STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel IX

#0214[1124]

0005 Logo Pirmasens

Kapitel IX – Wilde Flucht

Eena und Ben sprangen Seite an Seite über die Kante eines kleinen Steilhanges, schmatzend landeten ihre Füße im leicht sumpfigen Waldboden am Hangfuß, bevor sie weiterrannten – der ziegenbärtige Pirmasenser nun ohne seine Schlappen, die im Morast stecken geblieben waren. Egal, ohne diese Latschen an den Füßen war er eh schneller. Hinter ihnen dröhnte es gewaltig. Oben am Hang knickte splitternd eine mehrere hundert Meter breite Baumreihe um, als sich der monströse Berg rasant weiter vorschob!

„Scheiße, wird langsam knapp“, rief Benjamin Freitag zu seiner Fluchtgefährtin, die gerade im Strecksprung über einen kleinen Bachlauf setzte.

„Halt’s Maul und lauf“, antwortete diese keuchend, „einmal in Bewegung halten diese Mistviecher so schnell nicht mehr an!“

Spot rannte bellend neben seinem Herrchen her. Zum Glück war er ein äußerst agiler kleiner Hund – nun zeichnete es sich aus, dass Benjamin mit ihm so oft durchs Arboretum an Bord der Pirmasens gejoggt war, statt ihn in der winzigen Kabine eingepfercht mit ein paar Leckerlis vollzustopfen. Bei „Kabine“ und „vollstopfen“ musste Ben kurz an seinen außerirdischen Kumpel und Kabinennachbarn Nappoke denken. Ob der dicke Schompad wohl noch am Leben war? Schwer zu sagen – aber Benjamin hatte momentan genug eigene Probleme an der Hacke. Sprichwörtlich, denn der violette Koloss holte gerade deutlich auf!

„Da runter!“ Eena wies im Laufen in eine grabenartige Geländesenke, innerhalb derer der Wald weniger dicht und undurchdringlich war. Ben schlug einen Haken und folgte ihr in das kleine Tal. Vermutlich würden sie hier wieder ein paar Meter Vorsprung herausholen können. Doch es kam anders, weil Ben nun über Spot stolperte und der vollen Länge nach hinschlug! Der kleine Hund heulte von Bens Fuß getroffen kurz auf. Als Eena sich nach den beiden umdrehte, glitt bereits der Schatten der sich alles zermalmend nähernden Bergfront über den an Boden liegenden Raumfahrer…

Es war ihre Art, sich stumm von den gefallenen Gefährten zu verabschieden: Statt die Planetenkamera der „U.E.S.S. Pirmasens“ auf den langweiligen Gasriesen zu richten, den sie gerade auf dem Weg zum Alcubierre-Sprungpunkt passiert hatten, bewegte Pavlína Dvořáková sie achtern auf das kleiner und kleiner werdende Scheibchen des Himmelskörper „Pirmasens 98c“. Gut, dass diese verfluchte Unglückswelt nicht direkt hinter dem Sternenkreuzer lag, denn die beiden riesigen Materie-Antimaterie-Triebwerke machten bereits ordentlich Dampf, um das schwere Raumschiff auf Sprunggeschwindigkeit zu beschleunigen. Nur weil der zurückbleibende Exoplanet momentan ein paar Grad verschoben zur Richtung lag, in welche die alles überstrahlenden Antriebe wiesen, konnte die Wissenschaftlerin überhaupt irgendetwas erkennen, als die digitale Optik automatisch das Bild scharfstellte. Der Planet wandte ihr gerade jene Seite zu, auf der sich auch „Camp Corax“ befand, das nun unter dieser alleszerquetschenden 2-Milliarden-Tonnen-Amöbe verschwunden war. Ein automatischer Tracker markierte jenen Punkt auf dem Planeten als blinkendes Fadenkreuz auf dem Bildschirm. Pavlína wollte sich gerade eine lange pinkfarbene Haarsträhne aus dem Gesicht wischen, um besser zoomen zu können, als sie von einer Durchsage unterbrochen wurde – sie wandte sich abrupt dem Lautsprecher zu, aus dem schneidend die Stimme der Ersten Offizierin Hayden Findley tönte: „Achtung, Achtung! Wir erreichen in zehn Minuten die Initialgeschwindigkeit zum Sprung in den Alcubierre-Modus. Bitte unterbrechen sie gefährliche Tätigkeiten und machen sie sich bereit, sich auf ihre Sicherheitspositionen zu begeben! Ich wiederhole: In zehn Minuten verlassen wir dieses Planetensystem!“

