Fragt keiner mehr nach – Fassade, Fassade, Sonne, Mond und schade…

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Sodbrennen spritzt mir hinterrücks ans Gaumendach: Zu viel unbekömmliches Essen – Krokantschokolade und dann auch noch Pulled Pork mit Teriyaki-Würzung aus der Dose aufs Sandwich mit Alibi-Salatblättern (die im Hause sind, um sie an „Kröt“ zu verfüttern) – Philomena ist nahezu zehn Tage in Folge aus dem Haus. Musste heute erstmals seit einem halben Jahrzehnt eine Waschmaschine bedienen – zum Glück ging sie nicht in Flammen auf oder verließ das Gebäude.

„Haus der Stille“ mal wieder. So ganz alleine laufe ich unrunder, partiell aus dem Ruder. Zumindest raffe ich mich weniger zu etwas auf, oder ich trödele mehr, oder ich lasse die Fünf verdammt gerade sein… Stabilität bringt Philomena hier herein – auch nach außen: Für die Dorftrottel hier sind wir ein ganz normales (vielleicht leider *mitfühlendes Nicken* kinderloses) Paar. Weiß ja keiner, dass wir in zwei getrennten Zimmern leben. Sieht man nicht – nur die Fassade: Sehr praktisch, denn bevor meine Seelenverwandte hier einzog, galt ich hier vermutlich als stockschwuler Exot. Zumal ich öfters „Herren-„ als „Damenbesuch“ bekam. Etwa meinen wirrköpfigen Kumpel Rudi aus Berlin, oder den Lokführer Mitch, der ebenfalls ein Dauersingle ist. Innerhalb meines stark ausgedünnten Freundeskreises dominieren inzwischen solche Biographie-Karteileichen jenseits einer geordneten Lebensführung. Karrieristen und Familienmenschen schlichen sich über die Jahre allmählich aus…

Die Fassade zählt hier mehr als in jedem halbwegs größerem Ort. Frau im Haus – alles okay, fragt keiner mehr nach. Dazu das (geerbte) konservativ-solide Fahrzeug – also offenbar keine Hartzer oder Hänger. Gut, fragt keiner mehr nach. Das einzige, was hier womöglich gegen uns spricht, ist die lieblose Vorgartengestaltung: Im Gegensatz zum von vorne nicht einsehbaren, diffizil ausgestalteten Hintergarten-Paradies, gibt es vor dem Gebäude lediglich eine mit einem einzelnen Fliederbusch gespickte Rasenfläche, die nur noch so tut, als ob sie ein „Rasen“ wäre – überwiegend Moos, Löwenzahn, Gänseblümchen und Gundermann… Eher „kasachisch“, als „englisch“. Immerhin überwiegend grünlich. Ordnungsamt muss noch nicht einschreiten. Aber auch hier spielt ein arrangierter Schein eine Rolle – diesmal in der anderen Richtung, „runter“ satt „rauf“: Anti-Einbrecher-Inszenierung. Vorne pfui und hinten hui. Vor dem Haus denkt man sofort: Hier wohnt keinesfalls die Elite. Wenn dann noch die Karosse in der Garage verschwindet und sich Philomena allenfalls in Fleecejacke und Jogginghose zeigt, statt in jenen exquisiten Outfits, die hier hinter den Schranktüren verborgen funkeln – dann ist die Illusion perfekt. So kriegt jeder was er kriegen soll – die einen diese Facette und die anderen jene. Fragt keiner mehr nach.

Ich habe im Hauptort „Obergüllestunk“ eh meinen Ruf ruiniert, als ich damals, mit gleichermaßen unerwarteten wie furchtbaren Nebenwirkungen der sich als unverträglich herausstellenden frisch angesetzten Betablocker, innerhalb einer politischen Bürgerversammlung eine Rede schwingen wollte und nur noch chaotisches Gestammel herausbrachte. Leute im Publikum quittierten das mit angedeuteten Getränk-hinter-die-Binde-kippen-Handbewegungen. Seitdem bin ich dort Luft. Hier in „Niedergüllestunk“ (das sich zum Arsch der Welt „Obergüllestunk verhält, wie der Pickel am Arsch der Welt) läuft’s entspannter: Die Leute meinen mich schon länger zu kennen, bzw. haben glücklicherweise nicht nur meine ungeplanten Medikamentennebenwirkungen erlebt. Aber so richtig kennt mich hier auch niemand. Ich bin pure Fassade, reine Projektionsfläche, wie eine verspiegelte Diskokugel, die nur das Licht zurück wirft… Sehr schön, fragt keiner mehr nach.

