STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XIV

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Heute gibt es wieder Neues vom „Sternenkreuzer Pirmasens“. Mir fiel gerade auf, dass ein oder zwei der üblichen Stammleser meiner Science Fiction-Fortsetzungsgeschichte die letzte Episode noch nicht gelikt haben – möglicherweise habt Ihr sie verpasst? Vielleicht könnt Ihr Euch auf der Übersichtsseite mit der Kapitel-Liste (hier klicken) vergewissern, ob Euch womöglich ein paar Folgen durch die Lappen gegangen sind, bevor Ihr nun mit dem neuen Kapitel beginnt…

animated-newspaper-image-0032 Viel Vergnügen beim Lesen!

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Kapitel XIV – Wissen ist Macht

Luke Lavery machte sich auf dem untersten regulären Deck des riesigen Raumkreuzers über die Ventildichtungen her, die dringend einer Revision bedurften. Im niedrigen, nur schummerig beleuchteten Gang, dessen Decke von einem einzigen Geflecht aus Kabeln und Rohrleitungen bedeckt war, konnte der Techniker gerade noch aufrecht stehen, während sein hochgewachsener Kollege Zeke Hersberger bereits den Kopf einziehen musste. Verkniffen in die Arbeit vertieft, hebelte Luke die störrische Gummimanschette einer Ventildichtung mit Hilfe eines Schraubendrehers auseinander. Immer, wenn er konzentriert arbeitete, lugte ihm die Zungenspitze ein Stückchen aus dem rechten Mundwinkel… Endlich lag die Verschlussmechanik des Ventiles frei. Neben einem kleinen Servomotor gab es eine Steckbuchse, an der man ein elektronisches Testinstrument einklinken konnte.

„Hey Zeke, alter Nichtsnutz, reich mir mal das Diagnosegerät!“ Nichts geschah. Es war zum Mäusemelken! Was war heute nur mit Zeke los? Er argwöhnte, dass der blasse Hüne sich kürzlich irgendwelche richtig üblen Pillen eingeworfen haben müsse… Wütend wandte der schmächtige Techniker sich um und sah seinen Kollegen reglos im Gang stehen. Neben Zeke lag der heruntergerissene Kunststoffdeckel eines Datenleitungsverteilerknotens auf dem Boden. Zeke war gerade dabei den Ringfinger seiner linken Hand mitten in das Gehäuse zu stecken, in dem sich unter der Decke über ihm zwei Glasfaserkabelstränge kreuzten. „Hey Zeke, was soll die Scheiße? Ich brauche hier deine Hilfe!“ Zeke Hersberger zeigte keine Reaktion und starrte stumm ins Leere.

Er hatte nun dank der cyberorganischen Schnittstelle, die er an einem Finger ausgebildet hatte, erstmals direkten Zugriff auf das Datennetz des Raumschiffs und pingte sofort den Hauptrechner an. Er musste jetzt äußerst schnell sein, denn die Schiffs-KI (= „Künstliche Intelligenz“) hatte den Hauptrechner mit einer mächtigen Firewall gesichert – der unbefugte Zugriff fiel somit sofort auf. Es ging um Millisekunden: Aus seinem kristallinen Speicherkern, der nun mitten im Stammhirn des Wirtes verankert war, feuerte er einen dort für solche Zwecke vorprogrammiert abgelegten, hochaggressiven Micro-Trojaner ins Bordnetz, der dem Hochfahren der Firewall zuvorkommen musste. Die Schiffs-KI hatte ihre automatische Angriffsanalyse fast schon abgeschlossen, als der Trojaner wie ein Torpedo ins Schwarze traf. Um ein Haar hätte die Zeit nicht gereicht. Er war dem Sicherheitssystem lediglich um 3 oder 4 Nanosekunden zuvor gekommen und hatte nun den Fuß in der Tür: Ab jetzt war die Künstliche Intelligenz des bordeigenen Zentralrechners blind für seinen Hack!

„Zeke, spinnst du jetzt etwa komplett?“ Der nur wenige Meter von Luke entfernte Kollege schien zur Salzsäule erstarrt zu sein. War er etwa mit seinem Popelfinger auf spannungsführende Teile gestoßen und dadurch paralysiert worden? Der junge Techniker tat das einzige, was in solchen Fällen hilft: Er nahm gehörig Anlauf und warf sich Schulter voran gegen seinen Arbeitskameraden, um diesen von der vermeintlichen Spannungsquelle fortzureißen. Krachend fielen sie ineinander verknäult zu Boden…

