STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XX

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So, Euer Sonntag ist gerettet – zur Wartezeitüberbrückung bis heute Abend um punkt 18 Uhr mein „Sternenkreuzer-Pirmasens-Fan-Gewinnspiel“ (um die Vorankündigung zu lesen bitte hier klicken) online gehen wird, bekommt Ihr noch eine saftige Folge meiner selbstausgedachten Science-Fiction-Fortsetzungsgeschichte serviert! Für die richtige Beantwortung der fünf Gewinnspielfragen hat dieses zwanzigste Kapitel im Übrigen keine Relevanz. Ihr könnt es also auch erst danach lesen, falls es Euch vorher zu lang sein sollte. 

Unter meiner letzten Episode kommentierte eine von mir sehr geschätzte Leserin übrigens, dass sie gerne einmal in einer Folge der Geschichte vorkommen möchte – nun erfülle ich im vorliegenden Kapitel diesen Wunsch und habe ihren WordPress-Nickname als kleines „Easter Egg“ in die Story hineingeschrieben… 😉 

animated-newspaper-image-0032 Viel Vergnügen beim Lesen!  

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Kapitel XX – Annäherungsalarm!

Nach ihrem Aufbruch vom etwas hinterwäldlerischen Planeten „Dreaded Expanse“ (den Captain Santorius kurzerhand in „Pirmasens 101c“ umgetauft hatte, nachdem ihm die dortige Hillbilly-Abordnung gehörig auf den Senkel gegangen war) durcheilte die „U.E.S.S. Pirmasens“ in ihrer Warp-Blase nun einen Raumsektor des vor ihr liegenden Galaxienarmes, der vor allem von Sternen der Spektralklasse B geprägt wurde. Diese bläulich weißglühenden Riesensterne sind vergleichsweise kurzlebig. Deshalb war es unwahrscheinlich, dass sich auf ihren zugehörigen Planeten überhaupt höherentwickeltes Leben gebildet hatte – entsprechend uninteressant waren diese Planetensysteme für die Wissenschaft und damit auch für die aktuelle Expedition der Pirmasens. Der Sternenkreuzer blieb demzufolge überlichtschnell auf Kurs – geplant war ein mehrtägiger Flug im Alcubierre-Modus.

An Bord ging alles seinen gewohnten Gang. Benjamin Freitag klampfte todtraurige Weisen auf seinem Instrument, weil er Eena auch nach seiner Intervention weiterhin nicht mehr besuchen durfte, Amber Nydegger kochte sich in ihrer Kabine heimlich ihre Schore auf, wenn sie sich diese nicht gerade auf der Matratze verdiente, Pavlína Dvořáková und Selassea Aubron trafen sich regelmäßig auf einen Tee zum Fachsimpeln und Zeke Hersberger suchte ebenso regelmäßig einen den meisten Besatzungsmitgliedern unbekannten Wartungsgang auf, der kurz hinter der Brücke an der Basis des Instrumentenmastes lag. Hier verliefen allerlei Hauptdatenleitungen – die Zugriffsmöglichkeiten, die er von seiner Kabine aus hatte, reichten ihm bei weiten nicht aus. Er hatte in jenem dunklen, schmalen Gang ein paar Wandpaneele gelockert und sich hinter diesen einen verborgenen, kleinen Beobachtungsposten eingerichtet. Hier konnte er unbehelligt einen Knotenpunkt anzapfen, an dem sich unterarmdicke Glasfaserkabelbündel kreuzten. Er hatte ein gewisses Vergnügen daran entwickelt, mit der Firewall und den automatischen Sicherheitsalgorithmen des hochmodernen Raumschiffes Katz und Maus zu spielen. Die Sicherheitsarchitektur des Hauptrechners hieß „Erinnye SC-3“, weil ihre terranischen Programmierer sie pathetisch nach den Rachegöttinnen der griechischen Antike benannt hatten. Die zugehörigen Subroutinen trugen dann auch die jeweiligen Namen der mystischen drei Erinnyen: „Alekto“, „die unaufhörliche Jägerin“, war die eigentliche Firewall, die vor Cyberangriffen schützen sollte, „Megaira“, „die neidisch Zürnende“, suchte permanent nach Sicherheitslücken und überwachte scharf die Berechtigungen aller ins Schiffsrechenzentrum eingeloggten User und Bots, und schließlich „Tisiphone“, „die Vergeltung“, sie war die automatische Waffensteuerungs-KI des Sternenkreuzers zur sekundenschnellen Ahndung nichtvirtueller Angriffe aller Art… Die uralte Wesenheit, die von Hersbergers Körper Besitz ergriffen und dessen Geist ausgelöscht hatte, kannte Erinnye inzwischen ganz gut. Vor allem ihre wunden Punkte. Diese sogenannten „Menschen“ waren vergleichsweise schlampige Programmierer. Sie entwarfen ihre Programmstrukturen gewöhnlich immer noch ähnlich simpel, wie ihre antiken Vorfahren Rinnensysteme zur Ackerbewässerung…

