STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XVI

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0005 Logo Pirmasens

Kapitel XVI – Zapp, Headshot!

Leise erklang das zweite Klavierkonzert von Rachmaninow aus den Lautsprechern, die hinter den mit grün-goldenem Brokatstoff bespannten Wandverkleidungspanelen verborgen eingebaut waren. Selassea Aubron hatte ihre schwere Kopfbedeckung, einen auskragenden Hut, der mit allerlei Hightech-Sensorik vollgestopft war und ohne den sie niemals vor die Tür ging, abgenommen und saß in einem perlmuttfarbenen Hausmantel vor dem Spiegel ihres Frisiertisches. Sie legte ihren Kopf schief und kniff ihre orange funkelnden Bernsteinaugen leicht zusammen. Sie verlor sich in Überlegungen, von wem ihre Gesichtszüge überwiegend stammten – von ihrem menschlichen Vater, oder von ihrer Ghaen-Mutter, an die sie kaum noch Erinnerungen hatte. Sie war gerade einmal zwei Jahre alt gewesen, als ihre Mutter eines Nachts das Haus verließ und auf Nimmerwiedersehen verschwand. Sie hatte außer einem kurzen, aus nur zwei Sätzen bestehenden Abschiedsbrief keine weiteren Erklärungen zurückgelassen. Es war damals nicht leicht gewesen – ihr Vater arbeitete als frisch promovierter junger Doktor der Exoarchäologie nahezu rund um die Uhr im Institut. Als Resultat davon hatte Selassea den größten Teil ihrer Kindheit in der Universität verbracht – das war ziemlich prägend. Schon in sehr jungen Jahren war ihr klar, dass sie später beruflich in die Fußstapfen ihres Vaters treten würde. Die Beschäftigung mit den mysteriösen „Altvorderen“ sollte auch zu ihrem Lebensthema werden. War ihre Mutter damals tatsächlich auf ihre Herkunftswelt zurückgekehrt? Die stolzen und eigenwilligen Ghaen liebten ihren Heimatplaneten und hatten niemals eigenen Kolonien außerhalb davon gegründet. Vermutlich war ihre Mutter tatsächlich dorthin zurückgegangen… Selassea begann gedankenversunken ihre blauschwarzen, knapp kinnlangen Haare zu kämmen, die unter ihrer Kopfbedeckung durcheinander geraten waren. Ihr Vater war ein Theoretiker gewesen – seine Forschungen fanden in Büchern und geschlossenen Räumen statt. Sie war anders – es zog sie an die planetaren Originalschauplätze, an denen die Altvorderen ihre Spuren hinterlassen hatten. So war sie auch in diese „Dreaded Expanse“ getaufte Wüstenei geraten. Sie hatte sich bewusst gegen eine eigene Laufbahn an der Uni entschieden und war nun statt ebenfalls Professorin zu werden eine reisende Privatwissenschaftlerin. Dank des Erlöses eines märchenhaft teuren Ghaen-Schmuckstückes, das einst ihrer Mutter gehört hatte und von dieser bei ihrem Weggang zurückgelassen worden war, konnte sich Selassea Aubron ein relatives Luxusleben als Privatière leisten. Als sie im Frisierspiegel ihren vermummten Butler Agluz mit einer dampfenden Tasse Tee auf einem Silbertablett auftauchen sah, lächelte sie. Wenn man sich im Haus aufhielt, merkte man gar nicht, dass „Spudhead’s Mooring“ ein verkommenes Nest voller Herumtreiber und Halunken war. Dennoch würde sie hier nicht mehr länger als nötig bleiben. Ihre Erkundung der Altvorderen-Ruinen war prinzipiell abgeschlossen.

