedachte Story selbst.

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Eure in den zahlreichen Kommentaren eingereichten Ideen für die vorliegende fiktive Biografie:

  • Name: Horst Bittermeier (Vorname von „inorbit“ und Nachname von „Erinnye“ vorgeschlagen)
  • Alter: 18 Jahre alt (beigesteuert von „Erinnye“)
  • Biografisches Detail: vor 11 Jahren Europameister im Modell-Segelflug (vorgeschlagen von „inorbit“)
  • Biografisches Detail: hasst seinen Namen (Einfall von „Erinnye“)
  • Biografisches Detail: 1000-mal besserer Geruchssinn, als bei normalen Menschen (auch eine Idee von „Erinnye“)
  • Biografisches Detail: sitzt jetzt im Rollstuhl (von „Kätzerin“ vorgeschlagen)
  • Biografisches Detail: musste in der Schule „das Parfum“ lesen (beigesteuert von „phoebeweather“)
  • Biografisches Detail: hat eine besondere Vorliebe für animalische Gerüche, die für anderen Menschen eher Gestank sind (Einfall von „mohseschoh“)
  • Biografisches Detail: ist zutraulich und naiv (ausgedacht von „Erinnye“)
  • Biografisches Detail: hat ein Terrarium mit Stabheuschrecken (von „Fab“ eingebracht)
  • Biografisches Detail: wäre gerne in einer Speed Metal-Band, muss auf Wunsch der Eltern aber Wirtschaftprüfer werden (eine Idee von „Glooa“)
  • Biografisches Detail: hat eine Vorliebe für herrenlose Damenpullover (von „Erinnye“ eingebracht)

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Horst Bittermeier

Der Überflieger 

Horst! Wer nennt sein Kind schon Horst? Er war gerade erst volljährig geworden und trug einen Namen, der in seinen Augen für uralte Männer reserviert war. Seine ganze Kindheit und Jugend über war Horst Bittermeier aufgrund dieses Namens gehänselt worden – er hasste ihn inzwischen aus tiefstem Herzen.

Das war jedoch nicht immer so gewesen, früher hatten ihm die Gehässigkeiten seiner Mitschüler noch nicht so viel ausgemacht – er war ein ziemlich naives und dabei einzelgängerisches Kind, das es oft gar nicht mal richtig mitbekam, wenn es von den Anderen gehänselt wurde. Hauptsache, die Erwachsenen schenkten dem kleinen Horst ihre volle Aufmerksamkeit. Seine Mutter tat das, erdrückte ihn förmlich mit ihrer Liebe und lobte ihn beständig, indem sie keine Gelegenheit ausließ, andere Erwachsene stolz darauf hinzuweisen: „Mein Horsti wird später mal der absolute Überflieger!“ Dem Metzgermeister erzählte sie das und der dicken Frau Wannstetter – und leider auch den Müttern seiner Schulkameraden, wenn deren Söhne und Töchter auch dabei waren. Die Kinder machten sich dann hinterher darüber lustig, indem sie mit theatralisch übertriebener Stimme Horsts stolze Mutter nachäfften: „Mein Horsti wird ein Überflieger, der Horsti wird mal ein Überflieger!“

Schon im Kindergarten mochte er ungerne zusammen mit den anderen Kindern spielen. Diese machten Dinge kaputt und schrien in einer ihm sinnlos erscheinenden Weise andauernd laut herum. Er kümmerte ihn schon damals nicht, was die anderen beschäftigte. Sein Interesse galt der Fliegerei. Als er vier war, hatte es mit einem rot-gelben Plastikflugzeug begonnen, das mit einem Gummibandmotor ein paar Meter weit flog, wenn man den Propeller vorher etliche Umdrehungen in der Gegenrichtung gedreht hatte und ihn dann losließ. Onkel Wolfgang hatte es ihm mitgebracht. Onkel Wolfgang war „ein hohes Tier“ und schenkte immer interessante Sachen – etwa ein Terrarium zur Kommunion, in dem Horst dann etliche Stabheuschrecken hielt.

