Der Mai ist gekommen – auch Rudi zu Besuch, Zeit wieder etwas für die Schildkröte zu bauen und die Europawahl

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Arschkalt wieder. Nicht einmal 15°C sind’s auf dem unteren Scheißhaus. Man hat dort aus Kosteneinsparungserwägungen keinen Heizkörper installiert – wer hält sich normalerweise auch schon länger als drei, vier Minuten auf dem Gäste-WC auf? Tagtäglich harre ich ein bis zwei Stunden splitterfasernackt (damit die Klamotten hinterher nicht stinken) in jener kleinen, mönchisch anmutenden Zelle von Zimmer aus – meine Verdauungsproblematik. 😆 Zum Glück habe ich dort einen elektrischen Heizlüfter angeschlossen, sonst hätte ich Eisklötze statt Klöten in der Schüssel hängen… Zum ungestörten Niederbringen meines Morgenschisses habe ich mir dieses kontemplativ-karge Exil im Exil freiwillig ausgesucht – das obere Badezimmer ist eher Philomenas „Reich“ – groß, schön, warm, mit Eckbadewanne und zusätzlicher Duschkabine, zwei Waschtischen und einem riesigen Spiegel über diesen, den ich kurz nach dem Einzug eigens anfertigen ließ – damals hatte ich noch deutlich mehr Kohle als heute…

0254 OsternWährend ich tippe, rauscht der Heizkörper im Arbeitszimmer – im Gegensatz zum Gäste-WC hängt hier einer – dabei haben wir inzwischen Mai. Ostern ist nun auch schon wieder zwei Wochen her – ich habe länger nicht mehr gebloggt. Im April sah es fast schon nach einem verfrühten Sommerbeginn aus – alles war einen Monat zu früh da: Die Tulpen, der in der Ferne rufende Kuckuck und auch die Maikäfer, die hier am Abend munter um die Terrassenbeleuchtung brummten. Denen ist es gegenwärtig wieder zu kalt zum Sumsen. Nachtfrost droht. Gestern habe ich gewählt.

0251 EuropawahlzettelDas nebenstehende Bild zeigt keinen abgerissenen Meter Klopapier, den ich vom mit elektrischer Heißluft gefluteten Exil-Scheißhaus auf den persischen Hausflur-Teppichläufer verschleppt habe, sondern den offiziellen Wahlzettel der Europa-Wahl 2019. Habe ich mir zuschicken lassen. Ich mache Briefwahl. In meinem örtlichen Wahllokal stehen die Wahlkabinen rechtwinklig zum langen Tisch, an dem die Wahlhelfer sitzen, statt diesem um 180 Grad gedreht gegenüber. Ich bilde mir ein, dass die Typen deshalb sehen können, was man ankreuzt – zumindest wie man mit dem Zettel hantiert und ob man auf diesem deshalb wohl eher oben oder unten etwas angekreuzt hat. Mich macht das nervös. Einer von denen ist ziemlich beleibt, sein ockerfarbenes Hemd spannt über dem Wanst, wenn er sich auf dem gemartert knarzendem Schulstuhl zurücklehnt und die Knöcheln der hinter dem Stiernacken verschränkten Hände knacken lässt, während man wählt. Ich hasse das. Wenn man zur Urne geht, versucht er einen mit hinter den Glasbaustein-Brillengläsern leicht schielenden Augen zu fixieren und keckert einem schmissig ein „na, hoffentlich hammse datt richtige angekreuzt“ entgegen. Deshalb mache ich nun bereits zum dritten Mal in Folge lieber Briefwahl.

Wen soll man da bloß wieder in die EU schicken? Der Wahl-O-Mat spie bei mir an erster Stelle Martin Sonneborns Jux-Verein „Die PARTEI“ aus. Ich stieß mich dieses Mal aber an den Nachnamen der Listenkandidaten – außer Sonneborn und dem Depri-Comedian Nico Semsrott, begrüßten mich auf dem Wahlzettel Leute namens Bombe, Krieg, Göbbels, Speer, Bormann, Eichmann, Keitel und Heß – nicht weil ich so ein zartbesaiteter Gutmensch wäre, sondern weil wir über solche dümmlichen Kriegs-Nazi-Scherzchen schon als 15-jährige Pennäler gelacht haben. Was für ein abgestandener Witz – aber es muss ein immenser Aufwand gewesen zu sein, diese Kandidatenschar entsprechend zusammenzucasten… 😉 Auf Platz zwei empfahl mir der „Wahl-O-Mat“ die CDU. Nö. Ich halte mich ja für „mitte-radikal“ – aber der Mainstream-Merkelverein geht gar nicht. Aus Prinzip schon nicht. Was also ankreuzen? Schwierige Entscheidung. Am Ende wurde es wieder keine der großen Parteien. Im Großen und Ganzen hätte ich meine Stimme gleich wegschmeißen können. „Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten“ – meint dazu ein Kurt Tucholsky zugeschriebenes Zitat (das aber höchstwahrscheinlich doch nicht von ihm ist).

