STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel XI

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Rechtzeitig zum Wochenende gleich binnen weniger Tage noch eine weitere Folge „Sternenkreuzer Pirmasens“ – bei der Hitze kann man draußen eh nichts Gescheites anfangen… 😉

animated-newspaper-image-0032 Viel Spaß beim Lesen!

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Kapitel XI – Camp Retrieval

„Camp Retrieval“ hatte die Erste Offizierin der „U.E.S.S. Pirmasens“ die Landestelle der von ihr auf den Planeten beorderten Rettungsmission bedeutungsschwer getauft, um die Motivation der beteiligten Techniker, Sanitäter und Soldaten zu erhöhen. Gerade die Militärs an Bord standen auf solche salbungsvollen Ortsbezeichnungen, wenn es darum ging irgendwelche Positionen auf fremden Planeten zu benennen, für die es aus wissenschaftlicher Sicht lediglich einiger Lagekoordinaten bedurft hätte.

Vom ursprünglichen „Camp Corax“ war die kleine Landefähre durch die Bewegungen des Bergwesens, in dem sie eingeschlossen war, fast einen Kilometer weiter geschleift worden und lag nun ziemlich zerstört an diesem neuen Ort. Als die deutlich größere Landefähre des Rettungstrupps von der Pirmasens aufsetzte, standen drei der Vermissten bereits vor dem auf dem Rücken liegenden Wrack und winkten. Sie hatten sich offensichtlich gerade erst mithilfe eines Hochenergie-Plasmaschneiders aus dem Wrack befreien können, am Rande des kreisrunden Loches glühte das Außenhüllenmaterial noch leicht. Den deutlichen Schmauchspuren im Bauchbereich des Raumanzug von Nappoke Gnobkock nach, war es für den dicken Schompad nicht so ganz ohne gewesen, halbwegs unbeschadet hindurchzugelangen.

Zunächst waren zwei Soldaten mit Schaumlöschern aus der größeren Fähre gehüpft, um die zahlreichen kleineren Brände im Gelände zu bekämpfen, die nach der Detonation des violetten Berges ausgebrochen waren. Die zerrissenen Überreste des riesigen Kolosses standen in einigen Kilometern Entfernung immer noch spektakulär in Flammen. Danach war Pavlína Dvořáková mit einigen Sanitätern im Schlepptau ausgestiegen. Hayden Findley hatte die Wissenschaftlerin mit der Leitung der Rettungsmission vor Ort betraut. Kurz vor ihrem Aufbruch aus dem Hangar im Bauche des Sternenkreuzers, hatten mehrere Teleskopkameras und Sensoren eine gigantische, fast schon wasserstoffbombenartige Explosion auf dem Planeten aufgezeichnet. Sie hatte während des gesamten Anfluges bereits das Schlimmste befürchtet und war deshalb entsprechend erleichtert, als sie nun die vermissten Kollegen einigermaßen unversehrt vor sich sah: „Wow – ihr lebt! Aber ihr seht wie begossene Pudel aus!“ Pavlína äugte kurz über den Rand ihrer extravaganten Sonnenbrille und ergänzte dann: „…ziemlich dreckige begossene Pudel, wenn ich mir das so ansehe!“

„Ja, die Toilettentanks sind geborsten und auch die Bordhydraulik hat es erwischt – innen ist so ziemlich alles im Eimer, was kaputt gehen kann“, erklärte Sergeant Olsen ihr unerfreuliches Aussehen.

„Wenn ich mir eure Fähre so anschaue, dann trifft das auch auf das Äußere zu – auch ganz schön im Eimer, wie es ausschaut… Ein Wunder, dass ihr das überhaupt überlebt habt! Wo ist eigentlich Benjamin Freitag? Etwa noch dort drinnen, in diesem stinkenden Saustall?“ Ihr war gleich nach dem Aussteigen aufgefallen, dass der gebürtige Pirmasenser mit dem Ziegenbärtchen und dem milchkaffeefarbenen Teint noch fehlte. Um ihn hatte sie sich ehrlicherweise am meisten Sorgen gemacht – auch wenn sie das niemals offen zugegeben hätte.

