Portmonee juchee

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»Ich weiß gar nicht mehr so genau, seit wann du mich begleitet hast – es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Gemeinsam gingen wir durch dick und dünn. Es müssen wohl schon fast 30 Jahre gewesen sein – mindestens aber ein Vierteljahrhundert. Mal warst du voll, mal warst du leer. In über zwei Dutzend Ländern hast du mich auf Reisen begleitet. Du warst oft dabei, wenn ich mir entscheidende Dinge zugelegt habe… Nun bist du alt und ein wenig verlebt.«

0371 altes Portemonnaie

Hier seht Ihr mein altes Portemonnaie (soweit ich weiß ist auch die Schreibweise „Portmonee“ legitim – den Ausdruck „Geldbörse“ finde ich hingegen zu profan). Ich benutze es seit etwa zweieinhalb bis drei Jahrzehnten. Ich weiß gar nicht mehr genau, seit wann – und wie es eigentlich zu mir kam. Ich glaube ich bekam es dereinst zum Geburtstag geschenkt, soweit ich weiß von meiner Mutter. Oder habe ich es mir damals doch selbst gekauft? Nach so langen Jahren weiß ich es tatsächlich nicht mehr. Die schwarze Kleinlederware stammt jedenfalls von der Marke Porsche Design (1972 von Ferdinand Porsches Enkelsohn F.A. Porsche gegründetes, deutsch-österreichisches Produktdesign-Unternehmen) und hielt erstaunlich lange den alltäglichen Belastungen stand, denen man so exponiert ist, wenn man mir am Arsch klebt. Ich trage mein Portemonnaie nämlich solange ich denken kann immer in der hinteren rechten Hosentasche. In den letzten vier oder fünf Jahren bildeten sich leider ein paar Risse, Nähte gingen auf. Ich reparierte das mit Gewebeklebeband. Als sich das Innenfutter des Münzfachs auflöste, schlug ich dieses auch mit rotem Gewebeband aus. Irgendwann bestand das Portemonnaie zu einem signifikanten Anteil aus schwarzem, rotem, weißen und blauen (was sich so gerade fand) Klebeband und war dadurch erheblich schwerer und dicker geworden.

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Jahrelang zögerte ich den eigentlich nötig gewordenen Neukauf eines Nachfolgers hinaus – ich fand nirgends eine geeignete dreiteilig faltbare Geldbörse, die all meinen Anforderungen genügte. Ich habe immer einen ganzen Adventskalender – 24 Stück – an Ausweisen, Kundenkarten, Mitgliedsausweisen und Chipkarten an Bord. Dabei muss das Portemonnaie aber so klein wie irgend möglich sein. Die meisten Modelle, die genug Platz für meinen ganzen Kram hätten, sind leider immer rund einen Zentimeter länger und/oder breiter, als mein altes Schätzchen, das offenbar über die für mich perfekte Raumeinteilung und -ausnutzung unter den dafür gerade noch genügenden Minimalabmessungen verfügt. Dadurch ragt es oben auch nicht aus eher flachen Hosentaschen hervor – im Gegenteil: Oftmals schlägt der obere Taschenrand noch eine kleine Falte über dem Portemonnaie und wirkt dadurch als zusätzlicher Diebstahlschutz. Außerdem muss ein Nachfolgemodell absolut robust sein… Sehr schwieriges Unterfangen also, einen würdigen Nachfolger zu finden. Mindestens ein halbes Dutzend Mal stand ich in den letzten Jahren bereits in irgendwelchen Lederwarengeschäften und fand dort dann doch nichts Adäquates… 🤔

