Entomophagie für Anfänger

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Eine fiktive „Stimme auf dem off“, die als billiger Effekt meinen letzten Blogeintrag besiegelte, vermeldete dort: „(…) Man merkt, dass dir allein zuhause ziemlich langweilig zu sein scheint – mach mal was Verrücktes! Friss Mehlwürmer, oder sowatt… Glaub mir, datt is spannender…“

Nun – ich fraß:

0332 Insekten Packungen

Philomena ist immer noch verreist. Was macht man dann, so ohne Erziehungsberichtigte Kontrollinstanz im Haus? 😇 Sich in jedem Zimmer nacheinander einen runterholen? Frauenkleider anziehen? Drogenexperimente? Langweilig! 

Unterkiefer – Ungeziefer

Man liest seit einigen Jahren überall so viel davon: Entomophagie“ – der Verzehr von Insekten. Hierzulande assoziiert man damit meistens das RTL-„Dschungelcamp“, aber anderenorts gehören Krabbeltieren schon seit jeher zur traditionellen Ernährung von rund 2 Milliarden Menschen. Etwa in vielen Teilen Afrikas, Asiens, Mittel- und Südamerikas sowie bei den australischen Aborigines. Bei uns in Mitteleuropa sträubt sich beim Gedanken an Insekten als Nahrungsmittel bei den meisten Menschen hingegen der Magen – dabei kannte man bis in unsere Urgroßelterngeneration hinein auch in etlichen Regionen Deutschlands und Frankreichs eine „Maikäfersuppe“. Gegessen wurde gerade bei den ärmeren Bevölkerungsteilen nicht nur „was auf den Tisch kommt“, sondern vor allem alles, was man günstig bekommen konnte, weil es eh reichlich vorhanden war (damals waren große Maikäferplagen noch weit verbreitet).

Letzterer Gedanke – das reichhaltige Vorhandensein – spielt auch bei den Erwägungen eine Rolle, die weiterhin massiv wachsende Erdbevölkerung mittel- bis langfristig weiterhin ausreichend ernähren zu können, indem man Insekten auf den Speiseplan setzt. Sie ließen sich nämlich kostengünstig in großer Zahl züchten – zudem noch sehr wirtschaftlich mit vergleichsweise geringem Aufwand. Eine der heutzutage am weitesten verbreiteten Proteinquelle für die menschliche Ernährung ist Rindfleisch. Die Rinderzucht geht allerdings auch mit hohem Flächenverbrauch und enormem Wasserbedarf einher – was gerade in heißen und dürregeplagten Weltgegenden eine enorme Verschwendung darstellt, wenn man darauf nicht verzichten will. Die Insektenzucht industriellen Maßstabs ist diesbezüglich erheblich effizienter und hat auch eine erheblich bessere Ökobilanz:

0334 Insekten Infographik

Werte Leser, könntet oder würdet Ihr Insekten essen? Als ich vor einigen Monaten bei einer Blogger-Kollegin (ich glaube es war „Fundsachen“) über solche Erwägungen stolperte (ich meine mich daran erinnern zu können, dass bei ihr irgendwelche Insekten-Proteinriegel, oder sowas in der Art, in einem Überraschungspaket eines Biolieferdienstes steckten und sie sich dann doch nicht überwinden konnte, diese zu probieren), verneinte ich dieses in meinem Geiste noch für mich… Aber dann stolperte ich in einem bestimmten Supermarkt immer wieder über diese kleinen Pappkartons mit in Frankreich zubereiteten Speiseinsekten – sie standen im Regal mit den Snacks, irgendwo zwischen gebrannten Mandeln und Salzbretzelstücken mit Jalapeño-Würzung. Da ich letztere regelmäßig in meinen Einkaufswagen werfe, stachen mir die Krabbeltier-Snacks immer wieder ins Auge. Bis ich heute weich wurde und drei der fünf oder sechs verschiedenen Varianten die es dort zu kaufen gab mitnahm: „Mehlwürmer / Sesam & Kreuzkümmel“, „Buffalowürmer / Spicy Chilli“ (schreibt man das eigentlich nicht mit einem L weniger? Vielleicht soll es ja extra ein wenig nach „chillen“ klingen und ein experimentierfreudiges Hipster-Publikum ansprechen…) und auch noch „Grillen / Salz & Essig“.

