Der Duft der Zäune…

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0383 ZäuneAls ich vor ein paar Tagen zu Besuch in meinem Elternhaus war (ich fahre mindestens einmal pro Woche mit meiner Mutter zum Einkaufen), stieß ich im dortigen Esszimmer auf ein Tablett voller Zäune – und ein nostalgischer Geruch flutete über meinen Riechnerv direkt ins Hirn, der die Synapsen dazu veranlasste, stapelweise Kindheitserinnerungen aus dem Speicher hervorzukramen. Lebkuchenduft! 😃

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Genauer gesagt: Der würzig-weihnachtliche Wohlgeruch der (nach einem elaborierten, uralten Rezept frischgebackenen) Bauteile für ein Lebkuchenhaus. Ich glaube ich war dreieinhalb, als ich mein erstes Knusperhäuschen bekam. Meine Oma und/oder meine Mutter hatten es gebaut: „Pfefferkuchenhäuschen“ heißen diese kleinen, bonbonbesetzten Kunstwerke traditionell, die in meinem mütterlichen Familienzweig gefertigt wurden und werden. Meine Großmutter hatte in Ostpreußen 1944 das erste Häuschen für meine Mutter gebastelt. Es sah – bis auf einige zeittypisch andere Süßigkeiten – vermutlich schon so ähnlich aus, wie die aktuellen Häuschen, die meine Mutter nun für Ihre Enkelkinder herstellt.

Sogar 1945 gab’s für meine Mutter ein klitzekleines Hexenhaus aus Lebkuchen – obwohl jene Zeit eine harte war: Meine Oma hatte auf der gemeinsamen Flucht mit meiner damals dreieinhalb-jährigen Mutter alles verloren, was sie nicht am Leib trug. Sie waren auf einem Schiff, das auf eine Seemine lief – mit dem Dampfer verschwand auch das Gepäck auf den Grund der Ostsee. Als der Krieg zu Ende war, wurde die Familie (mein Opa war nur äußerst knapp und unter abenteuerlichen Umständen der Gefangennahme durch die Russen entgangen) auf einem Bauernhof im Lipperland einquartiert, wo man sich zu dritt ein Bett in einer schlecht beheizten Kammer teilen musste und nur einmal pro Woche baden konnte. Meine Oma sammelte im Wald Bucheckern und verarbeitete diese zu Mehl für ein kleines Pfefferkuchenhäuschen. Bonbons gab es in der Adventszeit 1945 keine – aber meine Großmutter hatte sich ein paar Mandeln von der Bäuerin abschmeicheln können, die sie dann statt der Bonbons mit Zuckerguss auf Dach und Wände klebte…

„Pfefferkuchenhäuschen“ begleiteten mich und meinen Bruder durch die Kindheit – meistens bauten die Oma und meine Mutter sie gemeinsam. Zum Nikolaustag wurden sie uns Kindern präsentiert und wir freuten uns dann immer sehr auf Heiligabend – denn erst ab dann durften die Häuschen geplündert werden. So lernte man Disziplin – mit den verlockenden Bonbons ständig vor der Nase… 😁 An den Weihnachtstagen wurden dann zunächst ein paar Kleinteile abgebrochen und gegessen, bevor man das ganze Haus zerstörte – die Trümmer wurden in Blechkisten im Keller aufbewahrt, an denen wir uns nun immer noch ein paar Wochen lang bis ins Folgejahr hinein bedienten, wenn wir Lust auf Süßes hatten. Mein Bruder war als er sehr klein war übrigens immer den Tränen nahe, wenn das Haus „geschlachtet“ wurde.

