Triefnass im völligen Brutwahn

#0244[1154]

0002 Logo

Inzwischen kommt man im Garten ohne Machete kaum noch durch – weil von den nachbarlichen Bäume verursacht, alles weiterhin mit toxischen Eichenprozessionsspinner-Raupenbrennhaaren aus den verlassenen Nestern, die sich allmählich zerfleddernd in Wohlgefallen auflösen und dabei ordentlich mit dem Wind streuen, verseucht ist, blieb die Gartenarbeit nun schon seit zwei Monaten fast vollständig liegen. Aufs Rasenmähen verzichtete ich ausnahmslos, weil dabei tausende von Nesselhärchen vom Boden aufgewirbelt werden und dann mehrtägig plagende Raupendermatitis an allen ungeschützten Hautpartien verursachen. Angesichts der hohen Temperaturen der letzten Wochen verzichtete ich darauf, mich dennoch dick vermummt zum Gärtnern nach draußen zu begeben – zumal das nur geht, wenn man die Kleidung der Brennhaare halber hinterher bei über 60 Grad wäscht. Die Anzahl von kochwäschefesten Kleidungsstücken, die engmaschig gewebt und möglichst dick oder mehrlagig sind, hält sich in meinem Bekleidungsfundus in sehr überschaubaren Grenzen… Deshalb durfte der Rasen einfach sprießen, wie er wollte – in den Randbereichen ist er nun wadenhoch und dort wo wir immer langlaufen völlig platt getrampelt.

Vor ein paar Tagen hat sich Philomena dennoch an (west-)windstillen Tagen nach draußen getraut und ein paar Gartenarbeiten durchgeführt – hauptsächlich an „Kröts“ Gehege, wo es am nötigsten war. Inzwischen ist es wieder deutlich kühler geworden und es regnet auch an einigen Tagen – aber natürlich nicht unter unseren beiden uralten Eichenriesen, die mit ihrem weitausladenden Kronendach einen Großteil des Grundstücks trocken halten. Deshalb musste hier dringend gegossen werden – etliche Pflanzen sind leider inzwischen schon an Wassermangel eingegangen. 🙁

Gestern traute ich mich dann (nach Philomenas leuchtendem Vorbild) auch einmal aufs kontaminierte Gelände und wässerte die trotz der Regenfälle zu trocken gebliebenen Stellen stundenlang. Das langhalmige Waldgras auf meinen aus erdgefüllten Kartoffelsäcken gebauten „grünen Wänden“ – wallartige Strukturen, die im Garten als Raumteiler dienen – wucherte besonders üppig und drohte andere Gewächse zu überwachsen und zu ersticken. Deshalb begann ich es mit einer Rosenschere deutlich zu kürzen und erschrak jäh, als ich dabei tief im Gestrüpp unter dem soeben entfernten Blätterdach plötzlich auf einen riesigen braunen und patschnassen Federklumpen stieß: Ein totes Huhn! 😱 Ich spritzte etwas Wasser auf das leblos wirkende Geflügel und nichts geschah. Hatte ich etwa eben beim stundenlangen Wässern unabsichtlich eines der Nachbarhühner ertränkt? Vorsichtig berührte ich das Federknäuel. Blitzartig schoss daraus ein absolut schlecht gelaunt blickender Hühnerkopf hervor und hackte nach mir! Puh, es lebte wenigstens noch…

0322 Huhn 1Philomena und ich hatten uns vor etlichen Tagen bereits über Eier gewundert, die auf unserem mit hölzernen Baumscheiben gepflasterten Waldweg lagen. Wir wussten, dass eines der Nachbarhühner gelegentlich zum Fressen über den Zaun flatterte (ich schrieb bereits in einem Eintrag davon) und nahmen daher an, dass es nun wohl auch Eier auf unser Grundstück legen würde. An einem Tag fanden wir zunächst ein Ei auf dem Holzweg, zwei Tage später bereits zwei und am Folgetag gleich vier – danach war ein paar Tage lang Ruhe. Laut Internetrecherche legen Hühner etwa 0,8 Eier pro Tag – aber gleich vier? Nun, die 0,8 Eier sind natürlich ein statistischer Mittelwert, unser konkretes Huhn hatte sich offensichtlich dazu entschieden, ein ganzes Gelege auf einmal zu legen und dieses dann in Ruhe auszubrüten.