Was ich hier drinnen treibe – weiß keiner so ganz genau, aber jeder hat so seine Vorstellung davon. Mir sagen die Leute immer, was ich gerade mache. Ich lasse sie dann in ihrem Glauben. Details gehen keinen etwas an.

0267 AusgestorbenPhilomena beginnt mir jedenfalls zu fehlen – ohne sie habe ich Sodbrennen, Beklemmungsgefühle und fühle mich wie eine Art kurz vorm Aussterben. Die letzte Bastion von sozialer Kontrolle ist weg. Entfesselt stürzt der Haufen Brei in sich zusammen. „Exil“ macht alleine weniger Spaß, als zu zweit. Mir fehlen das Niveau, die Ästhetik, die Form, die Persönlichkeit, der Stallgeruch, die kühle Noblesse, die brillante Intelligenz, die geteilte Gesinnung, die Pragmatik, das Sparring und die beherzte Kritik – alleine fühle ich mich auch tatsächlich wie der elende Wurm, der ich eigentlich bin. Wie aus der Dose gepuhltes Pulled Pork – ein zerrissenes Schwein, das Sodbrennen beschert. Soziale Kontrolle, komm bald wieder!

15 Gedanken zu “Fragt keiner mehr nach – Fassade, Fassade, Sonne, Mond und schade…

  1. Telephoniert ihr nicht miteinander ? / Ansonsten: Bach, Goldberg-Variationen, Glenn Gould. Kleinere Besorgungen, so alle 2 Tage oder so, Kurzkontakte, und dabei sich nicht auf negative Eindrücke fixieren, so da, schwachsinnigerweise, sondern auf beiläufig positive eher, wichsen mit Phantasie, ans Deckbett geschmiegt, Augen zu dabei, harter Schwanz, zarte Vorhaut, spritzen.

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    • Da sie dort sehr eingebunden und ausgelastet ist (Schwester registriert langsam, dass die OP fatal ablief, sie chronische Schmerzpatientin und die internationale Künstlerkarriere in echter Gefahr und hadert entsprechend damit, Mutter kriegt darüber auch die Krise und ist im Enkelstress kurz vorm Zusammenbruch, Philomena hilft allerorts und hütet das Kind), telefonieren wir meist nur sehr kurz abends, wenn der Rummel vorbei ist. Sie ist dann oft sehr müde.

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  2. Ist denn absehbar, wann Philomena wieder zurückkehrt? Du hast ja gottlob vielseitige Interessen, insofern wird dir hoffentlich die Zeit ohne sie nicht mehr allzu lang werden. Heute könnte ein guter Tag sein, um im Garten zu werkeln oder sich einfach mit nem Buch auf die Sonnenliege zu klatschen 😉

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    • Heute ist schon wieder Kindergeburtstag bei meinem Bruder… (ich sehe den nur noch zu den Geburtstagen der Kinder und an Weihnachten) Gute Ablenkung. Letzte Nacht hatte ich offenbar ein Flimmerskotom oder Augenmigräne, dazu Angina pectoris und das allgemeine Gefühl gerade zu verrecken – braucht kein Mensch, sowas! Zurück kommt sie spätestens, wenn ich in den Sommerurlaub verreise, denn dann muss sich jemand um Kröt kümmern – kann also noch eine ganze Weile lang hier so weitergehen… LG!

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  3. Denk dran, jeder hat seine Leichen im Keller, auch die Leute aus deinem Dorf. Ich glaube die Leute schauen auch ganz besonders gerne darauf, was anderes so tun und welche „Fehler“ sie machen, um selbst nicht in dieses Rampenlicht zu geraten. Fühlt euch wohl in eurem Örtchen, so gut es geht. Ich hoffe sie ist bald wieder da und du wieder seelisch im Gleichgewicht. XD

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  4. „Die Leute“ schauen vor allem auf Leute wie uns, die wir nicht nach ihren 08/15-Konventionen leben. Darum möchte ich nicht wieder in meinem Heimatdorf wohnen. In Städten ist das ja in den Vierteln nicht anders.

    Pass gut auf dich auf und ansonsten: Dann fläz doch einfach in den Tag hinein, nur das Essen und genug Trinken nicht vergessen!

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  5. Du lebst noch – wie gut, daß ich immer die Letzte bin. Ansonsten: Ich käm mit keinem von Euch beiden aus, und umgekehrt. Ergo: Glück gehabt im ganzen Pech, Ihr beide. 😉 Ähm, hoffentlich hab ich jetzt nix Peinliches kommentiert, jedenfalls passt Ihr beide optimal zusammen – wenn nicht Ihr zusamm‘, wer dann? Ò_ò

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