STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XVII

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0407 300Zur Feier meines heutigen 300sten WordPress-Blogeintrags gibt’s für die werten Leser eine weitere Folge meiner recht lässig aus der „geistigen Hüfte“ geschossen selbstausgedachten Science-Fiction-Fortsetzungsgeschichte „Sternenkreuzer Pirmasens“!

🚀 Für Neulinge und Quereinsteiger, aber auch für altgediente Sternenkreuzer-Fans gibt es unter diesem Link eine Episodenliste mit direkten Verknüpfungen zu allen bisher in meinem Blog veröffentlichten „Sternenkreuzer Pirmasens“-Kapiteln sowie ein illustriertes Glossar zur Erläuterung der Fachbegriffe und als Personen-Übersicht.

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Kapitel XVII – Das Kuckucksei

Normalerweise wagte sich Benjamin Freitag nicht in die Nachbarkabine Nummer 8, die dem Schompad gehörte. Aber er wollte seinem alten Freund und Kollegen unbedingt einen Krankenbesuch abstatten. „So sieht es also in einer Schompad-Höhle aus“, stellte er fast seine Fassung verlierend fest und atmete nur noch flach durch den Mund. Der Gestank war unbeschreiblich. Nahrungsmittelreste klebten dezimeterdick an den Wänden und hingen mit Müllfetzen aller Art vermischt wie Stalaktite von der Kabinendecke. Aber am schlimmsten sah es unten auf dem Boden aus – um in die eigens für den korpulenten Außerirdischen extrabreit angefertigte Koje zu gelangen, musste man gezwungenermaßen klettern! Benjamin blieb deshalb kurz hinter der Türöffnung stehen und schaute zu Nappoke Gnobkock herüber, der etwas wehleidig dreinschauend seitlich auf seiner schmutzigen Matratze lag.

„Gnob, hast du keine Angst dir hier eine Infektion einzufangen? Du solltest besser auf der Krankenstation liegen!“

„I wo, mir macht das nichts aus – wir Schompads sind nicht so verzärtelt, wie ihr Menschenkinder, die sofort tot umkippen wenn irgendwo mal ein undefinierbares Häufchen herumliegt… So ein gepflegter Schompad-Bau ist besser als jede Allergieimpfung!“

„Ich weiß – bevor ihr in den Kreis der raumfahrenden Völker aufgenommen wurdet, habt ihr eure Behausungen sogar mit der eigenen Kacke tapeziert, nicht?“

„Jaja, bei meinen Großeltern war das noch allgemeine Gepflogenheit – aber erzähl das bitte nicht unbedingt überall an Bord weiter herum… Es reicht, wenn du dich dauernd über mich lustig machst, Kumpel.“

Das medizinische Personal des Sternenkreuzers hatte Nappoke nur überstürzt erstversorgt und ihn dann umgehend mit Kühlpads und Brandsalbe auf seine Kabine geschickt – vermutlich aus Angst, er würde ansonsten die ganze Krankenstation kontaminieren.

„Was macht denn dein Arsch – hab gehört, der hätte unmittelbare Weltraumerfahrung gesammelt? Alles okay?“

„Frostbeule und Brandblase in einem – ich werde wahrscheinlich etliche Tage lang nicht richtig sitzen können. Aber eigentlich geht’s – ich habe echt noch Glück gehabt. Dem anderen hat es ja die Kerze ausgeblasen und er ist dann gleich zur eigenen Weltraumbestattung verdriftet… Übel. Wenn du nicht lieber zu Eena gegangen wärest, hätte es vermutlich dich erwischt. Er war ja dein Ersatzmann.“

Benjamin schwieg betreten und fühlte sich ein bisschen schuldig, denn der Schompad hatte mit seiner Bemerkung wahrscheinlich Recht. Vielleicht würde statt van den Broek nun er tot durch die Finsternis treiben. Zufälle entscheiden verdammt oft über Leben und Tod…

In diesem Moment fiel der mächtige Sternenkreuzer aus der Alcubierre-Metrik der Warpblase zurück in den Normalraum – offenbar war man bereits im Zielplanetensystem eingetroffen. Wie immer war der Übergang aus der überlichtschnellen Reisephase heraus erheblich weniger spektakulär, als der Eintritt in den Alcubierre-Modus, bei dem sich sogar für einen Wimpernschlag lang alles an Bord optisch ins Unendliche zu verzerren schien… Nur ein ganz leichter Ruck und das verstummende Sirren zeugten vom Wiedereintritt in einer Umgebung, in der sich nur noch jene physikalischen Gesetze direkt beobachten ließen, die schon Sir Isaac Newton bekannt waren…

