STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XXI

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Als sonntägliches Leservergnügen folgt für Euch nun eine weitere Episode meiner selbstausgedachten Sci-Fi-Serie „Sternenkreuzer Pirmasens“… 🚀

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Kapitel XXI – Im Bauche des Walfischs

Eena langweilte sich in ihrer Haft furchtbar. Sie war eigentlich ein sehr aktiver Mensch und brauchte permanenten Input, um ausgelastet zu sein. Hier in der kargen Nüchternheit ihrer Arrestzelle wurde sie depressiv vor lauter Stillstand. Ihr wäre es momentan sogar ganz recht gewesen, wenn Lydia Riedl weiterhin ab und an vorbeikäme, um sich von ihr oral beglücken zu lassen – nie hätte Eena Broussard gedacht, dass sie sogar die herzlose Polizeichefin eines Tages vermissen würde. Die Militärpolizei-Majorin hatte sich nicht mehr blicken lassen seitdem der „Deal“ zwischen ihnen in die Binsen gegangen war. Benjamin fehlte Eena aber noch um Welten mehr. Ob sie ihn jemals wiedersehen würde? Sie befürchtete, dass sie nun monatelang eingekerkert bliebe und dann einfach eines Tages sang- und klanglos den Behörden einer terranischen Kolonie überstellt wird. Unwahrscheinlich, dass der langhaarige Pirmasenser dann dabei anwesend ist…

Von einer Sekunde auf die andere ging in Eenas Zelle das Licht aus. „Oh fuck – nicht schon wieder Dunkelhaft!“ Nachdem der Deal vor einigen Tagen geplatzt war, hatte Major Riedl sie tatsächlich fast einen halben Tag lang im Stockdunkel hocken lassen. Zum Glück war der dickliche Typ der ihr das Essen vorbeibrachte nicht in die genaueren Modalitäten eingeweiht – er hatte zwar kurz irritiert geblickt, dann aber einfach die Zellenbeleuchtung wieder eingeschaltet, bevor er den Fraß in die Schleuse stellte und sich wieder verkrümelte… Eena trat in der neuerlichen Finsternis wütend gegen den Sockel ihrer Bettstatt. Aber das nützt natürlich nichts – nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, seufzte sie schicksalsergeben und machte es sich auf der Liegefläche bequem. Dort lag sie eine gewisse Weile reglos und hing ihren Gedanken nach.

In völliger Dunkelheit spielen manchmal die Sinneseindrücke ein wenig verrückt – war sie eingenickt und träumte nun bereits? Eena fühlte sich plötzlich schwerelos. Sie schwebte bereits eine Handbreit über ihrer Schlafstelle. Als sie sich mit den Händen nach unten hin abstieß, schwebte sie bis zur Zimmerdecke und stieß sich den Kopf an. „Verfluchte Hurenrotze – ich bin tatsächlich schwerelos!“ Eena war nun hellwach, denn auf einem dermaßen hochtechnisierten Schiff wie der „U.E.S.S. Pirmasens“ fielen die Generatoren für die künstliche Schwerkraft nur bei einem wirklich gravierenden Notfall aus! Eine Explosion an Bord hatte es jedoch nicht gegeben – so etwas hätte sie mitbekommen müssen. Also kein Gefecht. Vielleicht ein massives Computerproblem? Eena stieß sich diagonal von der Decke ab und glitt durch den Raum – ihre Instinkte sagten ihr, dass nun womöglich die Chance zur Flucht gekommen sei. Nach einigem Hin und Her, schwebte sie direkt vor der Zellenschleuse, die sich aber keinen Millimeter bewegen ließ. „War ja auch zu einfach gedacht…“ So schnell kam sie hier nicht raus. Aber die neue Situation verunsicherte sie. Schwerelos trieb die Kahlgeschorene in der vollkommenen Schwärze ihres Verlieses und bemerkte nun auch, dass es hier totenstill war. Normalerweise hörte man das Belüftungssystem, oder andere Betriebsgeräusche des großen Raumschiffs. So ein massiver Ausfall konnte wirklich nichts Gutes bedeuten! Eena erschauderte.