14 Tage WordPress-Schweigen – was war nach Ostern noch so alles los? Ich hatte allerhand um die Ohren, deshalb die Bloggingpause. Übers letzte Wochenende hatte ich auch noch meinen Berliner Kumpel Rudi, den esoterischen Verschwörungstheoretiker, hier zu Besuch. Auf einer 16-km-Wanderung entlang eines Seeufers (Foto davon im Header dieses Beitrags), wollte er wieder weiter ausholen, um mir seine neuesten streng geheimen („ich hoffe nun aber doch sehr, dass du jetzt dein Handy komplett ausgeschaltet hast“) Channeling-Erkenntnisse aus den Tiefen des Internets vorzutragen. Bei unserer letzten ähnlichen Tour im letzten Jahr, hatte er mir (wie in diesem Blogbeitrag beschrieben) konspirativ raunend die Existenz von feindlichen (also mit dem Vatikan kooperierenden) „Insektoiden“-Aliens offenbart, die unverkennbar noch deutlich fieser als die mir bereits aus älteren Erzählungen vertrauten „Echsenmenschen“ wären. Dieses Mal kam eine weitere Weltall-Mischpoke hinzu: Die Arkturianer – „Hüter und Beschützer der Erde“! Doch zu ausgiebigeren (und deshalb vermutlich stundenlangen!) Schilderungen über diese kosmischen Knilche kam es nicht, weil ich die ganze Debatte (die wohl eher ein Monolog geworden wäre) diesmal ins Lächerliche abbiegen konnte: Rudi hatte den Fehler begangen, zuvor von einer anderen, den Erdlingen angeblich sehr gewogenen, Spezies zu sprechen, den weißblonden, blauäugigen Plejadiern. Diese unverkennbar nach dem Arier-Idealbild der Nazis geschnitzten Phantome habe ich ja besonders gefressen! Viel zu menschenähnlich – als halbwegs schulwissenschaftlich geprägter Rezipient erwarte ich eher was Amöboides mit Tentakeln oder wenigstens lindgrüne Raumfahrer mit fünf Beinen und drei Facettenaugen. Rudi schwärmte wieder von der erhabenen, überirdischen Schönheit der hochgewachsenen, platinblonden Plejadierinnen. Ich fragte ihn umgehend, ob die auch weißblondes Mösenhaar besäßen, oder eher intimrasiert wären, bzw. von Natur aus unten blank… Nun war es rum: Die restliche Wanderung über lag eine Albernheit in der Luft, die es Rudi unmöglich machte, wieder die nötige Bedeutungsschwere anzunehmen, um mir etwas über die Geheimnisse der Arkturianer zu offenbaren… 😁

Dafür stießen wir in einem am Seeufer gelegenen Biker-Café, vor dem normalerweise immer ein paar Sonntagsfahrer-Ducatis und Altherren-Harleys parken, auf eine andere außerirdisch anmutende Spezies: Statt der Biker verirrte sich eine Gruppe von ortsansässigen Jugendlichen (zwei Mädels und vier Jungs, alle etwa 16 bis 20 Jahre alt) an den Nebentisch in der gemütlichen Holzhütte: Offenbar „Smartphone-Autisten-Stammtisch“, denn niemand sprach. Nur gesenkte Köpfe und beharrliches Schweigen. Das hätte es bei uns in jenem Alter nicht gegeben – wir hätten miteinander gelacht und lebhaft palavert! Den Jugendlichen war allesamt eine Statur zu eigen, wie sie damals allenfalls der eine „Klassen-Dicke“ aufgewiesen hätte, den es immer gab. Degeneriert, dümmlich glotzend und frühverfettet. Als Rudi und ich das Lokal verließen (in dem uns übrigens eine Kellnerin bedient hatte, die tatsächlich wie die „Osteuropaschlampen-Edition“ einer Plejadierin aussah), sagte ich am Tisch der Smartphone-Krüppel vorbeigehend recht laut zu ihm: „Schau mal! Hier sitzen die degenerierten Vollidioten, die irgendwann einmal unsere Rente erwirtschaften sollen…“ Die tumben Idioten schauten kaum von ihren Geräten auf, nur der eine besonders Dicke glotzte kurz hoch wie Zuchtvieh, das irrtümlich gegen die Stallmauer geprallt ist. Vielleicht kannten sie die Vokabel „degeneriert“ nicht – möglicherweise mussten sie sogar „Vollidioten“ googeln. Hätte mich nicht sehr gewundert… 🧐