Als wir später bereits etwas älter waren, durften wir tüchtig beim Basteln und Dekorieren mithelfen – etwa ab der Grundschulzeit kleisterte ich die tollsten Bonbon-Muster auf die Dächer. Noch etwas später entwarf ich dann eigene Anbauten und Zusatzobjekte für die Hexe: So gab es einmal sogar eine Garage am Hexenhaus, vor der ein amerikanisches Straßenkreuzer-Cabriolet parkte, dessen Koffer- und Motorraum jeweils mit Bonbons befüllt waren… Als mein Bruder und ich schließlich beide das Teenageralter erreichten, hörte die Häuschenbautradition auf – zum „Ausschleichen“ gab es aber noch ein- oder zweimal in der Adventszeit Kekse aus dem gleichen Teig und  in der Art der Pfefferkuchenhäuschen mit Bonbons verziert.

Aber Schluss war mit dem vorweihnachtlichen Häuschenbauen noch lange nicht: Nahtlos ging es nun mit bonbonverzierten Lebkuchenbauwerken weiter, die meine Mutter jetzt für meine Cousine fertigte (die etwa eine halbe Generation jünger als mein Bruder und ich ist). Auch sie erhielt ungefähr sechs oder sieben Häuschen in den Adventszeiten ihrer Kindheitsjahre… 🙂

Seit 2016 gibt’s bei meiner Mutter nun schon die dritte Pfefferkuchenhäuschen-Bauphase in ihrem Leben: Nun für ihre Enkelkinder. Auch die Kinder meines Bruders und meiner Schwägerin wachsen mit dieser bezaubernden Weihnachtstradition auf:

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Die Häuschen sind zwar minimal weniger aufwendig und auch dem Alter meiner Mutter geschuldet (sie sieht nicht mehr gut) etwas gröber dekoriert, als die Häuser meiner Kindheit (oder ich verkläre diese in meiner Erinnerung – vielleicht sollte ich mal nachschauen, denn bei meinen Eltern gibt es Fotos aller bisher gebauten Pfefferkuchen-Hexenhäuser), aber immer noch absolute Kunstwerke! Jedes Jahr wird der Bauplan auch ein wenig variiert; mal gibt’s ein Plumpsklo, mal einen Backofen – vielleicht demnächst dann einen Hühnerstall? Oder doch noch irgendwas sehr Spezielles, was sich meine Nichte und die Neffen ausdenken werden, denn dieses Jahr dürfen sie am Nikolaustag zu Besuch bei der Oma zum ersten Mal tüchtig mithelfen. Mein Patenkind, der älteste Sohn meines Bruders, ist inzwischen eingeschult – althergebracht startet nun also das „Mitbau-Alter“… 😉 Ob er später auch auf ganz eigene Ideen für „Pfefferkuchenobjekte“ kommt? Vielleicht baut er dann ja eine Honigkuchen-Drohne, die auf dem Hexenhaus landet?

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Jedenfalls trocknen die Bauteile nun noch knapp drei Wochen bei meinen Eltern, damit sie bis zur weiteren Verarbeitung ein wenig hart geworden sind. Bin schon gespannt, was die Kinder sich ausdenken werden, wenn sie das Häuschen dann mit den Süßigkeiten schmücken. Bis dahin werde ich wohl öfters ins Esszimmer meines Elternhauses gehen und eine Nase Nostalgie in meine Synapsen ziehen… 🙂 Die Häuschen waren damals immer ein absolutes Kindheits-Highlight.

30 Gedanken zu “Der Duft der Zäune…

  1. Wundervoll!

    Leider könnte man mich damit nicht glücklich machen. Ich mag keinen Lebkuchen – oder besser gesagt: Die dunklen nicht, nur die hellen, fluffigen. Weiss nicht, obs die bei euch auch gibt

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    • Bei meiner Mutter wird diverse Weihnachtsbäckerei betrieben – neben den harten „Baumaterial“-Lebkuchen gibt es auch die fluffige Soft-Version, die wird mit Guss überzogen und in Rechtecke geschnitten serviert… 🙂

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  2. Sehr schön! Lebkuchen selbst gebacken habe ich noch nie, wir haben nur mal in der Schule, das muss ca. in der fünften Klasse gewesen sein, Lebkuchenhäuser aus Fertigbauteilen mit Zuckerguss und Süßigkeiten zusammengeklebt und dekoriert.

