Hypermental, der alte Geschichtenerzähler

#0345[1255]

0002 Logo

Seit etwas über zwei Jahren beehre/versorge/behellige (sucht Euch was Passendes aus) ich meine Leser mittlerweile mit meiner selbstausgedachten Fortsetzungsgeschichte „Sternenkreuzer Pirmasens“ – einer SciFi-Story mit seit gestern zwei Dutzend Episoden… Nun, das Ausdenken von Geschichten ist für mich nichts wirklich Neues – ich fing damit bereits vor etlichen Jahrzehnten an, als in meiner Kindheit meinen kleinen Bruder mit selbstersonnenen Geschichten zu unterhalten begann.

„Geistchen und Geisterfänger“

Ich muss etwa acht Jahre alt gewesen sein, als ich damit anfing. Wenn wir alleine bei der Großmutter mütterlicherseits zu Besuch waren (mein Großvater lebte zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr – er kam einen Monat vor dem Beginn seines Ruhestandes durch die Folgen eines Autounfalls ums Leben), durften wir im großen Ehebett übernachten und meine Oma schlief auf der Esszimmercouch oder auf einem Sofabett im ehemaligen Jugendzimmer meiner Mutter. Für uns war das damals stets etwas ganz Besonderes. Zumal dort niemand kontrollierte, ob wir schon brav schliefen, oder uns noch die Nacht um die Ohren schlugen. 😇

Mein Bruder muss damals um die vier Jahre alt gewesen sein, als ich merkte, dass er gerne Gruselgeschichten hörte. So entstand schon damals eine Art Fortsetzungsgeschichte, die wir „Geistchen und Geisterfänger“ nannten. Im zarten Alter von acht oder neun Jahren waren diese Gespenstergeschichten natürlich keine knallharten Horror-Schocker sondern eher eine Art lustiger Slapstick à la „Tom und Jerry“ – wobei das Geistchen in der Rolle der Maus war und der tollpatschig-dämliche Geisterfänger der Kater.

Später durften wir an den Wochenenden und in meinen Schulferien (mein Bruder ging noch in den Kindergarten) auch bei meinen Eltern öfters zusammen in einem der beiden Gästezimmer übernachten und setzten dort die lustigen Gespenstergeschichten um etliche Dutzend Folgen fort. Immer öfters erzählte ich meinem vier Jahre jüngeren Bruder aber auch andere Geschichten, in denen es nicht um Gespenster ging. Teils waren diese Erzählungen auch „interaktiv“ – d.h. mein Bruder konnte einen der Protagonisten „steuern“ und somit die Handlung beeinflussen und selber vorantreiben. Ich war aber immer der Mastermind und Haupterzähler. Irgendwann (ich weiß nicht mehr genau wann, aber ungefähr zu jener Zeit, als ich von der Grundschule aufs Gymnasium wechselte, muss das gewesen sein) kristallisierte sich eine weitere, ewig lang fortgesetzte Geschichtenreihe heraus, deren Hauptfiguren über die Jahre hinweg konstant die gleichen blieben – es kamen aber auch stets neue hinzu und die Zahl der Nebenfiguren ging irgendwann ins Dreistellige.

Eine fiktive Welt breitete sich aus

Es wurde also recht schnell regelrecht „episch“. Ich war damals ein äußerst kreatives Kind und eine richtige Leseratte. Als Sonderling/Außenseiter/Mobbingopfer war ich während meiner Schulzeit überwiegend isoliert und eigenbrötlerisch unterwegs. Ich verschlang manchmal fast ein ganzes Buch pro Tag  und hatte unter meinen Mitschülern eher wenig Spielgefährten. Diese überbordende Phantasie und persönliche Kreativität, angereichert mit vielen weiteren Ideen aus meinem Bücherkonsum, war in Kombination mit genügend Zeit ein guter Nährboden für solch ein Mammutwerk, wie diese neue Fortsetzungsgeschichte, in deren langjährigem Verlauf eine ganze Welt entstand.