Nappoke Gnobkock hatte seinen Ausguck im Sternenkreuzerheck verlassen und hastete nun so schnell es einem schwerelosen Schompad möglich ist durch die finsteren Gänge in Richtung der Kommandobrücke, wo er über seine beängstigenden Beobachtungen Meldung machen wollte. Unterwegs hatte er noch Benjamin Freitag in der Teeküche ihres gemeinsamen Habitationssegmentes abgepflückt und ihn nun im Schlepptau. „Ich sag dir, sowas hast du noch nicht gesehen, Kumpel, das Ding hat uns tatsächlich verschlungen, wie ein Fisch einen Wurm verschluckt!“ Die Stimme des Außerirdischen überschlug sich fast, obwohl er sonst eigentlich in Ausnahmesituationen eher ruhig blieb.

„Krass! …und du hast das da hinten tatsächlich eigenen Auges beobachten können?“

„Klar – sowas Furchteinflößendes habe ich schon lange nicht mehr gesehen! Dieses Ding, Raumschiff oder was auch immer, es muss riesig sein! Das hätte uns sogar aufnehmen können, wenn wir mit der Breitseite darauf zugetrieben wären!“

Fast wären sie mit Aegmuil Bhostor zusammengerasselt – der loringulanische Second Lieutenant war vor ihnen etwas langsamer ebenfalls in Richtung Brücke unterwegs. Nappoke legte ihm zur Begrüßung eine seiner braunen Pranken auf die schmale Schulter: „Ey, Beinchenkranz! Wir müssen sofort zur Brücke – ich weiß, was mit unserem Schiff geschehen ist!“ Nun zogen sie sich zu dritt am Geländer des Ganges entlang, die Kommandobrücke war glücklicherweise nur noch wenige Meter entfernt.

„Ich würde das an deiner Stelle nicht machen, Cody!“, rief Brugo Ovott seinem Bekannten zu, als dieser sich vom Geländer der vierten Etage abstieß, die den offenen Luftraum des Arboretums im Zentrum der Pirmasens umgab. Cody O’Brallaghan war ein unverbesserlicher Kindskopf und reagierte auf den Zustand plötzlicher Schwerelosigkeit wie ein Vierjähriger auf den ersten Winterschnee. „Yippie-Ya-Yeah – hier kommt Superman!“

Brugo leuchtete ihm mit dem Display seines Tabletcomputers hinterher, den er sonst zum Katalogisieren der Frachtcontainer benutzte. Momentan hatte er auf dem ganzen Schiff kein Netz mehr – aber als Lichtquelle konnte man das Tablet noch gebrauchen. Cody segelte quer durch die Leere bis er in der Krone einer der kümmerlich wachsenden Ulmen landete – dort wendete er wie ein Schwimmer am Beckenrand und sauste wieder zurück in Richtung des kleinen, graupelzigen Verladetechnikers, der etwas genervt den Kopf schüttelte. Anderenorts war man aber noch deutlich genervter: In der relativen Stille, die nun auf dem Raumschiff herrschte, hörte man quer durchs Arboretum von allen umgebenden Decks Rufe und Flüche. Diese steigerten sich nochmals, als unvermittelt ein heftiges Zittern durchs Schiff lief, das von einem lauten Klong und einem dumpf-metallischen Quietschen und Scharren begleitet wurde – offenbar war die Pirmasens soeben „gelandet“ – worauf auch immer!

