STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XIII

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Jetzt schlägt’s dreizehn: Rechtzeitig zum Wochenende kommt für Fans meiner selbsterdachten Fortsetzungsgeschichte „Sternenkreuzer Pirmasens“ und Leser, die es vielleicht noch werden wollen, die dreizehnte Episode dieser Reihe.

animated-newspaper-image-0032 Viel Vergnügen bei der Lektüre!

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Kapitel XIII – Bist du Feind?

„Da bist du ja endlich, du verdammte Missgeburt“, rief Luke zur Begrüßung in den dunklen Gang, in dem er gerade seinen Kumpel und Kollegen erspäht hatte, den er schon seit fast drei Tagen vermisste. Unverkennbar war das Zeke Hersberger – groß, breitschultrig, blass und ziemlich hässlich mit seiner plattgehauenen Nase und dem Feuermal auf der viel zu hohen Stirn, über der das wenige rötlich-blonde Resthaar eine Unfrisur bildete. Zeke drehte sich wie in Zeitlupe um und blieb reglos stehen.

„Alter, was geht? Ich wollte dich fast schon als vermisst melden – hast du dich mit irgendwelchem Zeug weggeballert? Schaust ja entsprechend aus der Wäsche“, textete Luke Lavery, den alle nur „Pitcher“ nannten, weiter, als er freudig auf den bleichen Hünen zuging, der heute tatsächlich besonders abgefuckt aussah. Seine Uniform war verdreckt und der kalte Schweiß stand ihm im Gesicht. Zeke und Luke waren einfache Techniker, in der bordinternen Jobhierarchie standen sie auf dem Sternenkreuzer ganz unten. Sie mussten in die Bilge kriechen, wenn irgendwo in den tiefsten Eingeweiden des Raumschiffs ein Kabel durchgeschmort war – dreckige, harte Arbeit, bei der man bloß nicht unter Platzangst leiden durfte, oder sich im Dunklen fürchten.

0115 zwei Techniker

Zeke begann schwerfällig zu sprechen – die Wörter kamen ihm offenbar nur mühselig aus dem breiten Mund. Luke war das von seinem wortkargen Kollegen schon gewohnt – aber heute war es besonders schlimm mit Zeke. Sicherlich war er schwer erkältet, oder sowas, die Wörter wurden irgendwie verschleimt klingend aus tiefster Kehle emporgewürgt: „Verdammte Missgeburt ist Beleidigung. Bist du Feind?

Luke lachte nun schallend – keine Ahnung warum Zeke, der immer noch absolut reglos wie Frankensteins Monster im Gang herumstand, plötzlich auch noch mit einem merkwürdigen Akzent sprach.

„Alter! Verarsch mich nicht, du bist doch breit wie ’n Buslenker! Bist du Feind, hahaha…“

Zekes Arm schnellte vor und packte den verdutzten Luke an der Kehle. Mühelos hob er ihn ein paar Zentimeter empor, so dass die Füße des schlankeren Technikers, der sein blaues Käppi wie immer verkehrt herum auf dem Kopf trug, über dem Boden ins Leere baumelten. Luke lief blau an und röchelte, als Zeke seine Frage wiederholte: „Bist du Feind?

Als er eine Verneinung krächzte, ließ Zeke den jüngeren Kollegen wieder los. Wie ein nasser Sack fiel er zu Boden und schnappte erst einmal nach Luft. Offenbar voll auf Droge – so hatte Luke seinen Kumpel noch nie erlebt!

Pavlína Dvořáková trat in Ored Olsens Sichtfeld und zippte den Reißverschluss ihres Outdoor-Suit auf – sie trug offenbar keine Unterwäsche, denn ihr mächtiger Busen plumpste regelrecht aus dem Anzug: „Lass uns die ersten Terraner sein, die auf dem Planeten Pirmasens 100d Liebe machen!“ Sie hatte gestern zu Beginn der Erkundungsexpedition spontan beschlossen, dass sie nun über Benjamin Freitags plötzliches Desinteresse hinweg sei, und sich dem Sergeant zugewandt.

