Ich nehm’s ihm schon bisschen übel

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0207 LeitungGestern schlug Sturmtief „Eberhard“ den Agenturmeldungen nach ziemlich hart zu. Hier hielt sich der Schaden in Grenzen. Am Haus „Zweieichen“ steht nun ein Schornstein (korrekter bezeichnet eher lediglich eine Art Entlüftungsrohr aus Plastik) schief – ich denke, das muss aber nicht einmal kurzfristig repariert werden und wird schon irgendwie halten – und in der Landschaft ein paar Telegrafenmasten. Ich war sogar während des Sturms draußen unterwegs. Im Wald sah ich einen größeren, bereits morschen Baum umkippen. Mit Rückenwind kam ich aus dem Gehen automatisch ins Laufen und gegen den Wind wurde ich 2 km/h langsam… 😉

Abends rief mein alter Kumpel Rudi hier an. Normalerweise telefonieren wir dann eine Stunde lang, während ich im Garten umherlaufend eine möglichst gute Zigarre rauche, um dabei das Gefühl zu haben dennoch irgendetwas Sinnvolles zu tun. Diese Mal würgte ich ihn aber bereits nach einer Viertelstunde ab – es war schlichtweg nicht auszuhalten! 🤯 Wahrscheinlich hatte ich den Fehler begangen, mich nach den letzten zwei, drei Telefonaten in falscher Sicherheit zu wiegen, weil wir in diesen durchaus interessante, kurzweilige Themen anschnitten. Aber gestern war er wieder voll in seinem Element: Der „Aufstieg der Menschheit“ steht jetzt wirklich absolut kurzfristig bevor! Er verkündete mir „die einschneidendsten Veränderungen der letzten 10.000 Jahre“ und versprach mir „du wirst noch nie dermaßen überwältigende Veränderungen erlebt haben!“ Mitte März ist es laut seiner Internet-Quellen endlich soweit. Nach gefühlten 27.000 Fehlankündigungen, ist sich Rudi nun hundertprozentig sicher. Die galaktische Zentralsonne wird uns mit einer gewaltigen Liebesenergiewellenexplosion überrollen und sämtliche Echsenmenschen, Politiker und Finanzjuden hinwegfegen… Ich kannte vor Jahren mal einen Halb-Amerikaner, der mir am Telefon schon mal ähnliche Dinge berichtete – dann war er allerdings sturzbesoffen und zusätzlich auf Koks unterwegs… Mein alter Freund Rudi ist im Gegensatz zu diesem aber auch stocknüchtern seit Jahren felsenfest davon überzeugt, als einer der ganzen wenigen Auserwählten einen Einblick in die „absolute Wahrheit“ hinter den Dingen zu besitzen…

Wenn Rudi vor quasi-religiöser, mit Sendungsbewusstsein gepaarten Verzückung fast einer abgeht, und er auch  nach zehn Minuten keine brauchbaren Alternativthematiken einflicht, beginne ich damit, ihm solche Anrufe übel zu nehmen. Ich sagte ihm, dass ich früher als sonst schlafen gehen müsste und legte auf. Ich bin dann richtig wütend. Weil ich es ihm übel nehme! Er war (und ist es im Grunde genommen eigentlich irgendwie auch noch) jahrzehntelang mein bester Kumpel – ein intelligenter, präzise denkender Typ. Der Mann ist studierter Naturwissenschaftler! Wo ist seine Fähigkeit zur kritischen Analyse, zur Bewertung der Seriosität von Quellen, zur gezielten, methodischen Recherche hin? Wenn ich mir mal Rudis von plejadischen Blondinen-Aliens gechannelte Internet-Weisheiten anschaue, stoße ich auf Webseiten, die aussehen wie eine Blümchentapeten-Version von QVC gemischt mit irgendwelcher poesiealbumbebilderten Sekten-Scheiße à la Zeugen Jehovas. Nach 0,5 Sekunden weiß ich (ohne dazu auch nur eine Zeile des Inhalts gelesen haben zu müssen) instinktiv: „Bullshit!“