Auf der Brücke flackerten zahlreiche Telefondisplays gespenstisch durch die Finsternis. Trotz fehlender Schwerkraft hatte sich dort inzwischen ein Großteil der höheren Offiziere eingefunden. Sie umringten den Schompad und lauschten gebannt dessen Ausführungen – die sie allerdings nach fast jedem Satz bestürzt durcheinanderreden ließen. Captain Erno Santorius musste mehrfach um Ruhe bitten, um weitere Details erfahren zu können. „Wir sind also wirklich in diesem Objekt, das uns zuvor bereits während des Fluges im Alcubierre-Modus verfolgt hat, Herr Gnobkock? Habe ich sie diesbezüglich richtig verstanden?“ Bevor der korpulente Schompad antworten konnte, dröhnte ein metallischer Rumms durch das gesamte Schiff, dem kreischende Schleifgeräusche folgten. Die Pirmasens hatte offensichtlich plötzlich Grund unter ihrem Bauch. „Sofort die Landestützen ausfahren!“

„Wie denn, ohne Energieversorgung?“, entgegnete Hayden Findley.

„Oh – stimmt.“ Captain Santorius kratzte sich am Bart.

Zum Glück setzte die neuerliche Schwerkraft nicht abrupt, sondern sanft ein, deshalb stürzte Cody O’Brallaghan auch nicht wie von der Hand eines Riesen zu Boden geschmettert aus dem Luftraum des Arboretums ab. Obwohl er aus fast 20 Metern Höhe fiel, prallte er nur mit der Geschwindigkeit eines flotten Joggers auf – wer allerdings schon mal gegen einen Laternenmast gelaufen ist, der weiß wie schmerzhaft so etwas bereits bei diesem Tempo ist! Brugo lief flink die Metalltreppen hinab, um sich um den Verunglückten zu kümmern. Alle Personen und Gegenstände an Bord schienen jetzt wieder ihr normales Gewicht zu haben. Aber es war nach wie vor stockdunkel und man hörte keinerlei Betriebsgeräusche – es musste sich also nicht um die von den bordeigenen Generatoren erzeugte künstliche Schwerkraft handeln, sondern um eine andere Anziehungskraft von außerhalb des Raumschiffs. Cody rieb sich im Schein von Brugos Tablet-Display eine gehörige Beule, die nun auf seinem Hinterkopf anschwoll.

Zeke Hersberger harrte immer noch in seinem Versteck aus, seiner geheimen Schaltzentrale. Offenbar war dieses Menschenraumschiff inzwischen dort angekommen, wohin es sollte, denn nach einigen entsprechenden Geräuschen war jetzt auch die Schwerkraft wieder zurück. Er selbst hatte die Stromversorgung noch nicht reaktiviert – diese künstliche Schwerkraft wurde also bereits von Ihnen erzeugt. Oder zumindest von Ihrer Technologie, die das Menschenschiff nun umgab… Hersbergers neuer Herr im Hirn hatte diesen Teil seines uralten Auftrags somit vollbracht. Kurze Zeit lang delektierte er sich noch daran, wie der riesige Sternenkreuzer auf seinem Bauch liegend wie ein riesiges Schaukelpferd nachwippte. Gerade im Bug und im Heck mussten dabei unweigerlich allerlei Gegenstände durcheinandergeraten. Vielleicht brach auch Panik aus – es drängte ihn, seinen Posten zu verlassen und sich einen Überblick zu verschaffen! Dazu bräuchte er jedoch wieder Licht. Durch seine überlegene Schadsoftware hatte er den Schiffsrechner zwar weiterhin fest im Griff und auch die Erinnye-Sicherheitsarchitektur tiefgreifend ausgeknockt, aber er erlaubte es nun einem Teil des Systems, sich zu rebooten. Die Stromversorgung fuhr wieder hoch – auf dem gesamten Schiff gingen nach und nach Beleuchtung und Computer an. Nur die Waffensteuerung und das komplette Antriebssystem hielt er weiterhin unter Blockade. Ebenso das interne Energiemanagement sämtlicher Fahrzeuge und Shuttles. Erkundungsfahrten oder gar -flüge in die neue Umgebung würde er den Erdlingen nicht gestatten!