Da auf dem hangartigen Fußbereich meiner „grünen Wand“ eine ziemliche Schräglage herrscht, kullerten die Eier wohl nach dem Legen sofort aus dem improvisierten Nest und landeten auf den Baumscheiben des Weges. Zwei wurden von dort aus von Krähen verschleppt und aufgehackt, etliche landeten in der Bratpfanne von Philomena. Nur dass das flüchtige Nachbarhuhn die ganze Zeit im dichten Euonymus japonicus-Säulenspindelstrauchdickicht, unter einem Dach aus breiten und langen Grashalmen vor unseren Blicken vollkommen geschützt, nur wenige Zentimeter von uns entfernt permanent „anwesend“ war, bekamen wir die letzten Tage über nicht mit… Es hatte offenbar beschlossen, dort weiterhin zu brüten – auch ohne Eier im Nest.

Offenbar folgte es bereits einige Tage lang wie manisch seinem Bruttrieb, denn ich hatte es schon vorgestern beim nächtlichen Zigarrengenuss „gehört“. Überall rascheln im Mondschein Mäuse und andere kleine Tiere durchs trockene Laub im Unterholz. Einmal raschelte es direkt vor mir besonders laut und ich klopfte auf den Busch, während ich an meiner dunklen Longfiller-Maduro aus Honduras zog. Aus dem finsteren Gesträuch ertönte ein mir nicht geläufiger Tierlaut. Hühner können offenbar auch ziemlich ungewöhnliche Geräusche von sich geben… „Wie machen eigentlich Wiesel oder Marder?“, dachte ich nur und beließ es dabei – obwohl meine Maduro-Zigarre von der Marke „Ibis“ war, dachte ich nicht an einen Vogel als Verursacher.

Jetzt hatte ich also ein triefnasses Huhn freigelegt. Was nun? Mit dem Huhn?

Nachdem ich das „Dach“ über seinem Kopf mit der Rosenschere weggeschnibbelt hatte, machte es überhaupt keine Anstalten, sich zu rühren. Auf meine Entfernungsversuche reagierte es mit Schnabelhieben. Selbst mit einem Besen konnte ich es nicht auf Anhieb dazu bewegen, das Nest zu verlassen. Es krallte sich wie vom Teufel besessen fest, um seine nichtvorhandene Brut zu schützen. Philomena ging ins Haus und kam dann als Ninja-Lady schwarz gewandet und gründlich vermummt zurück – sie hatte sich eine dicke Fleecejacke angezogen und eine Fleece-Sturmhaube, die nur einen Sehschlitz freiließ. Hieb- und stichfest. Ich zog mir ebenfalls ein gefüttertes Arbeitshemd an und dann dirigierten wir das wütend um sich hackende Federvieh zu zweit mit sanfter Gewalt unter Verwendung des Besens und eines weitausgebreiteten Handtuchs vom Nest und auf einen Erdhügel, von dem aus es dann zum Nachbarn zurück flatterte.

0322 Huhn 2.jpg

Anschließend erschien der Nachbar – vielleicht vom pausenlosen Protestgackern des Huhnes aus dem Haus gelockt – auf seinem Grundstück im für die Hühner umzäunten Bereich unter den Bäumen. Ich rief ihn herbei und er teilte mir mit, dass seine Kinder das entlaufene Huhn schon seit drei Tagen vermissen würden. Es war abends nicht mehr in seinen Stall zurückgekehrt. Offenbar zog es ein abenteuerliches Exil in unserer Gartenwildnis vor, um dort sehr beharrlich längst verlorene (und aufgehackte, bzw. gebratene) Phantom-Eier zu bebrüten. Auch in Kauf nehmend, dabei von mir unbeabsichtigt minutenlang mit dem Gartenschlauch bewässert zu werden. Hoffentlich erkältet es sich nun nicht!