Der Landeanflug auf den Planeten, der laut des bei Eena Broussard konfiszierten Kartenmaterials „Dreaded Espanse“ genannt wurde, zog sich noch ein paar Stunden lang hin – zum einen wollte man sichergehen, dass man nicht von einer Piratenarmada begrüßt würde, zum anderen war es gar nicht mal so leicht dieses winzige Nest „Spudhead’s Mooring“ auf dem beinahe erdgroßen Wüstenplaneten zu orten. Der zugehörige „Raumflughafen“ verfügte nicht einmal über einen funktionsfähigen Tower – im Prinzip handelte es sich nur um ein sandüberwehtes Felsplateau, das eben und stabil genug war, um darauf auch mit schweren Frachtraumschiffen landen zu können. Als die „U.E.S.S. Pirmasens“ dort in der Abenddämmerung majestätisch einschwebte, standen auf dem etwa zwei Quadratkilometer großen und von niedrigen ockerfarbenen Bergen umgebenen Oval nur wenige andere Raumfahrzeuge, unter denen die Ankunft eines riesigen und auch noch schwerbewaffneten terranischen Regierungsschiffes offenbar für ziemliche Aufregung und spontane Aufbruchsstimmung sorgte: Als die Pirmasens in ihrer Mitte aufsetzte, verließen augenblicklich vier zwielichtige kleine Frachter ohne Hoheitskennzeichen fluchtartig das Flugfeld und vermutlich im Anschluss daran auch gleich das Planetensystem… Der mächtige graue Sternenkreuzer überragte mit seinen 104 Metern bis zur Mastspitze sämtliche verbliebenen Schiffe bei weitem und machte sich breit wie ein Karpfen im Goldfischglas… Die ziemlich überschaubare Streusiedlung aus überwiegend schäbigen und oft nur ein- bis zweigeschossigen Gebäuden lag am einzigen Rand des offenen Areals, an dem sich keine felsigen Hügel erhoben. Captain Erno Santorius hatte das Kriegs- und Forschungsschiff so gelandet, dass der mächtige Bug direkt dorthin zielte und somit auch die überaus einschüchternde Primärbewaffnung. Man wollte definitiv auf Nummer sicher gehen, wenn man unangekündigt in einer inoffiziellen Kolonie eintraf, die man so weit draußen im eigentlich noch unkartierten Teil des Orion-Arms gar nicht vermutet hätte.

„Das muss ja ein wirklich dicker Brummer sein, wie man so schön auf der Erde zu sagen pflegte, nicht wahr Agluz?“ Selassea Aubron schaute leicht pikiert von ihrem Kartenwerk auf, das sie über die lokalen Altvorderen-Ruinen angefertigt hatte. Diesmal hatten die Porzellantassen es leider nicht nur dabei belassen, beim Überflug des großen Raumschiffes in der Vitrine zu wandern, sondern waren teils sogar aus dieser herausgefallen. Agluz war sofort zum Fenster geeilt und versuchte zwischen den benachbarten Hausdächern mehr zu erkennen, als nur die riesige Staubwolke, die nun über dem Landeareal stand und sich nur sehr langsam verzog. Er griff sich ein perlmuttbesetztes kleines Messing-Binokular, das auf der Fensterbank stand, und verschwand damit durch eine Luke aufs Flachdach, um einen unverbauteren Ausblick aufs Geschehen zu erhalten. 0119 SelasseaNach wenigen Augenblicken erschien sein spitzohriger Kahlkopf wieder in der rechteckigen Lukenöffnung. Mit einem Handzeichen signalisierte Selasseas stummer Butler und Leibwächter ihr, ihm aufs Dach zu folgen. Die hochgewachsene Halb-Ghaen warf sich einen leichten Umhang über und nahm ihren metallenen Hightech-Hut von seinem Ständer. Oben auf dem Dach angekommen, stellte sie sich neben Agluz, der durch das Opernglas aufs hier oben nicht mehr großteils hinter anderen Hausdächern verborgene Flugfeld sah. Mittels Gedankenübertragung – die futuristische Kopfbedeckung konnte Selasseas Hirnströme nicht nur messen, sondern auch auswerten und in konkrete Handlungsanweisungen übersetzen – ließ sie ein transparentes Visier aus der vorderen Hutkrempe herunterfahren, durch das sie sofort eine gestochen scharfe Ansicht des Geschehens erhielt. Zusätzlich wurden Skalen und Diagramme eingeblendet, die ihr unteranderem verrieten, dass das neueingetroffene Raumschiff rund 400 Meter lang und vermutlich ein terranisches Regierungsschiff der Sternenkreuzer-Klasse war. „Agluz, fang bitte sofort damit an, den gesamten Haushalt in Umzugskisten zu verpacken – da hinten ist soeben unser Ausreiseticket gelandet!“