„Benjamin ist vor fast zwei Tagen draußen unterwegs gewesen, als wir samt der Fähre von diesem fliederfarbenen Ding eingeschlossen wurden. Er wollte offenbar in einem kleinen Tümpel im Wald baden gehen, sagte er… Seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört oder gesehen…“

Pavlína Dvořáková musste schlucken. Überhaupt nicht gut! Entweder war der Sonnyboy von jenem Bergwesen verschluckt worden, oder aber bei dessen Explosion draufgegangen. Alles andere mutete leider äußerst unwahrscheinlich an. In diesem Moment kam ihr ein Erinnerungsfetzen ins Gedächtnis zurück: Bei der Auswertung des Tiefenscans hatte sie doch in einem etwa 150 Meter östlich der Landefähre gelegenem Gewässer ein wärmeabgebendes Lebewesen unbekannter Art aufgespürt – ob das doch der Pirmasenser gewesen sein könnte? Die Signatur war zwar als massereich genug für glatt zwei Menschen identifiziert worden, aber vielleicht war der Pirmasenser ja nicht alleine baden gegangen? Ob ihn irgendein außerirdisches Lebewesen beim Baden angegriffen hatte? Vielleicht waren sie beim Scan Zeugen solch eines Kampfes geworden… Die Wissenschaftlerin schüttelte den Kopf mit dem pink gefärbten Haar und zwang sich, nun an relevantere Dinge zu denken: Pavlína musste das Fährenwrack jetzt mit der in solchen Fällen vorgeschriebenen Ausführlichkeit untersuchen lassen, danach einen offiziellen Unfallbericht verfassen und anschließend von den Technikern und Soldaten auch noch alle Dinge aus dem Wrack bergen lassen, die man noch gebrauchen könnte. Auch wenn in der kleinen Landefähre fast alles zu Bruch gegangen war, ließen sich wenigstens in einigen Trümmerteilen enthaltene wertvolle Materialien recyceln: An Bord des Sternenkreuzers war es beispielsweise möglich, aus zerstörter Elektronik Seltenerden-Elemente zu extrahieren, die man später in 3D-Druckern wieder zur Anfertigung neuer Gerätschaften verwenden könnte.

Noch mehrere Stunden nach der Explosion des Berges klingelten Benjamin und Eena die Ohren. Besonders schlimm war der abartige Knall für die empfindlichen Lauscher des kleinen Hundes gewesen, der nun nicht mehr bellte und knurrte, sondern in einer Art Schockstarre verharrte. Auf dem Display dicht über ihren Gesichtern konnten die Insassen des Borrok-500-ZZ im Liegen verfolgen, wie die Temperaturwerte außerhalb der Überlebenskapsel aus dem vierstelligen Bereich allmählich wieder ins Dreistellige sanken. Das Tosen des wütenden Feuersturms wurde durch die dicke Wandung aus Amorphmetall-Sandwichstrukturen und Carbon Nanotubes-Verbundmatten stark gedämpft und hörte sich lediglich wie ein tiefes Brodeln an. Ohne diese phantastischen Materialien als Schutz, hätten sie im Inneren die Stoßwelle des gewaltigen Knalls gar nicht überlebt. Ein paar Stunden lang mussten sie wohl noch durchhalten, bis es außen wieder kühl genug sein würde. Erst nach dem Verlöschen der Flammen könnten sie die Kapsel wieder gefahrlos verlassen. So machten sie das Beste aus ihrer Lage und nutzten die Zeit, um sich besser kennen zu lernen. Vieler Worte bedurfte es dazu allerdings nicht – Benjamin war mittlerweile eh schon aufgefallen, welch derben Slang seine neue Gefährtin am Leib hatte. Sie schien eindeutig in einer noch weitaus übleren Gegend aufgewachsen zu sein, als jenem asozialen Problemviertel, aus dem der Pirmasenser selbst stammte. Bei der nonverbalen Kommunikation klang sie aber vergleichsweise milde… Spot verharrte am Kapselfußende weiterhin zusammengerollt in seiner Schockstarre.