Der Soldat sah sie dermaßen lüstern an, dass es beinahe schon dümmlich wirkte: „Oh ja, 100-D!“

„Na, das ist 75-F, was du hier geboten bekommst – dass die so hängen liegt nur an der erhöhten Schwerkraft: Auf diesem Planeten wiege ich über 95 Kilo!“

Ored grinste von einem Ohr zum anderen. Pavlína mochte ihn. Er war zwar ein ziemlich stilles Landei, aber er hatte sehr starke Arme und war ein genügsamer Zuhörer. Letzte Nacht waren sie sich zum ersten Male näher gekommen. Sie fand ihn süß, wie er immer noch rot wurde, ein großer Junge. Anfangs hatte er sich ein bisschen geziert, weil es da „in Alabama auf der Nachbarfarm meiner Eltern“ ein Mädchen gäbe, mit der er sich „vor sechs Jahren verlobt“ hatte. Seitdem hatte er es nicht mehr gesehen. Pavlína vermutete ganz stark, dass diese „Cindy-Rose“ inzwischen verheiratet und mehrfache Mutter sei. Alabama… Nachbarfarm… Aber er war besonnen, aufmerksam und unkompliziert. Leider roch er auch stets nach Zigarre. Als sie auf ihn zuging, schnippte er gerade wieder einen noch glimmenden Stumpen in die raue Landschaft des Hochplateaus auf dem sie sich befanden, bis die anderen sie in einigen Stunden wieder abholen würden. Unten im Tal wurde gerade eine Siedlung der Einheimischen belagert. Ja, „Pirmasens 100“ war etwas ganz anderes, als die beiden eher langweiligen Planetensysteme, die sie zuvor erkundet hatten!

Gleich zwei erdähnliche Planeten lagen in der habitablen Zone des Systems, in dem es insgesamt 14 Planeten gab. Zunächst hatten sie den sonnennäheren kleineren der beiden potentiell bewohnbaren Planeten mit zwei Spähsonden erkundet, es handelte sich um einen knapp erdgroßen Ozeanplaneten, der vollständig von Wasser bedeckt war. Interessanter war der sonnenfernere der beiden habitablen Planeten, den sie „Pirmasens 100d“ getauft hatten – hier herrschte ein gemäßigtes bis kühles Klima, Landflächen und Meere hielten sich auf der Oberfläche in etwa die Waage und es gab eindeutig intelligente Lebewesen! Captain Santorius hatte deshalb ausnahmsweise beschlossen, den Sternenkreuzer auf dem Himmelskörper, der mit seinem 1,6-fachem Erdradius zur Kategorie der „Supererden“ gehörte, zu landen, statt ihn nur in einem Orbit zu umkreisen, und eine Landefähre runterzuschicken. Planetare Landungen wurden nur selten durchgeführt, weil es sich bei einem Start des schweren Sternenkreuzers immer um eine ziemliche Treibstoffverschwendung handelte. Der Vorteil eines gelandeten Sternenkreuzers war jedoch, dass man an Bord einen ziemlichen Fuhrpark an Expeditionsfahrzeugen und Atmosphärenflug-tauglichem Gerät hatte. Düsengetriebene Shuttles und einige Helikopter. Mit dieser Flotte konnte man einen unbekannten Planeten sehr viel gründlicher und schneller untersuchen.

Ored Olsen zog die tschechischstämmige Wissenschaftlerin in seine kräftigen Arme und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Hinter ihr im Tal wurde die mächtige Stadtmauer der Ortschaft gerade donnernd mit mehreren großen Kanonen beschossen. Horden von schwer gepanzerten Angreifern stürmten kurze Zeit danach mit Leitern auf die in die Festungsmauer geschossenen Breschen zu, an denen sie schon von Verteidigern erwartet wurden, die mit schweren Handgeschützen zurückfeuerten. Den Pulverqualm konnte man bis oben aufs Plateau riechen. Pavlína wandte sich in Oreds Armen im Halbkreis, um wieder einen Blick aufs Tal zu werfen. Immerhin war sie die wissenschaftliche Leiterin dieser Expedition. Ored legte sein breites Kinn auf ihrem Kopf ab und genoss das schwere Gefühl von Pavlína Brüsten auf seinen verschränkten Unterarmen.