Zuhause war ich ein bisschen unschlüssig, ob ich mich wirklich trauen sollte, nachdem ich ein dreiteiliges „Test-Menü“ zusammengestellt hatte – würde mir vielleicht schlecht werden? Zumindest, wenn ich zu sehr darüber nachdachte, was ich da gerade aß? Andererseits esse ich doch ganz gerne Krebstiere aus dem Meer – Shrimps, Langusten und Hummer gehören doch genau wie alle Landinsekten ebenfalls zu den Gliederfüßern – gleicher Stamm innerhalb der Taxonomie des Tierreichs… „Na dann mal guten Hunger!“

Ich begann mit den Mehlwürmern (Larven des Mehlkäfers“ Tenebrio molitor) – vielleicht weil mir der Anblick gefriergetrockneter Mehlwürmer bereits aus dem Bereich des Vogelfutters vertraut war… Die Snack-Trockenwürmer waren allerdings deutlich dunkler, als jene fürs Federvieh, eventuell lag das an der Würzung, die nach einer zaghaften Geruchsprobe schon mal recht lecker wirkte. Sollte ich? Ich biss in den ersten bewusst und absichtlich verzehrten Wurm meines Lebens: „Gar nicht mal so übel!“ 0333 Insekten MenüDie starken Gewürze – „Sesam & Kreuzkümmel“ schmeckte eher nach Curry, was sicherlich daran lag, dass auch Kurkuma und Bockshornklee in der Zubereitung waren – überlagerten jeden Eigengeschmack. Lecker und knusprig – hätte aber statt eines gefriergetrockneten Wurmes ebenso gut auch ein „Punjabi-Mix“ Trockennudel-Snack sein können… ⭐⭐⭐⭐▪️

Nun war das Eis schon mal gebrochen – auf zur nächsten Insektenart: Wieder getrocknete Larven (diesmal vom Glänzendschwarzen Getreideschimmelkäfer“ Alphitobius diaperinus). Diese „Buffalowürmer“ (hört sich deutlich sexyer als Getreideschimmelwürmer an, deshalb wohl der Marketing-Name) mit feuriger Chil(l)i-Würzung waren erheblich kleiner als das vorhergehende Gewürm. Deshalb optisch schon mal überhaupt kein Problem. Sahen eher nach kleinen roten Fäden aus, was wohl an der reichlich anwandten Chilimarinade lag. Ich liebe es ja eigentlich scharf, aber diese Würmer waren mir zusätzlich auch etwas zu salzig abgeschmeckt. Außerdem schmeckten sie mir nicht wirklich: Die Schärfe konnte den Eigengeschmack nicht überdecken – was besser gewesen wäre. Irgendwie leicht ekelig – streng. Der Geschmack erinnerte ein kleines bisschen an den Geruch von Katzenpisse – vielleicht ist das der Eigengeschmack der Chitinhülle, denn bei einer sehr kleinen Käferlarve ist das Verhältnis der Oberfläche zur Körpermasse anders, als bei einer größeren: Mehr Chitinpanzer folglich… Nicht so toll. ⭐▪️▪️▪️▪️

Als letztes wagte ich mich an die Grillen: Ich hatte mir diese im Ganzen getrockneten Heimchen (Acheta domesticus), denen allerdings die Beine und Fühler fehlten (würden beim Essen vielleicht zu sehr im Hals kratzen), absichtlich als letztes Test-Objekt aufgespart, weil ihre Optik die größte psychische Herausforderung darstellte: Wann guckt einen schon mal das Essen aus kleinen schwarz-glänzenden Äuglein an? Außerdem sahen diese Tierchen ein wenig so aus wie tote Fliegen, die von einer Spinne eingesponnen wurden. Hier konnte man am ehesten einen signifikanten Eigengeschmack ausmachen – „Salz und Essig“ war gewiss auch keine besonders stark überdeckende Würzung. Zunächst fand ich den Geschmack sogar durchaus anregend – aber nach ein paar zerkauten Heimchen überwog dann doch neben einer leicht muffigen Note hauptsächlich das viel zu reichlich benützte Salz… ⭐⭐▪️▪️▪️