Als das Licht wieder anging und ein Display nach dem anderen wieder zum Leben erwachte, ging ein freudiges Raunen durch die Menge der auf der Kommandobrücke Versammelten. Nachdem die Schwerkraft wieder eingesetzt hatte, war allerdings recht viel zu Boden gefallen – überall lagen Papiere herum, auch einige Telefone und ein paar ausgeschüttete Kaffeebecher. Aber wenigstens konnte man endlich wieder etwas sehen! Ob jetzt wohl auch die Außenkameras funktionierten? Gerade rechtzeitig als man es ausprobieren wollte, kam Pavlína Dvořáková in den Raum getrabt – die stellvertretende Wissenschaftsoffizierin war bei der Rückkehr der Anziehungskraft hingefallen und rieb sich nun den schmerzenden Musikantenknochen. Ungewöhnlich voll war es auf der Brücke – offenbar hatten sich etliche Besatzungsmitglieder hierhin begeben, nachdem sich die besorgniserregenden Ereignisse gehäuft hatten.

Auf dem übergroßen Zentraldisplay erschien tatsächlich wieder ein Bild: Finsternis. Hayden Findley dimmte sofort die Beleuchtung im Brückenbereich, damit man mehr erkennen konnte. Die Düsternis war nicht total, es schien aus entfernteren Arealen der Umgebung diffuses Licht zu kommen, grünlich blass kroch es durch die überwiegenden Schatten und verhüllte mehr, als dass es erhellte. Die Außenaufnahme war zunächst stark interpretationsbedürftig – bis die Erste Offizierin einen Restlichtverstärker-Filter über das Bild legte. Jetzt konnte man erkennen, dass sich der gesamte Sternenkreuzer in einer riesigen Kaverne befand. Er schaukelte inzwischen auch nicht mehr nach, sondern war mit einer minimalen Schräglage von nur einem oder zwei Grad zum Stillstand gekommen. Offenbar war der Boden uneben, das Schiff lag mit seiner Bauchseite recht stabil in einer Art Mulde oder Geländesenke. War das dort draußen Landschaft oder Innenarchitektur? Schwer zu sagen. Die Umgebung sah gleichermaßen technisch, wie auch natürlich gewachsen aus. Kaum gerade Linien. Eine ungewöhnliche, die Sinne verwirrende Geometrie zog sich durch alle Details.

Während die Wissenschaftler um Pavlína Dvořáková fasziniert auf die merkwürdige Umgebung starrten und überlegten, woraus diese wohl bestand, gingen Captain Santorius und seine Erste Offizierin bereits eine technische Checkliste durch: „Generelle Stromversorgung?“

„Läuft zu 97 Prozent stabil.“

„Künstliche Schwerkraft?“

„Negativ, Captain. Wir haben hier offenbar Umgebungsschwerkraft. Ob künstlich oder natürlich, vermag ich nicht zu sagen – ich tippe angesichts der Masse des Objektes aber auf künstlich. Unsere 27 eigenen KS-Generatoren streiken leider immer noch.“

„Das ist schlecht. Waffensysteme?“

„Ebenfalls down. Reagieren allesamt überhaupt nicht, wenn ich sie anmesse.“

„Noch schlechter. Wir müssen das umgehend überprüfen lassen und gegebenenfalls reparieren…“

„Ja, wir werden schnellstmöglich eine Versammlung aller Programmierer und EDV-Spezialisten die wir an Bord haben ansetzten – hab ich vermerkt, Captain. Weiter?“

„Fuhrpark? Wie schaut es in den Hangars aus?“

„Negativ. Sämtliches Gerät ist offline und zumindest von hier aus nicht zu reaktivieren…“

