(gefühlt) ein Museum und ein (langsamer) Halbmarathon

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Eigentlich müsste hier eine alte Pendelstanduhr stehen – langsam, aber nachdrücklich tickend. Im Haus der Dinge. Gesammelter Werke. Andenken an alte und teils als gut empfundene Zeiten. Museal. Meine Erscheinung ist auch ein wenig museal aus der Zeit gefallen mit dem Bart und der Sirwal-Hose, die ich mitunter trage, wenn ich nicht unters Volk muss. Fehlen nur noch ein bestickter Kaftan und eine lange Lesepfeife aus Meerschaum, dann wäre das Bild eines bildungsbürgerlichen Alten des ausgehenden 19. Jahrhunderts perfekt, der sich – ganz Exzentriker – seiner weltläufigen Jugendabenteuer erinnert, indem er im häuslichen Privatbereich einem bequemen Bekleidungsorientalismus frönt…

◾ Dass wir hier in einer Art Museum leben, beschert uns auch die dazu passenden, ganz speziellen Gäste – zu allem Übel auch noch unerbetene: Anthrenus verbasci, den sogenannten „Museumskäfer“ (der auch unter dem Namen „Wollkrautblütenkäfer“ bekannt ist), bzw. dessen Larven. Jene machten sich heute bemerkbar, indem Philomena ein paar Löcher aufspürte, welche die kleinen Plagegeister bedauerlicherweise in ihre Kaschmirpullover gefressen hatten! 😮 Sehr ärgerlich. Den ganzen Tag lang ist sie nun schon dabei, Schränke und Truhen zu inspizieren, ihre Wollvorräte durchzugehen, und unübersichliche Zimmerecken aufzuräumen. Philomena reinigt und bekämpft. Obwohl meiner verehrten Hausgenossin eine überschäumende Putzlust (oder eher Putzwut?) zu eigen ist, waren ihren (in diesen Dingen äußerst geschulten) Augen doch zwei Museumskäfergespinste entgangen, die diese in gleichermaßen ungestört ruhigen, wie dunklen Ecken als Kinderstube für ihre Larven angelegt hatten. Wolle, Federn, Tierhaare – generell trocknes tierorganisches Material – gehört zu deren Leibspeise. Deshalb sind diese kleinen Käferlarven auch recht häufig in Museen zu finden und dort entsprechend problematisch…

◾ Doch mein Alltag im ländlichen Exil ist nicht nur von beschaulich musealer Häuslichkeit geprägt, sondern auch von ausgedehnten Abendspaziergängen, die man approximativ auch mit dem Begriff „Nachtwanderung“ belegen könnte. 0379 Lauf.jpgAm Donnerstag gegen kurz nach 21 Uhr brach ich zum längsten Streifzug auf, der bisher seinen Anfang am Haus „Zweieichen“ nahm: 22,5 Kilometer in knapp vier Stunden (eine durchschnittliche Pace von 10:39 min/km)! Vermutlich liegt diese Wanderstrecke bereits unter den Top Ten der weitesten Strecken, die ich im Laufe meines Lebens an einem Tag zu Fuß zurückgelegt habe. Spontan fallen mir nur vier oder fünf Bergwanderungen ein, die ungefähr zwischen 20 und 30 Kilometern Tagesstrecke lagen, und eine ausgedehnte Flachlandwanderung, die ich bereits als älterer Teenager auf einer Insel alleine unternahm, um herauszufinden, ob ich überhaupt in einem Stück so weit gehen könne: Zwischen 40 und 50  Kilometer waren das damals – ich hatte damals keine genauen Karten, um den konkreten Wert herauszufinden. Heute ist das mit dem GPS-Tracking natürlich sehr viel einfacher. Da werden sogar Höhenmeterprofile der Wegstrecke ausgespuckt. Auf meinem Marsch am Donnerstag ging ich beispielsweise insgesamt 70 Meter bergauf und 70 Meter bergab – ich lebe definitiv im Flachland. 😉

Meine Tour führte mich übrigens abermals bis nach „Graustadt“ – diesmal sogar bis fast an den Rand des eigentlichen Innenstadtbezirkes. Auf dem Rückweg ging ich überwiegend am Wasser entlang und war dort zu später Stunde mal wieder der einzige Mensch auf weiter Flur. Niemand, wirklich niemand scheint auf die Idee zu kommen, werktags zu später Stunde und bei Temperaturen um 6°C durch die Natur zu spazieren. Sie sitzen in ihren Häusern und Wohnungen und glotzen auf Flat-Screen-TVs, Smartphone-Displays und Computerbildschirme, aber keine Sau schaut zum klirrend-kalt bestirnten Nachthimmel auf, wo funkelnd das Wintersternbild des Orion über mir prangt: Beteigeuze, Rigel, Bellatrix, Alnilam, Alnitak, Saiph, Mintaka, Nair Al Saif, Hatysa, Tabit, Eta Orionis, usw.. „Weißt Du wie viel Sternlein stehen, an dem blauen Himmelszelt?“ Nein – uns interessieren nur die Aktien- und Yogakurse, Tagesschau & Tatort oder – noch ein Regalbrett weiter unten – Bier, Bild und der BVB. 😬