„Klingt erstaunlich motiviert, dieses ehrgeizig kleine Miststück“, schoss es Pavlína Dvořáková durch den Kopf, „keine Spur von Trauer in der Stimme! Die hätte ruhig noch ein paar kurze, angemessene Abschiedsworte für unsere Verschollenen finden können…“ Schnell wandte sie sich wieder dem großen Bildschirm vor sich zu und zog mit einer Handbewegung den Zoom auf den Planeten auf. Da der Planet mittlerweile mehr als eine Lichtstunden weit entfernt war, flimmerte und flirrte das Bild und war auch nicht wirklich vollkommen scharf zu stellen – aber bereits ein kurzer Blick auf das Areal unter dem blinkenden Markierungskreuz reichte für die stellvertretende Wissenschaftsoffizierin aus, um gleich zu erkennen, was Sache war: Das kleine Fadenkreuz blinkte außerhalb des violetten Bergfleckchens – außerhalb!

Es stank gewaltig nach Scheiße. Sergeant Olsen war mehr als grün um die Nase, so sehr machte ihm dieser abartige Gestank zu schaffen. Die kleine Landefähre hatte unter dem abziehenden Berg eine wahre Rollkur ausgeführt, bei der auch der Abwassertank der Bordtoilette geborsten war. Nun lief die stinkende Suppe mit Hydrauliköl vermischt quer durch die Trümmerhalde, in die sich das Fähren-Interieur inzwischen verwandelt hatte. Überall lagen Glassplitter von Displays, verbogene Verstellschienen, abgeplatzte Kunststoffpaneele und in großen Flocken aus der Innenwandverkleidung stammendes Dämm- und Isoliermaterial durcheinander. Einige abgerissene Kabelenden sprühten munter Funken. Mit einem schmatzenden Geräusch erhob sich der beleibte Außerirdische Nappoke Tryphul Gnobkock aus dem Schmodder, in dem er nach dem letzten Überschlag mit dem Gesicht nach unten liegen geblieben war. Aus dem wulstigen Mund ragten noch zwei Proviantriegel, die er als waschechter Schompad völlig unbeeindruckt von der Situation weiterzumampfen begann. Angesichts dessen, musste sich der eigentlich hartgesottene Militär Ored Olsen doch noch spontan übergeben…

„Kotz hier nicht so herum!“, rief Ceyonne Ward, die eingesperrt in dieser Wüstenei wieder kurz vor dem Ausrasten war. Die hünenhafte Söldnerin litt unter Platzangst, seitdem sie auf einem Einsatz einmal verschüttet worden war, und wurde gerade massiv getriggert. Noch wütender wurde sie, als der dicke Schompad – dem gerade die abgebissenen Enden seiner Powerriegel aus dem Mund in die Pampe zu seinen Füßen fielen – unvermittelt zu singen begann: „Let the sunshine in your heart“. Dabei wies er mit dem Zeigefinger seiner pummeligen Rechten nach oben an die Decke, bei der es sich eigentlich um die Seitenwand der Fähre handelte. Ceyonnes Miene entfinsterte sich wieder ein bisschen, als sie seiner Geste folgend dorthin schaute – durch die von zahlreichen Haarrissen durchzogenen Panzerglasscheiben fiel gleißendes Sonnenlicht gelblich ins Innere der demolierten Landefähre.

