Rosenmontagsfreuden: Jemand nannte mich „Scheiß-Penner“ und lieh mir sein Ohr…

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Niemand – ich betone es nochmals, wirklich niemandniemand der noch ganz bei Trost ist, fährt freiwillig an einem Rosenmontag ins Zentrum von „Graustadt“! Nun, Philomena und ich taten es heute dennoch.

Philomenas Neffe lebt mit seinen Eltern im Ausland und wird bald vier. Philomenas Schwester ist eine Persönlichkeit im Showbiz, die weltweit herumkommt, mal am Broadway oder in London auftritt, mal in L.A. weilt, mal selber Regie führt. Der kleine Knirps ist daher dreisprachig (im Kindergarten wird ihm noch eine vierte Sprache eingebimst) und in seinem kurzen Leben bereits öfters geflogen als Philomena und ich zusammengerechnet. Aktuell ist seine prominente Mutter durch eine gerade erst vorgestern arbeitsunfallbedingt abgerissene Achillessehne unfreiwillig und sehr schmerzhaft ans Haus gefesselt. Wahrscheinlich muss sie demnächst operiert werden. Philomena wird ihrem Neffen zum Geburtstag ein Paket schicken, deshalb wollte sie heute auch unbedingt in einen Spielzeugladen – trotz Rosenmontag.

Wir hatten recht widersprüchliche Informationen zum Öffnungsverhalten der Graustädter Geschäfte an diesem närrischen Tag und fuhren deshalb wider besseren Wissens dort hin, weil es da einen großen Traditions-Spielwarenladen gibt, in dem schon vor etlichen Jahrzehnten meine Spielsachen gekauft wurden. Der Randbereich des Innenstadtkerns war schwächer besucht, als an sonstigen Tagen. Offenbar wussten Andere besser Bescheid als wir, die wir dann natürlich auch vor geschlossenen Toren des Kinderparadieses standen. Ab Mittag war nur noch einige Geschäfte geöffnet, vorwiegend jene, die zu größeren Ketten gehörten.

Wir gingen tiefer in den Stadtkern, durch den ein eisiger Wind pfiff. Vereinzelt standen Narren vor Eckkneipen. Dicke, rotgesichtige Kleinbürger, die sich oft als irgendetwas Undefinierbares kostümiert hatten und deren karnevalistische Lustigkeit allenfalls darin bestand, dass sie ein bisschen trantütig zu den aus den Kneipen schallenden oder von irgendwelchen Wurstbuden ausgehenden Fremdschäm-Schlagern mitwippten. Heute sind wir mal anders als sonst, heute sind wir lustig. Wir ziehen zwar eine Fresse wie eine Bulldogge, die ihren Kauknochen mit einer Limette verwechselt hat, aber wir sind lustig. Sieht man schon am lustigen Tomatenrot, das wir uns angesoffen haben.

Durch die Kachelfassaden-Fußgängerzone zog es wie Hechtsuppe. Vor uns ging eine ältliche Kostümierte als rotes Teufelchen in einem gartenzeltgroßen Plüschsack. Ein osteuropäischer Quetschkommoden-Opa spielte im überdachten Eingangsbereich eines geschlossenen Schuhgeschäftes Frank Sinatras „My Way“ – das Teufelchen kannte offenbar die deutsche Version von Günter Pfitzmann aus den 80er Jahren, denn es plumpsackte seitwärts und sang lauthals „so war mein Leben“ über die letzte Refrainzeile, als es dem Opa ein paar Cent in den Hut schmiss.

Alle paar hundert Meter wurde es in der Stadt bedeutend voller, offenbar näherten wir uns dem Bereich, durch den der Rosenmontagszug führen würde. Gelangweilte, frierende oder trotz Alkohol dennoch irgendwie blass und starr wirkende Narren säumten den Weg und glotzen kollektiv auf die leere Straße. Offenbar war der Zug langsamer als die Kontinentalverschiebung unterwegs. Mir und Philomena war das recht – wir sind ausgemachte Karnevalsmuffel, meiden die Massenveranstaltungen des Pöbels und sind generell eher misanthropisch eingestellt – so zogen wir rasch weiter. Sicherlich hatte die große innerstädtische Shoppingmall trotz Karneval geöffnet. Philomena plante dort einen Toilettengang in hoffentlich hinreichendem Abstand zu anderen näher gelegeneren, aber dafür vermutlich bereits närrisch verpissten Klosetts.