0375 funky PortemonnaieVor ein paar Wochen stolperte ich im Netz über das nebenstehend abgebildete Portemonnaie aus Stingray- und Schlangenleder – was für eine funky Schönheit! 😍 Hat auf jeden Fall den richtigen „Hyper-Faktor“ – extravagant, exzentrisch, exquisit… Aber irgendwie bereitete mir die Vorstellung Bauchschmerzen, dass dafür ein Stachelrochen und eine Schlange sterben mussten. Selbst, wenn diese Tiere aus nachhaltiger und zertifizierter Farmhaltung stammen sollten (was in Thailand aber vermutlich dennoch recht üble Lebensumstände bedeutet), ist mir die Verwendung exotischer Wildtiere suspekt. Bei Rindsleder werden wenigstens noch ein paar leckere Steaks aus dem Hüllenlieferanten gemacht… Außerdem hat diese Ferrari-rote Diva unter den Herrenportemonnaies gleich noch zwei weitere Nachteile: Erstens ist es mir in manchen Situationen (etwa auf irgendwelchen Straßenmärkten im Ausland) gar nicht recht, wenn das grelle Geldscheinbehältnis sämtliche Blicke auf sich zieht (Diebe denken sich vielleicht, dass sich in einem extravaganten Portemonnaie auch exorbitant viel Kohle befinden sollte), und zweitens verfügt das Teil nicht einmal über ein separates Münzfach. Ich stehe aber auf Bar- und damit auch Kleingeld! Wo kämen wir ohne Bares hin? 0376 Herz für SchwarzarbeitDeutschland ist ein Land der Schwarzarbeit – würde man das Bargeld abschaffen, blieben so mancher Haushalt und Oma-Hintern ungeputzt… Mit hilfreicher Kleinkorruption wie dem Zehner für den KfZ-Meister als Dank für gute Arbeit wäre es dann auch vorbei. Oder mit Erdbeeren oder Blumensträußen vom Straßenrand… Münzfach muss einfach sein (dort kann man auch geliehene Gästeschlüssel unterbringen, oder die Zettelchen aus den Glückskeksen nach einem Chinamahl).

…nach fast 30 Jahren Dienstzeit kann man als Portemonnaie auch schon mal in Rente gehen…

Deshalb wurde es dann doch ein unprätentiös-schlichter, aber hochwertige verarbeiteter Nachfolger, der heute mit der Post bei mir eintrudelte: Wieder von Porsche Design, dreiteilig einklappbar und mit Münzfach, bis auf den Millimeter exakt genau so groß und unterteilt wie der alte Vorgänger und hoffentlich ebenso langlebig. Vielleicht komme ich damit dann bis zum Lebensende aus… 😁

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Dank Mehrfachbelegung der Kartensteck- und sonstigen Fächer passt von Führer- bis Waffenschein alles hinein, was man so braucht. Wie gehabt. Nur etwas sperrig und störrisch ist der im Internet bestellte Neuling noch. Bis man alle Karten mühelos in Sekundenbruchteilen zücken können wird, müssen jetzt erstmal diverse Dehn- und Ausleierungsprozesse ablaufen… 😉 Vielleicht hat das neue Portemonnaie dann auch irgendwann wieder so viel Charakter und Patina wie das alte Portemonnaie. Letzteres erhält jedenfalls einen Ehrenplatz in meiner Schreibtischschublade und wird nicht einfach „entsorgt“ – nach allem, was wir gemeinsam erlebt haben. An vielen Orten und in guten, wie in schlechten Zeiten.

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37 Gedanken zu “Portmonee juchee

  1. Wahnsinn, dass es nach so langer Zeit offenbar immer noch das fast haargenau gleiche Teil gibt. Aber was sich bewährt hat, das sollte man halt auch beibehalten. Kannst in dem alten ja einen Zehner oder ein paar Münzen stecken lassen aus Respekt und Anerkennung

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  2. Wunderbar – da lohnt es sich doch bei einer „Traditions-Marke“ zu kaufen.

    Ich habe seit einigen Monaten auch ein neues Portemonnaie (Portmonee finde ich ja so eine dämliche Schreibweise *GG*) – ein Riesenteil, dass kaum im Fach meiner Riesen-Alltagshandtasche (die gar keine Handtasche sondern ein Weekender ist –> diese hier, allerdings in knallrot mit weissen Tupfen: https://www.taschenkaufhaus.de/article/reisenthel-allrounder-l-314.26189.html Platz findet 😀
    So eine grosse Börse hatte ich noch nie, dafür hat aber auch aller Kram einwandfrei Platz – andere Frauen benutzen Clutches in der Grösse meines Portemonnaies *lach*
    Das moderne Ding ist aus violettem Lackmaterial und gegen Magnetkontakt abgeschirmt, damit die diversen Karten nicht kaputt gehen. Das habe ich allerdings auch erst gesehen als ich es geliefert bekam – well, nice to have.

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  3. Wow, das hielt aber tatsächlich lange.
    Meine gaben meistens nach 6-8 Jahren den Geist auf.