Irgendwie gelang es Benjamin, sich sekundenschnell wieder aufzuraffen und weiterzurennen. Die gummiartig wirkende Gallertewand war jetzt keine vier Meter mehr entfernt und er musste, kaum wieder auf den Beinen, umgehend einen seitlichen Ausfallsprung machen, um nicht von einem Baum erschlagen zu werden, der vom Saum der Koloss-Amöbe gefällt nach vorne schnellte und in etliche holzige Schrapnelle zersplitterte. Eines davon traf ihn jedoch heftig an der Schläfe! Dass er blutete, merkte er erst nach einer ganzen Weile, als es ihm im Laufen warm auf die Schulter tropfte. „Verdammt! Schneller!“, ermahnte ihn Eena, die gerade zwischen einer letzten Baumreihe hindurch auf eine größere Lichtung enteilte.

Plötzlich blieb Spot stehen und versuchte sich laut kläffend der herannahenden Bergflanke entgegenzustellen. Wie eine ausbrechende Büffelherde rollte die violette Front heran! Ben rammte bremsend einen Fuß in den Morast, um auf dem Absatz kehrt zu machen. Vor ihm scrollten fliederfarbene Fleckenmuster nach unten – offenbar fließt von oben rasant Masse herab und verschwindet dann wieder unter dem Giganten. Benjamin war von diesem Anblick kurz wie hypnotisiert: „Wie bei einem schlappen, halb mit Wasser gefüllten Luftballon, den jemand über den Zimmerboden rollen lässt…“ Zum Glück kam er nach einem Wimpernschlag wieder zu sich, schnappte sich in wirklich letzter Sekunde den immer noch bellenden Spot und setzte, diesen auf dem Arm an seine Brust gedrückt, die Flucht fort. Er musste sich geradezu nach vorne werfen, um wieder genügend Tempo aufzunehmen. Seitenstechen hatte er und die Puste ging ihm auch langsam aus!

Die stellvertretende Wissenschaftsoffizierin rannte mit knallenden Absätzen durch den ihr endlos vorkommenden Zentralgang in Richtung Brücke der „U.E.S.S. Pirmasens“. Die kunstvoll geflochtene rosarote Haarpracht wehte in Auflösung begriffen wie eine Fahne hinter ihr. Nachdem sie fast einen Wartungstechniker über den Haufen gerannt hatte, hallte abermals eine Lautsprecherdurchsage von Hayden Findley, die sich momentan zusammen mit dem Kommandanten auf der Sternenkreuzerbrücke befand, durchs ganze Schiff: „Achtung, Achtung! Wir springen in zwei Minuten in den Alcubierre-Flugbetrieb! Bitte nehmen sie umgehend ihre Sicherheitspositionen ein! Wir springen in einer Minute und 50 Sekunden!“ Pavlína beschleunigte ihr Lauftempo und erreichte endlich den Durchgang zur Brücke – dort riss ein Wachsoldat instinktiv seine Waffe hoch, als er sah, dass jemand halsbrecherisch auf ihn zugestürzt kam! Doch dann hatte er die Bordwissenschaftlerin gleich an ihrem pinken Schopf erkannt und stakste schnell aus ihrer Bahn.

„Halt, Stop! Sprung abbrechen!“, rief Pavlína mit letztem Atem in Richtung des zentralen Steuerpultes, an dem Hayden und Captain Erno Santorius gerade standen, um den Sprung aus dem Planetensystem einzuleiten. Verwundert drehten beide ihre Köpfe zu ihr um. Hayden zog, leicht genervt wirkend, eine Augenbraue hoch und fragte unterkühlt: „Wieso?“

Mit wogendem Busen und auf der Nase verrutschter Sonnenbrille war die atemlose Sprinterin eine Armlänge vor der Ersten Offizierin zum Halt gekommen, die ihrerseits die rechte Hand trotz der Unterbrechung immer noch unter einer hochgeklappten, transparenten Schutzabdeckung direkt am Auslöseschalter für die Erzeugung der Warpblase hatte. Außerstande zum Sprechen, hatte sie mitgedacht und hielt der rothaarigen „Ersten“ nun wortlos ein Tablet unter die schmale, blasse Nase: Darauf ein Screenshot der Planetenkamera, welcher ein Fadenkreuz unmittelbar außerhalb einer violetten Fläche zeigte. Daneben stand in kleinen weißen Buchstaben „Camp Corax“.