Fazit: Insekten kann man durchaus essen (sogar erheblich besser, als gedacht) – muss man aber nicht… Zumindest sind die getrockneten Krabbeltiere extrem proteinreich: Für Menschen, die weitestgehend auf Fleisch oder Fisch verzichten wollen, sind sie eine wertvolle alternative Eiweißquelle. Sie machen daher auch sehr schnell satt. Obwohl in jedem Pappwürfelchen nur 14 Gramm getrockneter Insekten waren – und ich davon allenfalls ein Drittel aß (ich schätze mal von allen drei Sorten insgesamt nur 10 bis 15 Gramm) – fühlte ich mich danach merklich gesättigt. Um die hungernden Massen zu speisen sicherlich eine geeignete Idee. Als Gourmet-Food hingegen nur mäßig geeignet. Die Buffalowürmer werde ich bestimmt kein zweites Mal kaufen, bei den Grillen bin ich unschlüssig (vielleicht schmecken sie in einer anderen Würzrichtung besser) – die Mehlwürmer mit dem Currygeschmack (als „Sesam & Kreuzkümmel“ bezeichnet) waren allerdings wirklich schmackhaft. Auch die Konsistenz war überzeugend – hatte einen ähnliche „crunchiness“ wie gute Kartoffelchips. Oder eben solch ein Punjabi-Noodel-Snack, an den sie mich erinnerten… Als „Mutprobe“ à la „Dschungelcamp“ kann man so ein paar Snack-Insekten durchaus gelten lassen… Aber ich glaube, dass ich dem Säugetierfleisch wohl doch noch länger treu bleiben werde: Rind ist zwar eine ökologische Katastrophe, aber schon lecker – ich denke gerade an Angus-Burger, Filetsteak, Tafelspitz mit Meerrettich, Pastrami… Hach. 😋


Schluss damit für heute – nach so viel proteinreichem Blogtext muss man zum Ausgleich ja fast instantan vegan werden! Deshalb zum Schluss ein abrupter Themenwechsel: Ich habe eine schicke neue Verwendungsmöglichkeit für Salat entdeckt: Als „Kühlerfigur“!

0335 Salat-Kühlerfigur

13 Gedanken zu “Entomophagie für Anfänger

  1. Jepp, der Insektenriegel-Eintrag war von mir. Am Wochenende habe ich noch eine Fortsetzung dazu geschrieben, denn eine Arbeitskollegin hat neulich einen dieser Riegel probiert. „Schmeckt irgendwie muffig“, sagte sie glaube ich auch… unter anderem. Ich weiß aber gar nicht mehr, ob auf der Verpackung Gattungs- und Artname standen, ich erinnere mich nur an die Zutatsangabe „Grillenmehl“.

    Experimentierfreudig bist du ja, Hut ab. Ich würde sowas nicht herunterbekommen.

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  2. Egal, ob Chilli oder Chili – weder mit dieser Würzmischung noch mit irgendwas anderem würde ich Insekten essen wollen. Aber Respekt vor deiner Experimentierfreudigkeit, sie hat mich am Ende in meiner Abneigung bestätigt 🙂

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  3. Ich hab mal eine Raupe in Tequila oder so Schnaps konsumiert und dabei auch reingebissen. Da war ich danach total stolz auf mich. Ich glaube ich könnte so Zeug essen wenn es sein muss. Nun bin ich mal gespannt auf Deine nächsten Einträge wegen der Langeweile. Bei in jedem Raum einen runterholen zum Beispiel warte ich mal ab ob ihr
    mehr als eine Zweizimmerwohnung habt oder wie lange es dauert bis Du Vollzug meldest 😉 PS: Sehe ich da einen fetten BMW unterm Salat?

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