STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XV

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Ich kann gerade nicht schlafen, weil sich mein Tag-Nacht-Rhythmus gehörig verschoben hat – was daran liegt, dass ich den ganzen Tag über Bettruhe hielt, weil ich leider recht erkältet bin. Mit Fieber und elendem Reizhusten. Keine Ahnung, wo ich mir da schon wieder einen Keim aufgegabelt habe – eigentlich halte ich doch weitestgehend gehörigen Abstand zu anderen Angehörigen meiner Spezies! Oder es liegt eben genau daran: Weil ich nicht die jahrzehntelange Abhärtung durch Straßenbahnfahrten und Großraumbüros genossen habe, fange ich mir sofort jeden Virus ein, der mir in die Quere kommt! Wie auch immer, es hat mich gehörig erwischt – unten steht sogar seit zwei Tagen eine Zigarrenlieferung für meinen Humidor unausgepackt auf dem Küchentisch herum… Aber seit vier oder fünf Tagen bin ich hustenreizbedingt komplett tabakabstinent. Philomena hat es inzwischen übrigens auch erwischt – sie hat glücklicherweise aber nicht diesen schlimmen Husten.

Wie auch immer – ich habe aus meiner fiebrigen Schlaflosigkeit das Beste gemacht und mal eben eine weitere Folge meiner galaktischen Fortsetzungsgeschichte „Sternenkreuzer Pirmasens“ direkt aus meinem Hirn für Euch in die Tasten gehauen! 🚀Hier kommt Kapitel 15:

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Kapitel XV – Mord an Bord

Es kam nur selten vor, dass er als Kommandant sein Schiff in Ruhe von außen betrachten konnte. Er schlug den Kragen seines Kapitänsmantels hoch, als ihm gewahr wurde, dass es draußen leicht zu schneien begonnen hatte. Das kühlgemäßigte Klima auf der Supererde „Pirmasens 100d“ sorgte in den Nächten für Temperaturen um den Gefrierpunkt. Ein paar Scherzbolde hatten ein funkelnd leuchtendes Plastikweihnachtsbäumchen aufgestellt und wärmten sich daneben die Hände an einer improvisierten Feuertonne – als sie den etliche Meter abseits von ihnen stehenden Captain bemerkten, nahmen sie kurz Haltung an und grüßten. Erno Santorius nickte ihnen zu, bevor er weiter vom gelandeten Sternenkreuzer fortging, um ihn eine Weile lang in Gänze zu betrachten: Um das mehrere hundert Meter lange Schiff, das wie ein riesiger, friedlich schlafender Wal wirkte, hatten sich noch weitere Crewmitglieder in kleinen Grüppchen versammelt – hier und da leuchteten sie mit mitgebrachten Lampen umher, außer der Feuertonne gab es noch zwei weitere kleine Lagerfeuer. Die Szenerie hatte beinahe etwas von einem winzigen Weihnachtsmarkt. An Bord merkte man kaum, dass die Adventszeit begonnen hatte – Religion und Weltanschauungen waren dort Privatsache, es gab keine offiziellen Weihnachtsbräuche. Hätte man damit angefangen, die bordeigenen Räumlichkeiten adventlich zu schmücken, dann müsste man zum Ausgleich auch für Chanukka oder das Zuckerfest dekorieren. Oder für die zahlreichen Feste der etwa 60 Außerirdischen an Bord. Vor lauter Feiertagen wären auf dem Schiff dann wahrscheinlich keine regulären Arbeitsabläufe mehr möglich… Da ihm der Schnee mit dem Wind direkt ins Gesicht wehte, blieb der Raumschiffkapitän nur wenige Minuten an der frischen Abendluft und ging dann schnellen Schrittes wieder zurück zur nächsten Eingangsrampe. Das Rieseln der Schneeflocken war dicht genug, dass er dabei die Gestalt nicht bemerkte, die hoch oben im Instrumentenmast des Sternenkreuzers herumturnte.