Lydia Riedl, die Leiterin der bordeigenen Militärpolizei, hatte sich vehement gegen jegliche Formen der Hafterleichterung für die inhaftierte Weltraumpiratin Eena Louise Broussard ausgesprochen. Den Vorschlag des Kapitäns, Benjamin Freitag wieder Besuchsrechte einzuräumen, hatte sie energisch beiseite gewischt. Erno Santorius war das gar nicht recht gewesen, denn es behagte ihm überhaupt nicht, einen bei der ganzen Crew des Schiffes außerordentlich beliebten Zivilmitarbeiter dermaßen leiden zu sehen. Unnötige Härte kam im Gegensatz zu einem zwar straffen aber dabei auch fairen Führungsstil nicht besonders gut bei der Mannschaft an. Seine langjährige Erfahrung als Raumschiffkommandant hatte ihm das gezeigt. Als oberster Befehlshaber dürfte er prinzipiell sogar Gefangene gegen den Willen der Polizeichefin begnadigen. Aber solche schwerwiegenden Entscheidungen bedurften einer ausgiebigen Beratung nach ebenso gründlicher Prüfung der Sachlage durch Experten. Vielleicht würde er in absehbarer Zeit eine Art „runden Tisch“ zusammenkommen lassen, um über Eena Broussards weiteres Schicksal zu entscheiden…

Solche Gedanken gingen ihm am vierten Reisetag der Pirmasens durch den Kopf, während er abends in seiner Kapitänssuite saß. Er wurde abrupt aus seinen Gedanken gerissen, weil ein Alarmpieper in seiner Armbanduhr ihn auf die Brücke rief. Fast zeitgleich erhielt er einen Anruf seiner Ersten Offizierin Hayden Findley, die ihn ebenfalls dort haben wollte: „Annäherungsalarm!“ Santorius schlüpfte in seinen Kapitänsmantel und eilte zur nur wenige Dutzend Meter von seinem Quartier entfernten Kommandobrücke, auf der schon eine umtriebige Hektik ausgebrochen zu sein schien – auf den meisten Konsolen und Großmonitoren leuchteten rote Warnhinweise auf. Dazu kam eine Kakophonie von Alarmtönen. „Annäherungsalarm!“, rief ihm die rothaarige Erste Offizierin zur Begrüßung entgegen.

Dieser wurde automatisch ausgelöst, wenn sich dem Schiff während der Reise im Alcubierre-Modus eine weitere Warp-Blase bis auf unter einem Zehntel Lichtjahr Distanz näherte und darüber hinaus auch noch auf einen potentiellen Kollisionskurs ging. Diese Sicherheitsmaßnahme sollte den folgenschweren Zusammenstoß zweier überlichtschnell reisender Raumschiffe verhindern. Die Entfernung von einem Zehntel Lichtjahr hatte man gewählt, weil die Pirmasens diese Strecke mit ihrer üblichen Reisegeschwindigkeit binnen zehn Minuten zurücklegt – in den meisten Fällen war somit eine ausreichende Zeit zum Reagieren gegeben. Zum Glück kam das andere Schiff nicht frontal auf sie zu, sondern eher von hinten – aber es war verdammt schnell unterwegs! Santorius hatte die Lage auf dem zentralen Tischdisplay vor sich sekundenschnell erfasst: „Das ist ja ein absurdes Tempo, dass der draufhat! Dabei dachte ich, unser Schiff sei eines der derzeit schnellsten, die hier allgemein unterwegs sind!“

„Ich verstehe das auch nicht, normalerweise müsste der jetzt seinen Kurs korrigieren und seitlich abdrehen – ob der vielleicht einen Instrumentenausfall hat?“ Hayden Findley konnte sich auch keinen Reim auf diesen Kurs machen, denn normalerweise galt es beim Flug im Alcubierre-Modus, eine mögliche Kollision zweier Warp-Blasen unter allen Umständen zu vermeiden, weil sich diese bei ihrem Aufeinandertreffen schlagartig vereinen würden und sämtliche in ihnen enthaltenen Moleküle gleichermaßen!

