Friedhelm & Rotraut im GlĂŒck – immer mehr Deutsche auf Kreuzfahrt đŸ›ł

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Gestern sprang mir folgende Schlagzeile ins Auge: „Kreuzfahrten bei Deutschen so beliebt wie nie“. Im vergangenen Jahr kreuzten 2,26 Millionen deutsche Passagiere auf Hochseeschiffen durch die Weltgeschichte. Das wundert mich ĂŒberhaupt nicht. Passt bestens zur deutschen MentalitĂ€t: Sich gesellig-dauerbespaßt in einer möglichst artifiziellen Umgebung bewegungsarm vollfressen und das Ganze mit ein wenig Alibi-Kulturprogramm garnieren, in dessen Rahmen man rundumbetreut fremde Kulturen im abgesicherten Modus betrachten kann. So etwas lieben die Deutschen in Urlaub und Freizeit.

Ein anderer Boom-Sektor sind bekanntlich momentan die billigen Asia-Fress-Tempel, die in den deutschen StĂ€dten wie Pilze aus dem Boden schießen – „all you can eat“ am großen, (Deutschen-gerecht pseudo-)exotischen China-BĂŒfett. Ich gebe es offen zu, zu den Lieblingsrestaurants von mir und Mitch (wir gehen regelmĂ€ĂŸig alle 4 bis 8 Wochen gemeinsam essen) gehörte ĂŒber eine lĂ€ngere Zeit hinweg auch so ein BĂŒfett-Mongole. Aber zunehmend stieß mir das dortige Publikum sauer auf: Wankende FresssĂ€cke, die nur darauf lauerten, dass auf der Anrichte vermeintlich teurere Komponenten wie Shrimps & Beef frisch nachgelegt wurden, um sich diese dann zu enormen HĂ€ufen getĂŒrmt auf den vorgewĂ€rmten Teller zu schaufeln. Lange Zeit konnte ich mir nicht vorstellen, dass sich diese Art von Restaurants finanziell tragen, wenn man so beobachtete, was da weggeputzt wird – teils gingen die Leute, die optisch so wirkten, als ob dort gerade der lokale „Feeding“-Fetisch-Stammtisch tagte, zehn bis zwölf Mal zum BĂŒfett um sich den Teller vollzuschlagen. Aber die BetriebsgrĂ¶ĂŸe macht’s: Ab einem bestimmten Mindestverzehr scheinen die gewitzten Asiaten offenbar gĂŒnstig genug an Zutatennachschub fĂŒr die Völlerei-Orgien zu kommen – auf welchen ominösen KanĂ€len auch immer. Deshalb wurden diese Fress-Tempel in den letzten Jahren auch stetig grĂ¶ĂŸer und grĂ¶ĂŸer – neue Riesenrestaurants verdrĂ€ngten in „Graustadt“ immer mal wieder kleinere und Ă€ltere. DemnĂ€chst macht ein geschĂ€ftstĂŒchtiger Chinese dort eine Billigfleisch-DruckbetankungsstĂ€tte mit sagenhaften 500 PlĂ€tzen auf! So etwas scheint also zu laufen. Billig und reichhaltig Fressen geht immer. Mitch und ich sind inzwischen etwas pikiert von solcherlei Massenspeisungs-Gastronomie abgekommen – nicht nur weil uns die Herkunft und QualitĂ€t der Zutaten mit der Zeit immer dubiöser erschien, sondern vor allem, weil das Auge mitisst. Von sabbermĂ€ulig umherirrenden Fettgebirgen am BĂŒfett bedrĂ€ngt und fast zerquetscht zu werden, löste mitunter ĂŒbelste Klaustrophobie-Attacken aus. Leute, die im Winter kurze Hosen tragen, weil die Hosenbeine nicht mehr ĂŒber die Waden passen. An den umliegenden Tischen saßen auf StĂŒhlen, die alle paar Jahre gegen solche mit grĂ¶ĂŸerer TragfĂ€higkeit ausgetauscht werden mussten, 200-Kilo-„Menschen“, die im Akkord den gebratenen Tellerinhalt in sich hineinschlangen. Durch wulstlippige Fresslöcher, hinter Doppel- bis FĂŒnffachkinnen entlang, in rĂŒhrkĂŒbelgroße MĂ€gen hinunter. Da konnte einem, selbst als eher hartgesottenem Zuschauer, schon der eigene Appetit vergehen
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ZurĂŒck an Bord der Musikdampfer! Ich glaubte bislang irrtĂŒmlicherweise, dass diese hochhaushohen Riesenpötte vorwiegend von greisen Mumien bevölkert wurden, die einfach nur ihre Seniorenheim-Bespaßung fĂŒr die Reisedauer gegen das bordeigene Animationsprogramm eintauschten. Nun, mit dieser EinschĂ€tzung liegt man zunehmend falsch. Der Artikel zu diesem Thema verriet, dass inzwischen auch sehr viele Menschen im noch erwerbsfĂ€higen Alter an Bord sind und selbst der Anteil der 29- bis 40-jĂ€hrigen Passagiere sich von unten der 10%-Marke nĂ€here. Mein alter Schulkamerad Claude, zu dem seit ein paar Wochen wieder sporadischer Kontakt besteht (schaut, ich habe ihn neu in meine WordPress-Seite „Orte und Personen“ aufgenommen), war in puncto Alter demnach ein verfrĂŒhter Trendsetter, als er in den 90er Jahren als Jungspund regelmĂ€ĂŸig an Bord der mondĂ€nen „Queen Elizabeth 2“ durch die Weltmeere kreuzte, die heute als Hotelschiff in Dubai ihrer alten Tage fristet. Claude liebte schon immer möglichst artifizielle (un- bis widernatĂŒrliche) LokalitĂ€ten wie Luxus-Shoppingmalls, VergnĂŒgungsparks und Musical-Theater. Er heiratete konsequenterweise auch in Las Vegas. Bonbonbunter Glitter war schon als OberstufenschĂŒler sein Ding.