Ich nehme ihm seine Weltanschauung wirklich übel. Wieso muss das ausgerechnet mein bester Kumpel sein, der immer schneller am Rad dreht? Einer der ganz wenigen noch verbliebenen alten Freunde? Wenn irgendwelche Halbidioten auf der äußersten Zwiebelschale, etwa Claude oder Carlos, sich damit beschäftigten, wäre mir das vollkommen Latte. Die meisten Menschen sind leichtgläubig und verfügen über keinerlei geschärfte Sinne mehr, geschweige denn über einen geschärften Verstand… Aber Rudi könnte von der Substanz her eigentlich anders, wenn er nur wollte! Aber wahrscheinlich kann er nichts dafür – ich glaube bei ihm hat sich über die Jahre lediglich eine psychische Problematik zu einer anderen hin verschoben: Inzwischen ist seine Sozialphobie längst nicht mehr so stark ausgeprägt, wie noch vor zehn oder zwölf Jahren – dafür breitet sich nun allmählich eine Art Psychose aus, religiöser Wahn im esoterisch-verschwörungstheoretischen Mäntelchen… Rudi ist zwar wieder einem Restaurantbesuch gewachsen, dafür hört er nun die UFOs am Himmel piepen. 🛸👽🎵 Beim nächsten Anruf ist vermutlich auch das Wetter wieder besser – dann kann ich draußen eine Zigarre rauchen… 😉

Erschüttert bin ich im Übrigen auch immer wieder davon – wie wenig mich Rudi eigentlich kennt. Eine Eigenschaft, die er mit vielen Leuten teilt, die vorwiegend um sich selbst kreisen. Er ist nicht nur davon überzeugt, dass ich noch so ähnlich drauf sei, wie vor fünfundzwanzig Jahren, sondern auch davon, dass wir uns extrem ähnlich wären – „im gleichen Boot säßen“, wie er es immer formuliert. Lange Zeit war er mit seiner Sozialphobie ausgelastet – traute sich daher auch nicht auf irgendwelche Partys, Kunstevents, etc., die ich zwischenzeitlich veranstaltete, und sah somit auch nicht, dass ich inzwischen zu allerlei anderen, extrovertiert-selbstbewussten Dingen fähig war – später war Rudi dann verblendet vom UFO-Wahn, der „Neuen Weltordnung“ und der „Khasarischen Mafia“. Er sieht in mir wohl immer noch, durch irgendeine sehr stark gefärbte Brille, den eher schüchternen, introvertiert-uncoolen Studienanfänger, wie er selber mal einer war. Er interessiert sich nicht die Bohne, was ich beruflich mache – welche Leute ich kenne – was ich für Interessen habe und für Handlungsmotive… Beste Voraussetzungen unter „besten Freunden“, nicht? Dabei ist ihm Freundschaft wichtig und heilig – er ist davon besessen wie ein zwölfjähriger Junge, der mit seinem „besten Freund“ zum ersten Mal im Elterngarten zelten darf. Wenn ich irgendetwas Apartes tat (mir etwa mit 25 Jahren einen BMW kaufen, oder mich mit Giulia verloben), hatte er stets um unsere Freundschaft Angst. Dass ich nun irgendwie „anders“ sein könnte und auf Distanz zu ihm ginge… Aber er gemeindete mich dann immer wieder schnell ins „gemeinsame Boot“ ein – einem ersichtlich recht dehnbarem Begriff. Vermutlich ein Gummiboot. 😉