„Mir scheinen sich die schlechten Nachrichten unerfreulich zu häufen…“ Diese Einschätzung des Kapitäns sorgte für lebhaftes Gerede auf der Brücke – inzwischen umringten mindestens drei Dutzend Leute den Kapitän und Hayden Findley. Santorius bat um Ruhe und setzte die Liste fort: „Was ist mit unseren Antriebssystemen, kann man die reaktivieren?“

„Negativ, Captain. Komplett offline.“

„Das ist ebenfalls sehr unerfreulich. Ohne die Vertikalflugschubdüsen können wir das Schiff nicht soweit anheben, dass wir die Landestützen ausfahren und einrasten können. Solange sich die Pirmasens ohne ausgefahrene Pylone in Bauchlage befindet, können wir auch nicht die großen Ladeluken öffnen und die Rampen runterlassen. Wir sind also weitestgehend in unserem eigenen Schiff eingesperrt!“ Allenfalls eine Fußtruppe könnte man mit Strickleitern rausschicken. Dazu müsste man aber zunächst einmal abklären, ob ein Aufenthalt dort draußen überhaupt ratsam ist. Womöglich lauerten in der düsteren Höhle allerlei Gefahren für Leib und Leben.

„Wir sollten unserem Gefängnis einen Namen geben! Wo sind wir hier überhaupt?“, Captain Santorius lenkte seinen Blick auf das Zentraldisplay und sinnierte coram publico: „Wir sind Gefangene in der Düsternis. Wie Jona im Walfisch. Im Bauche der Bestie »Leviathan«…“ Der unfreiwillige Ankerplatz des Sternenkreuzers hatte nun einen Namen. Niemand applaudierte anlässlich dieser Taufe. Es herrschte eher betretenes Schweigen.

Tag 1 in der „Leviathan“

Offenbar waren es nur die größeren Geräte des Fuhrparks und die militärischen Kampfroboter, die weiterhin deaktiviert blieben und sich jedem Versuch eines Neustarts verweigerten. Das hatte man schnell bemerkt, als sich die ersten kleinen autonomen Putzbots über die Kaffeelachen hergemacht hatten, die es auf dem Fußboden der Kommandobrücke gab. Auch einige andere kleine Roboter funktionierten noch. Etwa die sogenannten „Crab“-Einheiten. Etwa kniehohe Erkundungsroboter, die sich auf ihren mechanischen Beinchen wie die namensgebenden Meerestiere auch in äußerst unwegsamem Gelände fortbewegen konnten. Für die Steuerung der Crabs war eine Wissenschaftlerin zuständig, die vom Planeten Daedramopeg stammte. Die Daedramopegianer verfügten über eine olivgrüne Haut und galten als eher etwas herb und vierschrötig.

0130 Sytte Vimpi und Crab

Sytte Vimpi konnte nach wenigen Minuten mit ersten Ergebnissen aufwarten, nachdem sie drei Crab-Bots durch eine kleine Luke ausgeschleust hatte. Draußen gab es offenbar eine Atmosphäre, in der die meisten Besatzungsmitglieder problemlos ohne zusätzliche Sauerstoffversorgung atmen könnten. Giftstoffe und gefährliche Mikroorganismen wurden von den diversen Analysesensoren der kleinen Krabben erfreulicherweise nicht nachgewiesen. Man könnte es demnach wagen, ein Erkundungsteam rauszuschicken. Schließlich war man sehr gespannt, worum es sich beim Bauch der „Leviathan“ handelte – war er Hangar oder Höhle? Eine Mehrheit der Wissenschaftler war inzwischen der Überzeugung, dass es vermutlich doch eine Art gigantisches Raumschiff sein müsse, das sie umgab. Zu technomorph wirkten die düsteren Umgebungsdetails auf den von den drei Crab-Bots übertragenen Videobildern. Deshalb sprach man auch von „der Leviathan“ und nicht von „dem Leviathan“. Wer mochte solch ein riesiges Raumschiff wohl konstruiert haben? Auf den Crab-Bildern konnte man zumindest keine Lebewesen ausmachen. Hielt sich die Crew des schwarzen Schiffes absichtlich von der Pirmasens fern? Gab es überhaupt eine Crew? Fragen über Fragen. Um sie zu beantworten, wurde deshalb umgehend ein Expeditionstrupp unter militärischer Führung zusammengestellt, der sich am nächsten Tag unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen und schwer bewaffnet aus dem Sternenkreuzer wagen sollte.