„Wenn der im Blindflug unterwegs ist, weichen eben wir aus. Hayden, gehen sie auf Kurs 4 Grad backbord mit einem Azimut von ebenfalls 4 Grad!“

„Kurskorrektur erfolgt, wir steigen und drehen ab… Halt, was ist das? Das Signal folgt uns weiterhin – es hat ebenfalls seinen Kurs angepasst!“

„Ja ist der denn lebensmüde? Wann wird es für uns gefährlich?“

„In etwas mehr als drei Minuten hat er uns eingeholt – soll ich den Kurs erneut anpassen?“

„Ja, sofort auf 8 Grad steuerbord gehen, Azimut beibehalten!“

Hayden passte den Kurs umgehend an die Vorgabe des Kapitäns an – der rätselhafte Verfolger leider binnen weniger Sekunden ebenfalls. „Soll ich den Alcubierre-Modus abbrechen?“

Dies wäre nun die übliche Vorgehensweise, denn innerhalb der eigenen Warp-Blase gefangen, konnte man auf solch einen Angriff – als solchen musste man das Verhalten des verfolgenden Objektes mittlerweile werten – nicht reagieren. Man konnte mit den Bordwaffen nicht einfach aus einer Alcubierre-Metrik hinaus und in eine andere Raumzeitblase hinein feuern. Das war physikalisch unmöglich. Selbst wenn sich in einem Raumgefecht zwei feindliche Parteien einander annäherten, mussten sie unweigerlich vor ihrem Schlagabtausch in den Normalraum zurückfallen, sonst wäre der Kampf für beide Parteien sofort gelaufen. Santorius sah, dass sich die zweite Blase inzwischen soweit genähert hatte, dass es binnen der nächsten zwei Minuten ungemütlich werden dürfte. Kein normales Raumschiff würde dermaßen selbstmörderisch auf eine weitere Warp-Blase zusteuern, da war er sich sicher: „Die wollen uns mit diesem Kamikazemanöver in den Normalraum zwingen – leider müssen wir ihnen den Gefallen wohl tun. Sofort den Alcubierre-Modus abbrechen und auf Gefechtsposition gehen!“

Hayden Findley fuhr die Linearbeschleuniger herunter, die die Warp-Blase durch den Ausstoß „Exotischer Materie“ aufrechterhielten. Unmittelbar daraufhin brach der Energie-Impuls-Tensor zusammen und der Sternenkreuzer stürzte in den Normalraum zurück. Im Gegensatz zu Schiffen, die zum Übergang in den Alcubierre-Raum zunächst eine initiale Sprunggeschwindigkeit aufbauen müssen, indem sie bis auf wenige Prozent der Lichtgeschwindigkeit beschleunigen, stehen Schiffe die aus der Warp-Metrik zurückfallen bei ihrer Ankunft im Normalraum vollkommen still, sie ploppen dort einfach unmittelbar auf. Das hohe Sirren des Longitudinalwellen-Triebwerke war nun ebenfalls verstummt – diese Antriebstechnik war außerhalb einer Warp-Blase wirkungslos.

Erno Santorius hatte angesichts der enorm schnellen und vollkommen tollkühnen Annäherung des anderen Objekts sogar kurzzeitig befürchtet, dass es sich bei diesem um gar kein anderes Raumschiff, sondern um einen sogenannten „Warp-Torpedo“ handeln könnte – eine hypothetische Waffe, bei der es sich um eine Art unbemanntes Miniaturraumschiff handeln müsste, das zum Alcubierre-Flug fähig die Auslöschung seines Zieles durch eine absichtliche Warp-Blasen-Kollision bezwecken würde. Solche Waffen waren zum einen im gesamten zivilisierten Teil des Orion-Armes geächtet, und wären zum anderen auch extrem kostspielig. Vermutlich gäbe es aber fremde Zivilisationen, die sich vom Kostenfaktor nicht abschrecken ließen – etwa solche ohne geldbasiertes Wirtschaftssystem…

