Gewaltmarsch-Saisonbeginn

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Jetzt, wo es wieder kälter und früher dunkel wird, lebt die hypermentale Tradition der abendlichen und nächtlichen Gewaltmärsche wieder auf – ich habe diese Woche schon einiges geschafft:

  • 0367 LaufMontag:   16,24 km
  • Mittwoch:   8,78 km
  • Freitag:   18,80 km

Gerade eben (um 21 Uhr ging ich los) also fast einen Halbmarathon – aber nicht gerannt, sondern gemütlich binnen 3 Stunden und 21 Minuten spaziert, wie es meinem Naturell entspricht: Ich glaube mein „Wappentier“ ist weder Falke noch Gepard, sondern eher Faultier oder Schildkröte… 😉

Zunächst querte ich den Fluss und ging dann ein Stück an einem Kanal entlang, bevor ich durch ein Wohngebiet wandelte, das schon zu den Außenbezirken von „Graustadt“ gehört. Außer einigen Leuten, die mit ihren Hunden spazieren gingen, war dort kaum noch jemand draußen unterwegs. Gemütlich schlenderte ich weiter, bis ich ins Villenviertel der Stadt gelangte – Jugendstilvillen, neoklassizistische Villen, Bauhausvillen – aber auch ein paar übel verkitschte Kästen aus den 70er Jahren im auf pseudo-bayerisch getrimmten Landhausstil, oder in jenem Look, den man in den 80ern mit der Toskana verband. Die älteren der vorwiegend dreistöckigen Häuser, die schon um die 100 Jahre auf dem Buckel haben, mag ich: Hinter gusseisernen Zäunen mit goldlackierten Spitzen liegen hochherrschaftlich Domizile, die herrlich verwinkelt ausschauen mit ihren Erkern, Balkonen, Söllern und Fachwerktürmchen. Ich gehe gerne durch solche Gegenden. Ich bin dort auch nicht neidisch oder traurig, weil ich mir solch eine Behausung mit dem davor geparkten Porsche, Jaguar oder Maserati höchstwahrscheinlich innerhalb meiner verbleibenden Rest-Lebensspanne nicht mehr leisten können werde (es sei denn ich ließe mich von irgendeiner reichen Industriellenwitwe adoptieren, oder hätte 6 Richtige im Lotto), eher erfüllt mich ein Hauch von Restsentimentalität, weil ich solch ein Umfeld aus meiner Zeit mit Giulia kenne. Mein Studienfreund Viktor wuchs auch in solch einer feudalen Bude auf – allerdings nicht dort in „Graustadt“, sondern in Berlin. Bauästhetisch gefallen mir diese charaktervollen, teils (etwa wenn mit Efeu oder wildem Wein überwuchert) fast schon ein bisschen „verschroben“ aussehenden Villen einfach irgendwie… Selber so wohnen – möchte ich gar nicht…

Da ich nun eh schon ungewöhnlich weit gelaufen war, beschloss ich die Säulen und aufwendig geschnitzten, oftmals zweiflügeligen, hölzernen Haustüren hinter mir zu lassen und gleich bis zu meinem Elternhaus weiterzulatschen, das sich im angrenzenden Stadtviertel befindet. Dazu ging ich kurz entlang einer Hauptstraße, passierte ein altes Hotel, das Theater und ein Krankenhaus, in dem mein Vater in den 70er und 80er Jahren Oberarzt war – die alten Villen wichen nun Einfamilienhäusern aus den 50er und 60er Jahren mit großen Gärten. Immer noch eine gehobene Wohnlage, aber eher „Premium“ statt „Luxus“. Meine Mutter wunderte sich nicht schlecht, als ich per „Mobile“ (ich mag den Begriff „Handy“ irgendwie nicht) einen spätabendlichen (so gegen viertel vor elf war ich da) Spontanbesuch ankündigte – ich blieb allerdings nur 5 Minuten, um dort ein Glas Wasser zu trinken, wenn ich länger geblieben wäre, wäre ich durch die Pause vermutlich zu kaputt für den Rückmarsch gewesen. Außerdem war es mir nach der Kühle der Nacht in meinem auf Rentnerbetriebstemperatur erwärmten Elternhaus viel zu heiß. Zur Stärkung gab mir meine Mutter dann noch ein Stückchen Ingwer-Marzipan-Schokolade.