Dieser ZekeHersberger-Körper war als Wirt ganz brauchbar – er hätte es schlimmer antreffen können. Vielleicht irgendeine schmächtig-schwächliche Spezies, oder eine mit einem porzellanempfindlichen Außenskelett? Der fast zwei Meter große, muskulöse Menschenleib war ihm jedenfalls für seine Aufgabe von bestem Nutzen. Geschickt kletterte er auf den Antennenmast. Die Dunkelheit und das stärker werdende Schneetreiben verhüllten ihn vor unerwünschten Blicken. Er wusste sofort, welche Abdeckungen er auf welche Art und Weise öffnen konnte – dank seiner Fähigkeit, unbegrenzt Informationen aus dem Bordnetz saugen und in seinem modifizierten Hirn umgehend abspeichern zu können, kannte er das Raumschiff inzwischen besser, als dessen eigene Konstrukteure. Er hatte einen tragbaren  Mechanosynthetisator entwendet, umprogrammiert und auf seinem kräftigen Rücken mit auf den Mast gehievt – trotz der deutlich höheren Schwerkraft, die auf diesem Riesenplaneten herrschte. Die Kälte machte ihm nichts aus, er schaltete die lästigen Nervenimpulse, die von den klammen Fingern seines Wirtsköpers in seinem Gehirn eintrafen, einfach aus. Niemand würde bemerken, dass er da oben in aller Seelenruhe ein paar Zusatzinstrumente installierte, die er dort mit Hilfe des Synthetisators direkt aus molekularem Ausgangsmaterial fertigte und an die technischen Gegebenheiten anpasste. Die Nacht war lang und alle Lebewesen an Bord schliefen, oder waren mit ihren eigenen Belangen beschäftigt – allein die KI des Raumschiffes hätte ihm auf die Schliche kommen können, aber er hatte sich für diese durch seinen exorbitanten Hacking-Coup komplett unsichtbar machen können…

Nachdem es draußen so friedlich winterlich war – die kalte, klare Luft hatte ihm gut getan – war dem Raumschiffkapitän der Abend zurück an Bord gleich wieder verdorben worden: Die unermüdlich stöbernde Suchdrohne mit den Bio-Sensoren hatte inzwischen Luke Lavery gefunden – oder besser das, was von ihm noch übrig war! Betroffen standen Santorius, Hayden Findley und die wie immer sonnenbebrillte Dvořáková um ein Foto auf dem wohnzimmertischgroßen Display auf der Kommandobrücke herum, das unerfreulich scharf, farbig und drastisch detailliert offenbarte, dass der junge Techniker nicht mehr unter den Lebenden weilte. Die Erste Offizierin war noch blasser, als eh schon und kräuselte ihre Oberlippe: „Wer oder was macht mit einem menschlichen Körper denn bitte sowas?“

Der Leib des vermissten Technikers war regelrecht hinter ein paar Rohrleitungen gestopft worden und in der Köpermittel gegen die physiologisch eigentlich richtige Knickrichtung zusammengefaltet. Die Arme und ein Bein ragten in unnatürlichen Winkeln zwischen den einzelnen Rohren hervor, die unter der niedrigen Decke des Revisionskorridors auf dem untersten Sternenkreuzerdeck verliefen. Geronnenes Blut klebte als dicke, dunkle Suppe an der blau-grauen Uniform, die an einigen Stellen zerrissen war. Doch am schlimmsten war der Anblick des Schädels, der nun auf dem zweiten Foto, das die kleine Suchdrohne von Luke Lavery geschossen hatte, überlebensgroß auf dem Tischdisplay erschien – nun zog auch der ansonsten nicht gerade zart besaitete Kommandant zischend die Luft durch seine Zähne: Nach einem erkennbaren menschlichen Gesicht sah der rote Fleisch- und Knochenbrei mit dem heraushängenden Auge und der an einer vorstehenden Rohrschellenschraube abgerissenen Nase nun wirklich nicht mehr aus!