Für solcherlei Überlegungen hatte Captain Santorius nun aber keine Zeit, er löste sofort den Gefechtsalarm aus und begab sich flugs von der zentralen Konsole mit dem riesigen Tischdisplay in seinen Kommandosessel, wo er sich sicherheitshalber anschnallte, Die anderen Offiziere auf der Brücke folgten seinem Beispiel. Nun gellten schrille Warnsirenentöne durch den gesamten Sternenkreuzer: „Gefechtsalarm“! Der Kapitän ließ das schwere Kriegsschiff mittels Steuerdüsen um 180 Grad auf der Stelle drehen. Mit einer relativ großen Wahrscheinlichkeit würde das fremde Objekt hinter ihnen erscheinen – wenn es sich doch um ein Raumschiff und keinen unwahrscheinlichen „Warp-Torpedo“ handelte, würde dessen Besatzung ihren Warp-Anflug ebenfalls kurz vor einer möglichen Blasen-Kollision durch Verlassen der Alcubierre-Metrik abbrechen, um nicht das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. „Alles Schlechte kommt von hinten!“ Die Pirmasens hatte ihre Drehung noch nicht vollständig abgeschlossen, als sich ihr Verfolger in nur wenigen hunderttausend Kilometern Entfernung materialisierte und umgehend von der Sensorik der Pirmasens erfasst in allen Navigations- und Ziel-Koordinatensystemen erschien.

„Achtung, Achtung – dies ist keine Übung. Begeben sie sich bitte umgehend auf ihre Gefechtspositionen!“, vermeldete eine Computerstimme im Wechsel mit dem Heulton der Gefechtsalarm-Sirenen. Benjamin legte die Gitarre beiseite und überlegte, ob er in seiner Koje bleiben sollte, als ziviles Crewmitglied hatte er keine individuelle Gefechtsposition einzunehmen. Im Prinzip war man in solchen Situationen überall auf dem Schiff gleich sicher – oder unsicher. Er erhob sich und beschloss auf den Gang zu gehen. Vielleicht wusste draußen bereits jemand mehr. Vor der Tür kollidierte er fast mit seinem Kabinennachbarn, dem Schompad Nappoke Gnobkock. Irgendwo in der Ferne hörten sie die Stiefelschritte der militärischen Besatzung auf den Gängen hallen, die sich auf ihre Positionen begab. Da der Schompad auch nichts Genaueres wusste, begaben die beiden sich in die kleine Teeküche, die zu jedem Habitationssegment gehörte. Dort waren sie nicht die einzigen. Man hatte sich bereits um einen großen Infobildschirm versammelt, auf dem hoffentlich schon bald Auskünfte oder Außenaufnahmen erscheinen würden. Benjamin zog sich erst einmal ein kaltes Bier aus dem kleinen Drink-Dispenser, den es in der Teeküche gab. „Gute Idee, Ben!“, meinte der Schompad, „Mist, dass es hier kein Popcorn gibt, nicht?“

Auf der Brücke hatte der Captain inzwischen durch das Einloggen eines speziellen Transponders in ein normalerweise unter einer hochklappbaren Sicherheitsabdeckung verborgenes Schloss die Hauptbewaffnung des schweren Kriegsschiffes entsperrt. Nur ranghohe Offiziere und der Sternenkreuzer-Kapitän trugen solche Transponder immer bei sich. Momentan fuhren die Primärwaffen der „U.E.S.S. Pirmasens“ hoch, zwei links und rechts seitlich im unteren Bereich des Schiffsbugs montierte Plasmakanonen, deren Rohre so lang waren wie zwei hintereinander abgestellte Gelenkbusse. Auf dem stärksten Schusslevel setzte eine abgefeuerte Plasmafront jeweils 64 Petajoule an Energie frei, was einer ziemlich großen Wasserstoffbombenexplosion entsprach! Um die Kanonenkondensatoren mit genügend Energie für solch einen Schuss maximaler Stärke aufzuladen brauchte es eine gewisse Zeit – etwa 15 Sekunden. Schwächere Schüsse konnten in deutlich rascherer Folge abgegeben werden. Wenn man sich mit der Trefferwirkung von Fliegerbomben des zweiten Weltkrieges begnügen wollte, konnte man sein Ziel sogar mit einer Kadenz von 200 Schuss pro Minute eindecken. Erno Santorius ließ das linke Geschütz bis auf maximale Schusskraft hochfahren und das rechte auf etwa fünf Prozent davon. Er hoffte, dass er von dieser Sicherheitsmaßnahme keinen Gebrauch machen müsste – beim Erstkontakt mit einem unbekannten Raumschiff wählte man üblicherweise die Diplomatie mittels Funkkontakt, statt eines Waffengangs. Aber so kämpferisch, wie der andere sich ihnen im Alcubierre-Modus angenähert hatte, war leider von nichts Gutem auszugehen.