„Ganz schön was los, da unten – es juckt mich fast dort mitmischen zu wollen!“

„Na, für mich sieht das nach einem blutrünstigen Gemetzel aus, das man aus der Distanz gnädigerweise lediglich als einziges Kuddelmuddel erfassen kann.“

Einige der ausgeschwärmten Erkundungsteams hatten bereits Meldung gemacht – offenbar wurde überall auf dem Planeten gekämpft. Es gab etliche lokale Kriege zwischen den Stadtstaaten, in denen die blauhäutigen Zweibeiner überwiegend zu leben schienen. Dem bisher beobachteten Technologieniveau nach, gehörten sie noch lange nicht zum Kreis der raumfahrenden Spezies. Es sah bei ihnen eher nach Spätmittelalter aus, allenfalls nach Renaissance-Zeitalter oder Barock. Einem ziemlich brutal-kriegerischem Barock-Zeitalter freilich. Die Wissenschaftlerin wandte sich vom Gegröle und Gemetzel ab und zog den Soldaten vom Plateaurand weg – sie hatten noch fast fünf Stunden Zeit, bis sie ihr Team wieder einsammeln kommen würde. Solange filmte eine Beobachtungskamera mit mehreren Objektiven unterschiedlicher Brennweite und einem Richtmikrophon das Treiben im Tal automatisch, um die Geschehnisse später auswerten zu können. Pavlína hatte peinlich genau darauf geachtet, dass die Kamera nur ins Tal filmte und nicht aus Versehen aufs Hochplateau. Das dortige Treiben sollte dem Auge der Wissenschaft besser verborgen bleiben…

Captain Erno Santorius hatte es sich nicht nehmen lassen, das größte der düsengetriebenen Erkundungs-Shuttles eigenhändig über den Planeten zu steuern – wann bekam er schon mal die Gelegenheit, sich persönlich ins Cockpit eines vergleichsweise wendigen Luftfahrzeugs zu setzen? Alle Jubeljahre auf der Erde allenfalls, wenn er seine zwar kleine, aber erlesene Sammlung von Oldtimer-Flugzeugen aus dem Privathangar holte… Jedenfalls viel zu selten!

„Da fühle ich mich gleich wieder zwanzig Jahre jünger, Hayden!“, rief er der Ersten Offizierin zu, die ebenfalls mit an Bord war. Hinter ihnen saßen noch zwei Militärs und drei Wissenschaftler, letztere starrten eher auf die Monitore mit von diversen Sensoren eingehenden Messwerten, als aus den großen Fenstern, durch die man eine spektakuläre Berglandschaft mit verschneiten Gipfelgraten sah. Sie hatten gerade die stellvertretende Wissenschaftsoffizierin des Sternenkreuzers auf einem Hochplateau ausgesetzt und zu ihrer Sicherheit auch einen Soldaten dort zurückgelassen. Pavlína Dvořáková wollte offenbar eine Art Langzeitbeobachtung eines der zahllosen auf dem Planeten schwelenden Regionalkonflikte durchführen. Binnen zehn Minuten waren sie seit dem Abflug über mehrere marschierende Heerzüge der blauen, durchschnittlich zweieinhalb Meter großen, humanoiden Aliens hinweggeflogen. Schwerfällige Lasttiere zogen bis zu zehn Meter lange gusseiserne Geschütze auf massiven Holzrädern hinter sich her und wurden mit der Peitsche vorangetrieben. Bunte Banner flatterten an langen Stangen im Wind.

Die Maschine beschallte ihre zwei luftatmenden Triebwerke mit einer Batterie von Gegenschall-Lautsprechern und flog dadurch nahezu lautlos über der tiefhängenden, geschlossenen Wolkendecke – durch die ihre Besatzung nur mittels der Sensoren und Scanner „hindurchsehen“ konnte – entlang. Die blauen Krieger am Boden konnten das Fluggerät demzufolge gar nicht bemerken. Das war auch so beabsichtigt, denn die Terraner befolgten die strikte Nichteinmischungsdoktrin der „Altvorderen“, die diese ihnen hinterlassen hatte. Die unbekannte Urspezies hatte vor einigen hundert Millionen Jahren das Heimatplanetensystem verlassen und überall in der Milchstraße mittels Genmanipulation dafür gesorgt, dass sich auch auf anderen Planeten ähnlich intelligentes Leben entwickeln würde. Infolgedessen entstanden dann tatsächlich auf unzähligen Planeten aus einfachen Vertretern der jeweiligen lokalen Fauna intelligente, sprachfähige Zweibeiner mit Greifhänden – beispielsweise Schompads, Horko und auch die Menschheit. Lediglich die evolutionäre Zeitdauer war dabei sehr unterschiedlich – die blauen Kerle dort unten waren technologisch noch nicht bei der interstellaren Raumfahrt angelangt. Nach den Statuten der Altvorderen, durfte man als kulturell und technologisch fortgeschrittene Spezies deshalb noch keinen offiziellen Kontakt zu ihnen aufnehmen. Erst wenn eine Alien-Zivilisation auch entsprechend „weit“ war, sollte man sie im Kreise der raumfahrenden Völker begrüßen…