Im Prinzip war das Ganze eine Art Utopie – eine Parallelgesellschaft, ein fiktives Staatssystem und seine Bewohner. Ausgangspunkt waren zwei Brüder, die schon als Kinder an einem Forschungsprojekt teilnahmen, das dem Bereisen einer „anderen Dimension“ bzw. deren Erkundung diente. Es gab dort eine völlig unbekannte, abenteuerliche Welt, die man mit einer Art Zeitmaschine/Beamzelle/Dimensionsportal (ich weiß gar nicht mehr, wie wir das anfangs genau nannten – aber später setzte sich „Beamzelle“ durch) betreten konnte. Zunächst gab es dort eine von den Menschen unserer realen Welt betriebene Forschungsstation, von der aus die beiden Brüder die neue Welt in abenteuerlichen Expeditionen miterkundeten.

Die Handlung spielte aber teilweise auch immer wieder in der realen Welt und zwar sowohl in Deutschland, als auch in Kalifornien (nahm ich damit etwa die Idee des „Silicon Valley“ vorweg?), wo es jeweils Niederlassungen der Forschungsinstitute gab, die sich mit diesen Dimensionsreisen und der Erkundung der Parallelwelt befassten. Das Genre unserer Endlosgeschichte lag damals irgendwo zwischen Abenteuerroman, Science Fiction und Fantasy. Mein Bruder übernahm in den Geschichten die „Steuerung“ des jüngeren Bruders, ich erzählte den Rest, d.h. den Part des älteren Bruders, die Handlungen der weiteren Haupt- und Nebenfiguren und das ganze Setting der Story.

Aus Kindern werden Leute

In den Geschichten konnte man vieles Ausprobieren oder in der Phantasie durchleben, das einem real verwehrt blieb. Die beiden Brüder waren gleichermaßen mutig wie beliebt. Und irgendwann sogar mächtig – und zwar der Zauberei (nahm ich damit etwa die Idee von „Harry Potter“ vorweg?). Letztere gab es bei den Ureinwohnern der „anderen Dimension“, diese waren teils magiebegabt (der „Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien hatte bei mir seine Spuren hinterlassen). Neben Menschen gab es auch allerlei andere Geschöpfe, auf die die beiden Brüder während ihrer Erkundungsreisen stießen.

Nicht nur die Brüder in der Geschichte wurden älter, sondern wir auch – auch noch im Teenageralter setzten wir als echte Nerds unsere Endloserzählung fort. Oft untermalten wir sie nun auch mit einem leisen Soundtrack von Kassette oder CD (etwa mit Filmmusik oder Weltmusik). Mein Bruder (er war ein Elektroniktüftler und hielt schon mit vier oder fünf Jahren das erste Mal einen Lötkolben in der Hand) baute irgendwann sogar einen kleinen Computer, der als Zufallsgenerator ein paar Handlungsalternativen vorschlagen konnte, um den Verlauf des Ganzen noch spannender zu machen, der darüber hinaus auch zur Verwaltung der ganzen Personen diente. Zusätzlich legte ich nun auch ausführliche Listen in Schulheften an und zeichnete eigenhändig Landkarten und Diagramme zur Erklärung und Fixierung der ausgedachten neuen Welt.

Diese gliederte sich im weiteren Verlauf in eine moderne bis futuristische Metropole, die um die einstige Forschungsstation herum entstand und überwiegend von Menschen aus unserer eigenen Dimension bewohnt wurde – auch die Politik und gesellschaftlich-soziokulturelle Entwicklung dieses Stadtstaates wurde detailliert ausgesponnen. Mit einer Grenzmauer war diese moderne Stadt gegenüber dem Umland der Urbevölkerung abgeriegelt bzw. abgesichert (draußen gab es unter anderen Drachen und andere Monster). Außen war sie von einem Grenzland umgeben, in dem es eine Melange aus beiden Welten gab (hier lebten beispielsweise „ausgestiegene“ Forscher in Hippiekommunen und Orks fuhren Motorrad – es gab aber noch erheblich bizarrere Details). Die Brüder hatten luxuriöse Anwesen in der Stadt und brachen ins Grenzland auf, um dort die Magier-Akademie zu durchlaufen. Irgendwann hatten sie auch ziemlich schicke Freundinnen… 😁