0253 HausEine andere Tour führte uns ausflugstechnisch recht weit nach Osten: Irre, wenn man hier eine Stunde lang ostwärts fährt, kommt man in eine völlig Kuffnucken-freie Zone! Kleine malerische Städtchen, in denen die Indigenen noch über 90% des Straßenbildes ausmachen und keinesfalls lediglich knapp die Hälfte, wie es in den hier direkt umliegenden Städten der Fall ist… Es gab da nette kleine Lädchen, etwa ein kleines, aber gediegen wirkendes Kaffee-und-Tee-Spezialitätengeschäft, in dem eine sehr freundlich-kompetente Omi bediente – uralt und runzelig aber mit feschem Seitenpferdeschwanz. Solche gemütlichen Läden haben wir hier nicht. Hier gibt es 1€-Shops, Billighandy-Läden, Nagelstudios und Dönerbuden. Wenn nicht die modernen Autos gewesen wären, hätte ich gedacht, mich hätte es dort auf eine Zeitreise in Kindheitstage verschlagen. Trutschige Cafés in denen „Herrentorte“ serviert wurde, Fachwerkhäuser, Blumenampeln und am Ortseingang die Tafeln mit den Gottesdienstzeiten… Sicherlich kann man da nach Einbruch der Dunkelheit noch durch die Nebengassen bummeln, ohne zwei Maschinenpistolen dabeihaben zu müssen… 😉 Nostalgisch nett.

0255 BauDie letzten Tage nutzte ich übrigens wieder für ein weiteres Bauprojekt im Garten: „Kröt“ bekommt auf Philomenas Betreiben hin (ihr zweiter Vorname ist bekanntlich „Tierwohl“) einen eingefriedeten Weidegrund: Ein zweites, sehr großes Außengehege, in dem er sich gelegentlich an wildwachsenden Futterpflanzen sattfressen darf. Hauptsächlich wird unser Griechisches Landschildkröten-Männchen aber weiterhin in seinem alten Bereich wohnen, damit sich das Schlaraffenland immer wieder regenerieren kann. Philomena hat als Umrandung ein besonderes Holz bestellt – „Yellow Balau“ (Shorea laevis), das zu den verrottungsresistentesten und langlebigsten Hölzern der Welt gehört. Angeblich kann man es unbehandelt direkt in der Erde eingraben und es vergammelt dort erst nach mehreren Jahrzehnten. Meine materialkundlich recht bewanderte Ex Giulia hatte mir schon vor etlichen Jahren von diesem besonderen Holz erzählt, aus dem sie in Indien äußerst hochwertige Outdoor-Möbel fertigen, die unbehandelt sehr viel witterungsbeständiger als Teakholz sind… Noch ein oder zwei lange, regenfreie und nicht zu kalte Nachmittage, dann bin ich fertig mit dem neuesten Garten-Bauwerk:

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Bis bald – hypermentale Grüße an meine Leser und mittlerweile 66 Abonnenten!

18 Gedanken zu “Der Mai ist gekommen – auch Rudi zu Besuch, Zeit wieder etwas für die Schildkröte zu bauen und die Europawahl

  1. Seit sie in der CH-Briefwahl/-abstimmung eingeführt haben, mache ich das nur noch so – ich bin sowieso nie wach oder im Ort, wenn die Wahllokale offen haben.

    Hier hats gestern gegen Abend auch zu schneien begonnen und ich habe des Pressechefs Balkonblumen brav abgedeckt.

    Ich würde Rudi so gerne einmal zuhören – hast du aber geschickt abgelenkt dieses Mal *GG*

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  2. Niederbringen – damit ist mir einmal mehr ein befreiender Lacher rausgeplatzt! Erinnert mich sehr an die zahlreichen Niederkünfte (14) des liebevoll genannten „Fiekchens“ von König Friedrich Wilhelm I.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_I._(Preu%C3%9Fen)

    Ja ja, der Rudi, echt ein Hardcore-Eso, eigentlich unmöglich, mich mit dem zu verwechseln. Ich fürchte allerdings, das unterläuft Dir trotzdem bisweilen. 😉

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