0117 Ruinen

Tonnen von Schnee stürzten in unzähligen kleinen Lawinen vom riesigen Schiffsrumpf herunter, als sich der Sternenkreuzer träge vom felsigen Grund der kleinen Insel im eisgrauen Ozean des Vreihri-Planeten löste. Die Vertikalflugschubdüsen schmolzen die Schneehäufen unter dem Schiffsbauch in Sekundenbruchteilen zu dampfenden Teichen. Dröhnend stand das gewaltige Raumschiff einen Momentan lang wie seine eigene Fata Morgana in der flirrenden Luft. So, als ob es noch zögern würde, um sich von seiner Landestelle kurz zu verabschieden. Dann schob Captain Erno Santorius den Schubregler weiter nach vorne und die „U.E.S.S. Pirmasens“ erhob sich dröhnend in den trüben Himmel. „Erste, auf zu neuen Ufern! Ich teile ihre Einschätzung, dass wir den Planeten Pirmasens 100d umfangreich genug ersterkundet haben – diese blutrünstigen Vreihri-Schlächter werden wohl noch ein paar Jahrhunderte brachen, bis sie eine raumfahrende Hochkultur sind, die eine diplomatische Kontaktaufnahme wert wäre.“

Die Antwort der Ersten Offizierin Hayden Findley ging im Grollen unter, das nun durch das Raumschiff brandete, als Santorius die heckseitigen Triebwerke für den Vorwärtsflug zündete. Innerhalb einer planetaren Lufthülle lärmten sie erheblich lauter als im Vakuum des Weltraums.

Benjamin Freitag sah auf dem riesigen Wanddisplay aus dem virtuellen Kabinenfenster. Er zupfte ein paar Akkorde auf der neuen Gitarre. Seitdem er eine halbe Stunde ungestört mit Eena verbringen durfte, war seine Laune wieder erheblich gestiegen. Nachdem die Welt unter ihm auf dem Display von einer Fläche zur Kugel geworden war, verebbte das Grollen der Treibstoffbefeuerung der beiden Haupttriebwerke kurz. Die zahlreichen Brennkammeröffnungen der beiden riesigen, kegelförmigen Antriebseinheiten wurden durch Stellmotoren mit Luken verschlossen – andere Stellmotoren schoben nun etliche konzentrisch angeordnete Ringblenden auseinander, hinter denen die Generatoren für das Stützfeld lagen. Nachdem sich das hunderte Kilometer weit in den Weltraum reichende Magnetfeld stabilisiert hatte, wurden die Haupttriebwerke erneut angeworfen – sie waren nun auf den Vortrieb mittels annihilierender Antimaterie umgestellt und erwachten abermals tief grollend zu neuem Leben. Das Raumschiff nahm nun merklich an Fahrt auf. In wenigen Minuten würde das große Kriegs- und Expeditionsschiff durch die heckseitig ablaufende Materie-Antimaterie-Zerstrahlung auf 8 Prozent der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt haben und somit die zur Ausbildung einer Warp-Blase notwendige Mindestgeschwindigkeit erreichen.

„Achtung! Sprung in den Alcubierre-Modus in weniger als zwei Minuten! Bitte begeben sie sich auf ihre Sicherheitspositionen!“, tönte Hayden Findleys Stimme aus dem Kabinenlautsprecher von Zeke Hersbergers Kajüte, die nur ein paar Dutzend Meter von Benjamins Unterkunft entfernt lag. Über Hersbergers Gesicht huschte ein breites Grinsen, das nicht von ihm selber stammte, sondern von jenem uralten Wesen, das sich seines Körpers und Geistes bemächtigt hatte. Hersberger war nur noch eine Hülle. Zugegebenermaßen eine recht kräftige und nützliche Hülle mittels derer man auch stundenlang außen auf dem geparkten Sternenkreuzer umherklettern konnte, wenn es darauf ankam. Er hatte die Zeit auf dem Planeten genutzt, um ein paar Umbauten an einem der Apparaturenträger des Instrumentenmastes durchzuführen. Dort saß nun ein zusätzlicher Sender, der seinen Betrieb aufnehmen würde, sobald der Sternenkreuzer im überlichtschnellen Alcubierre-Modus mit einem Reisetempo von knapp 5 Parsec pro Tag unterwegs wäre. Der Sender würde so etwas wie einen „Weckruf“ ausstrahlen und zugleich als Peilsignalgeber fungieren. Niemand an Bord würde davon etwas mitbekommen, denn Quantenfunk ist vollkommen abhörsicher. Es braucht dazu nur zwei miteinander verschränkte Quantensysteme. Zwischen diesen können selbst dann noch Informationen in Echtzeit ausgetauscht werden, wenn sie sich viele Lichtjahre weit voneinander entfernt befinden, nachdem man sie initial an einem Ort miteinander verknüpft hatte.