    Ich habe tatsächlich einen Glückskeksspruch einstecken. Sicher 10 Jahre oder so. 🙈😅

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  4. Anderen wird in drei Jahrzehnten das Portemonnaie mindestens drei Mal geklaut, insofern mehrfach Glück gehabt!
    Meins ist klein und unersetzlich, und es geht auch steil auf die drei Jahrzehnte zu damit. Ich suche nicht mehr extra nach einem Neuen, es sei denn, ich würde beklaut. Ach so – oder ich verlöre es. ;-( Geflickt hab ich darin nix: Im Kleingeldfach blätterte schwarze Kunststofffolie raus, aber jetzt ist es wohl allmählich Schluss damit.

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  5. Lieblingsstücke, an denen auch noch viele Erinnerungen hängen, sollte man so lange wie möglich aufheben. Das hast du mit dem Portemonnaie ja perfekt umgesetzt 🙂 Meins hat auch schon viele Jahre auf dem Buckel, aber es wird demnächst auch Zeit für etwas Neues. Die Druckknöpfe schließen nicht mehr und an den Seiten fällt mir regelmäßig das Kleingeld raus. Das rote Portemonnaie hätte ich für dich gar nicht so passend gefunden, abgesehen davon, dass ich deine Meinung zu Tierhaut etc. natürlich teile. Möge dich das neue Schätzchen ebenso viele Jahre treu begleiten 🙂

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    • Schon, aber ich muss beruflich manchmal (Kundentermine) einen halbwegs seriösen und solventen Eindruck machen – etwas exzentrisch zu wirken (Bartmode) ist dabei durchaus noch okay… Aber wenn ich in einem Millionärshaushalt meine Visitenkarte aus solch einem schmodderig-geflickten Portemonnaie-Wrack zücke, erntet man schon mal pikierte Blicke.
      Privat mag ich solche charaktervollen Vintage-Sachen aber schon ganz gerne. Ich trage beispielsweise im Winter ab und an auch mal einen Wildledermantel mit Pelzkragen, den mein Großvater in den frühen 70er Jahren gekauft hatte.

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        • Die Klientel ist halt so – reich werde ich dennoch nicht. Es reicht für ein Leben von der Hand in den Mund und ohne Altersvorsorgerücklagen oder Rentenversicherung. Sobald ich irgendwann einmal in den Sack haue, droht der Verkauf aller Sachwerte und danach Grundsicherung… 😁

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        • man muss sich halt immer verkaufen…
          egal ob man doofer arbeitnehmer ist oder selbstständig.
          ganz schön zähe das, was wir leben nennen. und am ende furzen wir ab… wohin auch immer. versklaven müssen wir uns zu unseren besten zeiten. und wenn wir alt und gebrechlich sind, müssen viele auch noch auf eine grundrente hoffen… bis die politiker ihren arsch hochkriegen – denn die betrifft altersarmut nicht.

          ich glaube aber, dass es z.b. dir und mir trotz allem noch ganz gut geht.
          ob ich heute, morgen oder übermorgen sterbe, ist mir zur zeit egal. es gibt niemanden, der an meiner seite ist. alles nur mein ding.
          für wen lebst du denn noch, hypermental?

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        • a) für mich (solange mein Gehirn noch funktioniert, ist für Unterhaltung und das Ausbleiben von Langeweile und Sinnlosigkeit gesorgt), b) für Philomena (die sonst weder Obdach, noch Bezugsperson hätte), c) für meine Eltern, um die ich mich jetzt kümmere, wo sie alt sind. Das Leben mag zwar teils beschissen sein, aber es ist dennoch interessant. Jeder Tag, an dem ich mein immenses Wissen vergrößern kann, ist ein sinnvoller Tag – ich lebe auch um zu lesen, um zu wissen.

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        • okay, da hast du schon noch mehr als ich. wünsche dir, dass es nicht schnell wegschmilzt. letztlich ist es doch die liebe zum leben, zu anderen geschöpfen oder zu uns selbst, was uns kraft und glück auf unseren wegen spendet.
          alles gut dir!

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        • Jo, danke. Ich bin halt sehr genügsam, soweit für geistige Erbauung gesorgt ist. Mich könnte man auch jahrelang in Einzelhaft sperren, ohne das mir das groß was ausmachen würde – zumindest so lange, wie ich dort uneingeschränkt Lektüre meiner Wahl zur Verfügung habe… 😉

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        • Da sind wir uns sehr ähnlich – ich hänge nicht sonderlich am Leben, doch so lange ich vor allem Dinge tun kann, die ich tun will, ist alles ziemlich ok. Auch bei mir viel Input, wenn auch neben der Arbeit nicht mehr so viel wie ich gerne möchte.