„Ich bin mir nicht so recht sicher, ob die es überhaupt bis zum Raumfahrtzeitalter schaffen, wenn ich mir das ganze Schlachten und Schießen dort unten so ansehe“, meinte Hayden, die sich mittels eines Head-up-Displays ein Echtfarben-Overlay des Bodengeschehens auf das Cockpitfenster vor sich geholt hatte. Dort konnte sie nun quasi durch die Wolkendecke gucken.

„Ach, die kriegen sicherlich noch die Kurve“, erwiderte Santorius, „wir waren vor 500 Jahren auf der Erde auch nicht viel besser. Ein einziges Klein-Klein von Regionalkriegen, Rebellionen und Bauernaufständen.“

„Na, dann sollte man dieses Planetensystem ab und an mal beobachten – vielleicht tut sich in späteren Jahrhunderten ja noch was…“

„Genau das ist auch mein Gedanke als offizieller Diplomat der United Earth. Abwarten und Tee trinken. Wir haben ja bereits gestern eine Quantenfunk-Peilboje am Rande des Planetensystems Pirmasens 100 installiert. Somit kann man das System leicht wiederfinden und etwa alle 50 Jahre einmal gezielt aufsuchen, um nachzuschauen, was sich dort tut. Vielleicht sind sie ja schon in zwei oder dreihundert Jahren soweit – vielleicht auch erst in dreitausend.“

Mit einem Signalton meldete sich nun einer der Bodentrupps an Bord des Shuttles: „Hallo, hier spricht Ceyonne Ward.“ Die dunkle Stimme der Söldnerin tönte aus dem Lautsprecher. Ceyonne berichtete direkt vom Boden, wo sie sich mit zwei weiteren Spezialisten direkt bis an den Rand eines kleinen Dorfes gepirscht hatte. Sie hatten dort von einem Versteck aus etliche Sprachaufnahmen der Einheimischen eingefangen und auch ein paar Fotos geschossen. Beides war auch schon von Wissenschaftlern ausgewertet worden. Die Sprache der Außerirdischen war voller kriegerischer Vokabeln und Ehrerbietungsfloskeln – ansonsten aber eher ungehobelt bis primitiv. Vielleicht mit Wikingerkriegern vergleichbar. Als die Fotos der blauen Hünen auf dem Zentraldisplay des Cockpits erschienen, wandten alle Shuttle-Insassen gespannt ihren Blick dorthin. Die Zweibeiner waren wie die meisten sternfahrenden Völker sehr menschenähnlich proportioniert, erinnerten allerdings mit ihren massigen Köpfen, von denen zwei kurze Stoßzähne nach unten ragten, ein wenig an blaue Walrösser. Fünf tentakelartige Finger hingen ihnen zudem von ihren Nasen herab…

„Sie nennen sich selber in ihrer Sprache Vreihri – das ist offenbar das Wort für ihre Spezies“, erläuterte Ceyonne bildbegleitend durch den Lautsprecher, „aber sie verwenden es sicherlich kaum, denn sie sind untereinander hoffnungslos in Stämme und Substämme zersplittert, die miteinander seit Jahrhunderten im Clinch liegen. Soviel haben unsere Eierköpfe bereits aus unseren spärlichen Aufzeichnungen analysieren können.“

„Danke Ceyonne, das ist bereits allerhand“, lobte der Kommandant über Funk, „ich bin natürlich schon gespannt, was Pavlína Dvořáková bei ihrer Langzeitbeobachtung noch alles herausfinden wird. Die zeichnet fünf Stunden lang eine ganze Schlacht zwischen zweien dieser Stämme auf.“

0114 Vreihri

Inzwischen war es fast schon Dunkel auf dem Hochplateau geworden – eine kühle Brise war aufgekommen und hatte dazu geführt, dass sich die Wissenschaftlerin und der Sergeant in ein winddichtes Biwak-Zelt zurückgezogen hatten. Nachdem man sich dort eine Weile miteinander recht romantisch vergnügt hatte, war die Stimmung mittlerweile leicht gekippt: Bei Ored Olsen, gab es eben nicht die sprichwörtliche „Zigarette danach“, sondern es musste gleich eine fette Robusto-Zigarre der Marke Montecristo sein – in einem ebenso winzigen, wie winddichten Zweimann-Zelt…