„Viel Erfolg dort draußen!“, wünschte der Kapitän dem Militär und der Söldnerin, als diese über eine Rampe den soeben gelandeten Sternenkreuzer verließen. Ored Olsen und Ceyonne Ward steckten in schwer gepanzerten Kampfanzügen, in denen sie eher wie anthrazitfarbene Kriegsroboter aussahen. Elektrische Servomotoren unterstützten aus Amorphmetallen bestehende Exoskelette, das Anzugsgewebe bestand aus Textilien, die sogar leichtem Laserbeschuss widerstehen konnten. Zusätzlich gab es auch noch sich durch anfliegende Projektile selbstaktivierende Energieschilde, die bis zu viertausend Maschinengewehrtreffern standhalten sollten, bevor ihnen die Puste ausging. Als der Sergeant und Ceyonne in ihren bald zweieinhalb Meter hohen Monturen, die zum Besten gehörten was man überhaupt auf der Pirmasens hatte, auf die Freifläche trabten, setzten sich sofort etliche dort draußen anwesende Personen – überwiegend Menschen und Horko – in Bewegung, um sich sicherheitshalber in ihre jeweiligen Schiffe zurückzuziehen…

„Wir bleiben zunächst unter dem Schiffsbauch in Deckung“, gab Ceyonne über ihren Helmfunk an Ored und die Brücke durch. Die beiden Gepanzerten gingen unter der gelandeten Pirmasens entlang bis ungefähr zu jener Position, über der sich in der Schiffsmitte der Instrumentenmast erhob, und hielten sich dann seitwärts. Mittlerweile war die Nacht hereingebrochen und das staubige Landefeld lag im fahlen Schein zweier Monde, die knapp über dem schwarzen Sägezahnhorizont der nahegelegenen Berge standen. „Captain, schalten sie bitte die komplette Außenbeleuchtung aus, falls möglich…“

„Gerne!“ Etliche Leuchten, die in dem nur wenige Meter über ihren Panzerhelmen befindlichen Schiffsbauch eingelassen waren, verloschen nun. Kurze Zeit darauf auch alle Positionslichter, die am Rumpf des Raumschiffes blitzten. Ceyonne und der Sergeant gingen nun langsam bis zu jenem Punkt vor, an dem sie von der Mastspitze aus gesehen aus der Deckung treten mussten. Wenn die dort befindliche Waffe entsprechend eingestellt wäre, müsste sie nun zu feuern beginnen. Nichts geschah. Die Söldnerin vergewisserte sich noch einmal, ob sie das selbstaktivierende Abwehrschild ihres Anzugs auch wirklich auf die höchste Wirksamkeitsstufe eingestellt hatte, und lief dann rückwärts mit gezücktem Plasmagewehr aufs offene Feld hinaus. Sie zielte unverzüglich auf den höchsten Punkt des Sternenkreuzers, der nun in Sicht kam. Durch ein integriertes Nachtsichtgerät mit Zoomfunktion konnte sie etliche Apparaturen dort oben ausmachen. Welche davon war die Waffe, die van den Broek im All den Tod gebracht hatte? Etliche Kästen und Gondeln von Fußball- bis Sarggröße waren dort oben auf den auskragenden Instrumententrägern angebracht. Für die Söldnerin sahen sie alle ziemlich ähnlich aus. Graue Kästen, Zylinder, oder Ellipsoide.

Neben ihr erschien nun der Sergeant und zielte ebenfalls diagonal in die Höhe – er war im Gegensatz zur Söldnerin mit einem Scharfschützen-Lasergewehr ausgestattet, das zwar automatisch auf Feindbeschuss antworten konnte, aber ohne diesen momentan auch nicht wirklich hilfreich war.

