Rechenknechte

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0420 Anti-ValentinstagHeute ist mal wieder Valentinstag – da ich bekanntlich auf diese zwangsemotionalen Konsumfeste abkotze, könnte ich mir jetzt dazu was aus den hypermentalen Fingern saugen. Aber weil ich oftmals faul bin, dachte ich mir: „Warum recycelst Du zum Thema »Valentinstag« nicht einfach irgendeinen alten Scheiß?“ Schließlich blicke ich auf fast 18 Jahre Bloggingerfahrung zurück, wenn man meine Zeit auf der mittlerweile eingestellten Plattform „myTagebuch“ mitzählt…

Als ich also zunächst die Jahre 2003 und 2004 auf Einträge vom 14. Februar filzte, musste ich allerdings feststellen, dass ich damals an jenen Tagen gar keine Einträge zum Valentinstag geschrieben hatte – mir muss dieses kitschige Gefühlsduselfest zu jener Zeit offenbar ziemlich Latte gewesen sein… 😁

Aber ich stieß dafür auf ein anderes Kabinettstückchen – ergötzt Euch an meinem polemisch-ironischen Blogeintrag über Informatiker, den ich am Valentinstag 2004 online schickte – ich finde er ist auch heute noch aktuell, da sich sooo viel inzwischen auch nicht geändert hat, wenn es um die lieben „Rechenknechte“ geht:

Tagebucheintrag vom 14.02.2004

Rechenknechte

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„Schon die Mathematik lehrt uns, dass man Nullen nicht übersehen darf.“

(Gabriel Laub)

In letzter Zeit habe ich wieder gehäuft mit einem sehr erfreulichen Menschenschlag zu tun, den Mathematikern und Informatikern…

Bereits in meinem ersten Studium erlebte ich diese Menschen in Natura, da in unserem Lehrgebäude auch das „Institut für Geoinformatik“ untergebracht war. Man konnte sehr schnell erkennen, ob jemand dort oder in unserem Institut studierte, wenn man in den Fluren des Gebäudes auf Studenten traf – Informatikstudenten sehen nämlich alle gleich aus (offenbar wird bereits seit Jahren ohne Aufschrei der Öffentlichkeit der Menschenklonung gefrönt): Zunächst sind Informatikstudenten immer männlich (weibliche Ausnahmen bestätigen die Regel und sehen im Übrigen zumindest androgyn aus), dann tragen sie sommers wie winters hellblaue Stonewashed-Jeans (wie sie seit einigen Jahren nicht einmal mehr der Durchschnitts-Ossi anziehen mag) und mit IT-Firmenreklame bedruckte, weiße T-Shirts. Ihre Frisuren kommen ohne Frisöre zustande, die Hautfarbe ist stets kalk- oder käsig weiß und Akne bleibt auch nach dem Pubertieren eine beliebte Oberflächentextur. Nickelbrillen mit dicken Gläsern sind die Norm – durch unentspiegelte Gläser schauen sie blutunterlaufenen Auges auf Flachbildschirme mit majestätisch vorbeiscrollenden Endlos-Datenkolonnen.
Drei Kilometer gegen den Wind kann man Informatikstudenten auch an ihrem kapitalen Haltungsschaden erkennen – stets krumm und gebeugt wie ein alter Weidenbaum stehen sie hängeschulterig in der Landschaft, meist etwas verhungert ausschauend (ab einem Alter von etwa 30 kommt allmählich aber auch der entgegengesetzte Morphotyp des „fetten, vor dem Breitbandanschluss ständig fressenden, EDV-Klopses“ ins Spiel).
Schlurfenden Schrittes pendeln sie zwischen Kaffeeautomaten und PC hin und her – 24 Stunden am Tag. Kaffee ist ihre Droge (die jüngeren trinken eher Red Bull oder Pepsi), Linux ist ihre Religion. Politisch fallen sie unter den Tisch (solange man noch nicht online wählen gehen kann), politisiert wird allenfalls gegen Bill Gates‘ Microsoft…
Fertig ausgebildete Informatiker, Mathematiker und Statistiker unterscheiden sich eigentlich kaum von Studenten dieser Fachrichtungen – nur insofern, dass sie nun Geld für ihre Tätigkeit bekommen, von dem sie sich dann japanische Autos kaufen (manche sollen sogar koreanische kaufen, wird gemunkelt…), mit denen sie dann um halb drei Uhr morgens Red Bull, Joghurt und Chipsletten von der Tanke holen können, wenn ihnen vor dem 21-Zöller die Betriebsstoffe ausgegangen sind (aufgrund dieser plötzlichen und für sie zuvor unbekannten Mobilitätsoption gehen die Informatiker nun auch körperlich aus dem Leim – ohne Verpuppungsstadium metamorphiert der Homo informaticus vom Trichterbrust-Spargel zur bildschirmfüllenden Speckbulette).
Fassen wir zusammen: Homo informaticus ist apolitisch, asexuell, unsportlich bis
hin zur ausgeprägten motorischen Ganzkörper-Störung und auch noch humorlos (oder kann man Witze, in denen es über Zahlenspielchen oder Details des Quellcodes von Windows geht, noch guten Gewissens als Humor bezeichnen?), darüber hinaus ist er wortkarg, eindimensional und auf jeder Party so spannend wie ein Schirmständer.