Ich habe 6,5 Kilo innerhalb von dreieinhalb Wochen abgenommen

Das war das einzige Stückchen Schokolade, das ich seit meiner Polenreise Ende letzten Monats gegessen habe. Mit dem Abnehmen habe ich es nämlich ziemlich ernst betrieben: Über 6 Kilogramm bin ich seit meiner Osteuropa-Fressorgie schon losgeworden. Ich verzichtete konsequent auf zuckerhaltige oder sehr fettreiche Lebensmittel und frühstückte seither rein vegetarisch. Die Tageskalorienzahl senkte ich somit um rund ein Drittel. Außerdem begann ich wieder mit meinen langen Abendtouren – so wie schon letzten Spätherbst/Winter/Frühling. Insgesamt hoffe ich rund zehn bis zwölf Kilo abzunehmen – das wäre mein Maximalziel.

Eigentlich wollte ich in der ersten Monatshälfte bis zum Saisonende auch noch ein paarmal mit Philomena Tennis spielen, bevor dann der hiesige Platz über den Winter geschlossen wird, aber daraus wurde leider nichts, denn es geschah der absolute Super-GAU: Ich verlor zum ersten Mal innerhalb von fast vier Jahrzehnten, die ich inzwischen mit einem eigenem Schlüssel herumlaufe, meinen kompletten Schlüsselbund! An dem hing auch der Tennisplatzschlüssel. Mit dem Vereinspräsidenten einigte ich mich telefonisch so, dass wir nun zum Beginn der nächsten Saison einen neuen Schlüssel erhalten werden. Er war ob des Verlustes auch gar nicht sauer – offenbar werden dort öfters Schlüssel verbummelt – lediglich den Schlüsselpfandbetrag von 5 Euro gibt’s nun nicht zurück… Zum Glück ist mir der Schlüsselbund nicht hier in meiner Wohngegend aus der Hosentasche gerutscht (so muss es passiert sein – wahrscheinlich in einer lauten Umgebungssituation, denn ich habe nichts klirren gehört), sondern in einer anderen Stadt, wo ich mich gerade aufhielt (anderenfalls hätte ich hier die Schlösser austauschen lassen müssen). Seitdem konsultierte ich täglich die Website des dortigen Fundbüros, bis es mir nach zwei Wochen zu blöde wurde und ich mir einen neuen Bund mit Nachschlüsseln anfertigen ließ. Dazu musste ich mir allerdings erstmal diverse Schlüssel zusammenleihen. Die Anfertigung kostete mich dann einen knappen Hunderter – die üblichen Sicherheitsschlüssel mit Bart oder Vertiefungen konnte der Schlüsseldienst binnen weniger Sekunden in einer computergesteuerten Fräsmaschine mit eingebautem Scanner gleich vor Ort kostengünstig herstellen, aber ein bestimmter Spezialschlüssel musste eigens angefertigt werden und machte mit 60 Euro den Löwenanteil der anfallenden Kosten aus. Seit heute habe ich nun alle Schlüssel wieder zusammen und den neuen Bund zudem mit einer kurzen Metallkette gesichert, die ich an einer Gürtelschlaufe mit einem kleinen Karabinerhaken befestigen kann, damit mir solch ein Mist nicht noch mal passieren kann…