In seinem Fall lag diese Koppelung bereits Abermillionen von Jahren zurück und war an einem gänzlich anderen Ort durchgeführt worden, an den er sich gar nicht mehr erinnern konnte. Wichtig war nur, dass es einen Teil A und einen Teil B gab. Teil A hatte sich für Äonen auf einem nur wenige Nanogramm schweren Abschnitt seines unzerstörbaren Datenspeicher-Kristallkerns befunden. Als er oben im Mast war, hatte er das mikroskopische Subsystem innerhalb des Wirtshirns von der kristallinen Einheit gelöst und auf eine kurze Reise durch den Riechnerv geschickt. In einem Klumpen blutig-rosafarbenen Rotzes war es auf seiner Zeigefingerspitze gelandet und infolge dessen hing die Quanteneinheit A des verschränkten Kommunikationssystems nun in einem neu angefertigten, etwa kaffeekannengroßen Anbauteil draußen am Instrumentenmast. Teil B befand sich gerade in knapp hundert Lichtjahren Entfernung und schon seit zig Millionen Jahren im Stand-by-Betrieb. Aber nicht mehr lange, denn aus dem Kabinenlautsprecher vermeldete die Erste Offizierin den erfolgreich verlaufenen Sprung des Schiffes in die Alcubierre-Metrik.

Innerhalb des flirrenden Waberns der Warp-Blase huschten seltsame Streulichter über die Flanken des Sternenkreuzers. Das tiefe Grollen der beiden riesigen Materie-Antimaterie-Antriebe war verstummt und dem hohen Sirren der vier Longitudinalwellen-Triebwerke gewichen, die das Schiff nun innerhalb der von der umgebenden Raumzeit abgeschnürten Blase vorwärtsbewegten. Teil A begann zu senden und Teil B zu empfangen.

Die „U.E.S.S. Pirmasens“ reiste nun bereits seit etwa 75 Minuten im Alcubierre-Modus. Das mehrere hundert Meter lange Raumschiff hatte sich binnen dieses kurzen Zeitraums innerhalb der raumzeitlich vom umgebenden Kosmos entkoppelten Warp-Blase bereits ein komplettes Lichtjahr weit vom Planetensystem „Pirmasens 100“ entfernt. Ein Großteil der noch beim Start dort versammelten Mannschaft hatte die weitläufige Kommandobrücke bereits wieder verlassen – außer Captain Santorius und Hayden Findley waren nur noch drei weitere Crewmitglieder anwesend. Von Routineabläufen gelangweilt, fläzten sie in den bequemen Polstermöbeln herum, welche eher an die Ausstattung einer mondänen Hotellobby erinnerten, als an klassische Pilotensessel. Als unerwartet ein Alarmsignal erklang, saßen sie schlagartig kerzengerade in ihren Sesseln und schauten eilig auf ihre Kontroll-Monitore und 3D-Displays.

„Was liegt an?“, fragte der Kapitän seine Brückencrew. Da der Alarmton eher dezent klang – keine schrille Warnsirene, sondern eher so wie das Pingen wegen eines nicht angelegten Sitzgurtes – und mehr orangene, als rote Symbole und Schriftzüge auf den Kontrollinstrumenten aufblitzten, war ihm schnell klar, dass es sich vermutlich um kein lebensbedrohliches Problem handeln sollte.