Camp Retrieval hatte sich inzwischen in ein vor lauter Aktivität wuselndes Zeltlager verwandelt. Unter weißen Stoffplanen vor der sengenden Sonne geschützt und auf langen Klapptischen aufgereiht, lagen allerlei aus der zerstörten kleinen Landefähre geborgene Apparaturen und Einrichtungselemente zur Inspektion durch Pavlína Dvořáková und ihr Wissenschaftlerteam bereit. Manche Daten und Untersuchungsergebnisse konnten direkt und in Echtzeit über Quantenfunk zum Sternenkreuzer übertragen werden, der auf einer niedrigen Umlaufbahn um den Planeten kreiste. Im Gegensatz zur havarierten Fähre, war das größere Planetenshuttle deutlich besser und moderner ausgestattet und nicht auf bestimmte Zeitfenster für die Kommunikation mit dem Mutterschiff angewiesen. Wäre diese Landefähre in den gefräßigen Berg geraten, hätte man sich sogar direkt aus dessen Eingeweiden dort oben melden können…

Nappoke Gnobkock ruhte faul in einem unter seinem Gewicht deutlich in die Knie gegangenem Klappsessel und stopfte sich unter lautem Rülpsen mit dem Inhalt etlicher Proviantdosen voll, die mit dem Bergungsteam eingetroffen waren: Pulled Pork, mexikanischer Bohneneintopf und Ananasringe. Als einziger der drei Geborgenen hatte er sich nicht umgehend aus seinem völlig verdreckten Bordanzug geschält und anschließend ausgiebig geduscht. Die Kalorienaufnahme schien ihm nach dem klaustrophobischen Erlebnis im Wrack wichtiger – dort hatte er sich ein paar Stunden lang ausschließlich von Energieriegeln ernähren müssen – unzumutbar für einen Angehörigen seiner Spezies!

Ceyonne stapfte frisch frisiert und neu eingekleidet durchs Camp, Ored Olsen rauchte einige Schritte außerhalb davon ein paar Zigarillos, die ihm einer der Soldaten, mit dem er auch privat befreundet war, dankenswerterweise mitgebracht hatte. Ein paar Stunden lang würde das Rettungs- und Bergungsteam noch beschäftigt sein, bevor es endlich wieder zurück auf den Sternenkreuzer ging, wo sich in Oreds Kabine auch der gut gefüllte Humidor mit dem privaten Zigarrenvorrat befand. Diese kleinen Zigarillos waren nur eine Art schwaches Trostpflaster für den Sergeant. Pavlína sauste wie ein rosafarbener Wirbelwind durch das zwischen der demolierten und der intakten Fähre entstandene Zeltlager und kam vor lauter Geschäftigkeit immer noch nicht dazu, über das Verschwinden von Benjamin Freitag nachzudenken. Ihre Trauer würde sie später aufs Heftigste einholen, das ahnte sie. Warum weiß man immer erst, was man wirklich will – wenn es plötzlich nicht mehr da ist?

Jahrmillionen hatte er lediglich damit zugebracht, sich gegen die Kräfte von Erosion und Sedimentation nahe der Bodenoberfläche zu halten. Tagein, tagaus war nichts Besonderes geschehen. Die Berge kamen, der Außendruck stieg enorm an – die Berge zogen weiter, der Außendruck sank wieder auf die normalen atmosphärischen Werte. In seiner jetzigen Form war er erfreulicherweise schlichtweg zu dumm, um unter der Ewigkeit zu leiden. Um fortwährend an die Oberfläche zu kriechen, bedurfte es lediglich eines rein instinktiven Denkvermögens. Auch seine aktuelle physische Form war recht bescheiden – er sah aus wie ein ausgespuckter Kaugummi. Amöboid und lediglich ein paar Gramm schwer. Mehr brauchte es nicht, um die Zeiten zu überdauern und alle relevanten Informationen auf dem kaum pfefferkorngroßen, unvergänglichen Kristallspeicherkern zu bewahren, den er als einzige tote Materie in seinem biologischen Wurmkörper beherbergte. Ab und an fraß er ein paar Fasern vom Wurzelgeflecht der überall auf dem Planeten vorkommenden Pilze, um seine biologische Struktur zu ernähren und zu erhalten.