„Hübsch, nicht?“, warf die Wissenschaftlerin sarkastisch in die Runde. Pavlína Dvořáková war wie so oft eine Spur pietätlos-nüchterner, als die anderen Umstehenden, „…und bevor jetzt jemand fragt – ich habe absolut keine Ahnung, wer oder was zu solch einem Vorgehen in der Lage ist! Schade, dass wir wegen der Budgetkürzung in der letzten Ausbauphase des Sternenkreuzers dort unten über keine flächendeckende Kameraüberwachung verfügen – jetzt rächt sich das. Ich würde ja zu gerne sehen, wie es wohl zu diesem heftigen Body-Origami gekommen ist!“ Hayden und der Captain fanden diese wissenschaftliche Wissbegier ein wenig deplatziert und schüttelten beide leicht ihre Köpfe. Man würde nun Major Riedl hinzuziehen müssen – dieser Fall oblag eindeutig bordpolizeilichen Ermittlungen! Dass irgendwer an Bord dermaßen brutal töten und auch noch ungesehen davon kommen konnte, war nicht nur ein Riesenskandal, sondern auch noch ein gefährliches Sicherheitsproblem! Zumal Hayden Findley und Captain Santorius eigentlich geplant hatten, den Planeten binnen der nächsten zwei Tage wieder zu verlassen, weil die erhöhte Schwerkraft von etlichen Crewmitgliedern auf Dauer als zu belastend empfunden wurde. Bis die intelligente Spezies von „Pirmasens 100d“ reif für eine diplomatische Kontaktaufnahme war, würden eh noch Jahrhunderte vergehen – die Erste Offizierin drängte daher wieder einmal zum baldigen Aufbruch, um den Expeditionszeitplan nicht zu strapazieren. Das auf dem Wartungsdeck verübte Kapitalverbrechen könnte ein gehöriges Durcheinander an Bord verursachen. Am besten wäre es deshalb, zunächst eine Informationssperre anzuordnen, damit keine Panik unter der Crew aufkäme. Um die nun notwendigen Ermittlungen nicht zu gefährden, sollte man den Freunden und Bekannten Laverys vielleicht besser sagen, dass dieser durch einen schrecklichen Arbeitsunfall ums Leben gekommen sei. Der oder die Täter waren unerkannt an Bord und auf freiem Fuß!

Ein gutes Stück weiter den galaktischen Orion-Arm entlang, in dessen noch weitestgehend unerforschten Richtung – etwa dreieinhalb Parsec vom Sternensystem „Pirmasens 100“ entfernt – befand sich ein weiterer besiedelter Planet: Im Gegensatz zum gerade von der Sternenkreuzer-Crew besuchten Welt, gab es hier aber nicht schon seit vielen Jahrtausenden intelligentes Leben, sondern erst seit wenigen Jahren, denn es war komplett von außen dorthin gekommen und bestand zum Teil sogar aus Angehörigen der menschlichen Spezies… Es gab immer ein paar verrückte Mavericks unter den Frachtschiffkapitänen, die auch außerhalb der offiziell kartierten Raumsektoren herumschipperten – und inoffizielle Stützpunkte und Kolonien gründeten, die der „United Earth“ und der Horko-Regierung nicht bekannt waren. Bestenfalls waren das utopische kleine Zufluchten mit einer florierenden Alternativgesellschaft, schlimmstenfalls üble Piratennester. 0113 Spudheads Mooring„Dreaded Expanse“, wie seine Besucher und Bewohner diesen abgelegenen Wüstenplaneten getauft hatten, lag irgendwo in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen. Die größte Ansiedlung hieß aus nirgends schriftlich festgehaltenen Gründen „Spudhead’s Mooring“ und verfügte über nicht einmal tausend dauerhaft dort niedergelassene Einwohner. Indes waren immer mindestens ebenso viele Besucher im schäbigen Städtchen, die von dort gelandeten Raumschiffen stammten: Verkommene Gestalten von rostigen Frachtkähnen, die hinterm Rand des offiziell kartierten Areals des Orion-Arms als Glücksritter unterwegs waren. Manche marodierten in den umliegenden Planetensystemen umher und horteten in den Lagerhäusern, von denen es in Spudhead’s Mooring etliche gab, ihre erbeuteten Rohstoffe, bevor sie mit diesen in Richtung Terra oder zu einem der bedeutenderen Horko-Planetensysteme aufbrachen, um sie dort gewinnbringend zu veräußern.