Deutsche Touristen sind borniert und kritisch – sie schĂ€tzen keinen allzu direkten Kontakt zu fremdlĂ€ndischen RealitĂ€ten und verklagen gerne den Reiseveranstalter, wenn sie in auslĂ€ndischen Hotels auf ein paar Haare oder Fusseln stoßen. Am besten bleibt man innerhalb der gewohnten Blase mit JĂ€gerschnitzel und SchĂŒtzenfest-Unterhaltung. Deshalb begeben sie sich auch so gerne auf die Musikdampfer, die – von einem diskreten Heer thailĂ€ndischer Putzsklaven blitzeblank geschrubbt – einen ĂŒberschaubaren Heile-Welt-Kosmos darstellen. Hier sind sie noch „Herr“, bzw. „Dame“ und dank Klimaanlagen und frischem Seewind schwitzt man auch nicht so schweinisch, wie in diesen touristischen Festlandsdrecklöchern der mediterranen bis karibischen Welt. Allenfalls stundenweise geht es bewacht, betreut und kuratiert an Land, wo man die Folklore der „edlen Wilden“ direkt vor die Kameralinse geschoben kriegt. Abgesicherter Modus – Ă€hnlich wie im Zoo hinter der dicken Glasscheibe. Danach zurĂŒck an Deck, weiterfressen


Asia-Fresstempel und Pauschalreise-Kreuzfahrten weisen etliche strukturelle Parallelen auf – „all inclusive“ wird man ĂŒbersĂ€ttigt. Kann sich schwelgend im Luxus einer gewissen Exotik wĂ€hnen. FrĂŒher waren Kreuzfahrten etwas fĂŒr ein gehobenes Publikum – mit den aktuell steigenden Passagierzahlen drĂ€ngt auch die Mittelschicht an Bord, die sich nun (vor narzisstischem Stolz platzend und alles fĂŒr Kinder und Kollegen fotografisch dokumentierend) fast wie die wirklich Reichen fĂŒhlen darf. Die bornierten Pauschaltouristen entern die schwimmenden VergnĂŒgungskĂ€sten. Die quengelnden Vielfraße. Alles muss sauber und durchorganisiert sein. Deutsch. Mit bunten Linien auf dem Fußboden, damit man sich nicht verlĂ€uft. Deutschsprachige Animation mit Schunkeln und ohne doppelten Boden. Exotik bis zum Maß, das man auch aus den heimischen Großfressanstalten kennt. Asiatisch geht noch – „aber bitte nicht zu „scharf“! Afrikanisch ginge bereits nicht mehr. Dann lieber JĂ€gerschnitzel mit Pommes und Kroketten. Oder Rotkraut fĂŒr Friedhelm und Rotraut.