„Scheiße, das Biest dort oben bleibt stumm. Ob es nur im All aktiviert ist?“

„Keine Ahnung, Mann. Ich hab das Ding nicht gebaut. Wie geht’s nun weiter?“, fragte Ceyonne ihren Kameraden.

„Wir müssen da näher ran. Captain, schicken sie uns eine ATP!“

„Kommt sofort…“ Über die gleiche Rampe, auf der sie auch aus dem Sternenkreuzer gelaufen waren, kam nun eine „Autonome Transportplattform“ aus dem Schiffsinneren geschwebt. Die ATP war in etwa so groß wie ein Ehebett und näherte sich rasch und beinahe lautlos etwa kniehoch über dem Boden schwebend. Analog zum Ehebett gab es auch ein Kopf- und ein Fußende – genauer gesagt jeweils ein Geländer an dem man sich festhalten konnte. Die beiden sprangen auf die Plattform, die unter dem Gewicht der schweren Kampfanzüge ein paar Zentimeter durchsackte, bevor sie sich langsam in die Höhe erhob. Ceyonne Ward steuerte die ATP gemächlich auf die Außenwand des Sternenkreuzers zu und dann an dieser entlang nach oben. Immer noch nichts. Nach zwei Minuten hatten sie die Höhe der Kommandobrücke erreicht.

„Können sie dort oben etwas Ungewöhnliches ausmachen?“, fragte der Kapitän über Funk.

„Nein. Die Waffe muss in einem ähnlichen Gehäuse untergebracht sein, wie der ganze Kram, der dort oben regulär montiert ist. Wir fliegen jetzt langsam noch näher ran.“

„Gut, passen sie auf sich auf!“

Noch 30 Meter. Ceyonne zielte im raschen Wechsel zwischen sämtlichen über ihnen befindlichen Apparaturen hin und her, während Ored Olsen auf die Automatik seines Lasergewehrs vertraute. Jetzt meldete sich die leicht nervös klingende Stimme von Hayden Findley aus den Helmlautsprechern der beiden: „Schießen sie mir dort oben bloß nichts kaputt, was wir noch brauchen!“

Die hünenhafte Frau im Kampfanzug rollte mit den Augen – hielt die Erste Offizierin sie für Amateure? Noch 20 Meter und die Batterie von verschraubten Gehäusen blieb so ruhig, wie eine Reihe von Grabsteinen auf einem Friedhof.

„Komm schon, du Scheißteil. Ich will’s jetzt wissen!“, rief sie und ihr Wunsch wurde erhört: In knapp 18 Metern Entfernung blitzte nun am rechten Arm des Apparaturenträgers ein greller, weißlich-grüner Lichtpunkt auf und blendete Ceyonne dermaßen abrupt, dass die automatische Verdunklung ihres Helmvisiers kaum nachkam! Sie sah nun gar nichts mehr und ging am Kopfende der fliegenden Plattform instinktiv in Deckung. Dafür sprang jetzt die automatische Zielerfassung am Präzisionsgewehr ihres Kameraden an. Ored musste nur grob zielen und brachte trotzdem einen Meisterschuss ins Ziel: Glühend zerplatzte eine Linse am Ende eines etwa Handfeuerlöscher-großen Zylinders, den dort oben irgendjemand nachträglich angebracht haben musste – der Laserstrahl war umgehend verschwunden.

„Gute Arbeit, Sergeant!“, lobte Captain Santorius über Funk, „kommen sie jetzt wieder runter und an Bord zurück. Ich schalte ihnen wieder die Gartenbeleuchtung für den Heimweg ein…“ Auf der ATP stehend schwebten sie zurück an Bord. Ceyonne würde leider erst in zwei Tagen keine blind-bunten Flecken mehr in ihrem Sichtfeld haben. Zum Glück war die Laserwaffe nur einen Sekundenbruchteil lang aktiv gewesen, bevor Ored Olsen sie neutralisiert hatte. Captain Santorius wollte am nächsten Morgen zwei Techniker bei Tageslicht auf den Mast schicken, um die Reste der kriminellen Vorrichtung zu bergen, damit man sie dann an Bord näher untersuchen könnte.