Blut lief Benjamin aus der Kopfwunde in sein natürliches linkes Auge – mit dem Hund auf dem Arm war er zudem deutlich langsamer geworden. Eena war schon vor zehn Sekunden flink wie ein Reh auf die Lichtung gerannt – angesichts der sich zuspitzenden Lage, war das eine kleine Ewigkeit an Vorsprung. Hinter ihm dröhnte es ohrenbetäubend! Die Wand war ihm nun so dicht auf den Fersen, dass er im Nacken den Luftzug spürte, den die abwärts fließenden Masse auslösten, und in Spots schreckensweiten Hundeaugen konnte er violette Spiegelungen glänzen sehen. Der Hund bellte immer noch in einem fort – aber Ben hörte das gar nicht mehr bewusst. Er war bis unter die Schädeldecke dermaßen mit Adrenalin geflutet, dass er etwas dermaßen Unwichtiges völlig ausblendete: Es zählte nur noch die reine Vorwärtsbewegung!

„Ist das aktuell?“, fragte der etwas konsterniert blickende Kapitän. Dann könnte die Landefähre womöglich wieder freigekommen sein… Hatte es nicht kürzlich geheißen, dass die eingeschlossene Fähren-Crew innerhalb des violetten Berges womöglich doch einige Stunden lang überleben könnte?

„Ja“, krächzte Pavlína immer noch völlig außer Atem und nahm ihre beschlagene Sonnenbrille von der Nase.

„Aber wir springen gleich!“ Hayden Findley hatte ihre grünen Augen zu Schlitzen verengt und war von der neuesten Entwicklung wenig begeistert – geschweige denn überzeugt. Ihre rechte Hand zuckte unter der transparenten Abdeckungsklappe für alle deutlich sichtbar bereits leicht über dem Auslöseknopf.

0110 Die Beiden auf der BrückeCaptain Erno Santorius atmete tief durch und ging kurz in sich – er hatte sich bei den Entscheidungen der letzten Sunden gegenüber der von ihm protegierten Ersten Offizierin viel zu sehr zurückgenommen, weil er eindeutig befangen war… „Mila“, flüsterte er leise – er konnte sie nach all den Jahrzehnten nicht von den Toten zurückbringen, auch wenn er sie jeden Tag aufs Neue erblickte, wenn er ihn Haydens Gesicht schaute. Oder unter seinen Albträumen litt… Er musste sich zügeln und eine Entscheidung treffen: Blitzschnell fuhr der rechte Arm des Sternenkreuzer-Kapitäns nach vorne – mit der Faust schlug er auf einen zentral auf dem Desk platzierten großen roten Knopf, bei dem es sich um eine Art „Not-Aus“ handelte: „Veto! Wir springen nicht! Wir kehren um und holen unsere Leute zurück!“ Seine Augen funkelten engagiert. Hayden ließ die Schultern hängen und Pavlína liefen vor Erleichterung Tränen über die Wangen. Vielleicht würde sie Ben und die anderen nun doch noch wiedersehen können! Vielleicht sollte sie dem ziegenbärtigen Sonnyboy mit dem milchkaffeebraunen Teint doch noch seine Chance geben – immerhin spielt der ganz passabel Gitarre…

0002 Strich

(eine Episodenliste mit direkten Links zu allen bisher in meinem Blog veröffentlichten „Sternenkreuzer Pirmasens“-Kapiteln und ein liebevoll illustriertes Glossar zur Erklärung der Fachbegriffe und als Personen-Übersicht findet Ihr unter diesem Link)

Ein Gedanke zu “STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel IX

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.