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  3. Ups, vor Begeisterung ganz enthusiastisch und zu schnell auf Antwort gedrückt 😄 ich wollte noch schreiben, dass ich diese Tradition leider nicht aus eigener Erfahrung kenne, die Bilder davon aber immer ganz toll fand. Vor allem Kai (xpsychoromeox) hat auch immer so tolle elektrisch beleuchtete für seine Familie gebaut. Eigentlich würde ich das seit Jahren schon mal selbst machen wollen, aber vermutlich wird das erst im Rentenalter etwas 🙈

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    • In unsere Häuschen hatte mein Vater damals auch immer ein batteriebetriebenes Lämpchen gestellt – die Fenster waren mit roten Gelatine-Blättchen „verglast“. Sah toll aus… 😄 Wo ich mir‘s gerade so vergegenwärtige – ja, die Häuschen aus den 70er/80er Jahren sahen tatsächlich noch etwas aufwendiger aus, als die aktuellen Werke meiner Mutter. Ich glaube das lag damals an der Oma – wenn die mitbaute, war sie sogar noch akribischer.
      Als Rentner hat man einfach mehr Zeit… LG! 🙂

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  4. Sind die aber schööön! Der Kai baut ja auch seit paar Jahren für seine Nichten solche Häuschen, aber die hier gefallen mir viel besser! Sind idyllischer, althergebrachter, traditioneller … 🙂
    Sowas naschst Du derweil auch nicht mehr, wg der Bauchweh erzeugenden Industriezuckersorten, gell.

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    • Darein kommt lediglich der gute alte Puder- und Haushaltszucker „Saccharose“… 😉 Wenn man mir ein Stückchen vom Häuschen anböte, würde ich nicht nein sagen. Aber die Kinder werden es eh aufgegessen haben, bevor ich nach Weihnachten das nächste Mal bei meinem Bruder zu Besuch sein werde.

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        • 🍬 Na, in dem bunten Zeug dürfte außer Saccharose allenfalls noch ein bisschen Traubenzucker sein…
          ▫️Danke der Nachfrage – leben beide noch. 👵🏻Mutter hat die Borreliose selbst behandelt und dank eines strategische eingesetzten Antibiotika-Cocktails auch rasch überwunden – wundert mich nicht, als Ärztin alter Schule verbeißt sie sich so lange in die neueste Fachliteratur, bis sie den Kern eines medizinischen Problems freigelegt hat – die jüngeren Kollegen scheren hingegen alles über den Behandlungsrichtlinienkamm, so sie denn überhaupt zur richtigen Diagnose gelangen in ihrer schlunzigen Art zu arbeiten… Die Schilddrüsenbestrahlung hat sie auch gut überstanden. 👴🏻Vater: Durch eine hammerhart eingehaltene Spezialdiät (auch von meiner Mutter mit Hilfe von dutzenden von Fachbüchern ausgearbeitet und dann noch in Rücksprache mit einer Medizin-Ökotrophologin optimiert) blieb meinem Vater bisher zum Glück die Dialyse erspart. Die beiden können also noch ein paar Jährchen weitermachen. Allerdings kann Vater kaum noch gehen und Mutter kann nur noch mit einer starken Lupe lesen, Sehleistung unter 20%.
          ▫️Grüße!

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        • Ich bin aufrichtig beeindruckt und freue mich, daß Deine Mutter deren Dasein doch noch manierlich auf die Reihe bekommen konnte.
          Da sieht man, was heutzutage im Grunde alles möglich wäre.
          Aber zum bunten Süßkram: Farb- und Aromastoffe, usw., uns was die Süßungsmittel betrifft, einfach mal im Handel drüber schauen übers Kleingedruckte. 👓
          Alles Liebe und Gute Euch weiterhin mit dankbaren Grüßen! 🙂