Am nächsten Morgen hatten sich Captain Santorius, Hayden Findley und die stellvertretende Wissenschaftsoffizierin Pavlína Dvořáková dazu entschieden, dass man sicherheitshalber ein paar Tage auf dem Planeten „Dreaded Expanse“ bleiben wollte – hauptsächlich, um sich mit dem Sabotageakt zu beschäftigen, aber auch um die Ermittlungen im Mordfall Luke Lavery voranzutreiben. Außerdem sollte für diesen und den im All ums Leben gekommenen Astronauten van den Broek an Bord eine feierliche Trauerzeremonie abgehalten werden. Offiziell waren beide durch „Arbeitsunfälle“ zu Tode gekommen – die verhängte Nachrichtensperre wurde weiterhin aufrechterhalten, um die Besatzung nicht unnötig zu beunruhigen.

Benjamin Freitag hatte man hingegen unterdessen eingeweiht, denn er war einer der beiden Techniker, die man nun zur Bergung der von einem Saboteur angebrachten Waffe auf den Instrumentenmast schicken wollte. Trotz der eigentlich verstörenden Neuigkeiten, war Benjamin gut gelaunt, denn er hatte Eena Broussard inzwischen schon zum dritten Mal in ihrer Arrestzelle besuchen dürfen und jedes Mal blieb die dortige Überwachungskamera ausgeschaltet! Aufgrund jenes „Deals“ zwischen Eena und der Militärpolizeichefin, über den Eena Benjamin aber nichts erzählen wollte…

Breitgrinsend stand  der Langhaarige mit dem Ziegenbärtchen zwischen den currygelben Sesseln der Kommandobrücke und erhielt von den Offiziellen weitere Instruktionen zu seinem für den Vormittag angesetzten Arbeitseinsatz: „Benjamin Freitag, da sie als langgedientes und überaus loyales Crewmitglied über jeden Zweifel erhaben sind, möchten wir sie mit der Bergung der improvisierten Einrichtung beauftragen. Wir bitten sie nur inständig, über ihre Aufgabe Stillschweigen zu bewahren. Wir werden ihnen einen einfachen Techniker zur Seite stellen, der ihnen dort oben zur Hand gehen wird. Es handelt sich um einen Mann, der sich in der Vergangenheit ebenfalls als äußerst verschwiegen und vertrauenswürdig erwiesen hat: Zeke Hersberger!

Neben Benjamin trat nun ein fast zwei Meter großer muskulöser Typ mit einer eher hässlichen Visage einen Schritt vor, mit dem Ben noch nie zuvor zusammengearbeitet hatte. Klar, er kannte ihn vom Sehen – wie fast die gesamte Mannschaft des Raumschiffs. Nach ein paar Jahren hat man alle Gesichter schon mal gesehen… Aber irgendetwas machte ihn stutzig: Benjamin hatte eine vage, ziemlich bruchstückhafte Erinnerung daran, dass er diesen hässlichen großen Mann schon einmal irgendwo auf dem Flur hocken sah, wo dieser dann herzhaft in einen Tablet-Computer gebissen hatte! Konnte das tatsächlich sein? Ben war zu jenem Zeitpunkt ziemlich betrunken mit Eena unterwegs gewesen. Ein Typ, der allen Ernstes von seinem Tablet abbeißt? Vermutlich hatte er das nur geträumt…

Als Hayden Findley und der Kapitän die beiden von der Brücke entließen, kam ein Wachsoldat herein und meldete: „Wir wurden unten auf dem Landefeld von einer Dame kontaktiert, die angeblich ein dringendes Anliegen vorbringen möchte. Sie scheint nicht von diesem Planeten zu stammen und macht ihrem Habitus nach einen durchaus wohlhabenden und gebildeten Eindruck. Soll ich sie zu ihnen auf die Brücke vorlassen, Captain?“

„Lassen sie die Frau durch einen Scanner marschieren und unbewaffnet vortreten. Ich bin jetzt tatsächlich ein bisschen neugierig, wer das wohl sein mag…“

Wenige Minuten später schwebte eine überaus elegante Erscheinung leichtfüßig auf die Kommandobrücke, die rein optisch so gar nicht zu diesem verkommenen Räubernest „Spudhead’s Mooring“ passen wollte. Die grazile Person war eindeutig keine Menschenfrau und auch keine Horko. Es schien sich bei ihr vielmehr um eine Ghaen zu handeln – allerdings um eine ungewöhnlich hellhäutige, die zudem auch noch, für ihre Spezies untypisch, Augenbrauen hatte und schwarzes Haar, das unter ihrem helmartigen Hut hervorlugte…

„Herzlich willkommen an Bord des terranischen Regierungsschiffes »U.E.S.S. Pirmasens« – mein Name ist Erno Santorius und ich bin der Kommandant. Was können wir für sie tun?“