Flugzeuge, Flugzeuge und noch mehr Flugzeuge! Er würde später ganz bestimmt Pilot werden! Kunstflugpilot! Genauer gesagt Segelflugzeug-Kunstflugpilot, denn er hatte von seinem Onkel Wolfgang erfahren, dass man schon mit vierzehn Jahren alleine ein Segelflugzeug steuern darf – Motorflugzeuge hingegen erst ab achtzehn. Zum sechsten Geburtstag gab es deshalb das erste Modell-Segelflugzeug. Dank tatkräftiger Unterstützung und wohlwollender Förderung durch die überaus stolzen und ehrgeizigen Eltern – wurde das kleine Ausnahmetalent bereits anderthalb Jahre später mit gerade einmal sieben Jahren „Jugend-Europameister im Modell-Segelflug“.

Vor Stolz bekamen Herr und Frau Bittermeier Schnappatmung und überall wo Horst nun auftauchte, eilte ihm das Prädikat „Überflieger“ voraus! Das „Ausnahmetalent“, das „Wunderkind“. Für den kleinen Knirps waren solche Bezeichnungen normal – mit anderen Kindern hatte er nun wirklich gar nichts mehr am Hut. Er übte sofort nach dem Erledigen der Hausaufgaben tagtäglich auf der großen Wiese am Hang. Sie lag am Ende jener Sackgasse, in der sich sein blassgelb verputztes, schwäbisches Elternhaus befand. Der Vater – ein Maschinenbauingenieur – half dem pausbäckigen Buben beim Basteln der Fliegermodelle und die Mutter – eine jedem Klischee überentsprechende „schwäbische Hausfrau“ – klebte die Zeitungsartikel über ihren Sohn in ein dickes Album ein. Andauernd gewann er irgendwelche Pokale. Sie staubte diese mehrmals wöchentlich geflissentlich ab und legte ein paar aus dem Garten gepflückte Blüten als Dekoration mit in die Vitrine. Diese stand nicht im Kinderzimmer, sondern wie ein heiliger Schrein im Wohnzimmer, damit sie auch von jedem Besucher gleich bemerkt wurde.


Jaja, meine stumpfsinnige Kindheit bestand nur aus der Modellfliegerei! Horst Bittermeier ließ den bitteren Blick über die Weite der Prairie schweifen, die sich hunderte Meter unter ihm erstreckte. Die Sonne stand schon sehr tief und ließ sowohl die bizarren Felsformationen in einem gleißenden Orangegoldton erstrahlen, wie auch Horsts rotblonde Haare, die ihm der starke Wind zerzauste, der hier oben pausenlos wehte. Horst fuhr mit seinem Rollstuhl dichter ans gläserne Geländer.


Trotz der Hänseleien seiner Mitschüler und des ganzen Riesenstresses an den Wochenenden, wenn es mit dem Mercedeskombi der Familie quer durch die Republik zu den Modellflug-Wettbewerben ging, war seine Kindheit eigentlich eine glückliche. Er war „der Überflieger“! Immer im Fokus der Erwachsenen. Freunde hatte er keine.

Die eigentlichen Probleme begannen, als er in die Pubertät kam. Spät war das – die anderen Jungs aus seiner Klasse bekamen ihren Stimmbruch erheblich früher. Er wurde nun zum absoluten Außenseiter. Galt als uncool. War nur noch „der komische Flugzeug-Depp“. Ein Spinner, den es zu meiden galt. Mit dem man möglichst nicht gesehen werden wollte. Der Eckensteher, der irgendwann die kompletten großen Pausen auf dem Schulklo verbrachte, um seine Ruhe vor den Anderen zu haben. Irgendwann machten die Anderen auch mit Mädchen rum. Er hatte den alten Pullover der dicken Frau Wannstetter.