2018 also 2,26 Millionen deutsche Passagiere auf Hochseekreuzfahrtschiffen (und zusĂ€tzlich noch 496.000 deutsche Urlauber auf Flusskreuzfahrt) unterwegs. Tendenz steigend. An Bord vergisst man solche lĂ€stigen Themen wie Umweltschutz und Dieselfahrverbote. Der ganz ĂŒberwiegende Teil der vielen Hundert Kreuzfahrtriesen, die weltweit umherschippern, wird mit billigem, extrem dreckig verbrennendem Schweröl befeuert. Auch die vermeintlich saubereren, modernen Schiffe, die mit Schiffsdiesel oder FlĂŒssiggas betrieben werden können, schalten – sobald sie aus den diesbezĂŒglich immer öfters reglementierten Hafenzonen und KĂŒstengebieten heraus sind – auf hoher See meisten wieder auf die kostensparende Schwerölfeuerung um: Dann kommen aus nur einem Schornstein so viele Schadstoffe, wie aus den Auspuffen von fast 5 Millionen Autos! Unter Umweltschutzaspekten stellt eine Kreuzfahrt also eine MaximalsĂŒnde dar. Hinzu kommt in vielen FĂ€llen noch, dass die Passagiere mit dem Flugzeug zur Kreuzfahrt anreisen
 Aber Hauptsache Schunkeln, Fressen und Animation fĂŒr den normalverblödeten Mittelklasse-Massengeschmack. Sich mal als Kosmopolit und Neureicher fĂŒhlen, solange es die Urlaubskasse hergibt. Frau MĂŒller und Herr Schmidt stoßen auf Landausflug auf federgeschmĂŒckte Tanzneger und die bunt ausgeleuchteten Ruinen von „Sankt Ichweißesnichtmehr“. Retortenfolklore, inszenierte Fotomotive und in Kinderarbeit produzierter Souvenir-Tinnef. Bevor der Schweiß durch die Ritzen zwischen den KörperwĂŒlsten zu rinnen beginnt, fahren einen die Golf-Carts, Maultier-Kutschen und Minibusse schnell wieder zurĂŒck zum Hafen, wo schon die blau-schwarze Rußwolke ĂŒber dem schwimmenden Las Vegas-Plattenbau drĂ€uend zur Weiterfahrt mahnt. Zeit zum Weiterfressen


Aber jeder wie er mag. Kreuzfahrten passen in diese Zeit der sorgenfreien, aseptischen Rundumbespaßung. Auf den Pötten braucht man nicht (selber) zu denken. Man kann endlich(!) in den diversen schicken Fummeln, die zuhause nur im Schrank verstauben, permanent Selfies knipsen und fĂŒhlt sich dabei wohl, weil an Bord alle mindestens genauso fett sind, wie man selbst. Man bekommt alles mundgerecht serviert. Man muss sich kaum bewegen. Konsumiert im Sitzen und auf der Pool-Liege. Erholung fĂŒr den gestressten Lohnsklavenwanst. Maximale Kontrast-Exotik zum tristen BĂŒroarbeitsplatz mit Bildschirm, Leberwurststulle und Zimmertanne, den man sonst das ganze Jahr ĂŒber vor Augen hat. Falls das Heimweh zuschlagen sollte, steht unten auch JĂ€gerschnitzel auf der Karte. Oben raus kommt schwarzer Rauch. FĂŒr die Wilden auf den Inseln fallen ein paar Dollar ab. „Alles roger in Kambodscha“
 Was will man mehr?

Jedes Jahr kommen 25 neue Kreuzfahrtriesen frisch aus den Werften. Die Branche boomt. Die globale Kreuzfahrtflotte erzeugt so viele Abgas-Schadstoffe wie 2,5 Milliarden Autos! Geile Sache
 Hauptsache die Frisur sitzt. Abends singt ein Helene Fischer-Double. Friedhelm und Rotraut im GlĂŒck.

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„Musikdampfer voraus! Achtung – Torpedo los!“

21 Gedanken zu “Friedhelm & Rotraut im GlĂŒck – immer mehr Deutsche auf Kreuzfahrt đŸ›ł

  1. Ich wollte jetzt wirklich nicht an den platzenden Mann bei Monthy Python erinnert werden *ARGH*

    Ich war noch nie auf Kreuzfahrt, könnte es mir jedoch so halbwegs vorstellen. Eine Arbeitskollegin war schon oft und die ist ĂŒber 10 Jahre jĂŒnger als ich. Ein Arbeitskollege etwas Ă€lter als ich hat hingegen erzĂ€hlt, dass ausser in der Kabine nirgendwo Ruhe war, die fanden das anstrengend – und DAS wĂŒrde mich wohl auch nerven. Gefallen wĂŒrde mir von A nach B zu kommen ohne mich anstrengen zu mĂŒssen, was ich dann an den Orten ansehen wĂŒrde, wĂ€re ja meine Sache. Man muss ja nicht mit der Masse rennen.

