Wie ich einen Zeugen Jehovas umdrehte

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Hatte gerade beim Blogger-Kollegen „bonanzamargot“ gelesen, wie er heute an der Haustür von Jehovas Zeugen heimgesucht wurde – das inspirierte mich, gleich mal einen Eintrag aus meiner in den letzten Monaten sträflich vernachlässigten Blogbeitragskategorie „flashback“ nachzulegen… 😁 Dazu springen wir um rund anderthalb Jahrzehnte zurück und schauen einmal, was da los war:


◾ Früher Samstagvormittag, wenige Tage nach meiner Geschäftseröffnung in meinem damaligen Laden.
Langeweile. Ich sollte die Öffnungszeiten überdenken, vielleicht erst gegen Mittag das Geschäft öffnen. Oder das würde sich noch legen mit dem Publikumsmangel am frühen Samstagvormittag – schließlich war das Geschäft brandneu und meine Werbekampagne lief erst gerade an.
Trotzdem war mir langweilig. Mit einer Tasse Senseo-Kaffee aus der neuen Maschine, die in der kleinen Teeküche hinter den Kulissen stand, in der Hand tigerte ich durch die noch ein wenig nach Renovierung duftenden Räumlichkeiten und wartete. Nichts los. Ich wäre dankbar für ein wenig Ablenkung jeder Art. Meinethalben könnte sogar ruhig der manische Irre aus dem Haus nebenan, oder der verrückte Opa vorbeikommen, um für Zerstreuung zu sorgen! Wie ich erst später lernen sollte, zog meine damalige Kunstgalerie über die Jahre auch ein paar Irre an. Dazu gehörten ein Nachbar aus dem Viertel, der sich mit seinen manischen Ausbrüchen und Erörterungen zum Kundenschreck Nr. 1 entpuppen sollte und jener besagte Opa, der allen Ernstes seine mit gelber Wachsmalkreide auf rausgerissene Rechenkästchenseiten gekritzelten „Zeichnungen“ bei mir ausstellen wollte (nach drei Jahren erfüllte ich ihm kurz vor der Geschäftsaufgabe diesen Wunsch, nachdem ich ihm bei unzähligen Tassen Senseo-Kaffee, die er in meiner Galerie genossen hatte, endlich überzeugen konnte, lieber mit Kreide auf Karton zu zeichnen). Der Maniker und der Kritzel-Opi waren quasi die Irren der ersten Stunde und gleich von Anfang an mit dabei.

Doch es kam niemand und meine Langeweile steigerte sich weiter. Endlich klingelte es im Treppenhaus, wo der Laden einen zweiten Eingang besaß: Die Zeugen Jehovas!
Juchhu – endlich ein wenig Zerstreuung! Normalerweise hätte ich die Brüder sofort rausgeschmissen, aber heute ließ ich mich auf sie ein. Außerdem waren sie ja am Hintertürchen zur Küche und konnten so kein schlechtes Licht auf meinen Laden werfen… Es handelte sich um einen Mann mittleren Alters im Trenchcoat und um einen Novizen, ein blonder Junge von vielleicht 19 oder 20 Jahren, der ein wenig verschüchtert schräg hinter dem anderen Wachtturmverteiler im Türrahmen stand.
Aus irgendeiner spontanen Anwandlung heraus – vielleicht um die beiden ein wenig zu verwirren und so den Unterhaltungswert für mich in meiner akuten Langeweile zu steigern – antwortete ich auf die Frage, welchen Glaubens ich denn sei: „Bahai“.

Kurz vor der Geschäftseröffnung war ich länger in Indien gewesen und hatte dort das auf Grund seiner Form auch „Lotus-Tempel“ genannte und für mich als Architektur-Freak hoch interessante Andachtshaus dieser Religionsgemeinschaft in Neu-Delhi besucht. Da mich der theoretische Ansatz und die Philosophie des Bahaismus auch als eingefleischten Atheisten interessierten, hatte ich mir dort einige Infobroschüren eingepackt und später aufmerksam studiert. Wenn ich an einen monotheistischen Schöpfergott im klassischen Sinne glauben würde, läge mir die Religion der Bahai sicherlich sehr nahe mit ihrer humanistischen Prägung und dem Streben nach einem einträglichen Miteinander der großen Religionen und dem Weltfrieden (Näheres zur Bahai-Religion findet Ihr hier bei Wikipedia).
Die beiden Zeugen Jehovas waren verwundert – sie wussten nichts über diese Religion und wollten nun mehr erfahren. Ich gab ihnen bereitwillig Auskunft, da ich dank meiner gerade erst erfolgten Recherche „sattelfest“ im Bahaismus war. Sehr schwärmerisch pries ich die Segnungen dieser Weltanschauung und betonte die Offenheit für alle Anhänger anderer Religionen und den Pazifismus. Beide Herren hörten mir fasziniert zu, besonders der ein wenig verschüchtert wirkende Hellblonde wurde nun ein wenig forscher und wollte auch Details erfahren…
Nach einem mehr als eine Stunde langen Türgespräch wussten die beiden sehr viel über den Glauben der Bahai und auch, dass sie mich nicht für ihre Sekte ködern konnten, so fest wie ich scheinbar in jener Religion verwurzelt zu sein schien. Sie gingen wieder und versicherten mir in ein paar Wochen noch einmal vorbeizukommen.