Einer der Navigatoren, ein schlaksiger Mann mit einer Halbglatze namens Ivanov, antwortete umgehend: „Captain, wir haben einen Komplettausfall des Relativistischen Warp-Tachometers. Es werden überhaupt keine Daten mehr übermittelt…“

„Haben wir dadurch ein größeres Problem, oder ist das eher eine kleinere Störung?“

„Wir haben zumindest keine genaue Aufzeichnung über unsere Geschwindigkeit und zurückgelegte Wegstrecke mehr… Klar, die Betriebsdaten über unsere Reisegeschwindigkeit im Alcubierre-Raum sind grundsätzlich bekannt, rund 5 Parsec innerhalb von 24 Stunden, aber unsere genaue Geschwindigkeit, ob es nun 4,9 oder 5,1 Parsec pro Reisetag sind, darüber haben wir gegenwärtig keinerlei Aufzeichnungen mehr.“

„Heißt das, dass auch die automatische Kartierung des umgebenden Raumes nicht mehr exakt stattfindet?“, schaltete sich nun Hayden Findley ein, die sich sofort Sorgen um eine der Kernaufgaben der aktuellen Sternenkreuzer-Expeditionsmission machte.

„Klar – das ist in etwa so, als ob man auf einer Baustelle den Zollstock verloren hätte und nun alles Pi mal Daumen schätzen müsste. Je länger wir ohne funktionierenden Geschwindigkeitsmesser weiterreisen, desto größer wird auch der Messfehler.“

„Dann sollten wir das defekte Instrument umgehend reparieren!“

„Das ist allerdings nicht so ganz einfach. Dazu müssten wir vermutlich ein paar Techniker zu einem Außeneinsatz rausschicken…“

Hayden Findley biss sich auf die Unterlippe und warf dem Kommandanten einen fragenden Blick zu. Santorius überlegte kurz und nickte dann: „Erste, brechen sie den Warp-Modus ab! Wir legen sofort einen außerplanmäßigen Wartungsstopp ein. Überprüfen sie, ob wir hier gefahrlos aus der Alcubierre-Metrik fallen können!“

„Achtung! In zwei Minuten verlassen wir den Alcubierre-Modus zu einem außerplanmäßigen Wartungshalt. Es liegt aber keine akute Gefahrensituation vor, sie brauchen sich also keine Sorgen machen“, vermeldete Hayden Findleys Stimme aus den Lautsprechern auf allen Sternenkreuzer-Decks, unter anderem auch aus jenem in Zeke Hersbergers Schlafkabine. Hatte das etwa mit seiner heimlich installierten Sendevorrichtung zu tun? Hatten sie seine Umbaumaßnahme womöglich entdeckt? Das konnte eigentlich nicht sein… Abrupt setzte er sich auf der Koje auf und schob die zu einer bionischen Schnittstelle umgestaltete Ringfingerkuppe seiner linken Hand in eine Steckbuchse in der Kabinenwand. Zeit, sich einmal „umzuschauen“: Binnen Millisekunden war er auf der Brücke im elektronischen Logbuch des Sternenkreuzers und bekam gerade noch mit, wie Hayden Findley dort den Grund für den irregulären Halt eintippte. Offenbar war ihm doch ein Fehler unterlaufen, als er auf dem Instrumentenmast umherkraxelte. Wahrscheinlich war er, statt nur auf die Leiterstreben, versehentlich einmal auf einen empfindlichen Sensor getreten. Schlecht, wenn man über so einen grobschlächtigen Menschenleib verfügte, der durch die hohe Schwerkraft von „Pirmasens 100d“ bedingt auf der Klettertour auch noch über 150 Kilogramm gewogen hatte!