„Nein, es gibt keinen Segelflugschein für dich – das ist viel zu gefährlich!“, hatte seine Mutter verkündet, als der heißersehnte vierzehnte Geburtstag näher rückte. „Unten am Boden ist es am sichersten!“ Sein Vater war auch dagegen, dass sich sein Sprössling in ein Segelflugcockpit setzt – er sah da ein gewisses Risiko, dass Horst den Modellflugsport vernachlässigen würde, wenn er sich nun auf ein neues Gebiet der Fliegerei fokussierte. Folglich gäbe es dann weniger Pokale und Preisgelder. Weniger Zeitungsartikel zum Ausschneiden! „Wenn du achtzehn bist, kannst du machen, was du willst. Aber noch sind wir für dich verantwortlich!“ Also bis zur Volljährigkeit warten – dann könnte er auch gleich den Motorflugschein machen! Piloten galten gemeinhin als cool. In den amerikanischen Filmen bekamen die Piloten immer die hübschesten Mädchen ab… Diese Gewissheit trug Horst durch die Wirren der Pubertät. Peter hatte als erster in der Klasse eine feste Freundin. Dann Joachim und irgendwann sogar der schielende Fred. Horst war weiterhin „der komische Flugzeug-Depp“ mit der immer noch hohen Kinderstimme.

Als er sechzehn war, musste Horst im Deutschunterricht „Das Parfum“ von Patrick Süskind lesen, „Die Geschichte eines Mörders“. Spätestens durch die Lektüre dieses Buches inspiriert, fiel es dem Modellflug-Freak deutlich auf, dass er Gerüche anders wahrnahm, als seine Mitmenschen. Der Typ im Buch hatte den perfekten Geruchssinn und nahm allerlei Duftnuancen wahr, die anderen Leute gar nicht erst gewahr wurden. Ihm ging es genauso! Horst hatte sich lediglich zuvor keine Gedanken über diese tausendfach verfeinerte olfaktorische Begabung gemacht, weil er sie für vollkommen normal hielt. So konnte er es schon immer gleich von seinem Zimmer im Obergeschoss aus riechen, wenn seine Mutter unten frische Gartenblüten in die Vitrine legte, in der seine Pokale ausgestellt wurden. Und ob sie dabei gerade ihre Periode hatte.

Ihm gefielen nicht nur die angenehmen Blütendüfte, er mochte auch jene Aromen, bei denen sich vielen Leuten eher der Magen umdrehte. Modellbaukleber etwa – klar. Aber auch den Schweißgeruch dicklicher alter Frauen. Ein Hauch von Fäkalien haftete dem vermutlich tagelang getragenen, altrosafarbenen Synthetik-Pullover an, den er der dicken Frau Wannstetter aus dem Wäschekeller geklaut hatte. Frau Wannstetter wohnte an der Einmündung zur Hauptstraße alleine in ihrem großen Haus und hatte brotlaibartige Riesenbrüste. Diese hingen ihr bis über den Gürtel ihrer Röcke herab und waren für Horst seit dem späten Beginn der Pubertät ein gigantisches Faszinosum! Niemals drang frische Luft in die abgründigen Tiefen der Unterbrustfalten von Frau Wannstetter, in denen sie in wahren Körperschweiß-Sturzbächen schwärende Ekzeme ausbrütete. Ein überirdisch-göttlicherer Duft für den nun mehr und mehr zum jungen Mann werdenden Horst! Stundenlang konnte er am stibitzten Kleidungsstück schnuppern und brauchte schließlich immer eine Tempo-Box. Oder das Klopapier auf der Schultoilette, wo er die großen Pausen verbrachte. Den altrosafarbenen Geruchsträger hatte er immer in seinem Schulranzen dabei. Ranziger Hauttalg, alter Schweiß, ein Bukett von Matronen-Pheromonen! Dazu dieser penetrant anflutende Hauch von abgestandener Scheißhausluft! Fast in jeder großen Pause wichste Horst in der Enge der grün-lackierten Toilettenzelle mit der einen Hand, während er sich mit der anderen den alten rosafarbenen Pullover ins Gesicht presste! Wie mochte es wohl sein, mit dem Kopf unter diesen riesigen Brüsten festzustecken, die schweißgetränkten Ekzeme direkt vor dem Gesicht?