Ich war dankbar für die Zerstreuung, denn so verging die Zeit wie im Flug. Auch die gelungene Verarsche, ich sei ein Bahai, ließ mich den ganzen Tag lang schmunzeln. Jetzt gegen Mittag kamen auch endlich Kunden in den Laden.

◾ Drei Wochen später:

Die Zeugen Jehovas kamen erneut in meine Galerie. Diesmal aber mit verkniffenen Gesichtern und raschen Schrittes durch den Haupteingang. Mitten im Raum blieben sie stehen, abermals zwei Wachturmgenossen. Ich erkannte den Trenchcoatträger wieder, aber das weißblonde Bürschchen fehlte diesmal. Stattdessen hatte der Mantelmann heute eine schon äußerlich und in ihrem dominanten Auftreten ranghöher wirkende Matrone dabei. Beide starrten mich an und schwiegen kurz. Dann fragte der Trenchcoat in einem eher unfreundlichen, lauten Tonfall: „Und? Erkennen sie mich wieder?“ „Klar“, erwiderte ich, „sie waren doch neulich erst hier, als wir uns so ausgiebig und nett unterhalten haben! Damals hatten sie einen jungen Mann dabei, der sich sehr interessiert zeigte… Schade, warum ist er denn heute nicht dabei?“ Er antwortete: „Dieser junge Mann hat unsere Gemeinschaft inzwischen bedauerlicher Weise verlassen!“
Ich musste mein aufkommendes, sehr breites Grinsen unterdrücken. Er hatte die Zeugen Jehovas verlassen! Wie geil ist das denn? Offenbar war er noch nicht so gefestigt in seinem Glauben gewesen und ich hatte ihn mit meiner Bahai-Predigt überzeugt! Einer weniger bei denen… 😁😂🤣

Wütend und mit anklagender Miene standen die anderen nun in meinem Geschäft und es kam kein weiteres Gespräch zustande. Irgendwann gingen sie wieder nach kurzer Zeit. Aber sie sahen mich nun offenbar als Gefahrenquelle an und ließen mich das in den folgenden Tagen und Wochen spüren, indem sie immer mal wieder für ein paar Minuten demonstrativ vor meinen Schaufenstern herumstanden und sich unterhielten, der Trenchcoat und die Matrone… Sollte mir wohl signalisieren: „Wir behalten dich im Auge, du Teufel!“

Unglaublich, aber wahr: Ich habe einen Zeugen Jehovas umgedreht! 😆 Und das einfach mal eben so aus Spaß – wortwörtlich „zwischen Tür und Angel“ mit meinem Bahai-Fake-Gelaber… Vermutlich gibt es nun einen weißblonden, jungen Bahai-Gläubigen mehr auf diesem Planeten – und das alles nur, weil mir langweilig war.

7 Gedanken zu “Wie ich einen Zeugen Jehovas umdrehte

  1. Haha. 🙂 „Bahai“ habe ich auch zu denen gesagt, zu der Zeit als ich mich verstärkt dafür interessierte. Hat aber meines Wissens niemanden umgedreht. Ein paar Bücher darüber müssten in diesem Haushalt noch vorhanden sein. Ich erinnere mich nicht mehr, weswegen ich mich damals doch gegen diese Bewegung entschied.

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  2. gratulation! ich konnte bisher weder zeugen jehovas noch andere zeugen dieser verkackten welt von ihrem glauben abbringen. wozu auch? aber ich diskutiere freilich gern über gott und die welt… und im zuge dessen brachte ich immerhin einen zeugen jehovas dazu zu sagen, ich wäre des teufels. lange her. über dreißig jahre. wenn ich mir dir die welt so anschaue, glaube ich eher an den teufel als an gott. wahrscheinlich hatte er recht. nur nicht hinsicht auf sich selbst.

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  3. Well done, Sir, well done!

    Bei uns werfen sie nur immer den italienischen Wachturm in den Briefkasten wegen unserem Nachnamen. An meiner Wohnungstüre hängt aussen ein Pentagramm und oft trage ich auch eines um den Hals (ist mein heidnisches Schutzamulett) – die würden also vermutlich schnell umdrehen, weil sie in mir einen Satanisten vermuten würden.

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