Teil A hatte zwar nur 80 Minuten lang senden können, bis das Schiff wieder in den Normalraum zurückfiel, aber die quantenverschränkte Message war bei Teil B deutlich angekommen. Uralte Energiespeicher wurden daraufhin von einer automatischen Routine aus ihrem an eine Ewigkeit grenzenden Stand-by-Modus erweckt und fuhren langsam wieder zur vollen Funktionsfähigkeit hoch. Verstaubte Instrumente führten Selbsttests durch und Kilovoltströme flossen nun erneut durch Leitungen, durch die während der letzten 58 Millionen Umläufe um die orangefarbene Zwergsonne allenfalls wenige Millivolt starke Kriechspannungen geflossen waren. Der namenlose Stern der Spektralklasse K verfügte lediglich über einen ringförmigen Asteroidengürtel, der sich gebildet hatte, nachdem die einzigen beiden gegenläufigen Planeten frontal miteinander kollidiert waren. Eines dieser hunderttausenden von Trümmerstücken war ein echtes Überraschungs-Ei: In seinem ausgeholten Inneren hielt sich seit Jahrmillionen ein riesiges Objekt versteckt. Ein Objekt, das nun aus seinem Tiefschlaf erweckt worden war…

Der Asteroid sah aus wie eine pockennarbige Kartoffel von der Größe Manhattans. Plötzlich zog sich ein Spinnennetz von Grabenbrüchen über seine komplette Oberfläche, aus denen weißlich-blaue Plasmaströme lodernd ins Weltall züngelten! Der felsige Himmelskörper zerplatzte wie in Zeitlupe – berggroße Bruchstücke0118 Black trieben gemächlich taumelnd in alle Himmelsrichtungen auseinander, bis sie das Objekt in ihrem Zentrum freigaben: Es war riesig, mattschwarz und nach den Maßstäben der meisten intelligenten Spezies ziemlich hässlich… Sobald die Asteroidenbruchstücke weitgenug auseinandergedriftet waren, nahm es seinerseits Fahrt auf: Teil B ging auf Kurs gen Teil A.

Der Sternenkreuzer driftete allein auf weiter Flur durchs All – das Planetensystem „Pirmasens 100“ lag bereits 1,2 Lichtjahre zurück, im näheren Umkreis gab es lediglich zwei bedeutungslose braune Zwerge. Deshalb war es draußen ziemlich finster, als der Schompad Nappoke Tryphul Gnobkock schmollend aus der Luke in der gepanzerten Außenhaut der „U.E.S.S. Pirmasens“ stieg, die sich zuvor unterhalb des etwa 35 Meter hohen Instrumentenmasts geöffnet hatte. Er schmollte, weil er lieber mit seinem gewohnten Außeneinsatzpartner Benjamin Freitag ausgestiegen wäre, aber dieser hatte kurzfristig abgesagt, da er lieber die spontan durch die Militärpolizeichefin ermöglichte Gelegenheit für einen weiteren ungestörten Besuch bei Eena im Zellentrakt nutzen wollte. Stattdessen wurde der dicke Außerirdische, der in seinem Spezialanzug wieder wie ein in Alufolie verpackter Kürbis aussah, wenige Meter oberhalb der Schiffshülle von einem Typen, der laut des am Raumanzug angeklipsten Namensschildes auf den Nachnamen van den Broek hörte, überholt und dabei über den Helmfunk mit einem zackigen „aus dem Weg, Dickerchen!“ bedacht. Sein Kumpel Ben durfte sich solche Neckereien erlauben, aber jemandem, mit dem er noch nie zuvor zusammengearbeitet hatte, konnte der Schompad so etwas eigentlich nicht ungestraft durchgehen lassen!