0113 Selassea und ihr DienerSpudhead’s Mooring war ein staubiger Ort. Staubige Straßen, staubige Bars und Leute in verstaubter Kleidung. Eine derartig elegante Erscheinung wie Selassea Aubron fiel hier deshalb auf. Ohne ihren furchteinflößenden Bodyguard hätte sie sich vermutlich nicht sehr weit unbehelligt durch die düsteren Gassen und engen Höfe des kleinen Marktviertels bewegen können. Aber Agluz verstand seinen Job. Wie ein sandfarbener Schatten folgte der bis an die Zähne bewaffnete Vermummte seiner leichtfüßig durchs Viertel schreitenden Gebieterin.

Die hochgewachsene Dame mit den schräg stehenden und orange funkelnden Augen wollten auf dem Markt ein paar Eier und Gewürze einkaufen – durch einen klimpernden Vorhang betrat sie den bescheidenen Verschlag, der dem alten Sulic als Ladenlokal diente. Hinter der Theke hörte man aus dem angrenzenden Hinterhof etliche Hühner gackern und das fortwährende Genörgel und Geschimpfe, das Sulics Lebensgefährtin stets von sich gab, wenn sie dort irgendwelche Dinge erledigen musste. Agluz war draußen vor dem Vorhang des Durchgangs geblieben, weil Selassea Aubron wusste, dass er dem alten Händler unnötig Angst einjagte. Außerdem konnte er dort draußen besser auf eventuelle Verfolger achtgeben.

„Schön se zu sehen, verehrte Frau Aubron – se sind immer ne Zierde für mein armseliges Lädchen hier. Sind auch viel zu selten hier – vergraben se sich immer noch in diese alten Geschichten?“

Der alte Händler war einer der wenigen Bewohner von Spudhead’s Mooring, der überhaupt auch nur ein bisschen Ahnung davon hatte, was die Halb-Ghaen den lieben langen Tag über so trieb. Seiner Auffassung nach vertiefte sie sich unbegreiflicherweise in staubige alte Mythen, mit denen kein normaler Zeitgenosse etwas anfangen konnte. Aus allen Bibliotheken der Galaxis zusammengetragenes Märchenzeug über die „Altvorderen“… Ganz falsch lag er damit nicht – Selassea war wirklich von den Altvorderen besessen und widmete ihre Existenz schon seit Jahren überwiegend deren Erforschung. Offiziell wusste man in der Milchstraße fast nichts über jene rätselhaften kosmischen Urväter, die mittels gezielter Genmanipulation dafür gesorgt hatten, dass sich auf etlichen Planeten intelligente Zweibeiner entwickelten. Wie war das bloß möglich gewesen? Und was hatte sie vor Abermillionen von Jahren genau dazu bewogen? Manche der galaktischen Spezies waren sich trotz ihrer Lichtjahre voneinander entfernten Evolutionsgeschichte sogar so ähnlich, dass sie sich miteinander fortpflanzen konnten. Sie war selbst das Resultat solch einer Hybridisierung. Von ihrem verstorbenen Vater, einem menschlichen Professor, der auf Terra aufgewachsen war, hatte sie ihre überragende Intelligenz und den Forschungsdrang. Auch er hatte sich bereits hauptberuflich mit den Altvorderen beschäftigt und mit diesem Interesse seine Tochter angesteckt, als diese noch ein Kind war. Das kleine Mädchen wuchs bereits mit Gutenachtgeschichten über jene geheimnisvollen „Schöpfer“ auf, die der alleinerziehende Universitätswissenschaftler ihr allabendlich erzählte. Von ihrer Mutter hatte sie die elegante, elfenhafte Gestalt. Die Ghaen galten als anmutigste Spezies im bekannten Orion-Arm, sie schienen eher zu schweben, als zu gehen und verfügten über die manieristische Gestik bengalischer Tempeltänzerinnen. Sie galten auch als stolz und traditionsbewusst und hatten sich vorsätzlich niemals außerhalb ihres Heimatplaneten niedergelassen, obwohl sie schon seit 12.000 Jahren interstellare Raumfahrt betrieben. Die Ghaen waren ein entsprechend seltenes Volk, das man in der bekannten Galaxis nicht gerade oft zu Gesicht bekam.