Ein bissen erinnerte das an Rom (die Hauptstadt mit der modernen Technik), die römischen Provinzen (das umliegende Grenzland) und die Barbarenlande (dort wo Magie praktiziert wurde und es sogar noch Drachen gab). Später kam sogar noch Raumfahrt mit Ausflügen zu fremden Planeten innerhalb der „anderen Dimension“ hinzu. Und Alles hing dort mit Allem zusammen. Ein gigantischer, detailliert ausgestalteter Kosmos! Es gab Politik, Intrigen, Lovestories, Fantasy-Schlachten und Weltraumgefechte, Helden und vielleicht sogar noch mehr Antihelden (die lagen uns eher), eine eigene Flora und Fauna und ein ganzes in dicken Kladden (und später sogar schon auf dem ersten PC) festgehaltenes Magie-System. Dazu Kartenmaterial ohne Ende und endlose Personenverzeichnisse… Ihr seht, mein „Sternenkreuzer Pirmasens“ samt illustriertem Glossar fußt auf einer langen Erzähltradition!

Wir führten unser Endlosprojekt sogar noch in den Semesterferien meines ersten Universitätsstudiums fort. Wenn auch erheblich sporadischer, als noch zu Schulzeiten. Endgültig zu Ende ging diese brüderliche Kreativtradition eigentlich erst, als mein kleiner Bruder seine erste Freundin hatte – da war er auch schon auf der Universität (wir waren diesbezüglich beides Spätzünder – ich hatte meine erste Freundin sogar erst ein Jahr nach ihm, obwohl er vier Jahre jünger war). Inzwischen war ich auch kein nerdiger Außenseiter mehr und führte auch zunehmend außerhalb des eigenen Hirns ein spannendes und interessantes Leben mit reichlichen Sozialkontakten. Aber die Außenseiterphase davor hatte unseren jahrzehntelangen Fortsetzungsgeschichten-Marathon vermutlich überhaupt erst ermöglicht…

Deshalb ist das Geschichtenerzählen für mich alles andere als „Neuland“ – nun kennt Ihr auch die Geschichte dahinter…

Wieder genügend Zeit zum Schwadronieren

Vielleicht fällt es mir daher auch mittlerweile wieder leichter, mir für meine Leser Geschichten auszudenken. Ich habe mich ja in den letzten Jahren zunehmend aus der Mainstream-Gesellschaft zurückgezogen und bin inzwischen wieder ähnlich „isoliert“ wie in meinen ersten zwei Lebensjahrzehnten. Nicht mehr der umtriebige Lebemann/Kulturschnösel/Partylöwe wie in den auf die ersten zweieinhalb Jahrzehnte folgenden nächsten anderthalb Jahrzehnten, in denen ich mich quasi neu erfand, selbst-therapierte und alles auslebte, was zuvor unterblieben war. Quasi selber zu einer Art „hypermentalen“ Romanfigur wurde (in diesen Jahren begann ich damals auch auf myTagebuch zu bloggen – sehr treue Leser, die früher auch dort schon Konsumenten meiner „Daily News of Absurdistan“ waren, werden sich daran erinnern). 😉

Inzwischen verfalle ich wieder in alte Verhaltensmuster und bin mehr der stille Beobachter von der Metaebene, als der handelnde Hauptdarsteller. Lebe seit fast einem Jahrzehnt wieder zurückgezogener, habe die alten Bekannten/Freunde/Hofschranzen fast ausnahmslos aussortiert und in die Wüste geschickt (beziehungsweise diese sich auch selbst – Stichwort „Kinder und/oder Karriere“ – der olle „Hyper“ ist nun abgemeldet)… The party is over. Ich lese wieder ähnlich viel, wie in meiner Jugend (wenn auch mehr Sachthemen, als Prosa) und fing schließlich sogar mit dem Geschichtenerzählen wieder an – und zwar für Euch: Vor zwei Jahren mit dem „Sternenkreuzer Pirmasens“!

Ich habe sogar schon eine grobe Idee für ein weiteres Geschichtenprojekt, das dann auch wieder etwas „interaktiver“ werden könnte, indem ich Ideen von meinen Lesern einbinde. Es wird aber eher um einzelne abgeschlossene Shortstorys gehen, als um eine zusätzliche zweite Fortsetzungsgeschichtenreihe. In einem meiner nächsten Blogeinträge walze ich diese Idee dann für Euch aus… 😉

Bis dahin verbleibe ich mit hypermentalen Grüßen!