Als er ihm nachsetzten wollte, geriet er jedoch ins Trudeln und sah den anderen Astronauten zügig gen Mastspitze entschweben. Kurz bevor er ganz oben angekommen war, traf ein feiner Lichtstrahl auf das Helmvisier von van den Broek. Fadendünn und grellgrün schien er irgendwo am Mast seinen Ausgangspunkt zu haben. Ungläubig musste Nappoke, der sich gerade wieder aus seiner Rotation gefangen hatte, mitansehen, wie ein feiner Partikelstrom von der durchsichtigen Rundung ausgehend ins All stob – der auf dem Visier erzeugte Lichtpunkt war so hell, dass sich nicht nur das getroffene Glas von van den Broeks Helm automatisch verdunkelte, sondern auch das Helmvisier des Schompads, der dem Getroffenen rasch entgegen schwebte, um ihm zur Hilfe zu kommen. Der grüne Laserstrahl zielte automatisch immer auf die gleiche Stelle, obwohl der Astronaut nun vehement auszuweichen versuchte! Irgendein Zielmechanismus war offenbar dafür verantwortlich. „Was ist das für ein seltsamer Lichtstrahl?“, quäkte die Stimme der Ersten Offizierin fragend aus Nappokes Helmlautsprecher, als er gerade den linken Fuß des Kollegen zu fassen bekam. Statt zu antworten starrte Nappoke nur entgeistert auf den Helm des anderen, weil dort ein Strahl kondensierender Atemluft aus einem Loch in der Sichtscheibe entwich, die schlagartig von innen beschlug! Van den Broek fing wild mit den Armen und Beinen zu rudern an, während die Luft aus seinem Anzug zischte und gleichzeitig die Kälte des Weltraums hineinkroch. Der Unglückliche erfror binnen von Sekunden, obwohl das Vakuum sein Blut zeitgleich zum Kochen brachte!

Eine seiner letzten Lebensäußerungen war eine Zuckung, die sein rechtes Bein gegen den Helm von Nappoke Gnobkock treten ließ, was diesem eine halbe Drehung verpasste und ihn zurück in Richtung Luke schweben ließ. Ein Glücksfall, denn der grüne Schneidbrennerstrahl hatte sich vom Helmvisier des Sterbenden gelöst und zielte jetzt auf den beleibten Schompad. Zischend brannte der Laser sich durch das dünne Materialsandwich, das Nappokes Hintern gegen die luftleere Unendlichkeit des Universums abschirmte! Als der sich automatisch ausrichtende Strahl auf Unterwäsche stieß, hörte der Außerirdische das ekelhafte Zischen rasch entweichender Luft – ein ihm durchaus aus seiner Hose vertrautes Geräusch – aber bitte nicht fremdinitiiert! Durch den finalen Tritt des mittlerweile toten Kollegen schwebte er nun kopfvoran in Richtung Luke und konnte deshalb auch nicht mehr am Helm getroffen werden. Aber der versengte Hintern war schlimm genug! Übler Schmerz marterte ihn, als nun auch noch minus 270 Grad Celsius an die lädierte Hinterfront gelangten. Sofort ließ der Druckabfall den gefrierbrandgepeinigten Schinken dermaßen anschwellen, dass dieser das Loch von innen versiegelte. Zum Glück war der Außerirdische ein ziemlich zähes Wesen – mit letzter Kraft zog er sich in die Luftschleuse, wo er in Sicherheit war, als sich die Luke automatisch hinter ihm schloss. Der robusten, halbmeterdicken Außenhülle des Kriegsschiffs konnte der feine Laserstrahl nichts anhaben.

„Was war denn das?“ Das Entsetzen rund um den zentralen Kartentisch auf der Kommandobrücke war beträchtlich. Über der Tischfläche wurde gerade eine holografische Liveübertragung in den Luftraum projiziert, die zeigte wie der tote Astronaut van den Broek langsam treibend ins All verschwand.

„Irgendeine Art Laserwaffe – ich fahre die Aufzeichnung noch mal zurück und vergrößere den Ausgangspunkt des Strahls“, rief Pavlína Dvořáková aufgeregt, „eindeutig handelt es sich dabei um keine schiffseigene Einrichtung!“

Captain Erno Santorius beugte sich über die Tischkante um die Details in der ziemlich grobgepixelten Vergrößerung besser erkennen zu können, die nun dort erschien: „Es kommt direkt von einem unserer Apparaturenträger an der Mastspitze. Könnte das die Folge einer Fehlfunktion sein? Vielleicht sogar in Zusammenhang mit dem ausgefallenem Relativistischen Warp-Tacho?“

„Nein, auf keinen Fall. Der defekte Tachometersensor sitzt weiter unten an der Mastvorderseite – da direkt neben den Leitersprossen!“ Die Wissenschaftlerin deutete mit ihrem Zeigefinger direkt in die 3D-Darstellung.