Doch dann war etwas Ungewöhnliches geschehen, nach all den langweiligen, gleichförmigen, sinnlosen Jahrmillionen. Der Druck war kurz auf nie dagewesene Höhen angestiegen und danach hatte ihn eine Hitze erreicht, die ihn dazu brachte, sofort mit aller ihm nur möglichen Geschwindigkeit in tiefere Bodenschicht zu fliehen. Jetzt war er wieder auf dem Weg nach oben und durchstieß mühsam eine teilweise durch hohe Temperaturen aufgeschmolzene Erdoberfläche. Sein auf wenige Instinkte reduziertes Denken lief auf Hochtouren. Er witterte eine Chance auf Veränderung. Um eine Art Augen-Organelle auszubilden bedürfte es mehrerer Stunden, die er vermutlich nicht hatte. Er musste die womöglich für weitere Äonen einzige Gelegenheit ergreifen, ohne sehen zu können, was um ihn herum geschah… Die Temperatur war auf für ihn gerade noch erträgliche Werte zurückgegangen. Sie alternierte stark, was an den in seiner Umgebung nach wie vor lodernden Feuern lag, die er nicht als solche erkennen konnte. Jetzt gelangten rhythmisch kleine Druckwellen durch den Boden an seine empfindliche Unterseite. Trittschall. Schritte! Er begann wie eine hässliche, graue, augenlose Spannerraupe so rasch er nur konnte in die Richtung zu robben, aus der sie kamen. Flatsch! Schon klebte er unter einem der ziemlich vermoderten Stiefel, welche die Frau mit der zerlumpten Kleidung und den vielen Tattoos an ihren schlanken Beinen trug. Er klebte nun als sandkornbepudertes Klümpchen im Profil der abgewetzten Gummisohlen – der unzerstörbare Kristallkern mit etlichen Exabyte an Daten (was der Kapazität einiger Tausend menschlicher Gehirne entsprach) klemmte direkt zwischen zwei groben Stollenreihen, zwischen denen auch der nicht plattgetretene Großteil seines deformierten Leibes steckte. Auf, ab, auf, ab, auf, ab, auf, ab – es ging endlich wieder voran mit ihm! Vielleicht könnte er seine minimierte Dauerform schon bald wieder aufgeben? Dazu brauchte er aber zunächst einen geeigneten Wirt.