14 Gedanken zu “Hypermental, der alte Geschichtenerzähler

  1. Was ich hier lese, begeistert mich sehr.

    Ich erinnere mich an das Schlangenschwert von Sergej Lukanienko (Si-Fi-Jugendbuch) sowie an die Chroniken von Narnia und natürlich auch an Tolkien sowie King und Koontz – im Zusammenhang mit deinen Erklärungen und bin nun fast sicher, dass ich mich am Sternenkreuzer erfreuen werde. Ich glaube, ich muss das mal im Büro ausdrucken. Ich lese einfach nicht gerne lange am Bildschirm. Das iPad liegt schon ewig hier rum und ich freunde mich erst langsam damit an.

    Erneut stelle ich fest, dass wir eine ähnliche Rolle – wenn auch vor einem ganz anderen Hintergrund – eingenommen haben. Ich war ebenfalls ein Aussenseiter, obwohl es auf den ersten Blick nicht so aussah und in der Unterstufe auch noch nicht tragisch war. Mit den Leuten verstehe ich mich auch noch immer gut. Die jahrelangen Versuche zu den anderen zu passen und nicht zu verstehen, was an mir nicht ok sein sollte, waren schmerzhaft und zermürbend. Auch ich habe, als ich endlich bei mir war und wusste wie ich das alles händeln muss, alles nachgeholt, was ich nur konnte und es sehr genossen. Seit ich den Mann habe, lebe ich auch vor allem wieder ein Innenleben und bin sehr zufrieden damit. Der grosse Geschichtenerzähler bei uns ist jedoch er. Ich kann nur in vorgegebene Welten von anderen eintauchen – und dann kaum noch in die Realität zurück finden, wenn es mir dort gut gefällt 😀

    Gefällt 1 Person

      • So – das Ding ist ausgedruckt – mit Bildern und in Farbe – und ich bin grad heim gekommen.

        Nicht ganz so wie ich es gerne gehabt hätte, doch tiptop zum Lesen.

        Es sind übrigens rund 176 Seiten, schön grosse Schrift.

        Gefällt 1 Person

        • Danke, freue mich schon und habe es bereits dem Mann unter die Nase gehalten und von deinem Blog geschwärmt, vielleicht taucht er auch mal hier auf.

          Denkste, ich muss das TV-Programm studieren (frag nicht, so ein Asperger-Tick von mir). Ich habe mir aber vorgenommen, jeden Tag ein paar Seiten zu lesen.

          Gefällt 1 Person

  2. Ich bin sehr beeindruckt! Sowohl vom epischen Kreativpotential deiner Kindheit als auch von deinem guten Gedächtnis. Eigentlich müsstest du das alles mal verschriftlichen und irgendwo platzieren (auf einer größeren Plattform als hier mit mehr Reichweite), da gibt es sicher Interessenten, so ausgeklügelt wie das klingt. Auch sehr interessant, wie die Geschichte mit euch mitgewachsen ist! Auch das Brüderliche gefällt mir gut. In meiner Kindheit gab es auch eine Phase, in der mein jüngerer Bruder und ich uns, statt einzuschlafen, von Zimmer zu Zimmer rufend unterhielten (Eltern waren ein Stockwerk tiefer) und uns immer ziemliche Quatsch-Geschichten ausdachten, weitaus nicht so ausgeklügelt natürlich, aber es ist trotzdem eine schöne Erinnerung an die gemeinsame Verbindung 😊 auf die Kurzgeschichten bin ich gespannt, da versuche ich auf jeden Fall mal mit einzusteigen, was ich bei Pirmasens nicht geschafft habe 😅

    Gefällt 3 Personen

    • Ich befürchte, unsere alten Aufzeichnungen waren zu speziell und natürlich für „Insider“ konzipiert, als dass das heute noch für Außenstehende interessant wäre – außerdem fehlt inzwischen auch einiges davon…
      Ja, das was mir vorschwebt, sind abgeschlossene Texte, keine weitere Fortsetzungsgeschichte. Mal schauen, wann/ob/wie das was wird…

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.