Wir plauschten dann zu dritt stundenlang am Gartenzaun, vor allem Tier-Anekdoten über Hühner, Wellensittiche, Zebrafinken, Hunde, Katzen und Pferde wurden ausgetauscht. Die ganze Zeit über versuchte das immer noch ziemlich zornige Federvieh permanent, wieder auf unser Grundstück und sein dortiges „Nest“ zurück zu gelangen. Jedes Mal wenn es zu nahe an den Zaun gelangte, schoss ich mit der auf einen weitreichend gebündelten Wasserstrahl eingestellten Gartenschlauchgießpistole eine Salve in Richtung des Huhns ab. Sobald es nämlich nicht im Brutmodus gluckte, sondern frei umherlief, hatte es nämlich plötzlich große Angst vor dem nassen Element. Nur so lernt es, dass es hier nicht brüten soll, sondern auf dem Nachbargrundstück bleiben. Der Nachbar fand diesen Modus Operandi aus hühnerpädagogischen Gründen ebenfalls okay… 😁

Nach all dem anderen thematisch durchgekauten Viehzeug sprachen wir unseren Nachbarn auch noch auf ganz spezielle Tiere an – die Eichenprozessionsspinner. Angeblich hatte er inzwischen bei etlichen Firmen nachgefragt, ob sie die Nester aus seinen Eichen entfernen könnten. Aber die Betriebe wären momentan alle überlastet (was ich ihm durchaus abnehme, denn in unserem Bundesland ist der EPS-Befall in dieser Saison eine wahre Katastrophe!) und könnten wochenlang keine neuen Aufträge mehr annehmen… So müssen wir wohl leider weiterhin mit der partiellen und temporären Unbenutzbarkeit unseres Gartens leben. 😏 Vermutlich wird die dann dort weiterhin herrschende Ruhe wieder Bruttouristen aller Art anziehen, die sich dort ausbreiten: Vielleicht demnächst außer Exil-Hühnern auch noch Reiher und Adler? Dann machen wir hier ein Tierreservat auf! 😉

[wenigstens den Tieren scheinen die Raupenbrennhaare nicht allzu viel auszumachen – man bräuchte als Mensch unbedingt ein Fell oder ein Gefieder! …oder ein Schuppenkleid wie „Kröt“] 🐢

18 Gedanken zu “Triefnass im völligen Brutwahn

  1. Oh! Vielleicht kann dir Milou ein paar Pseudo-Eier leihen zum Unterjubeln?

    Ich habe heute Berta getroffen – ebenfalls ein braunes Huhn. Ich kniete mich zu ihr und überlegte, ob ich sie wohl streicheln kann, schon versuchte sie, mir den Plastik-Saphir aus meinem billigen Lady Di-Ring zu picken. Als nächstes waren die goldenen Schnallen meiner Sandalen und der Rocksaum dran. Sie lässt sich rum tragen, hätte ich das vorher gewusst, hätte ich sie auf den Arm genommen.

    Gut habt ihr den Nachbarn angesprochen. Was meinte er denn zu eurer Ninja-Bekleidung?

    Gefällt 1 Person

  2. 0,8 Eier pro Tag? Sorry aber da bist Du eindeutig Fake-News aufgesessen. Wie viele Eier Hühner legen ist meines Wissens die einzige Statistik die es als Lied gibt:
    Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn,
    ich hätt‘ nicht viel zu tun,
    ich legte täglich nur ein Ei und sonntags auch mal zwei.
    Sind also 1,14 Eier pro Tag 😛

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.