„Die Führung wird Colonel Cusmano innehaben – er ist der kampferfahrenste hochrangige Soldat an Bord“, verkündete Hayden Findley. Bei dem, was sie vorhatten, genügte es ihr nicht, den Trupp einem einfachen Sergeant wie beispielsweise Ored Olsen zu unterstellen. Colonel Deverell Cusmano war nach dem Kapitän, der Ersten Offizierin Hayden Findley sowie deren Stellvertretern der Offizier mit dem höchsten Dienstgrad an Bord. Ein topfitter und kampferprobter Militär, der in seinen über zwanzig Dienstjahren mehr erlebt haben dürfte, als so manches Bataillon zusammengenommen. Seitdem er vor acht Jahren auf einem kleinen Mond, der um einen Gasriesen kreiste, entgegen jeglicher Wahrscheinlichkeit gewissermaßen im Alleingang ein ganzes Heer von feindlichen Kampfrobotern ausgeschaltet hatte, kam sein Name in terranischen Schulbüchern vor… Er ist ein echter Militärheld des 22sten Jahrhunderts.

0122 Deverell Cusmano

„Ihm direkt unterstellt wird Second Lieutenant Aegmuil Bhostor sein.“ Der kühl-pragmatische Loringulaner war eindeutig eine weitere gute Wahl, denn er blieb bekanntlich stets besonnen und kannte als Angehöriger einer nahezu emotionslosen Spezies weder Furcht noch Verunsicherung.

Der stiernackige Colonel und der sechsbeinige Außerirdische mit dem schmalen Vogelschnabel im Gesicht traten vor und salutierten. Sie nahmen ihre Einberufung zur militärischen Expeditionsleitung an. Die wissenschaftliche Leitung der Expedition würde in den Händen von Pavlína Dvořáková liegen. Neben insgesamt vier Wissenschaftlern und sechs Militärs sollten auch noch zwei Techniker zum Erkundungstrupp gehören. Interessant in diesem Zusammenhang war, dass sich einer der Techniker freiwillig zum Einsatz meldete – es handelte sich um einen großen Burschen, der im allgemeinen Durcheinander kurz nach dem partiellen Wiedereinsetzen der Energieversorgung einfach auf der Brücke aufgetaucht war. Zeke Hersberger war sein Name. Da er auf „Dreaded Expanse“ gemeinsam mit Benjamin Freitag erfolgreich das zuvor von Sergeant Olsen zerschossene Zusatzgerät des immer noch nicht ermittelten Saboteurs aus dem Instrumentenmast geborgen hatte – es wurde zurzeit im Labor untersucht – hatte Hayden Findleys nichts gegen dessen freiwillige Meldung einzuwenden.

Zumal er auch noch mit einer interessanten Theorie zu glänzen wusste: Er brachte die sogenannte „Nullpunktsenergie“ als mögliche Antriebsquelle für die Leviathan ins Spiel. Diese ist die Differenz zwischen der Energie, die ein quantenmechanisches System im Grundzustand besitzt, und dem Energieminimum, welches das System hätte, wenn man es klassisch beschreiben würde – quasi eine unermesslich hohe Kraft, die als „Dunkle Energie“ dem Vakuum des Weltalls zu eigen und dort angesiedelt ist, wo dieses dem absoluten Temperaturnullpunkt nahekommt. Viele brillante Physiker hatten sich seit Ewigkeiten vergeblich ihre Gehirne darüber zermartert, wie man diese potentielle Energiequelle unvorstellbarer Größenordnung wohl technisch anzapfen könnte. Hayden und der Kapitän hatten gerade erst wenige Minuten zuvor darüber diskutiert, wie das schwarze Monstrum wohl angetrieben würde, da sie vor dem Abbruch der Teleskopkameraübertragung an jenem weder Triebwerksöffnungen, noch irgendwelche emittierten Abgasstrahlen erkennen konnten. Hersberger hatte diese Debatte offenbar mitbekommen und bei seinem freiwilligen Vortritt aufgegriffen.

