Ich rolle daran vorbei ⏩

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Morgen kommt vermutlich (wenn nicht noch wegen schlechtem Wetter abgesagt werden sollte) endlich ⚡„Electroman“⚡ – von Philomena und mir sehnsuchtsvoll seit September erwartet. Obwohl – nicht nur „sehnsuchtsvoll“, sondern zu einem gewissen Anteil auch „gefürchtet“, weil er uns laut Kostenvoranschlag aus dem letzten Jahr 1800 Kröten abknöpfen will.

0208 Batman und RobinKröten für unsere Kröte sozusagen. Denn „Electroman“ und sein Helfer Robin (der vermutlich anders heißen wird) werden die unterirdischen Kabel zur Elektrifizierung des Gartenhäuschens und des Schildkrötenhauses verlegen. Auf Handwerker muss man heutzutage länger warten, als auf eine Papstaudienz.

Weil „Electroman“ morgen anrücken wird, stehe ich seit ein paar Tagen jeweils eine Dreiviertelstunde früher auf. Sonst kriege ich ‘nen Jetlag. Man wird langsam alt, denn im Gegensatz zu früher, hänge ich vollkommen entkräftet in den Seilen, wenn ich mal vier oder fünf Stunden früher raus muss, als sonst, und die Nacht dann entsprechend kürzer ist, weil ich stundenlang nicht einschlafen kann wenn ich mich demgemäß eher hinlege. Also schleiche ich mich auf den Termin hin quasi an. In Dreiviertelstunden-Schritten. Scheint bisher auch zu klappen. „Electroman“ wird wohl mindestens einen ganzen Tag lang brauchen, deshalb konnte ich auch keinen späteren Termin aushandeln, der meine üblichen Tagesabläufe berücksichtigt hätte.

Ansonsten hier alles ruhig, alles fein. Leicht apathisch überpudert. Klar wurmt es einen, wenn man mal 1800 Euro abdrücken muss, die man eigentlich nicht hat. Ob „Electroman“ uns so lange hingehalten hat, weil er ‘ne Schufa-Auskunft angefordert hatte? Aber sind das echte „Härten“? Wohl kaum. Eigentlich geht’s einem doch verdammt gut, wenn man nicht ständig nach oben guckt, zu den goldenen Adlern, die da oben kreisen, sondern auch mal runter in den Sumpf. Ich sehe diese graugesichtigen Gestalten immer beim Einkaufen. Arme Omis, die sich das billigste Brot und ein Päckchen Margarine in den Einkaufskorb legen, während ich mit prall gefülltem Einkaufswagen an ihnen vorbei rausche; Weizengras- & Hanfproteinpulver, Para- & Pekannüsse, Pastrami & Bündnerfleisch, Forellenkaviar, fünf Sorten Brotaufstrich an Bord…

Wenn ich bei „real“ eingekauft habe, komme ich auf der Rückfahrt je nach Fahrtroute manchmal am wahrlich elenden Straßenstrich von „Graustadt“ vorbei. Sitze drinnen auf den ochsenblutfarbenen, von einer Sitzheizung angenehm temperierten, Ledersitzen und sehe die kaputten 20-Euro-Huren draußen frierend in der Kälte stehen. Rolle daran vorbei. Auch am Holzkreuz, neben dem manchmal ein Grablicht brennt. Es steht da, seitdem eines der Mädels hinter eine Lagerhalle gezerrt und dort abgestochen worden ist. ⏩ Ich rolle daran vorbei.

Ebenso rolle ich oft an einem kleinen Park vorbei, der mitten in der Innenstadt von mehreren Hauptverkehrsstraßen gesäumt wird. Er liegt in einer landschaftlichen Senke, so dass man ziemlich gut hinein und den ganzen Park auf einmal sehen kann. Dort sitzen sie auf den Bänken und drücken Heroin. An einer anderen Stelle stehen manchmal fast hundert Mann (und einige Frauen) und saufen kollektiv. Schon mehrfach kam es vor, dass einer von ihnen morgens mit dem Gesicht nach unten im zentralen Tümpel des kleinen Parks trieb, über dem immer ein paar kreischenden Möwen kreisen. Mit dem Auto umrundet man den Park und kann immer ein bisschen runter starren. ⏩ Ich rolle daran vorbei.

Am Arsch vorbei. Ich sitze mit meinem Daunenmantel von „BOSS“ in der schwarzen Limousine und draußen sitzen streitende Teenagerpärchen frierend im Bushaltestellenhäuschen mit den eingeschlagenen Glasscheiben. Blutjunge, aber bereits unsäglich fette Unterschichtenkühe mit stumpfsinnig-leeren Gesichtern, denen der nebenstehende hagere afghanische Bursche mit der über der Nase zusammengewachsenen Augenbraue den Braten in die Röhre gespritzt hat. Neben dem Bushaltehäuschen flattert Plastikmüll in einer stacheligen Berberitze. ⏩ Ich rolle daran vorbei.

Gut, die Kohle reicht meistens nicht ganz für den gewohnten Lebensstil aus. Gut, ich kann mir nur noch alle paar Jahre mal eine Urlaubsreise leisten. Gut, die guten Zigarren fehlen immer öfters im Humidor – aber ich hab noch Stumpen! …und ich kann daran vorbeirollen! ⏭ Autotür zu. Garagentor zu. Haustür zu. Weltfrieden innerhalb der eigenen vier Wände. ⏸ Glückliches Exil.

8 Gedanken zu “Ich rolle daran vorbei ⏩

  1. Gerade aufgewacht. 12 Stunden geschlafen wie Stein. Kaffee. Muss dann zur Post, Mir geht auch alles am Arsch vorbei. Messiahsez hat mich neulich „Sensei“ genannt, weil ich ihm bei Instagram gepostet habe, ich bin nie gestresst. Nie. Die Sonne ist eine eingeäscherte Möse.

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