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  2. Im Prinzip wĂŒrde ich gerne eine Kreuzfahrt machen, so als Weltreise mit eigenem Butler ;-). Aber niemals auf so einer schwimmenden Kleinstadt.Vor zwanzig Jahren wollte ich eine Flußkreuzfahrt machen, eine etwas lĂ€ngere bis nach Rußland rein. War auch in diversen ReisebĂŒros und habe mir die entsprechenden Angebote erklĂ€ren lassen und bin jedesmal beim sogennanten „Bordprogramm“ wieder rĂŒckwĂ€rts raus aus den LĂ€den. Das hat mich echt enttĂ€uscht, ich wollte es ruhig und gemĂŒtlich, schippern, die Seele baumeln lassen. Aber das kann ich nicht mit Animation und Schlager.

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  3. Der HSE, wo ich mal gearbeitet habe, hat mal ein Schiff gebucht, sie haben mit Kunden einen „Kennenlern-Kreuzfahrt gemacht. Da war auch die Heilige des Shoppingsenders, BĂ€rbel Drexel zugegen. Die hat sich dann am Ende in ihrer Kabine eingeschlossen, weil sie diese Kunden nicht mehr ertragen hat.

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  4. Nun mal die Gegendarstelung: https://www.kreuzfahrtberater.de/tui-cruises-kreuzfahrten
    Wobei ich eines mal wieder nicht verstehe: Wieso ist der Kurs der TUI-Aktien in den letzten Tagen so abgestĂŒrzt, wenn doch Millionene von Menschen (Deutschen) so viel reisen, reisen, reisen?
    Vermutlich hatten die Investoren erwartet, dass noch mehr gereist wird. Schließlich erscheinen 2,26 Millionen Kreuzfahrer im Jahr bei mehr als einer Million MilionĂ€ren in Deutschland nicht allzu viel. Wo bleibt die Zweit- und Drittkreuzfahrt? Da ist wohl noch Luft nach oben.

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  5. Kreuzfahrten assoziiere ich mit reichen Rentnern 😁. FrĂŒher war es jedenfalls so. Aber in Zeiten von Aida Cruises hat sich das Publikum inzwischen doch etwas gewandelt. Ich kann mich nicht erinnern, vor 20 Jahren Hotelschiffe auf dem Rhein gesehen zu haben. Heute liegen immer mindestens zwei am Kölner Kai.

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    • Ja, ich habe Kreuzfahrten auch immer mit „reichen Rentnern“ assoziiert. Wobei das wohl doch nicht so ganz stimmen kann, denn ich erinnere mich noch, dass auch mal Miss B was von Kreuzfahrten erzĂ€hlte (das ist schon 25 Jahre her, und sie war damals Mitte dreißig), und sie erzĂ€hlte auch, dass sie gerne einen GelĂ€ndewagen hĂ€tte – heute sagt man dazu EssJuWie. Das alles hatten wir also schon mal und es scheint kein PhĂ€nomen des 21. Jahrhunderts zu sein.

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      • Ein „SUV“ muss nach der in Deutschland ĂŒblichen Verwendung dieses Begriffs nicht unbedingt ein „GelĂ€ndewagen“ sein – die meisten SUVs wĂŒrden im GelĂ€nde eine eher schlechte Figur machen.
        Wikipedia weiß dazu: „Sport Utility Vehicle, abgekĂŒrzt SUV, oder GelĂ€ndelimousinen sind Personenkraftwagen mit erhöhter Bodenfreiheit und einer selbsttragenden Karosserie, die an das Erscheinungsbild von GelĂ€ndewagen angelehnt sind. Der Fahrkomfort Ă€hnelt dem einer Limousine. Die GelĂ€ndetauglichkeit ist von Modell zu Modell sehr unterschiedlich, Allradantrieb ist zum Beispiel bei diversen Modellen gar nicht lieferbar. Dies begrĂŒndet sich aus dem Umstand, dass viele Fahrzeughalter ihre SUV ĂŒberwiegend oder ausschließlich im Straßenverkehr nutzen. Auch die Serienbereifung der meisten SUV ist fĂŒr ernsthaftes Fahren im GelĂ€nde kaum bis nicht geeignet.“ (mehr dazu – vor allem die genaue technische Abgrenzung von GelĂ€ndewagen zu SUVs – unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Sport_Utility_Vehicle)

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