Endlich war am Boden alles erledigt, Soldaten hatten die verbeulte Landefähre vor etlichen Stunden mit ein paar Lasergewehrschüssen perforiert, damit die Dreckbrühe aus dem Innenraum ablaufen konnte, danach war dort alles untersucht und der Großteil aller noch verwertbaren Strukturen ausgebaut worden. Die demolierten Computerpaneele und einige grob vorsortierte Trümmerteile aus eher hochwertigen, wiederverwertbaren Materialien, lagerten nun in stapelbaren Plastikkisten oder sicher auf Transportpaletten verschnürt im Laderaum des Planetenshuttles. Die große Landefähre mit dem Bergungsteam und den Geretteten an Bord war im Grunde genommen startbereit für die kurze Rückreise zum Sternenkreuzer. Während ein paar Soldaten die letzten Zeltplanen einrollten, durchstreifte Pavlína Dvořáková gemeinsam mit zwei untergebenen Wissenschaftlern ein letztes Mal die nähere Umgebung. Zertrümmerte Baumreste lagen auf der nackten Erde. Der violette Berg hatte bei seinem Abzug eine ziemliche Schneise der Verwüstung hinterlassen, bevor er aus einem immer noch unerklärlichen Grund in etlichen Kilometern Entfernung plötzlich explodiert war. „Wieso bist Du bizarres Riesenvieh einfach so mir nichts, dir nichts hochgegangen?“, rätselte die Anführerin der Rettungsmission und schob ihre Sonnenbrille auf dem Nasenrücken zurecht. Der Testbeschuss durch die beiden Fighter hatte bei einem anderen Berg auf der entgegengesetzten Planetenseite zu einem ähnlichen Resultat geführt. War der Berg von irgendjemandem beschossen worden? Oder durch einen natürlichen Blitz entflammt? Vielleicht sogar eine spontane Selbstentzündung? Eventuell durch Reibungshitze aufgrund zu schneller Fortbewegung? Pavlína lenkte sich mit solchen rational-akademischen Überlegungen systematisch ab. Wenn sie so kurz vor dem Abflug doch noch ausgiebiger über Benjamin Freitags ungeklärtes Schicksal nachdächte, würden ihr unweigerlich ein paar Tränen über die Wangen laufen – etwas, dass sie angesichts ihrer beiden Kollegen unbedingt vermeiden wollte… Vor diesen beiden stocknüchternen Nerds wäre ihr das einfach zu peinlich. Einer der beiden Eierköpfe reichte dem anderen gerade einen Feldstecher und deutete aufgeregt zum Horizont, wo immer noch etliche Rauchsäulen vom mysteriösen, aber dafür äußerst furiosen Ende des seltsamen Bergwesens zeugten.

Zwei Gestalten näherten sich vor der Kulisse aus Rauchfahnen und schweren Qualmwolken. In der Hitze, die auf diesem Planeten herrschte, flimmerten ihre Umrisse. Erst wenige hundert Meter, bevor sie die Camp Retrieval getaufte Stelle erreichten, konnte man die beiden Figuren genauer erkennen: Pavlína stockte der Atem, als sie meinte, in einer der Gestalten Benjamin Freitag ausmachen zu können! Der hochgewachsene Schlacks bewegte sich auch genauso wie der Pirmasenser! Offenbar trug er nur das Unterteil seiner Bordbekleidung. Und er hielt Händchen mit der anderen Person, die ihrer Silhouette nach weiblich war. Pavlína runzelte ihre Stirn und riss dem unmittelbar neben ihr stehenden Eierkopf ungeduldig den Feldstecher aus den Händen, um selbst besser sehen zu können: Ja, es war eindeutig Ben! Er sah ziemlich fertig aus, winkte ihnen aber mit seinem typischen, strahlenden Lächeln zu – vermutlich hatte er sie gerade an ihrer Haarfarbe erkannt! Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und gefror sofort wieder, weil er der unbekannten Frau neben ihm einen Kuss auf die tiefbraune Wange drückte, bevor er sie am Arm hinter sich herziehend in Richtung der wartenden Dreiergruppe losrannte. War sie etwa jetzt schon eifersüchtig? Die stellvertretende Wissenschaftsoffizierin der „U.E.S.S. Pirmasens“ wunderte sich über sich selbst – schließlich war sie kein pickliger Teenager mehr…