„Oh Mann – ich muss mich gleich übergeben! Du bist ja vollkommen meschugge mit deinen Stinkedingern da!“ Pavlína flüchtete hustend aus dem Zelt und stolperte dabei fast über die obere Hälfte ihres overallartigen Outdoor-Suit, den sie noch nicht wieder ganz hochgezogen hatte. Irgendwie hatte sie gerade die dezente Ahnung, dass diese Affäre mit dem Landei aus Alabama nicht von besonders langer Dauer sein dürfte. Sie rieb sich ihre brennenden Augen, bevor sie sich wieder ihre extravagante Sonnenbrille auf die Nase schob. Eigentlich Blödsinn, diese in der fortgeschrittenen Abenddämmerung zu tragen, aber sie konnte selbst jetzt nicht von ihrem Spleen lassen. Aus dem Tal leuchtete Feuerschein empor – nach wie vor von Schüssen und anderem Kampfeslärm begleitet. Sie spähte über den Klippenrand, um zu sehen, wie weit die Schlacht inzwischen gediehen sei: Nach wie vor ein einziges Chaos! Im Jahre 2121 herrschte seit fast 60 Jahren absoluter Weltfrieden auf der Erde. Dort gab es nur noch einen einzigen Staat, die „United Earth“. Umso fremdartiger kam ihr das Geschrei und barbarische Gemetzel dort unten an den brennenden Stadtmauern vor. Gerade kippte eine große Leiter um – mindestens ein halbes Dutzend Vreihri-Krieger fielen mit ihr durch das löcherige Dach einer lodernd entflammten, hölzernen Belagerungsmaschine. Irgendwo starb unter kläglichem Gebrüll eines dieser riesigen Lasttiere. Dann wieder Kanonenfeuer. Eines der schweren Gusseisengeschütze hatte offenbar eine Ladehemmung – das ganze Rohr zerbarst, Schrapnelle flogen hunderte von Metern weit in allen Richtungen davon. Ein Trümmerteil pralle sogar nur wenige Meter unter der aufgebauten Beobachtungskamera gegen den Felshang des Hochplateaus. Pavlína Dvořáková schüttelte ihre pinkfarbene Mähne und wandte den Blick vom Geschehen ab. Noch über zwei Stunden bis zur Abholung. Ored Olsen war inzwischen ebenfalls aus der „Räucherkammer“ gekrochen und qualmte nun – nur mit seinem Stahlhelm bekleidet – im Freien weiter. Gerade erst hatte sie ihn noch richtig „süß“ gefunden, jetzt eher reichlich „seltsam“. Er war halt kein Benjamin Freitag.

Benjamin Freitag hatte sich bewusst nicht für den Außeneinsatz auf dem Planeten Pirmasens 100d gemeldet. Normalerweise wäre er einer der Ersten „draußen vor der Tür“ gewesen, wenn ein neuer Planet rief. Es kam nicht allzu oft vor, dass das riesige Kriegs- und Expeditionsschiff auf einem Himmelskörper landete – gerade bei einem Planeten mit einer höheren gravitativen Anziehungskraft als der einfachen Erdanziehung, wurde um Treibstoff zu sparen meistens davon abgesehen. Erfahrungsgemäß war man also auf eine ziemlich interessante Welt gestoßen – Benjamin war das herzlich egal. Zumal die Pirmasens nicht direkt in einem spektakulären Weltraumbahnhofsszenario aufgesetzt hatte, sondern auf einer abgelegenen Felsinsel. Er schloss daraus, dass die intelligente Hauptspezies des Planeten noch nicht „aufgewacht“ war. So nannten sie das salbungsvoll schwülstig. „Eingeweiht“ traf es besser. „Oder verdorben“, dachte er missmutig.