Die Mädchen würdigten den leicht pummeligen Außenseiter mit dem rotblonden Haar und den nahezu unbewimperten Augen keines Blickes. Er war unsportlich, redete kaum und hatte nur seine dämlichen Modellflugzeuge im Kopf. Uncooler ging es nun wirklich nicht mehr!

Als die Teilnahme an den vielen Modellflugwettbewerben sich negativ auf die Schulnoten auszuwirken begann, waren Horst Bittermeiers Eltern sehr unzufrieden. Er galt doch als „Überflieger“! Der Alleskönner-Horsti, der Pokale gewann und gleichzeitig auch noch gute Noten schreiben konnte! Wo war er nur mit seinen Gedanken? Selbst bei den Wettbewerben holte er nun zunehmend nur noch Silber oder gar Bronze, statt Gold!

Nun, Horsti träumte wahlweise von abgrundtiefen Unterbrustfalten, oder von momentan noch unerreichbarer erscheinenden Grazien, die mit ihm in den Whirlpool stiegen, sobald er erstmal ein cooler Top-Pilot wäre! Lufthansa-Kapitän mit einer schicken Uniform und einem Harem von Stewardessen um sich – oder ein tollkühner Kampfjet-Pilot, der abends in den Bars die heißesten Bräute abschleppte! Wie in diesen amerikanischen Spielfilmen. Latinas mit üppiger Oberweite, Blondinen mit seidigen Schenkeln… Je mehr er davon träumte, desto schlechter wurde er in der Schule. Warum sollte er sich dort überhaupt noch Mühe geben, wenn er sowieso nur der uncoole Oberarsch war? Die Mädchen standen nicht auf Streber oder Modellflugzeug-Sonderlinge. Ihm blieb deshalb bloß der verschwitzte alte Pullover von Frau Wannstetter. Und Speed Metal.

Seine neueste Entdeckung und Flucht aus seinem faden Schulalltag und dem breiartigen Einerlei der ewig gleich ablaufenden Modellflug-Wettbewerbe mit den ewig gleichen und gleichartig agierenden Gegnern… Einige der coolsten Jungs aus der Klasse über ihnen hörten diese Musikrichtung. Einer von denen hatte sogar eine tätowierte Freundin, die aussah wie aus einem Pornofilm! Schnell wurden Bands wie „Slayer“, „Megadeth“ oder auch „Sabaton“ zu Lieferanten eines neuen, permanenten Soundtracks seines jungen Lebens. Schule war uninteressant. Horst trug erstmals schwarz. Seine Eltern waren erst irritiert und dann alarmiert. Als er einmal allein zuhause war, hatte er auf der Anlage seines Vaters „Slayer“ gehört und die CD anschließend im Player vergessen – was gab das für ein Donnerwetter! Die Scheibe mit diesem „satanischen Höllenlärm“ wurde gleich durchgebrochen und in den geflochtenen Rattan-Papierkorb des Arbeitszimmers entsorgt! So konnte aus dem Jungen ja nichts Vernünftiges werden! Kein Wunder, dass der „Überflieger“ plötzlich kaum noch Pokale gewann und in Französisch seine erste Vier geschrieben hatte!


Ein bitteres Grinsen hob kurz die Mundwinkel des jungen Rollstuhlfahrers, der sich die intensive Abendsonne Arizonas ins Gesicht scheinen ließ. Er fingerte umständlich sein Taschenmesser aus der Jeans-Tasche, als er sah mit welchen Schrauben die Glasplatte vor ihm in ihrem Rahmen befestigt worden war.