Spot erreichte die Gruppe als Erster und sprang freudig bellend und schwanzwedelnd an Pavlína hoch. Die beiden Eierköpfe ignorierte er hingegen vollkommen – sie waren ihm ja auch nicht schon bei unzähligen heimlichen Gassi-Gängen im Arboretum des Sternenkreuzers begegnet. Benjamin umarmte Pavlína zur Begrüßung kürzer, als es ihr lieb war, und wies dann etwas schief lächelnd auf die fremde Frau neben sich, deren Kleidung völlig zerlumpt wirkte – außerdem war sie dermaßen gründlich mit allerlei tribalen Linienmustern tätowiert, dass sie wie der Londoner U-Bahn-Plan aussah, wie Pavlína fand. „Das hier ist Eena – ich habe sie auf diesem Planeten gefunden!“, sagte Benjamin freudig. Eena blickte ziemlich neutral und unbewegt auf das ihr gegenüber stehende Trio. Die Frau würde sich gut in jeder Pornoproduktion machen, fand sie, aber die beiden Typen waren eindeutig vollkommen jämmerliche Waschlappen. Sie nickte kurz und trotzte sich ein halbherziges „Hi“ zur Begrüßung ab. Geschwind gingen sie gemeinsam zum startklaren Shuttle. Großer Jubel brach an Bord los, weil Benjamin zu guter Letzt doch noch aufgetaucht war! Seine unbekannte Begleitung sorgte hingegen umgehend für aufgeregtes Getuschel… Nappokes dröhnende Stimme stach aus der Menge heraus: „Geile Alte, Ben!“ rief er zur Begrüßung.

Nachdem man die Verschollenen zurück auf die Pirmasens gebracht hatte, wies man Eena zunächst eine leerstehende Crewkabine im hecknahen Habitationssegment R4-8 zu, in dem auch Benjamin Freitags Kabine lag. Dort sollte sich die auf dem Exoplaneten aufgelesene Schiffbrüchige zunächst ausführlich säubern und erholen, bevor man sie leider einer ausführlichen Reihe von Verhören unterziehen müsste – schließlich konnte man sich nicht einfach „irgendwen“ unüberprüft auf ein hochgerüstetes Regierungsschiff holen!

Normalerweise hätte man die Geretteten nach ihren Erlebnissen auf dem Planeten „Pirmasens 98c“ zunächst in Quarantäne schicken müssen – zumindest aber gründlich desinfiziert – bevor man sie zurück in ihre Kabinen ließ. Da der Planet, mit seiner von den paar Pilzen, gerade einmal drei verschiedenen Baumarten und violetten Riesenbergen abgesehen kaum vorhandenen Fauna und Flora aber ziemlich steril gewesen zu sein schien, verzichtete man ausnahmsweise darauf. Die Leute hatten bereits genug durchgemacht. Eine Helferin hatte Eena einen Stapel frischer Bordbekleidung in einer passenden Größe überreicht und war dann gemeinsam mit ihr und Ben zu Eenas neuer Kabine gegangen. Dabei hatten sie auch das Arboretum durchquert, in dem Spot sofort sein angestammtes Revier markierte. Die Helferin schüttelte lediglich ihren Kopf und übersah diese eindeutige Ordnungswidrigkeit absichtlich. „Ich hab nichts gesehen“, lächelte sie und blieb kurz stehen, bis das Hundchen fertig war. Eena umrundete den kleinen Hund währenddessen auf der anderen Seite und stapfte dabei mit ihren zerschlissenen Stiefeln durch ein Beet des baumbestanden mehrere Decks durchschneidenden Arboretums. Dort löste sich – von allen Anwesenden einschließlich des Hundes vollkommen unbemerkt – ein kleines graues Klümpchen von einer der Stiefelsohlen und blieb zunächst reglos auf der blanken Erde liegen, bevor es sich nach einigen Minuten auf eine an Spannerraupen erinnernde Art und Weise in Bewegung setzte…

Es hatte dann noch einmal kurz Ärger gegeben, weil Eena sich gegenüber der Helferin vehement geweigert hatte, sich von dieser ihre Fingerabdrücke abnehmen zu lassen – man brauchte diese biometrischen Merkmale aber zum Öffnen der persönlichen Kabinentür. Nach langem Hin und Her überreichte die trotz allem immer noch sehr wohlwollend entgegenkommende Helferin ihr alternativ dazu eine Chipkarte, mit der Eena ihre Kabinentür auch öffnen können würde. Benjamin verstand das Gezicke seiner neuen Freundin nicht so recht und führte es irrtümlich auf deren vermutlich viel zu langen Aufenthalt auf dem lebensfeindlichen, einsamen Planeten zurück.