Nach Eenas abrupter Verhaftung war ihm nicht einmal mehr nach Gitarre spielen – nach ein paar langsamen Moll-Akkorden legte er das Instrument gleich wieder weg. Eena Louise Broussard, wer bist du? Wo bist du?“, murmelte er vor sich hin, als er durch den im gelandeten Zustand recht stillen Sternenkreuzer schlurfte. Fast ein Drittel der Mannschaft war auf Expedition gegangen, oder hielt sich draußen in der Nähe des riesigen Schiffes auf, weil man während der mehrjährigen Erkundungsmission selten einmal irgendwo einfach so nach draußen gehen konnte. Ein Großteil der übrigen Belegschaft schien sich auch verkrochen zu haben. Der Sternenkreuzer wirkte regelrecht leer auf den gebürtigen Pirmasenser. Ziellos und tief in Gedanken lief er durch das kilometerlange Gangsystem.

„Bist du Feind?“ Vielleicht hatte er den anderen Zweibeiner zu hart ran genommen. Womöglich gab es bei einigen Wörtern dieser Sprache noch eine zweite Bedeutungsebene. Er hatte bisher ohnehin nur ein paar Vokabeln davon aufgeschnappt, bzw. aus dem leider durch seine „Umbauarbeiten“ doch arg ramponierten Resthirn-Verstand seines Wirtes mühsam hervorklauben können. Könnte „du verdammte Missgeburt“ womöglich sogar eine Art ritualisierte Begrüßungsfloskel darstellen? Er musterte den Zweibeiner, der zu seinen Füßen immer noch um Luft rang und stieß ihn vorsichtig mit seiner Stiefelspitze an: „Schon gut…“

„Zeke, du Mörderschwein! Bist du auf Droge? Erkennst wohl deinen alten Kumpel Luke nicht?“ Zeke schaute ausdruckslos auf ihn herab. „Mann, Zeke! Du machst mir Angst! Ich glaube du solltest mal zum Arzt gehen…“

„Nein“, gurgelte es seltsam fremd klingend aus Zekes breitem Mund hervor.

Luke „Pitcher“ Lavery hatte sich inzwischen aufgerappelt und musterte seinen sonderbar agierenden Kumpel ausgiebig: „Hallo? Jemand zuhause? Ey, wir müssen eigentlich dringend arbeiten gehen! Wir müssen auf dem untersten Deck ein paar Ventildichtungen auswechseln… Ich kann das nicht alleine und habe dich gestern schon überall gesucht! Mann, wo hast du bloß gesteckt? Die reißen uns den Arsch auf, wenn wir die Ventile nicht warten, bevor sie wieder starten wollen!“

Eindeutig zu viele unbekannte Formulierungen für ihn. Er müsste unbedingt Zugriff auf alle an Bord des Raumschiffs gespeicherten Texte und Informationen kriegen – dann würde er immens viel lernen und auch nicht mehr so unangenehm auffallen! „Wo ist Datenleitung? Wo ist Hauptspeicher von Computer?“

„Hä? Der Hauptspeicher? Keine Ahnung, aber Datenleitungen gibt es überall in den Wänden – komm mit auf die Arbeit. Unten bei den Ventilen gibt es auch mehrere Datenleitungen, die laufen dort sogar ohne Verkleidung direkt unter der Decke entlang…“

„Geh vor. Ich auch dorthin“, gurgelte Zeke und starrte blödsinnig Löcher in die Luft.

Luke machte sich auf den Weg – offenbar hatte sich Zeke etwas ganz Übles eingeklinkt. Aber wenn er unbedingt meinte, in diesem Zustand noch arbeiten zu können, sollte ihm das nur recht sein. Die würden ihnen ansonsten wirklich den Arsch bis zu den Gürtelsternen des Orions aufreißen…

Auf einmal stand Benjamin vor dem Zugang zur bordeigenen Militärpolizeistation, in der sich auch die vier Arrestzellen befanden. In einer davon musste sich Eena befinden. Der traurige Pirmasenser hatte es nicht geplant, zur Polizeistation zu gehen, aber sein zielloses Herumgeistern hatte ihn zufällig bis vor deren Eingangsbereich geführt. Für einen Gefangenenbesuch benötigte er eine ausdrückliche Genehmigung. Seit Eenas Verhaftung hatte er sich schon mehrmals darum bemüht – bisher wurde ihm sein Wunsch aber stets mit der Begründung verwehrt, dass man die angebliche Weltraumpiratin zunächst ausgiebig verhören müsse, bevor man ihr Besuch gestatten könne. Sowohl der Captain als auch Hayden Findley waren diesbezüglich hart geblieben. Von diesem Miststück Lydia Riedl erwartete Ben sich eh kein Entgegenkommen, deshalb hatte er die auf dem ganzen Schiff als eiskalt und hartherzig geltende Leiterin der bordeigenen Militärpolizei auch gar nicht erst persönlich gefragt…