Als er nun die ersten Messwerte von der automatischen Zielerfassung erhielt – bei einer Distanz von mehreren hunderttausend Kilometern gibt es noch keine aussagekräftig aufgelösten Kamerabilder vom gegnerischen Gegenüber – musste Captain Santorius seine Vermutungen in Richtung „Warp-Torpedo“ erheblich revidieren. Solch ein vergleichsweise leichter Flugkörper hätte lediglich eine Masse von wenigen hundert Tonnen besessen. Eine Mücke im Vergleich zum Elefanten „U.E.S.S. Pirmasens“, der ein Leergewicht von 854.000 Tonnen besaß! Aber das unbekannte Schiff dort draußen war entschieden schwerer. Schwerer noch als die Pirmasens – ja sogar so schwer, dass der Kommandant zunächst an einen Messfehler glaubte! „Hayden, das kann doch nicht wahr sein, oder? Ich sehe hier eine Masse von sage und schreibe 2,3 Milliarden Tonnen!“

„2,3 Milliarden. Den Wert habe ich hier bei mir auch. Kann hinkommen – das Ding ist sogar auf der Kameraübertragung nicht mehr ganz punktförmig!“ In der Tat sah man dort bereits einen diffusen grauen Flecken. Laut der Distanzmessung beschleunigte er gerade auf sie zu.

„Es wiegt so viel wie eine ganze Metropole auf der Erde!“ Santorius war während seiner gesamten militärischen Laufbahn kein dermaßen schweres Raumfahrzeug untergekommen. Die „U.E.S.S. Pirmasens“ und ihre beiden baugleichen Schwesterschiffe der „Pirmasens-Klasse“ zählten mit zum Schwersten, was die Kriegsflotte der „United Earth“ aufzufahren hatte. Im zivilen Bereich gab es sogar vereinzelt ein paar wirklich große Frachtraumschiffe, die bis zu drei oder vier Millionen Tonnen wiegen konnten. Aber Milliarden? Selbst die riesige Orbitalstation, die um den Hauptplaneten des Horko-Systems kreiste und im eigentlichen Sinne kein Raumschiff war, wog allenfalls ein Achtel davon.

„Captain, wir sollten Kontakt aufnehmen – das Objekt nähert sich zügig!“

„Guter Vorschlag, Hayden – ich funke das Ding jetzt auf allen Kanälen an, die wir haben…“ Während der folgenden Minuten versuchten Santorius und ein Fernmeldeoffizier eine Kontaktaufnahme auf die Beine zu stellen – vergeblich. „Offenbar haben diese Burschen ein Schweigegelübde abgelegt – wenn sie noch näher kommen, schicke ich eine Fighter-Staffel raus!“

„Captain – ich habe auch Resultate einer ersten stereoskopischen Abmessungserkennung! Sie werden es nicht glauben – das Objekt hat eine Längsachsenausdehnung von 11.800 Metern und eine maximale Breite von über 6000 Metern!“

„Nicht zu fassen! Das kann eigentlich kein Raumschiff mehr sein! Zumindest keines, das eine uns bekannte Spezies geschaffen hat.“ Er griff sich umgehend sein Mikrophon und wies die Piloten der Fighter-Staffel die sich bereits im Hangar auf Gefechtsposition begeben hatten an, ihre Maschinen startklar zu machen!

„Man soll immer aufhören, wenn es am spannendsten ist“, dachte sich Zeke Hersberger in seinem kleinen Regieraum hinter der Wandverkleidung. Von dort aus hatte er nicht nur „Erinnye SC-3“ unter seiner Kontrolle, sondern prinzipiell den gesamten Sternenkreuzer! „Mal schauen, wie ihnen ein Bildausfall bekommt!“

Schlagartig wurde es auf der Brücke dunkler. Sämtliche Bildübertragungen brachen ab, sowohl die der schiffsinternen Überwachungskameras, als auch jene der Außenkameras. Ausgerechnet gerade jetzt, als man endlich ein paar unscharfe Details des sich weiterhin nähernden Giganten ausmachen konnte – er war mattschwarz und sah irgendwie asymmetrisch aus. „Verfluchte Scheiße!“, rief der Fernmeldeoffizier der im Sessel neben Santorius saß, was ihm angesichts der Brisanz der aktuellen Lage nicht einmal den üblichen tadelnden Blick von Hayden Findley einbrachte. In diesem Moment fielen auch noch die automatische Distanzmessung und ein paar weitere Subsysteme zur Datenerfassung aus. Der rote Schein eines einzigen Warnleuchten-Meeres war die Antwort darauf. Santorius wollte nun die Fighter-Staffel losschicken, aber auch an seinem Pultmikrophon blinkte eine rote „offline“-LED.