Der Junge sollte von der schiefen Bahn zurück auf den Pfad der Tugend gebracht werden – der „Überflieger“ zurück auf die Startbahn. Um ihn zu alten Leistungen – schulischen und modellflugsportlichen – zu motivieren, versprach Horsts Vater seinem Sohn, dass er ihm zum bestandenen Abitur das Geld für den Motorflugschein schenken würde! Das wirkte zunächst tatsächlich. In seinen Tagträumen war Horst nun nicht mehr der obercoole Drummer in einer gefeierten Speed Metal-Band, der lauter tätowierte Groupies hatte, die ihm mit gepiercten Zungen den Schwanz lutschten, sondern doch wieder das tollkühne Fliegerass mit den Latinas und Blondinen aus den Bars am Start! Er holte nun nicht nur wieder erheblich bessere Schulnoten, sondern auch mal wieder einen Goldpokal. Hierbei hatte auch der finanzstarke Onkel Wolfgang seine Finger im Spiel – der immer noch sehr besondere Geschenke machte: Zum siebzehnten Geburtstag hatte er seinem Lieblingsneffen tatsächlich eine „Skylark 3000-FLS“ geschenkt – das absolute High-End-Modellsport-Segelflugzeug, das es momentan auf dem Markt gab! Horst konzentrierte sich wieder auf die Wettbewerbe. Wenn er später erst der gefeierte Pilot sein würde, könnte er in seiner Freizeit immer noch in einer Metal-Band spielen. Auch am gemopsten Pullover der dicken Frau Wannstetter schnupperte er jetzt nur noch ganz selten…

Letztes Jahr im August war er mit dem neuen Superflugzeug auf einem Wettbewerb in Oberbayern gewesen. Ein schwülheißer Tag, an dem die Luft über dem Modellflugplatz flimmerte. Die Luft war voller Insekten und der Schweiß lief Horst von der Stirn, als er seine Skylark mit der klobigen Funkfernsteuerung grazile Kunstflugmanöver vollführen ließ, die dem versammelten Publikum übergewichtiger Modellflugfans Szenenapplaus abrangen. Er, „der Überflieger“ war wieder in Bestform – selbst kleine Kinder waren von seinen Flugfiguren dermaßen begeistert, dass sie ihr Eis ungegessen in der Waffel schmelzen ließen… Es muss dann vermutlich eine unerwartete Böe bodennaher „Crosswind“ gewesen sein, die seine strahlendweiße „Skylark 3000-FLS“ erfasste und kurzzeitig Horsts Kontrolle entriss. Das sündteure Segelflug-Modell vollführte eine Dreiviertelrolle um die Längsachse und krachte anschließend in Seitenlage in eine der hohen Fichten, die direkt am Rande des Modellfluggeländes standen. Eine abgebrochene Tragfläche trudelte zu Boden, der Rest des lädierten Flugapparates hing nach dem Crash in etwa zehn Metern Höhe im Geäst des Nadelbaumes fest.

Horst war dicklich und unsportlich. Aber wenn es um sein Flugzeug ging, kannte er nichts! Er hätte es eigentlich wissen sollen, dass es keine gute Idee wäre, selber in den hohen Baum zu klettern, anstatt auf einen Profi zu warten, der ihm später bei der Bergung helfen würde. Der ungelenke Modellflug-Freak schaffte es zwar tatsächlich bis zum Wrack seiner Skylark – doch dann brach der Ast. An den Sturz konnte er sich hinterher nicht mehr erinnern. Komplizierte Brüche und künstliches Koma, ein Milzriss, mehrere OPs und monatelang Krankenhaus. Aber am schlimmsten war, dass er sich das Rückgrat gebrochen hatte, als er vom Baum gefallen war! Nun war nichts mehr so, wie zuvor.