„Wenn man vom Teufel spricht“, dachte sich Benjamin, als die beiden Hälften des Zugangsschotts zur Polizeistation pneumatisch zischend auseinanderglitten und Major Lydia Riedl höchstpersönlich raschen Schrittes hindurcheilte. Der kurze Umhang ihrer dunklen Dienstuniform wehte dabei hinter ihr her. Ihr Gesicht wirkte unter einer dicken Schicht hellen Make-ups maskenhaft. Der bordeauxrote Lippenstift unterstrich diesen Eindruck noch. Dafür sprühten ihre grünlich-blauen Katzenaugen unter den schräg stehenden, schmal gezupften Brauen aber regelrecht vor eisiger Energie. „Die schaut wirklich schon so aus, wie man sich eine Art »Nazi-Fotze des Todes« vorstellt“, gruselte sich Ben – kein Wunder, dass er sich bisher noch nicht persönlich bei der Polizeichefin um einen Besuchstermin bei Eena bemüht hatte. Nun nahm er aber dennoch – günstige Gelegenheit – seinen ganzen Mut zusammen und sprach sie direkt darauf an. Während er sein Anliegen vortrug, brachte Major Riedl das Kunststück zustande, Benjamin von oben herab zu mustern, obwohl der hochgewachsene Schlacks fast einen ganzen Kopf größer als sie war.

„Gut. Warum eigentlich nicht!“ Die kurze aber eindeutige Antwort verblüffte Benjamin. Er hatte eher mit einer Ablehnung seiner Bitte gerechnet. Als die Uniformierte seinen überraschten Gesichtsausdruck sah, umzuckte sogar ein kurzes Lächeln den dunkel geschminkten Mund: „Wer weiß, wofür es gut ist. Vielleicht wird unser Häftling sogar ein wenig gesprächiger, wenn plötzlich ein vertrautes Gesicht auftaucht. Frau Broussards Kooperationsbereitschaft lässt nämlich noch ein wenig zu wünschen übrig. Obwohl ich mir wirklich alle Mühe gebe…“ Unwillkürlich ließ sie bei ihrem letzten Satz den Elektroschocker-Schlagstock, den sie in ihrer Rechten trug, rhythmisch in ihre linke Hand klatschen.

Es kostete die Polizei-Majorin lediglich zwei in den Eingang zur Polizeistation gebellte Sätze, um einen eilfertigen Untergebenen dazu zu bewegen, dem Pirmasenser umgehend eine – leider nur für einen einzelnen Besuch geltende – Genehmigung auszustellen. Der beleibte Polizeibeamte zog dazu lediglich die Identitätskarte von Benjamin – jedes Crewmitglied hatte solch eine – durch ein spezielles Lesegerät: „Voilà! Jetzt können sie den Zellenblock betreten…“

Hastig fuhr der von einigen grauen Löckchen umkränzter Glatzkopf des Beamten zum Eingang der Polizeistation herum, wo unerwartet seine Vorgesetzte auftauchte. Offenbar hatte sie draußen auf dem Gang auf dem Stiefelabsatz kehrtgemacht, um Benjamin noch etwas mit auf den Weg zu geben: „Ach ja – sagen sie Frau Broussard auch noch, dass sie demnächst öfters Besuch von ihnen erhalten darf, wenn sie endlich vollumfänglich aussagt! Vielleicht lasse ich sie dann sogar einmal länger zu ihr in die Zelle, Herr Freitag. Das wäre doch gewiss ganz in ihrem Sinne – sie verstehen sicherlich, was ich damit meine…“ Lydia Riedl zwinkerte kurz mit dem rechten Eisauge und rauschte nun endgültig aus der Polizeistelle. „Aha – ich werde als instrumentalisiert“, ärgerte Ben sich und ließ sich vom watschelnden Glatzkopf zum Zellentrakt führen, der sich hinter einem Sicherheitsschott im hintersten Eck der Abteilung befand. „Ab hier lasse ich sie für zehn Minuten alleine. Ich schalte aber eine Gegensprechanlage ein, damit sie sich vom Gang aus mit der Inhaftierten unterhalten können.“