„Mein guter Sulic, sie kennen ja meine Profession. Ich vergrabe mich immer mit Genuss in den alten Geschichten, wie sie es nennen.“ Selassea schenkt dem Alten ein rares Lächeln.

„Se sollten mal lieber tanzen gehen, liebe Frau Aubron, un sich nich immer so zurückziehen von allem!“

Selassea verzog ihre vollen Lippen, als sie auf diesen Vorschlag hin die einschlägigen Lokale imaginierte, die es für solche Vergnügungen auf diesem schrecklichen Planeten gab, auf dem sie vor etlichen Jahren gestrandet war, weil es hier ein paar – wenn auch fast schon vollständig zu Staub zerfallene – Ruinen der Altvordern gab. In den Bars und Spelunken tanzte ein gleichermaßen ungehobeltes, wie halbseidenes Publikum. Soweit es irgend ging, mied sie den Kontakt zu solcherlei Gestalten. Und sollte mal jemand übergriffig werden, dann ließ sie Agluz von der Leine, der mit seinen Waffen schneller als der Schatten war. Er war der loyalste Diener, den sie auf „Dreaded Expanse“ auch nur irgend finden können hätte. Leider sprach er nicht – so wusste sie nicht einmal, zu welcher zweibeinigen Spezies er überhaupt gehörte.

„Sie gehen doch auch nicht mehr tanzen, mein Guter… Ich hätte gern sechs Eier und jeweils ein Päckchen Zimt, Piment und pulverisierten Zigischopp!“

„Ich bin alt, liebe Frau, ich bin doch schon alt!“ Sulic gab ihr die gewünschten Waren über den schmalen Tresen und winkte ihr langsam hinterher, als sie nach dem Zahlen aus seinem Lädchen entschwebte. Ihre schmalen Füße hinterließen auf dem rissigen Kachelboden keinerlei Geräusch.

Benjamin Freitag trabte durch die Gänge des Sternenkreuzers – sein Ziel war der Zellentrakt der bordeignen Militärpolizeistation. Als er die Mail von Major Lydia Riedl bekommen hatte, hatte sein Herz einen Hüpfer getan, als er darin unerwartet lesen konnte, dass er Eena ab sofort auch in ihrer Zelle besuchen dürfe! Wie war es zu diesem Gesinnungswandel gekommen? Hatte seine Freundin Eena Broussard vollumfänglich ausgesagt? Die kaltherzige Militärpolizei-Kommandeurin hatte ihm ja in Aussicht gestellt, dass er erst zu seiner Geliebten in die Zelle dürfe, wenn diese auspacken und sich der Weltraumpiraterie in zahlreichen schweren Fällen schuldig bekennen würde…

Wie auch immer, er lächelte zum ersten Mal seit Eenas Verhaftung, als er geschwind in das Rund des Arboretums einbog. Hier stieß er auf Pavlína Dvořáková. Diese war ausnahmsweise nicht in ihrer Wissenschaftlerkluft, sondern in zivil unterwegs, um ihr außerirdisches Haustier Fuzzbutt auszuführen. Das olivgrüne Fellknäuel eilte gerade den Stamm einer kümmerlichen Ulme hinauf. Seit er mit Eena zusammen war, hatten sie sich nur aus der Ferne zum Gruß zugenickt. Als Pavlína, die ihr rosafarbenes Haar offen trug, so dass es ihr bis fast an den Po reichte, den Pirmasenser auf sich zu joggen sah, wollte sie ihm instinktiv aus dem Weg gehen, aber da hatte er sie auch schon begrüßt: „Hi Pavlína, wie stehen die Aktien?“

„Schlecht“, dachte die stellvertretende Wissenschaftsoffizierin, denn sie hatte die letzten Stunden über allerhand mit dem Mord an Bord zu tun gehabt. Aber davon wollte sie Ben lieber nichts erzählen – der verhängten Nachrichtensperre wegen. Sie antwortete ausweichend und fragte ihn, wohin er so schnell unterwegs sei.