15 Gedanken zu “(gefühlt) ein Museum und ein (langsamer) Halbmarathon

  1. Die Menschen haben sich so weit von der Natur entfernt, dass Kinder schon nicht mehr wissen, wie eine Kuh aussieht. Ich las einen Artikel darüber, dass Smartphones angeblich nicht die Kinder verblöden. Ich glaube das nicht. In einem anderen Artikel schrieben sie, bald werden wir 20-jährige haben, die auf dem emotionalen Level von 13-jährigen sind. Die Wissenschaft ist sich uneins. Ich beobachte allerdings, dass die Leute erschreckend verdummen.

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  2. Draussen finde ich und fand ich schon immer keine besonders erquickende Option.
    Die Menschheit war schon immer so strunzdoof nur hat sie heute deutlich mehr Ablenkungsmöglichkeiten als früher. Ich glaube übrigens nicht, dass Smartphones oder TV dumm machen. Ich habe über beide Kanäle schon viel Wissen erhört/angelesen – ich war allerdings auch schon als Kind extrem wissbe- und neugierig.

    Ich hätte noch die Linie Koks aufgeführt bei den Interessen der komischen anderen Leute.

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    • Gebildete werden durchs Internet gebildeter und Blöde verblöden durchs Internet noch mehr. Da ich lediglich 10 bis 15 % der Bevölkerung zu den Gebildet(er)en zählen möchte, nimmt also die Blödheit insgesamt zu. D.h. Smartphone, Social Media & Co. verblöden die Menschheit. Ich kenne gerade etliche Jüngere, bei denen auch jegliche emotionale Intelligenz und Sozialkompetenz abhanden ist – die sind durch ihr Computer- & Smartphonenutzungsverhalten so geworden, dass sie nach außen hin regelrecht stumpfsinnig wirken.

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    • Ich bin früher manchmal morgens um halb vier von Neukölln über Kreuzberg nach Friedrichshain gelaufen. Damals fand ich’s krass, dass man sich sogar zu jener Uhrzeit unterwegs noch einen Dürüm-Döner als Wegzehrung holen konnte. Allerdings sollte man damals (vor etwa zehn/zwölf Jahren) in Neukölln spätnachts besser nicht unbedingt angesagte Sneaker tragen, oder mit einem aktuellen Handy hantieren… Ist das heute auch noch so krass? Wenn ich heute in Berlin bin, fühlt es sich dort irgendwie „sicherer“ an – vielleicht weil es zu jeder Tageszeit voller auf den Straßen ist… Kommt mir jedenfalls subjektiv so vor.

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  3. Wenn Du tatsächlich noch Sterne siehst dann ist es mit der Lichtverschmutzung bei Euch offenbar noch nicht ganz so schlimm. Jedenfalls erneut Respekt. An gewissen Orten zu gewissen Zeiten würde mich eine Begegnung übrigens auch eher gruseln, zum Beispiel in der Nacht im Wald. Oder ist das Land nicht nur flach sondern auch weit?

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    • Nachts im Wald bin ich in meinem Element… 😄 Hier überwiegen eindeutig Felder, die allerdings immer mal wieder von kleinen Waldstücken abgelöst werden. Richtig große, kilometerweit zusammenhängende Waldgebiete gibt’s eher etwas weiter südlich und östlich.

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    • Ich wundere mich, dass sich die Menschen ganz allgemein über das Leben gruseln. Das Leben an sich ist das gruseligste, was man sich vorstellen kann. Dass dies relativ wenigen Menschen bewusst ist, zeigt mir, wie flach das Bewusstsein der meisten Menschen ist.

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  4. Danke für die Schilderung vom Wollkrautblütenkäfer. Kommt mir tatsächlich bekannt vor, hoffe, die fressen bloß fritzis Fellhaare vom Boden weg. Die katastrophalsten Schäden richteten ca 2003 von der Sina eingeschleppte Mottenschwärme an, da ging es mir schon sehr schlecht, und die Verluste waren einfach nur zum Heulen. 😭 Ich mußten deren allein herr werden und alles wieder flicken und stopfen, wozu ich noch in der Lage war.

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