Abrupt riss die Übertragung ab. Er hatte gerade erst damit begonnen, terabyteweise Informationen aus dem nun vollkommen ungeschützten Zentralrechner zu ziehen, nach denen er förmlich gierte! Das lästige Individuum, das ihn zu den Datenleitungen geführt hatte, hatte ihn unerwartet umgerissen. Vielleicht hatte er die Intelligenz dieser Spezies unterschätzt und es war ihm irgendwie auf die Schliche gekommen. Also doch „Feind“! Sofort war er im absoluten Vernichtungsmodus – niemand hatte es zu wagen, ihm dermaßen dreist in die Quere zu kommen! Eine uralte, Millionen Jahre lang unterdrückte Wut stieg in ihm auf! Er wandte sich dem immer noch auf ihm liegenden Feind zu und versetzte diesem kraft einer inzwischen ebenfalls biomechanisch modifizierten Nackenmuskulatur sogleich einen dermaßen heftigen Kopfstoß, dass dieser im hohen Bogen von ihm flog und gegen die Wand knallte. Ein einziger Gedanke ging ihm nun durch den gekaperten Wirtskopf: „Vernichten!“

„Der Typ muss in seinem Vorleben Bäcker gewesen sein“, dachte sie sich angesichts der Knetübungen, die sie gerade über sich ergehen ließ, „meine Brüste sind doch kein Brotteig!“ Dieses war definitiv das letzte Mal, dass Pavlína Dvořáková mit Ored Olsen schlief. Nachdem sie seine ruhige stoische Art zunächst noch als anziehend empfunden hatte, merkte sie im Laufe der Seite an Seite verbrachten Stunden immer deutlicher, dass die Wortkargheit des Sergeants wohl doch vorwiegend einer leichten Einfältigkeit und beschränkten emotionalen Ausdrucksgabe geschuldet sein müsse. Kein Wunder eigentlich, wenn man berücksichtigt, dass er auf einer abgelegenen Farm in Alabama aufgewachsen war. In ihrer Postdoc-Zeit in Harvard hatte sie mal ein Techtelmechtel mit einem Typen vom Bau, das sich ähnlich angefühlt hatte und aus den gleichen Gründen rasch von ihr beendet worden war. „Schuster, bleib bei deinem Leisten!“, murmelte sie halblaut vor sich hin, während der Militär sie genauso stoisch weiterbearbeitete, wie er alle seine Verrichtungen erledigte. Sie überlegte, ob sie’s ihm schonend beibringen sollte, oder einfach gleich gehen, wenn er endlich fertig wäre…

Pavlína Außeneinsatz auf dem Planeten Pirmasens 100d lag inzwischen auch schon wieder zwei Tage zurück. Der Sternenkreuzer stand immer noch auf der kleinen Felsinsel, die als Landestelle auf dem habitablen Himmelskörper gewählt worden war, damit er nicht von dessen intelligenten Bewohnern, den Vreihri, entdeckt werden konnte. Diese hatten genug damit zu tun, sich auf den Kontinenten des Planeten gegenseitig zu bekämpfen. Captain Santorius hatte zwei der senfgelben Sessel auf der Kommandobrücke so gedreht, dass er in einem sitzend auf dem anderen seine Füße hochlegen konnte. Ob es wirklich so eine gute Idee wäre, diese kriegerische Spezies in ein paar Jahrhunderten im Kreis der anderen raumfahrenden Intelligenzen begrüßen zu dürfen? Vielleicht handelte man sich auch nur einen Haufen Ärger ein, wenn man es zuließe, dass diese blauen Kämpferkreaturen irgendwann Plasmakanonen statt Kriegsbeilen oder primitiven Feuerbüchsen in den Hände hielten…

In solcherlei Betrachtungen über die Bewohner des gegenwärtig besuchten Planeten vertieft, bemerkte er die Erste Offizierin Hayden Findley erst, als sie energisch vor ihm salutierte und Meldung machte: „Herr Kommandant, wir haben ein Problem. Einer unser Techniker wird seit vorgestern vermisst. Er erschien nicht zu mit befreundeten Kollegen vereinbarten Freizeitaktivitäten. Innerhalb dieses Zeitraums ist er laut des Datenprotokolls der dortigen Türöffnungsmechanik auch nicht mehr in seiner Kabine gewesen. Klar verschwinden ab und zu Crewmitglieder für ein paar Stunden – manche trinken bei sozialen Anlässen ein wenig zu viel und fallen dann eine Weile aus… Aber das Verschwinden des Technikers für über 48 Stunden ist schon ungewöhnlich und besorgniserregend!“

0110 Die Beiden auf der Brücke„Wer ist denn überhaupt verschwunden und wo war seine letzte aufgezeichnete Position? Wir haben doch überall Überwachungskameras…“

„Der Mann heißt Luke Lavery, 26 Jahre alt, einfacher Bordmechaniker ohne Ingenieursstudium, Lohnklasse F52-b…“