„Ich darf Eena in der Zelle besuchen!“, strahle Benjamin. „Ich weiß zwar nicht, wieso diese Eishexe Riedl ihre Meinung plötzlich geändert hat – aber mir soll‘s recht sein!“

„Aha, also Benjamin im Glück, nicht? Unterwegs zur geliebten Gefährtin…“

„Jau. Bei dir läuft’s auch – hört man. Alles Roger bei Ored und dir?“

„Hä?“ Sie schob ihre Sonnenbrille, diesmal war es ein zebrafellgemustertes Gestell, auf ihrer Nase herunter und musterte den grienenden Langhaarigen mit dem Ziegenbart: „Woher hast du denn das gehört?“

„Die Trommeln des bordeigenen Buschfunks sind geschwind…“

„Hat dir das etwa dieser verfluchte Schompad gesteckt?“

Benjamin nickte – er konnte es sich ja auch nicht erklären, wie es der beleibte Außerirdische immer fertigbrachte, solche kleinen Geheimnisse zu lüften, aber Nappoke Gnobkock war eines der größten Klatschweiber des gesamten Sternenkreuzers. Wenn irgendwo was im Busch war, wusste er alsbald Bescheid. „Vielleicht hat er es ja gerochen? Du kennst ja seine feine Nase!“

„Du altes Ferkel! ….außerdem ist das mit Ored Olsen schon wieder Geschichte. Ich mache gerade Schluss mit ihm.“

„Oh, das tut mir leid. So, ich muss jetzt aber dringend zu Eena – man sieht sich!“

Seufzend schaute Pavlína dem enteilenden Ben hinterher.

Er saß in der Kabine, die Zeke Hersberger gehört hatte. Eigentlich gehörte sie ihm ja nach wie vor. Schließlich saß er im Körper Hersbergers in jener Crewkabine. Über das Bordlautsprechersystem gab die Erste Offizierin gerade bekannt, dass beschlossen worden sei, den Planeten „Pirmasens 100d“ in genau 38 Stunden wieder zu verlassen. Die Crew solle nun alle notwendigen Aufgaben erledigen, um das Schiff abreisefertig zu machen. Diese Durchsage kam ihm sehr gelegen. Sobald das schwere Raumschiff sich in der Alcubierre-Metrik befände, würde er seine kleine „Überraschung“ anwerfen. Diese rückschrittlichen Idioten – er hatte sich mittlerweile aufgrund seiner Nachforschungen eine ziemlich zynische Sichtweise auf die Spezies Mensch angeeignet – würden es vermutlich gar nicht bemerken… Ein frostiges Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

Agluz stellte die Tüte mit den Einkäufen in der weitläufigen Küche ab, deren Mobiliar sicherlich mit Abstand das geschmackvollste war, das sich in ganz Spudhead’s Mooring finden ließ – auch das von Selassea Aubron angemietete Haus gehörte zu den größten und von außen noch am wenigsten heruntergekommen aussehenden, die sich in der ganzen Ansiedlung finden ließen. Dröhnend hob in der Ferne ein mittelgroßes Frachtschiff ab, um den Planeten zu verlassen. Als es nach einer 180-Grad-Drehung im Tiefflug über das Dach schaukelte, verzog Selassea ihren Mund. Sie hasste es, wenn diese Rowdys so tief über ihre Behausung flogen, dass die Porzellantassen in der Vitrine zu wandern begannen. „Dreaded Expanse“ war keine Heimstadt für kultivierte Leute – wirklich nicht. Eigentlich war ihre Zeit hier auch abgelaufen. Sie hatte aus den spärlichen Überresten der „Altvorderen“-Zivilisation, die sich im Sand vor dem Ortsrand befanden, so ziemlich alles herausgelesen, was diese nach über 60 Millionen Jahren überhaupt noch Preis gaben: Schriften und jedwede Elektronik der galaktischen Schöpferspezies waren komplett zerfallen – außer fossilisierten Betonresten gab es nicht mehr viel zu entdecken. Akribisch hatte sie die Ruinen mit Agluz‘ Hilfe ausgemessen und kartiert. Nach rund vier Jahren wäre es nun allmählich an der Zeit, sich neuen Altvorderen-Forschungsgefilden zuzuwenden. Vielleicht sollte sie bald ihre Koffer packen. Sie schaute nur noch davor zurück, auf einem dieser von Halbkriminellen betrieben Seelenverkäufer als zahlende Passagierin einzuchecken. Sie hatte gehörige Bedenken, sich dergestalt „auszuliefern“. Agluz würden die meisten Kapitäne vermutlich eh nicht an Bord lassen wollen. Selassea würde ihn aber unter keinen Umständen in Spudhead’s Mooring zurücklassen wollen, denn solch einen verschwiegenen und loyal ergebenen Diener und Bodyguard würde sie im ganzen Orion-Arm so schnell nicht noch einmal aufgabeln können.