Zurück zum heutigen Spaziergang: Der Hinweg zu meinem Elternhaus betrug knapp zehn Kilometer, der Rückweg fiel dann etwa einen Kilometer kürzer aus, denn ich wählte eine andere Strecke: Durch den historischen Dorfkern, um den herum der Vorort von „Graustadt“ gewachsen ist, in dem meine Eltern leben, dann ewig schnurgeradeaus entlang einer mäßig befahrenen Straße (dort trieb jedoch irgendein durchgeknallter (vermutlich orientalischer) Auto-Poser mit seinem getunten Mercedes-Coupé sein lautstarkes Unwesen, indem er nach kurzen Gasstößen immer genau dann abrupt vom Gas ging, wenn er an Wohnhäusern vorbeifuhr, was der empfindlich eingestellte Motor mit einer Salve Fehlzündungsstakkato quittierte – asoziales Arschloch), schließlich durch ein kleines Waldstück, in dem es stockdunkel war. Ich musste mich oben am Verlauf der Baumstämme gegen den Nachthimmel orientieren, um unten auf dem unerkenntlichen Weg zu bleiben – immer schön in der Mitte zwischen den Baumreihen. Philomena läuft abends mit einer Stirnlampe. Vielleicht wäre das auch was für mich. Im Gegensatz zu ihr entgeht mir ohne helle Kopfbeleuchtung auch der nächtliche Grusel der tausend Augenpaare, die im Unterholz des Waldes am Wegesrand aufleuchten…

Als ich den hiesigen Fluss auf meiner Rundstrecke zum zweiten Mal passierte, pinkelte ich von der Brücke in diesen. Das war allerdings kein so erhebendes Gefühl, wie einst bei meiner einzigen anderen Fließgewässer/Brücken-Pissaktion, an die ich mich noch erinnern kann, als ich vor etwa zwanzig Jahren von einer äußerst hohen Straßenbrücke in die Weser strullte – damals war ich oben fast schon wieder fertig, bis es unten plätscherte… Heute habe ich vermutlich nicht einmal richtig ins Wasser getroffen, weil die Brücke unterhalb des Geländers auskragte – außerdem war es zu windig, um es überhaupt plätschern hören zu können. Na, man(n) kann nicht alles haben… 😁

Um halb eins war ich dann wieder zuhause in Haus „Zweieichen“.

20 Gedanken zu “Gewaltmarsch-Saisonbeginn

  1. Ja genau – man(n) kann nicht alles haben, und frau schon gar nicht. 😉
    Wollt nämlich ursprünglich zitieren (frei nach Otto), daß es Menschen gibt, die können nie von einer Brücke ins Wasser pinkeln, so z.B. ich.

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  2. ❌ [Waaah – ich bitte gnädigst darum, den Rächtschraipfähler „Durschnittstempo“ in der kleinen Infografik zu ignorieren. Habe nämlich keinen Bock, das zu nächtlicher Stunde noch zu korrigieren – oder überhaupt wann.] 😌

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  3. Was für eine Aktion. Respekt, auch für die Abnehmerfolge. Das Freipinkeln ist halt eines der letzten Refugien männlicher Alleinstellungsmerkmale. Wird allerdings bestimmt auch nicht mehr lange dauern bis es hier eine Massenbewegung zur Gleichberechtigung gibt und sich noch mindestens zwei Frauen neben Dich auf die Brücke hocken 😉

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  4. Gratulation zu beidem – den Gewaltmärschen und dem Abnehmerfolg 🥇. Bei 18 Kilometern in 3 Stunden wäre es bei mir ganz sicher kein „gemütliches Spazieren“, sondern ein strammes Walkingprogramm 😅. Die Schrittlänge macht’s 😉

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  5. Wow, das mit dem Abnehmen ist Wahnsinn. Ich habe einen Monat Abends nur Salat gefressen und habe gerade mal 2 Kilo abgenommen. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich nicht großartig abnehmen kann. Die 18 Kilometer sind auch Wahnsinn, das würde ich nicht mehr schaffen.