Eena hatte in ihrer neuen Kabine stundenlang unter der Dusche gestanden und sich danach ebenso lange ihre üppige Haarpracht gekämmt, bis diese nicht mehr allzu verfilzt erschien. Sie schlüpfte in die saubere fabrikneue Wäsche und warf anschließend ihre vollkommen zerschlissenen und verdreckten alten Klamotten, die sie auf dem verfluchten Pilze-Planeten viel zu lange tragen musste, beherzt in einen Müllschlacht. Sie behielt lediglich ein paar liebgewonnene Accessoires und einige sehr spezielle Ausrüstungsgegenstände, die sich noch in ihren Taschen befunden hatten.

Danach huschte sie schnell durch das Habitationssegment zu Benjamins Kabine Nummer 7. Als sie zaghaft an die Tür klopfte, hörte man nebenan in der Nummer 8 den Schompad dermaßen laut schnarchen, dass es bis auf den Gang drang. Benjamin lag grinsend auf seiner Koje und öffnete die Kabinentür mit einer dazu dienenden Handgeste. Die Tür verfügte über eine entsprechende Steuerung. Eena betrat die Kabine und sah sich kurz um: „Genauso abartig klein, wie meine“, stellte sie enttäuscht fest.

„Platz ist in der kleinsten Hütte“, grinste Ben und wies auf die zurückgeschlagene Bettdecke. Eena schlüpfte zu ihm in die schmale Koje und schmiegte sich an ihn.

„Weißt du, was ich gleich morgen früh als Erstes machen werde?“, fragte der gutgelaunte Pirmasenser.

Eena schüttelte kurz den Kopf – offenbar handelte es sich eh um eine rhetorische Frage, denn Benjamin sprach umgehend weiter: „Ich werde mir auf einem unserer besten bordeigenen 3D-Drucker eine neue Gitarre ausdrucken! Und zwar eine fabelhafte akustische Ibanez, wie man sie vor über hundert Jahren gebaut hat – ich weiß, dass wir die Pläne dafür in unserer digitalen Borddatenbank haben…“ Benjamin Freitag strahlte bei der Vorstellung, einen angemessenen Ersatz für sein Baby, das irgendwo auf dem vermaledeiten Planeten während ihrer Flucht unter die Räder gekommen war, zu erhalten, wie ein Honigkuchenpferd. Spot schlief tief und fest in seinem Körbchen, als die beiden Menschen immer noch wach genug waren, um mitzubekommen, wie der Sternenkreuzer in den frühen Morgenstunden aus dem Planetensystem hinaus in den Alcubierre-Modus sprang. Als die mächtig bollernden Haupttriebwerke verstummten und nur noch das leise Sirren des überlichtschnellen Warp-Antriebs zu vernehmen war, schliefen sie endlich ein.

Ein unscheinbares graues Klümpchen hatte inzwischen das Beet im Arboretum verlassen. Es war jetzt auf der Suche nach einem geeigneten Wirt. Vor einer Weile hatte es im Arboretum auch eine dicke Kellerassel verspeist und sich kraft der daraus gewonnenen Energie und Materie ein paar nützliche Riechzellen sprießen gelassen. Nun stellte es damit fest, dass es in der näheren Umgebung unverkennbar vor geeigneten Wirten nur so wimmeln musste! Ja, offenbar hatte er nach all den Jahrmillionen großes Glück gehabt. Nun folgte er – der noch wie ein unscheinbares Klümpchen aussah – seinem uralten Programm.

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(eine Episodenliste mit direkten Links zu allen bisher in meinem Blog veröffentlichten „Sternenkreuzer Pirmasens“-Kapiteln sowie ein liebevoll illustriertes Glossar zur Erklärung der Fachbegriffe und als Personen-Übersicht findet Ihr unter diesem Link)

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