Santorius nickte anerkennend: „Ich bin immer wieder verblüfft, welch kluge Köpfe sich auch in unseren einfachen Technikerrängen verbergen! Wie kommen sie auf diese hochinteressante Theorie, Hersberger?“

„Nun, ich beschäftige mich seit Jahren hobbymäßig mit solchem quantenphysikalischem Zeug…“, antwortete er bescheiden und lächelte mit etwas verlegener Röte auf den Wangen. Inzwischen kannte sich der Jahrmillionen alte Parasit in Hersbergers Schädel so gut mit dem menschlichen Wirtskörper aus, dass er diesen als perfekten Schauspieler auf die Bühne schicken konnte…

Nachdem der Trupp für den morgigen Tag zusammengestellt worden war, machte Hayden Findley noch eine umfangreiche Lautsprecherdurchsage an die Besatzung des gesamten Schiffes. Diese sollte zur Beruhigung der Crew dienen. Nach derartig verstörenden Ereignissen wie totalem Stromausfall und plötzlich eingetretener Schwerelosigkeit, herrschte in den meisten Abteilungen weiterhin eine Mischung aus Durcheinander und Panik. Die Erste Offizierin hatte sich nach Absprache mit dem Raumschiffkommandanten diesmal dazu entschieden mit offenen Karten zu spielen und auch die von den Crabs gemachten aktuellen Videoaußenaufnahmen zur Information der Leute freizugeben. Leider entpuppte sich dieser Schachzug als wenig hilfreich: Man hätte  – wie nach der Ermordung Luke Laverys – besser eine Nachrichtensperre verhängen sollen. Nachdem sich die Nachricht wie ein Lauffeuer ausbreitete, dass man gegenwärtig im Bauch eines gigantischen unbekannten Objektes namens „Leviathan“ festsäße, nahm die allgemeine Verunsicherung an Bord noch weiter zu, statt wie erhofft abzuebben. Überall rotteten sich Menschen, Horko und andere Spezies mit Gesprächsbedarf zusammen und schnell machten spontan ersonnene, abenteuerliche Verschwörungstheorien die Runde. An erholsamen Nachtschlaf war auf der „U.E.S.S. Pirmasens“ am Ende des ersten Tages im Bauche des Walfischs nicht zu denken!

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(eine Episodenliste mit direkten Links zu allen 21 bisher auf meinem Blog veröffentlichten „Sternenkreuzer Pirmasens“-Folgen sowie ein gerade erst umfangreich upgedatetes illustriertes Glossar zur Erklärung der Fachbegriffe und als Personen-Übersicht findet Ihr unter diesem Link – schaut dort ruhig einmal hinein)

6 Gedanken zu “STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XXI

  1. Der Vergleich mit dem Jogger, der gegen den Laternenmast rennt, ist ja mal plastisch! Super! 🙂

    Ich kommentiere jetzt trotz deiner aktuellen Sendepause mal munter hier weiter.

    Dein Schreibstil ist weiterhin sehr anschaulich, aber auch ziemlich komplex. Vor allem, wenn du dich in detailverliebten Beschreibungen verlierst. Und das führt zumindest bei mir manchmal zu einem Infooverload und dazu, dass manche Passagen für mich echt anstrengend zu lesen sind. Hoffe, es ist ok, wenn ich mich da so ehrlich äußere.