Mit dem Querschnitt war die Mehrzahl von Horsts Träumen ausgeträumt. Eine Motorfluglizenz würde er nun nicht mehr erwerben können. Auch für eine Karriere als Drummer in einer Speed Metal-Band fehlte ihm jetzt leider die Beweglichkeit und Feinmotorik. Er konnte sich sogar keinen mehr runterholen, wenn er am alten Pullover der dicken Frau Wannstetter schnüffelte… Sein Leben war ein einziges Desaster. Nach den elendigen Monaten im Krankenhaus ging er schließlich sogar ohne Abitur vom Gymnasium ab. Jegliche Freude und Motivation war in ihm abgestorben… Er war ein ehemaliger „Flugzeug-Depp“ ohne Freunde, der seine ganze Jugend auf irgendwelchen Äckern verbracht hatte, um kleinen Flugmodellen nachzustarren. Uncool. Ohne Freundin… Selbst der schielende Fred hatte inzwischen schon die Dritte!

Immerhin hatte ihm sein Vater zum Achtzehnten dann doch noch das Geld geschenkt, das eigentlich für den Flugschein reserviert war. Viel Kohle. Am liebsten hätte er den Flugschein in den USA gemacht. Da gab es Kompaktkurse, die man in ein oder zwei Wochen absolvieren konnte. Außerdem liebte er die Landschaft des weiten, endlosen Westens. Eine Landschaft, die er aus den Fliegerfilmen kannte. Hier lagen am Rande von Airforce-Stützpunkten jene staubigen Bars, in denen sich die vollbusigen Latinas am Tresen rekelten. Und die hochgewachsenen Blondinen mit den seidigen Schenkeln an der Poledance-Stange…


Er war von dem Geld dann auch ohne Flugschulanmeldung nach Arizona geflogen – als Passagier. Nun war er hier oben und sah in die Tiefe. „Skywalk“ nannte man solch eine gläserne Aussichtsbrücke in schwindelnder Höhe. „Skylark“ assozierte Horst sofort zu dieser Vokabel. Das Mistding, wegen dem er alle seine Pläne begraben musste! Er sah noch einmal die abgerissene Tragfläche zu Boden trudeln. Sie drehte und überschlug sich damals in der Luft in ähnlicher Art und Weise, wie nun die abgeschraubte Glasplatte, als sie vor ihm in die Tiefe segelte… Stumm blickte er ihr hinterher. Sie flog ein erstaunlich weites Stück seitwärts, bis sie unter Entwicklung einer kleinen, rostroten Staubwolke auf dem Prärieboden zerschellte. „Hier kommt euer Überflieger!“, rief Horst Bittermeier, als er den Rollstuhl über den Rand des Skywalks hebelte. Endlich flog er! Er fühlte sich zum ersten Mal in seinem kurzen Leben wirklich frei. Vergaß die Schule, die Pokale und sogar seine Eltern!

Auf dem Skywalk blieb eine kleine Sporttasche mit aufgenähtem Modellflugclub-Logo zurück – darin Frau Wannstetters alter Pullover. Der Geruch war inzwischen verblasst.

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So, ich hoffe diese „FBKG“ über das kurze Leben Horst Bittermeiers konnte Euch trotz des tragischen Endes leidlich unterhalten! Für mich war es zumindest eine kurzweilige und interessante „Literarische Fingerübung“… 🙂

Wenn ich in einigen Tagen eine weitere Runde davon durchführen mag, sage ich rechtzeitig Bescheid und rufe in einem eigenen Blogeintrag erneut zu entsprechenden Kommentaren auf, in dem ich Euch dann auch nochmals die genauen Spielregeln erklären möchte… Bis dahin bastele ich auch noch eine eigene Übersichtsseite für diese Kategorie von selbstausgedachten Storys, ähnlich wie schon zu meiner Fortsetzungsgeschichte „Sternenkreuzer Pirmasens“.