Irgendwo in der Tiefe bin ich allerdings – insofern hat Rudi zu einem Quäntchen eventuell doch Recht mit seiner Sichtweise – immer noch der Alte. Nur die Oberflächen variieren. Mal schmilzt irgendwo etwas ab, dann kommt wieder andernorts was hinzu. Sehr viele Facetten – teils maßgeschneidert für einen Kanon diverser „Gegenübers“. Ich bin da durchaus „geschmeidig“, oder positiver formuliert „flexibel“. Situative Oberflächenmodulation. Intelligente Menschen sind dazu fähig. Klar, irgendeine Brunztrulla, die Butter in Regale einsortiert, ist dazu nicht in der Lage… Aber intelligente Menschen ohne allzu viele Facetten sind doch so oder so langweilig, nicht? [Bei meinen Lesern brauche ich mir solche Allüren, wie diese, die hier wieder zwischen den Zeilen herausplätschert, hoffentlich nicht zu verkneifen – die Tatsache, dass Ihr Blogs lest oder betreibt, erhebt Euch bereits hinreichend aus der Masse. 🙂] Manchmal arbeitet man auch mit Facetten, oder passt sich damit an die jeweilige Umgebung an. Ich bin da ein bisschen „Chamäleon“ – nicht ohne Grund sehe ich auf 5 Fotos aus, wie 10 verschiedene Menschen (fragt dazu mal Milou… 😉). Wenn ich in Berlin Rudi besuche, oder mich in Kreuzberg mit Inorbit treffe, dann ziehe ich dazu oftmals den gleichen alten, abgewetzten Anorak an, den ich hier auch abends beim Laufen auf den Güllewegen trage, oder wenn ich was im Baumarkt kaufen fahre, das womöglich abfärbt. Es gibt in Berlin so siffige Ecken, wo sich unterschwellig eine Note von Pisse, Blut und Wichse in den ansonsten stadttypischen Geruch aus Zementstaub, Streetfood und Abgasen zu mischen scheint – da ziehe ich lieber eine alte Jacke an, falls irgendwo etwas kleckern sollte. Außerdem kommt man in solch einem Outfit auch morgens um halb vier unbehelligt zu Fuß durch Neukölln. Sollte ich mal beruflich in der Hauptstadt zu tun haben – etwa mit einem Kunden in Dahlem oder Grunewald – greife ich hingegen zum dreiteiligen Anzug und lasse mir vorher vom Friseur die Haare auf halbe Länge stutzen. Aber „ob barfuß oder Lackschuh“ – der innere Kern ist bei mir immer gleich. Eine große Eisenkugel unter der variablen Oberfläche, die im Feuer meiner Kindheit und Jugend gehärtet wurde. Hart genug, dass ich mich glücklicherweise bis heute niemals in psychologische oder psychiatrische Behandlung begeben musste. Manche Normalo-Leute rennen ja bereits wegen Lappalien hin. Mit der Stahlkugel brauche ich das nicht und überlasse die raren Plätze dort lieber jenen, die wirklich Bedarf haben. Es gibt schon genug Wattestäbchenknicker mit seichten Befindlichkeitsstörungen, die denen die dringend benötigten Therapieplätze wegnehmen, da muss ich mich nicht auch noch einreihen, weil das gerade „chic“ zu sein scheint.

Das Chamäleon mit den freiflottierenden Facetten und der Fähigkeit andere zu spiegeln und dabei selbst weitestgehend unsichtbar zu bleiben bin ich eigentlich nur für Menschen außerhalb der Zwiebel (Kunden, Alltagskontakte) oder auf den äußeren Zwiebelschalen – wer mich ein Weilchen kennt, weiß eigentlich um die Eisenkugel und deren Metallurgie. Philomena beispielsweise hat dazu nur ein paar Wochen gebraucht. Insofern nehme ich es Rudi übel, wenn er nach einem Vierteljahrhundert immer noch nicht weiß, wer ich bin. Es nicht wissen will und mich auch nicht fragt. Natürlich könnte ich es ihm von mir aus erzählen. Aber dazu müsste ich seine UFO-Monologe unterbrechen und ihn über kurz oder lang massiv verärgern. Zwangsläufig volles Rohr auf sein Weltbild scheißen. Dann lieber Zigarre rauchend im Garten umhergehen. An guten Tagen belustigen mich die platinblonden Plejadierinnen und die mafiösen Khasaren sogar ein bisschen, dann höre ich mit einem Viertelohr zu und ziehe seltener an meiner nicaraguanischen Robusto. 😉