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    • Wichtig ist nicht nur der Fraßverzicht, sondern auch zusätzlich viel Bewegung – wenn ich einen Monat nur Salat essen würde, könnte ich mich vor Dauerschlappheit gar nicht mehr bewegen und würde dann auch nur entsprechend langsamer abnehmen. Bisschen Proteine müssen schon sein – auch Ballaststoffe und gedrosselt auch Kohlenhydrate und sogar etwas Fett (dann werden die Vitamine leichter aufgenommen). Also nicht irgendeinen leeren Müll fressen (Salat), sondern eher so wie sonst auch, nur weniger davon, und dann noch Zucker und zu fettiges Fleisch ganz weglassen. Dann bleibt man halbwegs aktionsfähig.

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        • Selbst in Deinen Fischstäbchen sind vermutlich drei bis fünf Prozent Zucker versteckt… In Tiefkühlpizzen gibt’s oft einen Zuckeranteil von zehn Prozent und mehr. Ketchup und Fertigsaucen bestehen oft sogar zur Hälfte aus Zucker! Zucker ist für die Lebensmittelindustrie inzwischen zur billigen Füllmasse geworden, die die Konsumenten zudem auch noch süchtig nach ihren Produkten macht. Zucker hat viele Namen und steht nicht immer als solcher in der Zutatenliste, er kann sich hinter vielen synonymen Begriffen verstecken: Neben Zutaten, die „Zucker“ im Namen enthalten, verwenden Lebensmittelhersteller auch andere Zuckerarten oder süßende Zutaten, die mit ihrer kompliziert klingenden chemischen Bezeichnung zum Teil nur schwer als Zucker zu erkennen sind.
          Zu Zuckern und zuckerreichen Zutaten gehören:
          Saccharose
          Dextrose
          Raffinose
          Glukose
          Fruktosesirup oder Fruktose-Glukose-Sirup
          Glukosesirup, Glukose-Fructose-Sirup oder Stärkesirup
          Karamellsirup
          Laktose
          Maltose oder Malzextrakt / Gerstenmalzextrakt
          Maltodextrin, Dextrin oder Weizendextrin
          Zusätzlich kann Zucker auch über eine süßende Zutat ins Lebensmittel gelangen, zum Beispiel in Form von Honig, Traubenfruchtsüße und Dicksäfte wie Agavendicksaft. Auch Fruchtkonzentrate, -pürees oder getrockneten Früchten wie Rosinen enthalten viel Zucker. Also Obacht! Manche nehmen pro Tag ein- bis zweihundert Gramm Zucker zu sich, ohne es überhaupt zu wissen.

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  6. Drannebliebe, drannebliebe, drannebliebe – wie Michelle Hunziker damals in ihrer ersten Fernsehshow in schönstem Berndeutsch sagte 😀

    Ich habe meinen Schlüsselbund noch nie verloren *Klopft auf Holz* Allerdings habe ich auch schon seit 30 Jahren so einen Schlüsselfundstellenanhänger, dessen Vertrag ich immer wieder erneuere. Ich sehe das etwa so an wie den Schirm, den man besser mitnimmt, das es nur regnet, wenn man ihn nicht dabei hat.

    Eine Stirnlampe erachte ich als ein äusserst nützliches Utensil wegen der Handfreiheit.

    Ich pinkle auch gerne draussen, muss mich jedoch mit einer Hand an etwas festhalten können, da ich nicht mehr das Gleichgewicht in der Hocke halten kann (ausser es ist wirklich arschzapfenkalt.). Da ich meistens mit dem Auto unterwegs bin, ist das nicht so problematisch.

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  7. Um nicht den Anschein zu hinterlassen, mich hätten Deine Gewaltmärsche unbeeindruckt gelassen: Unsere elterliche Wohnung lag rund 10 km entfernt vom ersten Badestrand am Starnberger See. Weil mir diese Strecke selbst mit dem Radl wie unendlich vorkam, bin ich nur ganz selten mal dorthin aufgebrochen, obwohl ich für ein Bad im See an sich alles gegeben hätte. Und Du marschierst mal eben so zu Fuß 18 km weit … 👍

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