„Homo informaticus“
, „Menschentyp“ des Informatikers oder Mathematikstudenten, „dieser Menschenschlag“… Hm. Ich reibe mich an der Bezeichnung „Mensch“…

Sind das überhaupt Exemplare der Gattung „Homo“? Schließlich sind sie nur sehr eingeschränkt zum aufrechten Gang befähigt (s.o.) und geben vor dem Rechner allenfalls gutturale Grunzlaute von sich. Ein Merkmal des Menschen ist auch „seine Befähigung zum Schaffen kultureller Leistungen“. Informatiker (bzw. Mathematiker) und Kultur?
Also – q.e.d.: Wir haben hier gar keinen„Homo informaticus“, sondern bestenfalls einen „Australopithecus informaticus“, der gleich wieder auf die Bäume steigen würde, wenn man ihm den Computer ausknipst!

Doch – zur Ehrrettung aller Informatiker sei dieses ausdrücklich gesagt – wir brauchen diese Kreaturen!
Wer sollte uns sonst das neue Betriebssystem installieren? Wer könnte uns sonst bei Hardwareproblemen mit Fachwissen aus der Patsche helfen? Wer sollte sich an unserer Stelle mit all jenen langweiligen, furztrockenen und uns intellektuell abyssalisch unterfordernden Zahlenspinnereien abgeben? Uns davor bewahren, dass wir – die wir schließlich die Wonnen eines computerisierten, hochtechnisierten und kommunikativ vernetzten Alltagslebens genießen wollen – ansonsten selber in sich horizontweit spannende Zahlenmatrices und Datenwüsten eintauchen müssten!
Einen menschenfeindlichen Lebensraum, in dem wir elendig zugrunde gehen würden (an Langeweile und fehlender Lebendigkeit)…
Wir brauchen sie halt, die „Rechenknechte“! Sie halten unsere Welt in Gang wie Kettenfett.

Wir sind die Ameisen, sie unsere Blattläuse. Wenn wir sie brauchen, müssen wir zu ihnen auf die Bäume steigen, auf denen sie noch immer sitzen. Ihre mathematische Honigtau-Läusescheiße brauchen wir, um unseren Alltag zu versüßen und in unseren hochkomplexen Ameisenstaaten reibungslos leben zu können…

Deshalb ein dreifaches Hoch auf die Rechenknechte! Gut dass ihr da oben in den Bäumen sitzt und für uns hochkomplizierte Gleichungen löst, anstatt den aufrechten Gang üben zu wollen! So haben wir hier unten auf der Erde die Köpfe frei, um zu leben, zu lieben und frei zu denken – frei von Zahlenmüll und Datenkleister.
Gut, dass es Euch gibt, ihr lieben Fachidioten! Herzlichen Dank an unsere Rechenknechte!

Hypermentale Grüße an alle Bodenbewohner der Gattung Homo und solche, die es noch werden wollen!

Ist doch partiell auch heute noch immer so ähnlich wie damals vor sechzehn Jahren, oder? 😉

5 Gedanken zu “Rechenknechte

  1. 😄 Die Überschrift ließ mich erst etwas ganz anderes vermuten. Ich dachte an geknechtete Gärtner… Ein Rechen wird in diesem Beruf schließlich ständig benutzt. 😄 Herzchen kotzen würde ich auch können wollen…

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  2. Nun – ich habe mittlerweile durchaus ansprechende, sozialisierte Informatiker kennen gelernt.

    Das ist ein Menschenschlag, den ich sehr gerne mag.

    Ich habe heute vom Betonlaboranten einen kleine Schale bekommen – nicht weil DER Tag ist, sondern weil er diese Gussform getestet hat und mir eine Freude machen wollte. Ich habe ihn jedoch gleich gefragt, ob ich die Schale der Nachbarin schenken darf. Ich kann die nämlich nicht brauchen.

    Gefällt 1 Person

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