Ich verbleibe mit hypermentalen Grüßen! Wenn Ihr mögt, könnt Ihr mir ja kurzes Feedback geben, wie Ihr das Resultat des kleinen Schreib-Experiments fandet… 😉

22 Gedanken zu “FBKG 001 – Horst Bittermeier – „Der Überflieger“

  1. Horst hat Ähnlichkeit mit Manuel Neuer finde ich, also optisch. Ansonsten riesiges Kompliment wie Du aus diesen vielen unterschiedlichen Vorgaben eine interessante und wirklichkeitsnahe Geschichte geschrieben hast. Spätestens nach dem Baumsturz war ja nichts mehr zu holen für Horst. Das war das ein wahrhaft würdiger Abgang!

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    • Es war ein Rückblick. Weil er runterfiel kam er in den Rollstuhl. Ich habe Sabaton dazugekommen, damit zumindest etwas neueres aus dem Metal darunter ist – das eigentliche Genre „Speed Metall“ hat sich ja bereits vor über 25 Jahren aufgespalten und damit überholt. Heute gibt’s ja eher „Power Metal“, „Death Metal“ usw.. Außerdem kenne ich mich sooo genau auch nicht im Metal-Bereich aus… Metal machte anteilig höchstens zwei bis drei Prozent der Musikrichtungen aus, die ich persönlich hör(t)e.

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      • Die ganze Geschichte ist ein Rückblick von der Schlussszene und den mit dünnen Linien vom Rest des Textes abgesetzten Einschüben aus betrachtet, die in Arizona spielen. Offenbar habe ich das zu unverständlich erzählt bzw. setzte da zu viel bei den Lesern voraus…

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      • Danke, dann habe ich es ja verstanden – ansonsten bin ich auch begeistert.
        Nee, glaube ich nicht, die anderen haben es doch sofort kapiert.

        Ich kenne mich auch nicht wirklich aus in den Genres, obwohl ich einiges Metal schon mag. Sabaton habe ich schon 2x live gesehen und fand die nicht allzu hart und schnell, darum war ich etwas überrascht. Vielleicht war ich aber auch einfach vom schönen Joakim zu eingelullt um noch etwas zu kapieren *GG*

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    • Für die Geschichte selbst habe ich netto (abzüglich von Kaffeezubereitungszeiten und Pinkelpause) knapp unter drei Stunden gebraucht, um das Portrait (ich weigere mich, das Wort der neuen Rechtschreibung gemäß als „Porträt“ zu schreiben) zu entwickeln dann noch mal etwa zwanzig Minuten… Schöne Beschäftigung während meiner Corona-Ferien… 😉 (besser als immer nur lesen – was ich ansonsten machen würde, wenn kein Gartenarbeitswetter ist)

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  2. Die Erzählstruktur mit den Rückblicken ist schon klar geworden, du hast es ja sogar noch graphisch verdeutlicht! Ich finde es alles inhaltlich sehr stimmig, was gerade angesichts der Fülle und Vielfalt von Anregungen echt beachtlich ist. Sprachlich-stilistisch gefällt es mir auch, es ist sehr flüssig und anschaulich, so musste ich angesichts der alten Frau W schon etwas angewidert das Gesicht verziehen.
    Abschließend habe ich mir nur noch
    Überlegt, ob dieses Vorgehen mit den biografischen Anregungen als Input wirklich so für das Format Kurzgeschichte geeignet ist. Mit den biografischen Informationen, auch wenn es weniger sein werden, wirst du meiner Meinung nach immer mehr in den Romanmodus geraten, da du versuchst, die Figur vor ihrem jeweiligen Hintergrund plausibel zu machen. Das ist zwar, wie man jetzt gesehen hat, auch sehr interessant und durchaus lesenswert, ich persönlich stelle mir unter Kurzgeschichte aber ein bisschen mehr Handlung vor allem in der Gegenwartsebene vor. Aber dazu bleibt dir logischerweise nicht mehr so viel Raum, weil du ja bereits viel Umfang auf die Darstellung der Hintergründe verwendet hast. Von daher hatte ich gerade überlegt, ob nicht auch eine bestimmte Anzahl von Reizwörtern, die man ja auch kollektiv sammeln könnte, ein produktives Muster sein könnte, wo dann wirklich eine Kurzgeschichte im klassischen Sinn rauskommen kann und weniger eben dieser stark biografisch Ansatz. Vielleicht ja in einer gewissen Zeit, wenn du dich an den Fiktionalen Biografien ausgetobt hast 😉Ansonsten werde ich die natürlich auch weiterhin gerne lesen.