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        • wir hängen alle am leben. selbst die sehnsucht nach dem tod ist ein am leben hängen. und alle scheißen sich in die hosen, wenn sie z.b. am d-day… spielt auch keine rolle, ob wir uns selbst bepinkeln oder in die hose kacken. wie glücklich sind wir aber, wenn wir den horror überlebten. wie schön kann das leben sein!!
          wenn ich sage, dass es mir egal ist, ob ich heute, morgen oder übermorgen sterbe… was meine ich dann damit? dass ich nicht wie jeder arsch am leben hänge? nein. das ist doch quatsch. ich sage damit, dass ich nichts habe außer dem fliegenschiss meiner eigenen existenz…, dass mir liebe und nähe zu anderen menschen fehlen, dass ich mich einsam fühle.

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        • Liebe und Nähe haben mir als Kind gefehlt – seit gut 10 Jahren bin ich wunderbar zufrieden mit mir selbst – so lange ich das nicht war, haben auch meine Beziehungen nicht funktioniert – und bin nach wie vor am Liebsten alleine und halte alles möglichst oberflächlich. Was nicht heisst, dass ich nicht jedermann eine Schulter bieten kann, wenn nötig oder mein Leben offenbare, wenn jemand zuhören will.
          Ich habe schon 20 Jahre über meiner Erwartung gelebt und ehrlich – auch wenn ich noch nicht grad heute sterben möchte, so kann es mir doch egal sein, wenn ich tot bin – das ist nur für die Hinterbliebenen hässlich – ich bin dann endlich in der ewigen Ruhe angekommen – so hoffe ich, ich möchte nämlich nicht noch mal wieder kommen, davon habe ich langsam genug.

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        • Da ich dich nicht persönlich kenne, kann ich mich zu deinen Worten nur bedingt äußern.
          Ich kann nur von mir ausgehen: Oberflächliche Beziehungen brauche ich nur als Rückhalt. Dazu zählen meine Kontakte in der Kneipe und im Büro. Ich bin froh, dass ich diese Orte habe.
          Zur Zeit fehlen mir die menschlich intensiven/intimen Kontakte. Familie habe ich nicht. Es geht also um Liebe oder echte Freundschaft.
          Fände ich nicht übel, wenn ich auch ohne gut klar käme. Nein, falsch ausgedrückt, denn ich komme auch alleine klar – aber ich muss dabei konstatieren, dass mir etwas entscheidendes fehlt.
          Ich weiß nicht, ob du das verstehst …

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        • Soweit ich weiss ja – doch dass ich sehr anders funktioniere und ticke, weiss ich seit der Teenie-Zeit. Glücklicherweise durfte ich bei einer echt tollen Psychiaterin eine Therapie machen, die mir geholfen hat, erwachsen zu werden und nicht mehr von anderen abhängig zu sein – das Beste was mir nach all den Jahren in tiefer Depression und vor mich hinvegetieren (bis kurz vor 30), passiert ist.

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        • Ich fühlte mich auch immer anders als die anderen,.
          Nicht aber in Bezug auf Liebe und die Notwendigkeit menschlicher Beziehungen.
          Ich fühlte mich fremd, weil aus meiner Sicht die meisten meiner Mitmenschen relativ oberflächlich und materialistisch eingestellt waren… Und andere saßen über alle Maßen irgendwelchen Ideologien, Religionen oder Sekten auf.
          Mir erscheinen die einen wie die anderen irre.
          Ich kann nur ich sein. Und darüber schreibe ich auf meinen Blogs.

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  6. Das ist ja witzig, ich hab meinem Mann vor etwa 20 Jahren genau dasselbe Modell geschenkt, bis es vor etwa 5 Jahren Auflösungserscheinungen zeigte (offenbar ist mein Mann noch etwas gnadenloser mit dem Leder als du). Natürlich kam als Nachfolgeportemonnaie nur wieder genau das gleiche in Frage, aus den von dir genannten Gründen. Dem gehts bis jetzt insgesamt gut, bis auf den Druckknopf des Münzfachs, der rastet nicht mehr ein. Etwas doof, aber noch kein Todesurteil. Immerhin, für Nachschub wäre offenbar gesorgt 🙂

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