„Ich sehe es jetzt auch“, Hayden Findley griff etwas weiter oben in die Projektion, „der Strahl kommt eher von ganz oben… Zoomen sie dort bitte noch etwas näher heran, Pavlína!“

„Hier, man kann leider kaum etwas erkennen bei dieser ungünstigen Vergrößerungsstufe. Da! Ich blende mal einen Zentimetermaßstab ein… Sehen sie dieses Objekt? Wie ich schon sagte, das ist auf keinen Fall eine schiffseigene Einrichtung, von der dieser Strahl ausging!“ Die stellvertretende Wissenschaftsoffizierin hatte ihre Sonnenbrille abgenommen und wedelte beim Dozieren mit dieser durch die Projektion. Offenbar war der Fremdkörper dort in etwa so groß wie ein kleiner Handfeuerlöscher. Irgendwer musste ihn dort oben erst kürzlich angebracht haben – vermutlich während sie auf der Supererde gelandet waren.

„Sabotage?“ Die Erste Offizierin warf dem Sternenkreuzer-Kapitän einen entsetzten Blick zu.

„Tja“, raunte dieser seinen Bart zwirbelnd, „wir haben ja auch einen freilaufenden Mörder an Bord. Langsam wundert mich hier gar nichts mehr… Erste – veranlassen sie, dass der Überlebende umgehend medizinisch behandelt wird. Der Aufzeichnung nach erhielt er achtern einen Volltreffer, bevor er sich in die Schleuse retten konnte… Außerdem sollten wir umgehend einen halbwegs sicheren planetaren Raumhafen ansteuern, um uns um diese rätselhafte Installation kümmern zu können – schließlich können wir uns nicht einfach mit einem der Richtgeschütze unsere eigene Mastspitze wegschießen, um die Gefahr zu beseitigen. Dazu brauchen wir Festland unterm Bauch und ein besonnenes Vorgehen. Ich will schließlich wissen, was wir da oben für ein Kuckucksei im Nest haben! Pavlína, was ist hier der nächste Planet auf dem wir sicher landen können, am besten natürlich mit einem Raumhafen?“

„Raumhafen dürfte schwierig werden, Captain. Schließlich befinden wir uns hier in einem noch nicht offiziell kartiertem Gebiet des galaktischen Orion-Arms…“ Umgehend begann die Frau mit der pinken Haarpracht durch etliche Listen und Verzeichnisse zu scrollen, bis sie auf ein paar inoffizielle Weltraumkarten stieß, die sie erst kürzlich von einem Datenträger extrahiert hatte, den man in den wenigen Habseligkeiten der kürzlich an Bord verhafteten mutmaßlichen Weltraumpiratin Eena Louise Broussard gefunden hatte. „Doch, ich hab was: Eine inoffizielle Kolonie in einem Planetensystem ungefähr drei Parsec voraus!“

„Gute Arbeit – wann können wir dort sein? Ich will mich so schnell wie möglich um unser Problem kümmern!“

„Wenn wir sofort starten und in den Alcubierre-Modus springen, sind wir schon morgen um 13 Uhr Bordzeit dort! Laut der Piraten-Raumkarte hat jene Welt sogar einen Namen: »Dreaded Expanse«…“

„Gut, das hört sich sogar erfreulich terranisch an… Also auf nach »Dreaded Expanse«!“

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(eine Episodenliste mit direkten Links zu allen bisher in meinem Blog veröffentlichten „Sternenkreuzer Pirmasens“-Kapiteln sowie ein liebevoll illustriertes Glossar zur Erklärung der Fachbegriffe und als Personen-Übersicht findet Ihr unter diesem Link)

 

4 Gedanken zu “STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XVI

  1. Ich glaub, ich muss das irgendwann von Anfang an lesen. Sonst steig ich da garantiert nicht durch. Was aber u.a. auch daran liegen könnte, dass ich in Sachen Sci-Fi ziemlich unbefleckt bin. Ich treib mich normalerweise in anderen Genres herum.

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