„Ich will euch nackt sehen, wenn ich euch auf dem Silbertablett serviere!“, dachte die uralte Kreatur, die sich in Hersbergers Hirn ausgebreitet hatte – sie hatte inzwischen einen echten Gefallen an den zahlreichen terranischen Sprichwörtern und Redewendungen gefunden, „weil ich heute meinen sozialen Tag habe, gibt es noch reichlich Nachschlag!“ Mit ein paar böswilligen Hirnwellen, die er von seiner modifizierten Fingerkuppe in Lichtwellen verwandeln ließ, schickte er, weil er alle drei Subroutinen kaltgestellt hatte von „Alekto“, „Megaira“ und „Tisiphone“ unbemerkt, etliche Steuerbefehle in die Tiefe des Sternenkreuzer-Datennetzes. Jetzt ging überall das Licht aus – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes!

Auf der Brücke wurde es zappenduster. Nicht nur die Brückenbeleuchtung fiel aus, sondern auch alle Kontrollleuchten. Man konnte seine Hand nicht mehr vor Augen sehen, bis ein paar Telefone gezückt wurden, die noch funktionierten, weil sie von ihren eigenen Akkus gespeist wurden. Die Gesichter der Offiziere wirkten im blassen Licht gespenstisch. Erno Santorius fragte die Erste Offizierin, wieso eigentlich keine Notstromaggregate ansprangen.

„Weil ich das so will“, dachte Hersberger machtverzückt in seinem heimlichen Lauschposten, der nur etwa 50 Meter Luftlinie von der Brückenbesatzung entfernt war.

Hayden Findleys Stimme klang leicht schrill, weil sie inzwischen ziemlich verunsichert war: „Wir haben einen massiven Systemausfall – auch die Waffensysteme reagieren überhaupt nicht mehr!“

„Ich versuche gerade jemanden im Hangar über Handy zu erreichen“, erklärte Captain Santorius, der auf seinem Telefon herumwischte. Am anderen Ende der Leitung tutete es.

„Sergeant Vince Norton.“

Santorius hatte einen der Fighter-Piloten in der Leitung und fragte sofort, wie dort die Lage sei.

„Alles andere als rosig, Herr Kommandant – hier ist überall das Licht ausgefallen und offensichtlich auch der Strom für den Antrieb der Hangar-Tore. Wir können leider nicht starten! Außerdem scheint mit unseren Maschinen auch so einiges nicht zu stimmen – meine Bordelektronik spielt gerade verrückt!“

Keine guten Neuigkeiten, zumal sich das feindliche Riesenschiff vermutlich weiterhin näherte… „In knapp zwanzig Minuten müsste es uns erreicht haben“, schätzte Hayden Findley Pi mal Daumen. „Ich bin ja heilfroh, dass wenigstens noch die künstliche Schwerkraft an Bord funktioniert!“

„Kannst Du haben, Schätzchen!“, grinste Hersberger und schickte einen entsprechenden Befehl an die 27 Künstliche-Schwerkraft-Generatoren ins Datennetz – eine nach der anderen schalteten sich diese unterhalb des untersten Sternenkreuzerdecks eingebauten Maschinen aus.

Haydens langen rote Haare umwogten ihren Kopf; als ob sie sich unter Wasser befände. Neben ihr segelte das Handy des Kapitäns vorbei, bis dieser es mit einem beherzten Griff wieder einfing.

Irgendjemand schrie in der stockdunklen Teeküche jämmerlich, weil er sich verbrüht hatte, als ihm der heiße Kaffee aus der Tasse gestiegen war. Ben kam als erstes auf die Idee mit dem erleuchteten Telefondisplay und spendete ein wenig Licht, damit man sich um den Verletzten kümmern konnte. Der Schompad hatte inzwischen eine zündende Idee: „Ben, kümmere Dich hier um alles, ich gehe mal nachsehen, was draußen los ist – dass hier sogar die künstliche Schwerkraft ausgefallen ist, kann nur bedeuten, dass irgend ein massives Problem vorliegt und diese kommen in der Regel von außerhalb des Schiffes!“

„Wie willst Du das ohne funktionierende Außenkameras anstellen?“, fragte ihn der langhaarige Pirmasenser, während er gerade im fahlen Displayschein ein schmerzstillendes Pflaster auf die Brandblasen des unglücklichen Kaffeeopfers zu kleben versuchte – früher hatten diese Scheißteile wenigstens noch eine eingebaute Taschenlampe, dachte er, während er auf die Antwort des dicken Außerirdischen wartete, der irgendwo hinter ihm am Kücheneingang schwebte.