„Aubron – mein Name ist Selassea Aubron und ich wünsche als zahlende Passagierin an Bord dieses Raumschiffes den Planeten zu verlassen!“

Santorius lachte kurz auf: „Das ist schön für sie, aber wir sind eigentlich kein Linienschiff und nehmen üblicherweise auch keine Fahrgäste an Bord…“

Die hochgewachsene Frau fiel ihm abrupt ins Wort: „Ich zahle ihnen drei Million Credits für meine Reise!“

Hayden Findley verschluckte sich fast, als sie diese Summe hörte – dafür könnte man sich auf den meisten Planeten eine kleine Villa kaufen. Aber die Pirmasens war in der Tat kein Passagierschiff und zudem auf einer womöglich mehrjährig andauernden Expeditionsmission unterwegs. Als sie diesen Einwand äußerte, antwortete Selassea umgehend: „Das ist mir bewusst. Mir ist es egal, wohin die Reise geht. Ich habe Zeit. Vielleicht komme ich später mit auf die Erde zurück – ich erhoffe mir allerdings, dass wir unterwegs auf einen für meine Forschungen interessanten Planeten stoßen werden, auf dem sie mich dann gerne absetzen können.“

Jetzt meldete sich wieder Santorius zu Wort: „Absetzen? Am besten noch mit einem persönlichen Shuttleservice, wie? Vielleicht sollen wir auch noch einen 20-Lichtjahre-Schlenker fliegen, wenn wir zufällig an so einem für sie interessanten Planeten vorbeikommen?“

Fünf Millionen Credits.“ Selassea öffnete ungefragt ihre Handtasche und entnahm einen kleinen Beutel aus Seide. Daraus zog sie eine untertassengroße Münze aus einem halbdurchsichtigen, holografisch schimmernden Material hervor, innerhalb derer ein Abbild rotierte, das wie eine Miniaturgalaxie aussah. Es handelte sich um eine absolut fälschungssichere Credit-Münze, die in einer quantenverschränkten Blockchain auf die Summe von 5 Million Credits codiert worden war. Hayden und der Kapitän bekamen nun wirklich große Augen. Santorius begann im Kopf ein wenig zu rechnen – 5 Millionen Credits! Dafür konnte er die Pirmasens fast dreimal auf einem Planeten landen und auch wieder starten lassen. Das Angebot klang wirklich interessant, zumal die Münze vor ihm eindeutig keine Fälschung sein konnte… Er entschied aus dem Bauch heraus: „Gut. Wir können darüber reden. Aber es ist noch nicht ganz klar, wann wir hier wieder abfliegen werden… Haben sie viel Gepäck?“ Hayden blitzte den Kapitän leicht erzürnt von der Seite an – es schmeckte ihr persönlich gar nicht, dass der alte Graubart einer Ausnahme für diese Dame nicht abgeneigt zu sein schien…

„Es ist sogar gut, wenn wir nicht gleich heute wieder starten müssen – ich brauche noch zwei oder drei Tage, um meinen Hausstand aufzulösen. Das passt mir also ganz gut in den Kram. Zu ihrer Frage nach meinem Gepäck: Mein Hausrat dürfte in zwei bis drei H&H-Standardcontainer passen…“

Die rothaarige Offizierin lachte nun fast schon hysterisch auf und sah zu Santorius herüber, der nun ebenfalls lachend seinen Kopf schüttelte: „Werte Dame, wir sind kein interstellares Umzugsunternehmen!“ Bei einem „H&H-Standardfrachtcontainer“ handelte es sich um ein quaderförmiges Normbehältnis, das in etwa so groß ist, wie es auf der guten alten Erde die 40-Fuß-Seefrachtcontainer waren, von denen man einen auf einen Sattelschlepper laden konnte. Dieses Behältermaß hatte sich beim interstellaren Frachttransport der Horko und Terraner („H&H“ = „Horko & Human“) durchgesetzt. Letztere hatten es einfach von ihren grünhäutigen „kosmischen Geschwistern“ übernommen, nachdem diese ihnen bei den ersten Schritten als sternfahrende Spezies dereinst tatkräftig unter die Arme gegriffen hatten – auch weil es ihrem altbewährten Normsystem so ähnlich war. Es gab allerdings auch noch ein weiteres, weniger gebräuchliches Containersystem, das auf einem hexagonalen Raster mit knapp 3 Metern Kantenlänge basierte. An Bord der Pirmasens waren beide Systeme anzufinden…