Benjamin war etwas flau, als er den breiten, aber spärlich beleuchteten Gang an einer seiner Stirnseiten betrat. Links und rechts gab es jeweils zwei Zellen, deren tonnenförmige Türschleusen jeweils nebeneinander lagen – es handelte sich dabei um drehbare, grau lackierte Säulen, deren eine Hälfte jeweils in den Gang, bzw. in die Zelle ragte. Um in die Zellen zu gelangen, musste man zunächst in die Säule steigen, dann wurde diese gedreht, so dass man in der Zelle durch einen zweiten Ausgang wieder hinaus gelangen konnte. Die Konstruktionen waren aus dickwandigem Stahl gefertigt – und sahen ziemlich ausbruchssicher aus. Dieses Mal würde Benjamin eh im Gang bleiben müssen. Plötzlich wurde ein ganzes Wandelement vor der hinteren linken Zelle transparent, nachdem es zuvor genau so grau erschien, wie die Türschleusenbereiche. Offenbar eine schaufenstergroße Panzerglasscheibe, die sich elektrochemisch undurchsichtig schalten ließ. Vermutlich hatte Dickerchen draußen irgendwo auf einen entsprechenden Knopf gedrückt. Jetzt knackte auch deutlich vernehmbar ein Lautsprecher, als die Gegensprechanlage aktiviert wurde. Benjamin schritt langsam bis zur Panzerglasscheibe, die mindestens zwölf Zentimeter stark zu sein schien, und blickte mit ängstlicher Neugier und einem Hauch von Vorfreude in die gar nicht mal so kleine Arrestzelle. Diese war sogar fast so groß wie eine Offizierskabine, mindestens aber doppelt so groß wie Benjamins Crewkabine. Dafür trostlos grau und völlig schmucklos. Es gab innen lediglich eine Matratze mit schlichtem Bettzeug auf einem rechteckigen, kniehohen Sockel, der aus der rechten Kabinenwand vorsprang und hinten links einen kleineren kubischen Sockel mit einem darauf montiertem Klositz. Daneben deutete eine Mulde im Zellenboden darauf hin, dass man hier wahrscheinlich duschen konnte. Offenbar kam das Wasser dann direkt aus der Decke. Ein Waschbecken konnte Benjamin nirgends erkennen, es gab außer dem Bettsockel und dem WC auch keine weiteren Sitzgelegenheiten und weder Tische noch Regale. Mitten in der Zelle stand als einziger Farbtupfer Eena, die er fast nicht wiedererkannt hätte! Benjamin war regelrecht erschüttert, denn vor dem geistigen Auge seiner Erinnerung trug Eena immer noch das dunkelrot glitzernde Paillettenkleid, goldene Kreolen und eine kunstvoll getürmte Hochsteckfrisur: 0112 Eena im KnastSo hatte Benjamins attraktive Freundin zumindest noch ausgesehen, als sie erst vor wenigen Tagen in den breiten Loungesesseln lümmelnd gemeinsam ihre Cocktails getrunken hatten. Jetzt war ersichtlich Schluss mit „big hair“…

„Diese Schweinepriester haben dir den Kopf geschoren!“, brüllte der ziegenbärtige Pirmasenser fassungslos voll aufloderndem Zorn. Traurig blickte Eena zu Benjamin durch die dicke Glasscheibe. Sie trug einen leuchtend orangefarbenen Gefängnisoverall, der ihr mindestens eine Nummer zu groß war. Müde sah sie aus und ziemlich gerädert. Sie schlurfte langsam bis zur Scheibe und berührte diese zaghaft an der Stelle, hinter der sich Benjamins Gesicht befand. Sie legte kurz den Kopf schief und schloss die Augen. Als sie sie nach einer Weile wieder öffnete, sagte sie mit einer nicht nur durch die Gegensprechanlage ungewöhnlich kraftlos wirkenden Stimme leise: „Hi.“

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So, das war’s auch schon wieder für heute aus dem Weltall des 22. Jahrhunderts – wenn es Euch abermals gefallen haben sollte, könnt Ihr ja ein bisschen Feedback in den Kommentaren dazu geben.

(eine Episodenliste mit direkten Links zu allen bisher in meinem Blog veröffentlichten „Sternenkreuzer Pirmasens“-Kapiteln sowie ein illustriertes Glossar zur Erklärung der Fachbegriffe und als Personen-Übersicht findet Ihr unter diesem Link)

2 Gedanken zu “STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XIII

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