„Wir sind hier doch ziemlich weit hinten, kurz vor den Triebwerken, Benjamin! Ich kenne einen Weg, wie ich über dem Maschinentrakt entlang bis ganz nach hinten zu den Triebwerksdüsen gelangen kann, dort gibt es eines der wenigen Außenfenster, die diese Mühle überhaupt besitzt. So eine winzige, kaum salatschüsselgroße Panzerglas-Kuppel, damit man die Triebwerksfunktion auch dann noch beobachten kann, wenn mal alle heckseitigen Kameras defekt sein sollten… Ich gehe da manchmal hin und gucke wie es dort ordentlich lodert, wenn wir nicht im Alcubierre-Modus sind und frei durchs All fliegen. Ist zwar sau laut dort hinten, aber es hat trotzdem was Entspannendes – mein Kaminfeuer sozusagen…“

„Gute Idee, Gnob! Ich verarzte hier erstmal weiter…“

Nappoke Gnobkock schwebte wie ein runder Fesselballon in den Gang, nachdem er sich am Türrahmen der Teeküche abgestoßen hatte. Er wusste, dass es auf der anderen Gangseite ein Geländer gab, an dem man sich im schwerelosen Zustand auch in völliger Dunkelheit ganz gut entlanghangeln konnte. Jetzt kam ihm die wertvolle Erfahrung aus zahlreichen Außeneinsätzen zupass! Der Schompad blieb unter solchen Bedingungen erstaunlich cool. Um Akku zu sparen zückte er nur alle paar Dutzend Meter sein Telefon, um sich kurz zu orientieren. Nach zwei Minuten nahm er eine Abzweigung in einen engeren Wartungsgang, dessen Zugang sich zum Glück auch ohne Strom mechanisch öffnen ließ. Trotz seiner Körperfülle kam er auch hier erstaunlich gut voran. Das Agieren in beengten Höhlensystemen liegt den Schompads im Blut.

Hayden Findley ärgerte es, dass sie aufgrund der auf dem ganzen Raumschiff ausgefallenen Energieversorgung keine Lautsprecherdurchsage machen konnte, um die Leute zu beruhigen. Auch über ihr Telefon konnte sie nicht kommunizieren, es taugte nur noch zu bescheidenen Beleuchtungszwecken, weil das bordeigene Funknetz vor einer halben Minute auch noch ausgefallen war, nachdem es zuvor noch funktioniert hatte. Sie befürchtete, dass an Bord Panik ausbrechen könnte, weil die Crew nicht wusste, was geschah. „Was auch immer hier gerade stattfindet – es ist hochgradig ungewöhnlich. Selbst bei einem Volltreffer mit Hüllendurchbruch würden doch unmittelbar die dezentral auf unserem Schiff verteilten Notstromaggregate anspringen und zumindest die wichtigsten Einrichtungen weiterhin mit Strom versorgen, damit zum Beispiel die Schotte runterfahren können, wenn irgendwo die Luft entweichen sollte. Wir wurden aber nicht beschossen und auch nicht getroffen. Was ist hier also geschehen?“

„Ich weiß es nicht – es könnte sich um eine Art Cyberattacke handeln, die vom Feind ausgeht.“ Captain Erno Santorius war genauso ratlos wie seine Erste Offizierin.

„Aber unsere Systeme sind gegen solche Angriffe doch bestens gehärtet! Ich habe unser Erinnye-Sicherheitssystem erst vor kurzem überprüfen lassen. Auch die Notstromaggregate sind eigentlich unabhängig vom Hauptdatennetz und fahren automatisch hoch, wenn es zu Energieschwankungen kommt.“

„Eigentlich…“, grinste Hersberger, dem die Verwicklungen die er auf dem Schiff anrichtete ein diabolisches Lächeln ins hässliche Gesicht zauberten, „uneigentlich hängen auch eure Notstromaggregate an Kabeln, ihr blitzgescheiten Menschlein!“ Hersberger war es gelungen die Datensignale zur Blockierung der Aggregate über jene Stromleitungen, mit denen die sie eigentlich den Notstrom verteilen sollten, zu diesen zu schicken. Für ihn, der eine Entität mit dem Wissen von 10.000 Technikern und Informatikern im Hirn verankert hatte, ein echtes Kinderspiel.