Jetzt wurde Selassea Aubron etwas ungehalten und riss einen zweiten Seidenbeutel aus ihrer Handtasche, der eine weitere Münze enthielt: „10 Millionen! Ich bitte sie! Dieses Angebot auszuschlagen, würde fast schon an Dummheit grenzen!“ Santorius und Hayden sahen sich ungläubig an. Die Frau wollte offensichtlich unbedingt von diesem Wüstenplaneten herunter…

„Gut. Ausnahmsweise. Normalerweise nehmen wir unterwegs nur offizielle Regierungsvertreter anderer Planeten an Bord, oder Schiffbrüchige“, antworte Erno Santorius nun bestimmt, „da sie in einer ähnlichen Notlage zu sein scheinen wie eine Schiffbrüchige – sonst würden sie mir nicht solch eine hohe Summe anbieten – springe ich mal über meinen Schatten. Wir müssen sie aber zuvor noch überprüfen lassen…“

„Schon geschehen!“, rief Pavlína Dvořáková hinter einem Kontrollpult hervor. Die Wissenschaftlerin hatte während der Reisekostenverhandlung eine interstellare Personendatenbank gefilzt und war dort tausendfach auf den Namen Selassea Aubron gestoßen: „Doktor Selassea Aubron, 39 Jahre alt, Vater Terraner, Mutter Ghaen. Fast niemand hat dermaßen viele wissenschaftliche Abhandlungen und Fachaufsätze über die Altvordern verfasst, wie sie – außer einem Typen von der Erde namens Professor Doktor Daniel Quentin Aubron und der war ihr Vater!“

„Sie sehen also, ich bin weder ein Niemand, noch eine Kriminelle – ich hoffe sie sind nun ein wenig beruhigt und sehen ein, dass ich mit meinen Kenntnissen womöglich sogar noch eine Bereicherung ihrer akademischen Abteilung darstellen könnte!“

Pavlína grinste von ihrem Pult hoch: „Das werden sie – ich freue mich schon auf eine wissenschaftliche Zusammenarbeit mit ihnen, Frau Kollegin!

„Gut, dann bleiben sie nun noch wenigstens 48 Stunden am Boden mit ihrem Schiff. Übrigens – ich nehme noch meinen Butler Agluz mit an Bord. Am besten geben sie mir gleich eine Suite, dann kann er dort einfachheitshalber gleich bei mir wohnen!“ Santorius und Hayden Findley schauten sich abermals mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Bei aller Liebe – irgendwie war der ihm zugeteilte Techniker Benjamin suspekt. Das Pokerface des kräftigen Typen zeigte keinerlei Mienenspiel und er sprach auch nur, wenn man ihn konkret fragte. Komischer Kerl. Benjamin kletterte in rund 80 Metern Höhe außen am Mast voran und Hersbergers fremdgesteuerter Körper folgte ihm wenige Leitersprossen unterhalb. In einer Hand hielt er mühelos eine schwere Werkzeugkiste – für diese Hilfe war Ben ihm dann trotz aller Skepsis doch dankbar.

Er schloss rasch zu diesem dauerplappernden Menschen auf, der nun nur noch einen Meter über ihm kletterte. Wenn er es wollte, könnte er ihn nun mühelos am Bein packen und mit einem kräftigen Ruck in die Tiefe reißen! Aber dann würde man ihm sehr wahrscheinlich sehr viel eher auf die Schliche kommen und seine Pläne durchkreuzen, als wenn er seine „Zeke Hersberger“-Rolle weiterhin so geschickt spielen würde. Zumindest hatte er hier in unmittelbarer Nähe zum Geschehen die Situation bestens unter Kontrolle. Nötigenfalls könnte er ihn dann immer noch vom Mast stoßen…