„Also ein ganz einfacher Arbeiter – mir sagt sein Name auch spontan rein gar nichts.“

„Ja, er ist auch erst seit unserem letzten Aufenthalt auf der Erde in unserer Crew. Soll laut seines sozialen Umfeldes ein lustiger Bursche sein – ich weiß über ihn aber auch nur das Bisschen, was in seiner Personalakte steht… Er war wohl zuletzt mit einem anderen einfachen Techniker unterwegs, Zeke Hersberger, die beiden haben im gesamten unteren Versorgungsdeck Instantsetzungsarbeiten ausgeführt. Dort unten ist nicht alles flächendeckend kameraüberwacht…“

„Ärgerlich! Schicken sie eine Suchdrohne mit Bio-Sensoren los. Das kann zwar dauern, führt aber in der Regel immer zu einem Ergebnis. Und befragen sie mal diesen Typen, Hersberger, oder wie er heißt!“, ordnete Santorius an. Die adrette Rothaarige salutierte abermals und machte dienstbeflissen auf dem Absatz kehrt, um sich um die Angelegenheit zu kümmern…

Benjamin Freitag war immer noch bekümmert – wie durch einen Grauschleier blickte er auf seinen schal gewordenen Bordalltag. Bisher hatte er seine geliebte Freundin erst zweimal im Zellentrakt der bordeigenen Militärpolizeistation besuchen können – jeweils nur für zehn Minuten und mit einer trennenden Panzerglasscheibe zwischen ihnen. Die Stimme von Eena Broussard klang über die Gegensprechanlage noch unglücklicher, als sie tatsächlich war. Dünn und fern. Natürlich hatte er ihr pro forma das Angebot der Militärpolizeichefin übermittelt, dass er sie länger und vor allem auch in ihrer Zelle besuchen dürfe, falls Eena vollumfänglich aussagen würde – und genauso natürlich war ihm bereits klar gewesen, dass sich seine Freundin nicht darauf einlassen würde. Zumindest noch nicht. „Vielleicht ändert sie ihre Meinung ja nach einer Weile – dann, wenn sie mich gleichermaßen vermisste, wie ich sie.“ Benjamin glaubte daran.

Er wusste inzwischen wer, was und wo er war. Er war äußerlich betrachtet ein „Mensch“, ein 198 Zentimeter großes Individuum, das vor 42 Jahren auf dem Planeten Terra in einer Gegend namens Wisconsin geboren wurde. Er kannte seine Berufsbezeichnung und seine Lohnklasse, die Namen sämtlicher Crewmitglieder des großen Schiffes, das man „Pirmasens“ getauft hatte. Nach einer terranischen Stadt, deren Einwohnerzahl und Gebietsfläche er mittlerweile auch kannte. Er wusste inzwischen prinzipiell mehr, als alle anderen Menschenwesen auf dem großen Militär- und Forschungsschiff zusammengenommen! Er kannte die Geschichte Terras bis zurück zur Jungsteinzeit, wusste, dass der erste Satz von Beethovens Fünfter „allegro con brio“ gespielt werden sollte, und konnte erklären, wie der Alcubierre-Antrieb des Sternenkreuzers genau funktionierte – und zwar besser, als der Chefingenieur der Herstellerfirma! Er lag in der ihm, beziehungsweise seinem Wirtskörper „Zeke Hersberger“, zugewiesenen Kabine rücklings auf der Koje und fühlte sich endlich wieder gut. Mächtig. Überlegen. Nun wusste er, was es zu wissen gab – bald schon würde er dieses Wissen anwenden. Ein Lächeln umspielte seinen Mund. Es sah glaubhaft aus. Auch die menschliche Mimik und andere arttypische Regungen hatte er sich überzeugend draufgeschafft, nachdem er endlich ungestört eine Dreiviertelstunde lang Daten über die angezapfte Leitung aus dem Bordrechenzentrum saugen konnte. Nach der „Vernichtung“ dieses Luke-Lavery-Individuums, dessen Namen er inzwischen selbstverständlich auch kannte… Aufgrund seines gottgleichen Wissens über alle Personen und Vorgänge an Bord, war es ihm dann auch ein Leichtes, die Erste Offizierin mit einem spontan ersonnenen Märchen abzuspeisen, als diese ihn in seiner Kabine aufsuchte. Ein sprichwörtliches Kinderspiel. Er mochte die terranischen Sprichwörter. Alle 169.876, die es in den fünf noch benutzten Hauptsprachen jenes Planeten gab.

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(Sternenkreuzer-Episodenliste, illustriertes Glossar und Personenübersicht findet Ihr unter diesem Link)

3 Gedanken zu “STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XIV

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