0116 Selassea Aubron

Benjamin wiegte Eena in seinen Armen. Die beiden saßen aneinandergekuschelt auf dem kargen Podest, das in der Arrestzelle als Bettstatt diente. Eena fuhr dem schlaksigen Pirmasenser über die Wange: „Dein Gesicht sieht eingefallen aus. Ben, du sollst dir um mich doch nicht so viele Sorgen machen!“

„Mache ich aber – du siehst übrigens auch ganz schön scheiße aus. Furchtbar, was diese Schweinebande mit deinen Haaren gemacht hat – da bin ich immer noch nicht drüber weg! War das diese Nazi-Kuh persönlich, die dich geschoren hat?“

„Nein, das hat irgend so ein feister und ziemlich bekloppt wirkender Polizeiangestellter verbrochen… Jetzt lass aber mal gut sein. Immerhin dürfen wir uns jetzt hier drinnen täglich sehen, wenn wir das wollen – und ich will gerade sehr!“ Sie begann an ihrem orangefarbenen Sträflingsoverall herumzunesteln, um diesen zu öffnen.

„Halt! Was ist mit der Überwachungskamera, die dort oben unter der Decke hängt?“

„Schau! Sie ist aus. Wenn das rote Licht nicht an ist, wird nicht gefilmt. Die Riedl hat vergessen, sie wieder einzuschalten…“

„Schaltet dieses Miststück sie etwa aus, wenn sie dich hier verhört? Schlägt sie dich womöglich, oder sowas in der Art?“

„Nein“, Eena lächelte müde, „das hat eher mit dem Deal zu tun, aufgrund dessen du neuerdings hier aus- und eingehen darfst…“

„Welcher Deal? Hast du etwa gestanden und ausgesagt?“

„Nein. Du solltest mich eigentlich inzwischen doch ganz gut kennen! Diesen Lumpen gegenüber werde ich kein Sterbenswörtchen über meine Lippen kommen lassen! Solange ich hier an Bord bin!“ Voll spontanem Zorn, war Eenas Stimme ziemlich laut geworden.

„Okay, okay. Alles andere hätte mich bei dir tatsächlich gewundert… Aber was für einen Deal hast du mit der Riedl und warum ist die Kamera deshalb aus?“

„Frag nicht“, mit einem stürmischen Kuss unterbrach die Gefangene Benjamins Neugierde und zog ihn zu sich auf die Liegefläche hinunter, „Hauptsache ist doch, dass diese verfickte Kamera momentan ausgeschaltet ist…“

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(eine Episodenliste mit direkten Links zu allen bisher in meinem Blog veröffentlichten „Sternenkreuzer Pirmasens“-Kapiteln sowie ein liebevoll illustriertes Glossar zur Erklärung der Fachbegriffe und als Personen-Übersicht findet Ihr unter diesem Link)

9 Gedanken zu “STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XV

  1. Auch von mir gute Besserung. Der Göttergatte lag letzte Woche auch flach und ist diese Woche noch immer heiser und am Husten als würde er rauchen und nicht ich – ich bin bisher verschont geworden.

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