„Herr Kollege, wir sind da!“ Unmittelbar über ihnen kragten fast hundert Meter über dem Erdboden zwei parallel übereinanderliegende Querbalken seitlich zu beiden Seiten des Instrumentenmastes aus, die Apparaturenträger. Am oberen rechten Arm konnte man unschwer das beschädigte Zusatzgerät erkennen: Im Frontende des Zylinders klaffte ein verschmortes Loch, Ored Olsen hatte mit seinem leistungsstarken Lasergewehr ganze Arbeit geleistet. „Da hat unser unbekannter Saboteur aber einen verdammt guten Job gemacht; dieses nette Gadget sieht doch tatsächlich so aus, als ob es original von der Werft kommen würde! Es wurden sogar die gleichen selbstjustierenden Befestigungsbolzen wie bei den anderen Gerätegondeln benutzt – was sagt man dazu?“ Nichts offenbar. Der große Kerl mit dem hässlichen Gesicht zog es weiterhin vor, zu schweigen. Ben versuchte dennoch ein bisschen Smalltalk: „Von hier oben hat man einen hübschen Rundumblick, nicht? Gut, dass wir schwindelfrei sind… Ich sehe dort unten einen Trupp unserer Soldaten, vorweg Hayden Findley – die erkennt man an ihren roten Haaren und dem energischen Gang – ich glaube die sollen heute noch ein paar offizielle Vertreter der lokalen Regierung ausfindig machen und zu einem diplomatischen Treffen mit dem Captain holen. Es kommt ja nicht alle Tage vor, dass man auf eine unbekannte Kolonie von Menschen oder Horko stößt, was?“

Statt einer Antwort hielt Hersberger dem Pirmasenser den geöffneten Werkzeugkoffer hin. Benjamin entnahm ein Akku-Plasmaschweißgerät, um die Haltebolzen zu durchtrennen. „Ich wette der alte Graubart will den Planeten amtlich für die Erde und das Horkosystem annektieren. Wir sind ja mit unserem Kahn auch so was wie die sternfahrende Staatsgewalt!“ Benjamin lachte kurz und schnitt die vier Bolzen rasch durch… „Uff! Das Teil ist unerwartet schwer – hier nimm mir bitte schnell das Schweißgerät ab – ich schaffe nicht beides gleichzeitig zu halten!“

Der mürrische Helfer nahm Benjamin das Gerät ab und sprach nun zum allerersten Mal zu ihm: „Gut – dann sind wir hier fertig, lass uns schnell wieder zurück an Bord gehen!“

„Echt? Ich wollte mich hier oben noch ein bisschen umschauen! Die frische Luft und die Sonne sind ja auch gut für den Teint – könntest du gebrauchen, siehst nämlich wie ne übellaunige Käsemade aus…“

„Schwachsinn. Wir kriegen hier oben keine Überstunden bezahlt – also runter!“, giftete der Mann mit dem Feuermal auf der hohen Stirn über der plattgehauenen Boxervisage. Warum hatte der es bloß so eilig? Benjamin konnte nicht wissen, dass der neue Geist in Hersbergers Körper diesen dazu gebracht hatte, in der Schneesturmnacht auf dem Planeten Pirmasens 100d gleich zwei neue Geräte im Instrumentenmast zu installieren: Die Schutzvorrichtung am oberen rechten Arm war jetzt abmontiert – aber das etwa kaffeekannengroße Anbauteil am linken Arm immer noch auf Sendung! In nun nur noch 72 Lichtjahren Entfernung wurde das quantenverschränkte Funksignal weiterhin registriert.

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(Sternenkreuzer-Episodenliste, illustriertes Glossar und Personenübersicht findet Ihr unter diesem Link)

7 Gedanken zu “STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XVII

  1. Danke für die Kapitelübersicht. Habe gesehen, dass du sie auch im Blog-Menü aufgenommen hast. Das erleichtert die Orientierung doch sehr. Wird allerdings noch etwas dauern, bis ich zum Lesen komme.

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    • Falls Du es irgendwann tatsächlich lesen solltest, dann sage mir hinterher bitte offen und ehrlich, wie Du es fandest… Ich halte mich nämlich eher für einen Essayisten, als für einen Romanschreiber oder Geschichtenerzähler. Da Du inzwischen so etwas wie eine professionelle Autorin bist, wäre eine Kritik von speziell Dir besonders wertvoll für mich. LG!

      Gefällt 1 Person

      • Naja, professionelle Autorin ist zu viel gesagt. Zumindest noch. 😁 Ich werde deine Geschichte auf jeden Fall lesen! Ich möchte sie nur in Ruhe genießen und nicht einfach schnell im Vorbeigehen abfrühstücken. Das hat sie nicht verdient. Es ehrt mich, dass du auf meine Kritik Wert legst. Und ja, ich verspreche dir, dass ich dir nicht (nur) pfundweise Honig ums Maul schmieren werde. Schon allein deshalb, weil ich weiß, dass Zucker(!)watte auch nicht so deins ist. Lieben Gruß zurück!

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