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    • Das hört sich sehr nach einer guten Idee für eine weitere Serie an! 🙂
      Nun, es ist ja eine Mischung aus Kurzgeschichte und Biografie. Der Biografieansatz bringt es mit sich, dass ich mir die Leute sehr detailliert ausdenken kann – das Entwerfen des entsprechenden Portraits ist für mich als optisch arbeitenden Kreativen auch reizvoll. Ich rendere die Portraits aus Dutzenden von Ausgangsbildern zusammen und verändere anschließend die Geometrie der Gesichtszüge so lange, bis ich die Person tatsächlich vor mir habe, über die ich dann erzählen werde (schon bei den Geschichten, die ich in meiner Kindheit meinem Bruder erzählt habe, war das Malen aller vorkommenden Figuren sehr wichtig)…

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  3. Auf jeden Fall originell und kurzweilig erzählt. Das Ende war mir allerdings bereits in dem Moment klar, als Horst seinen Rollstuhl an das gläserne Geländer manövriert hat. Aber um einen Schluss-Twist ging es dir wahrscheinlich aich gar nicht, oder?

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      • Ich schreibe auch aus dem Bauch heraus und halte weder viel von Schreibratgebern noch vom detaillierten Plotten. (Und ich mache mir immer wieder Feinde, wenn ich sage, dass ich das Schreiben eben nicht als Handwerk betrachte. Das ist ja eine sehr beliebte Auffassung momentan: Das Schreiben als das neue Stricken. Da könnte ich regelmäßig kotzen.)

        Ein roter Faden ist mir jedenfalls oft mehr als genug. Es sei denn, ich habe verschiedene parallele Handlungssträngen auf mehreren Zeitebenen wie bei „Am Anfang war Lila“. Da würde ich ohne groben Plan den Überblick verlieren. Wobei das mit dem Plotten auch Geschmacksache ist. Ich bin eher der Discovery Writer. 😉 und finde es interessanter, wenn ich selbst nicht weiß, wie es weitergeht und die Geschichte sich frei entfalten kann. Das gewährt auch Einblicke in die eigene Psychologie, was sehr aufschlussreich sein kann. Aber ich schreibe ja auch Triviallektüre und kann bei hoher Literatur nicht mitreden. Dass Amazon mich bei „Zeitgenössischer Frauenliteratur“ eingeordnet hat, war nicht mein Verdienst. Ich hatte wesentlich banalere Kategorien ausgewählt.😄

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  4. Gestern lachte ich auf wg einer köstlichen Pointe, oben, find sie nicht mehr. Aber bravo! Sogar den Horst-i hast Du berücksichtigt! Ist toll, wenn unsere eigenen Vorschläge in einer Kurzgeschichte umgesetzt zu lesen sind! Eigentlich Waaahnsinn! Glückwunsch – das macht tatsächlich Appetit auf mehr! 👓 PS. Und ich bin schuld, daß es am Ende so gekommen ist … ;-(

    Gefällt 1 Person

    • Interessantes Setting – aber beim nächsten Mal hätte ich es ganz gerne, wenn die einzelnen Informationen von möglichst vielen verschiedenen Leuten kämen (einer nur Namen, anderer dann nur Alter, weitere dann jeweils eine Zusatz-Information) – das macht es für mich zum einen noch komplizierter und daher herausfordernder, und zum anderen haben dann mehr Leute die Chance, dabei mitzumachen…
      Vielleicht mache ich am Wochenende mal einen erneuten Aufruf – momentan finde ich keine Zeit dafür.

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