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        • ▫️Mit den Farbstoffen sagste mir nichts Neues, ich las schon in den 80er Jahren regelmäßig die „E-Nummern“ in Zusatzstofflisten nach… 🙂
          ▫️Einmal im Jahr dürfen die Kinder meines Bruders halt sündigen – sonst werden sie von meiner Schwägerin den Rest des Jahres komplett von Süßkram und Schokolade ferngehalten. Der Älteste mag deshalb sogar Schokolade nicht – weil ihm als Demeter-Biokost-Kind der Geschmack fremd ist…
          ▫️Ich selber esse übrigens kaum Süßigkeiten. Nach meiner Polenreise auch keine Schokolade und Kekse mehr, und auch keine Knabbereien (Salz ist genau so ungesund wie Zucker und wird heute ebenso im Übermaß von der Lebensmittelindustrie überall hineingepanscht).

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        • Sind übrigens echt süße Neffchen oder Nichtchen, ich glaub, Du warst ihnen als Kind auch bisserl ähnlich.
          Ich war fast von Anfang an Öko-Test-Abonnentin, mußte aber vom neuen Jahrtausend an kündigen, weil ich nimmer nachgekommen bin. (=Hochstaplerin 😉 )
          Von der Verbraucherzentrale lagert aus den Achtzigern ein handlich kleines E-Nummern-Heftchen in meiner Schublade, kann sein, daß ich es in München im U-Geschoß vom Stachus mitgenommen hab. Damals gab es noch kein Internet.
          Ernähre mich fast wie Du, nur halt fast alles selbst zubereitet. Ergo gilt für Dich: Weiter so! 😉

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        • Ich war als Kind aber nie so hellblond… 🙂 Ja, die drei Kindchen (das Dritte war zum Zeitpunkt des Fotos noch nicht einmal geplant) sind sehr fotogen – ich habe allerdings aus Datenschutzgründen hier extra ein Foto ausgewählt, auf dem man sie nicht so genau erkennen kann.

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        • Dacht ich mir schon – das mit dem „Kinderschutz“. 😉
          Erinner mich an ein Familienfoto mit Bobbycar – wenn’s wahr ist: Mittelbond gewelltes Haar wie der Sonn hattest Du darauf. Er trägt inzwischen eine dunkelbraun gewellte Matte.

          Und Deine wunderhübsche, glückliche Mutter war darauf nicht minder Fotogen! 🙂

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        • Oh, ich weiß nicht, ob Du da womöglich gerade was verwechselst mit einem anderen myTagebuch-Autor (obwohl ich damals tatsächlich schon mal ein paar Kinderfotos von mir hochgeladen hatte) – ich hatte nämlich bis zur Pubertät absolut glatte Haare mit einem Topfschnitt und tatsächlich als Kind niemals ein Bobby-Car gehabt (mein Bruder hatte später allerdings ein Rutschauto einer anderen Marke).

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        • War evtl ein Dreirad, und das mit dem glatten Haaren stimmt bestimmt 😉 . Deine Mutter: Schlank, helles Haar, evtl Faltenrock oder sportiv gekleidet. Ihr standet vor Eurem Hauseingang, also Treppe oder so … War bei myTB. 🙂

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        • Oh, muss morgen mal nachschauen: Ich glaube es gab ein Foto von mit auf einem gelben Puky-Dreirad, auf dem mich mein Vater in der Haus-Einfahrt der Großeltern mütterlicherseits vor einem dort abgestellten roten Auto entlang schiebt. Meine Mutter war wahrscheinlich auf einem anderen der vier oder fünf damals hochgeladenen alten Fotos mit mir (glaube, als Säugling) zu sehen… Sie hatte allerdings, außer als ganz kleines Mädchen, immer dunkle Haare. Ich werde echt mal nachgucken. Grüße!

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        • Jou, gell, da war doch was. 😎 Dunkle Haare, okay, jedenfalls eine echte akademische Erscheinung, dacht ich mir damals. 😉 Auch an Dich für jetzt einen letzten Gruß, wenn man sowas überhaupt sagt: „Letzter Gruß“ … tzzz Ò_ó 😉

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