    Deine Dialoge sind durchwegs klasse und dein Humor sowieso. Vielleicht kannst du beides vermehrt einsetzen, um die komplizierteren Umgebungs- und Technikbeschreibungen etwas aufzulockern. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass du dich da selbst zügeln willst und das Ganze in für deine Verhältnisse in bereits sehr komprimierter Form vermittelst, aber dadurch ist es für mich persönlich noch schwieriger zu verarbeiten. Vielleicht ist aber auch mein Intellekt deiner Geschichte nicht gewachsen.

    Auch kleine Alltagsszenen oder der Zoom auf einzelne Charaktere und deren Befindlichkeiten – wie bei Eena oben – können m.E. helfen, das Ganze leichter verdaulich zu machen.

    Da ich kein Freund von Schreibratgebern bin, sind das aber alles nur subjektive Empfindungen. Ich selbst halte mich beim Schreiben auch an keinerlei Vorgaben, außer vielleicht formale. Stattdessen agiere ich da total aus dem Bauch raus. Daher sieh mein Feedback eher als persönliche Meinung an.

    Gefällt 1 Person

    • Natürlich ist es okay, wenn Du Dich so ehrlich äußerst – dazu auch sehr willkommen! Zumal sich bisher noch niemand so detailliert zu meiner Sternenkreuzerstory geäußert hat. Dankeschön! 😃👍
      Am Intellekt dürfte es bei Dir auch nicht liegen – eher am vermutlich für Dich ungewohntem Genre. Science Fiction-Fans sind oftmals eher Technik- oder Wissenschafts-Nerds, bei denen man ein bisschen Vorkenntnisse voraussetzen kann. Deshalb galoppiere ich da thematisch vielleicht etwas zügig durch – ansonsten müsste ich zu viel zu noch weitschweifigeren Erklärungen ausholen. Was dann aber wieder für einige Leser nervig wäre. Ich selber möchte aber demnächst lieber mehr zu den Protagonisten schreiben (also eher „space opera“ als „hard-science fiction“), weil sich das dann vermutlich besser für nicht-nerdige Leser konsumieren lässt.
      Ich denke ich lerne auch durch Feedback im Verlauf der Geschichte selber einiges über das Schreiben (try & error) und verbessere mich im besten Fall dadurch. Deshalb honoriere ich solch ein fundiertes Feedback wie von Dir auch! Ja – Du animierst mich damit sogar dazu, vielleicht doch noch weitere Episoden folgen zu lassen, sobald mir danach ist. Ich hoffe ja selber auf ein Ende meiner „Schreibpause“, sobald mich existenzielle Ängste nicht mehr blockieren. Dann würde ich auch wieder bloggen wollen. Momentan muss ich aber zunächst zusehen, dass ich meinen Lebensstil bewahren kann (Haus, Auto, Ernährungsstil) und wieder Zufriedenheit und Muße erlangen.
      LG und bis bald – sobald mir danach ist, lese ich auch Deinen Roman und werde im Anschluss daran auf Amazon dazu umfangreiches Feedback geben (ich sage Dir dann Bescheid).

      Gefällt 1 Person

      • Das mit der „Space Opera“ klingt gut und wird sicherlich bei der Leserschaft enenfalls auf Gegenliebe stoßen. Wobei ich auch deine Science-Fiction hart an meinem Verarbeitungs-Limit ;D gerne lese.

        So oder so freue ich mich auf weitere Episoden und Blogeinträge … wenn es soweit ist. 🙂 Ich wünsche dir, dass du bald wieder zuversichtlicher sein kannst. Jedenfalls schön, dass du noch da bist. 🙂

        Lieben Gruß zurück!
        (Und nur keine Eile mit meinem Buch! Ich kann voll und ganz verstehen, dass du da aktuell keinen Nerv für hast.)

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