Aufgrund des fehlenden Netzes konnte der Schompad leider keine Meldung davon machen, was er erblickte, nachdem er den heckseitigen Ausguck erreicht und seinen Kopf in die Panzerglasschüssel gesteckt hatte. Nappoke bekam ziemlich große Augen, als er sah, was sich hinter der Pirmasens gerade abspielte! Das riesige Konstrukt hatte die blind, taub und orientierungslos stillstehende Pirmasens in den vergangenen Minuten offenbar fast erreicht und in einer langgezogenen Kurve unbemerkt umrundet. Auch wenn man die Größenverhältnisse von Objekten im offenen Weltraum nur schwerlich einschätzen konnte – da kam eindeutig etwas Gewaltiges auf den Sternenkreuzer zu! Es war riesig und schwarz wie die Nacht. Eher flach und breit, erinnerte es ihn an einen großen Rochen, der im Meer auf jemanden zugeschwommen kam. Im nächsten Augenblick aber auch wieder nicht, denn es war dazu zu asymmetrisch. Überhaupt hatte es eine ganz merkwürdige Geometrie, die ihm Kopfschmerzen bereitetet, wenn er versuchte mehr zu erkennen. Dieser Effekt schien nicht nur von der Verzerrung der stark gekrümmten Scheibe herzurühren, durch die Nappoke ins All starrte. Das Ding war in einer für die Augen der meisten sternfahrenden Spezies unangenehmen Art und Weise aus konkaven, konvexen und ineinander verdrehten Flächen zusammengesetzt. Als es langsam immer näher kam, sah der staunende Schompad, dass der Vergleich mit einem Fisch gar nicht so falsch gewesen zu sein schien – genauso wie ein Hai oder Rochen hatte es vorne eine Art riesiges Maul. Eine annähernd ovale Öffnung, die erheblich größer als die Pirmasens war und nur aus absoluter, endgültiger Schwärze zu bestehen schien. Sie wurde von kleinen blauen Blitzen umzuckt, die sich sowohl über die mattschwarze und weitgehend strukturlose Außenhaut verästelten, wie auch um den Rand der Öffnung herum ins Innere des riesigen Objektes, wo sie sich nach wenigen hundert Metern in der Finsternis verloren. Normalerweise war Nappoke nicht so schnell zu beeindrucken, aber jetzt war er fast in eine Art Schockstarre verfallen! Das Monstrum kam ohne erkennbare Antriebsstrahlen näher und näher – schon bald war es soweit auf den Sternenkreuzer zugetrieben, dass Nappoke durch seine Glashalbkugel nirgends mehr das Licht der Sterne erkennen konnte. Das ganze Bild wurde durch die Frontansicht mit der großen Öffnung eingenommen – die Pirmasens würde sich in wenigen Minuten unweigerlich im Inneren des Objektes wiederfinden! Nappoke ahnte nicht, dass er gerade ein sehr wichtiger Zeuge werden sollte, denn er war der einzige auf der gesamten „U.E.S.S. Pirmasens“, der eigenen Auges miterlebte was sich gerade mit dieser ereignete. Vor ihm erstreckte sich nun von vereinzelten Blitzen umkränzt eine unergründliche Schwärze. Sie verschluckte die beiden rostroten Kegelspitzen der Materie-Antimaterie-Triebwerke zuerst, danach folgten die vier Schachtöffnungen des Longitudinalwellen-Antriebs. Als auch die kleine Beobachtungskuppel im Schatten des riesigen Schlundes verschwand, tauchte Nappoke Gnobkocks Kopf in absolute Finsternis ein. Die Pirmasens wurde verschluckt wie eine Kaulquappe, die das Pech hatte, einem Hecht vors Maul geraten zu sein.

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Hersberger erhob sich von einer dicken Rohrleitung, die ihm in seinem Versteck als Sitzgelegenheit gedient hatte und streckte sich genüsslich: „Willkommen daheim!“

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(eine Episodenliste mit direkten Links zu allen bisher in meinem Blog veröffentlichten „Sternenkreuzer Pirmasens“-Kapiteln sowie ein liebevoll illustriertes Glossar zur Erklärung der Fachbegriffe und als Personen-Übersicht findet Ihr unter diesem Link)

4 Gedanken zu “STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XX

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