10 Gedanken zu “Ich nehm’s ihm schon bisschen übel

  1. Ich weiss gar nicht, was ich schreiben soll. Ich glaube ähnlichen „Stuss“ wie Rudi oder besser gesagt: Bevor mir nicht jemand das Gegenteil beweist, erachte ich sie zumindest als möglich (Echsenmenschen schliesse ich kategorisch aus und die Finanzjuden wurden dazu gemacht, sie durften ja kein Gewerbe ausüben und von irgendwas muss man ja leben, blöderweise für die Nicht-Juden, haben sie dabei auch noch ein ausgesprochen gutes Geschick an den Tag gelegt).

    Ich bin auch noch immer die Gleiche, obwohl ich The One 2.0 bin, die Person, die ich kreiert habe. Ich habe gewisse Defizite mit der Therapie aufgearbeitet und die Sicht auf die Dinge und die Welt ändert natürlich immer mal wieder. Schliesslich liest man und macht sich Gedanken.

    Irgendwie bin ich grad froh, dass ich keinen besten Freund habe – ich würds nicht ertragen.

    Sturm war hier nicht, oder ich habe ihn verpasst. Es ist 4 Grad und vorhin als ich vom Optiker zurück nach Hause fuhr, ging ein leichter Schneeregen los.

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  2. Die meisten Menschen sind leider oberflächlich und Rudi zu vernebelt von seinen eigenen kruden Phantasien, um sich tiefergehend auf seinen Freund einzulassen, so scheint es. Ich glaube, ich wäre auch enttäuscht von einem solchen Desinteresse an meiner Person, wenn ich doch ein „bester Freund“ sein soll.

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  3. Ich stelle mir gerade vor, wie Du und Rudi, zwei beste Freunde, in einem Boot – einem Gummiboot – die Welt umsegeln. Und dann über dem Atlantik – still ruht der See bzw. das Meer (keine Oberflächenmodulation) – tauchen am Himmel plötzlich UFOS auf. Wenn dir da man nicht die gute Zigarren aus dem Mund fällt (wobei in Gummibooten doch eigentlich striktes Rauchverbot herrscht)…

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    • Ich glaube ich würde angesichts der kreisenden UFOs freiwillig die Zigarre ins Bootgummi des Gummiboots drücken – lieber von Haien gefressen werden, als Rudi mehr als eine Viertelstunde lang die Genugtuung zu verschaffen, dass sein Weltbild doch stimmte… 😁

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  4. „Das Ufo-Phänomen ist real, und es lässt sich wissenschaftlich belegen. Unklar ist jedoch, woher die Ufos kommen, wer sie steuert und warum sie hier sind“, meint etwa Illobrand von Ludwiger, ein durchaus renommierter Physiker und Systemanalytiker, der zugleich Vorsitzender der Ufo-Forschungsvereinigung MUFON-CES ist.
    So ähnlich sahen es wohl auch die Regierungen vieler Länder, die eigens Ufo-Forschungsgruppen einrichteten oder zumindest systematisch die Beobachtungen sammeln ließen.
    Außerirdische Lebensformen müssen keinesfalls wie alle uns bisher bekannten Lebensformen auf Kohlenstoffbasis existieren. Es könnte sich vielmehr um Wesen mit unbegrenzter Lebensspanne oder extrem winzige, superintelligente Wesen handeln. Dazu wären sie womöglich in der Lage, Technologien zu entwickeln, die der menschliche Geist noch gar nicht erfassen kann, und wodurch interstellare Reisen möglich wären.

    SUMMA SUMMARUM IST ES EINE GLAUBENSANGELEGENHEIT SOLANGE ES KEINE BEWEISE PRO ODER CONTRA GIBT. ES HAT AUCH NOCH NIEMAND GOTT GESEHEN; UND DENNOCH ERLEBEN RELIGIONEN JEGLICHER COULEUR AUCH IN UNSERER ZEIT EINEN GROSSEN AUFSCHWUNG.

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