Komisches Volk war auf den Straßen unterwegs. 🧐 Wo sich keine bunten Narren klumpten, sah man soweit das Auge reichte eine andere bundesdeutsche Buntheit – lauter schwarzhaarige Männer, die mit grimmigen Blicken herumlungerten. Kopftuchmuttis mit Kindern im Schlepptau sah man so gut wie gar nicht, die Läden waren ja auch bereits zu. Männeranteil dafür bei gefühlten 90%. Grüppchen in Hauseingängen, pomadige Clan-Visagen lugten aus Schaufensternischen, Spießrutenlaufen an Absperrgeländern vorbei, auf denen junge Araberpulks hockten. Alle blickten so, als ob sie auf eine günstige Gelegenheit warteten – für was auch immer… Und dann als maximaler Kontrast dazu diese urdeutschen Kartoffeln von völlig schmerzfreien Karnevals-Karikaturen! Ein schmerbäuchiger Knilch, Typ „gemobbter Bürohilfsarbeiter“ mit Oma-Brille und fantastischen Hängeschultern, watschelte völlig arglos in irgendetwas knielang Quergestreiftem verpresst an den testosterondampfenden Orient-Machos vorbei, als ob diese lediglich in einer phasenverschobenen Paralleldimension existierten. Was diese wohl über ihn dachten? Kein Wunder, dass die Deutschen inzwischen nur noch als Luschen, Lachnummern und Opfer angesehen werden. An Karnevals war das besonders deutlich. Dort Bushido-bärtige, muckibudengestählte Orient-Rambos in Rapper-Outfits oder taillierten Lederjacken – auf der anderen Seite eine deutsche Generalversammlung der Maladen und der Degenerierten, der Rollator-schiebenden Fettleibigkeit, des angesoffenen Siechtums mit nikotingelben Schnäuzern und Selbstdreherfingern, der kompressionsbestrumpften Wasser-in-den-Beinen-Sandalen und der Lidl-Tüten-Träger, allesamt zur Feier des Tages lustig schillernd kostümiert. Obwohl einige diese grellbunten Trainingsanzüge sicherlich auch außerhalb der „fünften Jahreszeit“ anhatten… Wir ließen das karnevalistisch-aufgehübschte urbane Prekariat und die dazu grotesk phasenverschobene Parallelwelt der lungernden und lurenden Gangster-Rap-Orientalen hinter uns und eilten raschen Schrittes in die Shoppingmall.

Dort verschwand Philomena auf Toilette und ich bleib in einem gut zweieinhalb Meter breiten Gang zurück, der zu diesen führte. An der Wand hingen ein paar interessante Bilder, die ich mir wartend anschauen wollte – offenbar stand ich dabei Leuten im Weg, die nicht Willens waren, mich zu passieren. Deshalb passierte es dann. Ob ich unterschwellig durch die schaurigen Eindrücke aus der Fußgängerzone und vom Busbahnhof bereits ein wenig geladen war? Normalerweise habe ich eine sehr lange Zündschnur und bin ein recht friedlicher und auch friedliebender Mensch. Wenn mir einer dumm kommt, schaue ich verdattert und gehe einen Schritt zur Seite. Gewalt ist kein Mittel für einen feingeistigen Kulturschnösel, wie ich einmal einer war. Inzwischen bin ich es wohl nicht mehr so ganz. Vielleicht liegt das an meinem zurückgezogenen Exilantenleben auf dem Lande. Ich bin nicht mehr so nachsichtig-sozial, wie früher. Habe vermutlich inzwischen jeglichen Respekt vor meinen Mitmenschen verloren und lasse diesen daher weniger durchgehen, als noch vor einigen Jahren zu einer Zeit, in der ich selber in einem engmaschig gewebtem, schnell getakteten Metropolen-Kosmos lebte und interagierte. Mich interessieren andere Menschen kaum noch – dafür stören sie mich erheblich früher und auch schneller, als einst. Ich bin nicht bereit, mich für irgendwelche Deppen zurückzunehmen – geschweige denn, mich von diesen selber zum Deppen machen zu lassen!

Was passierte dort also im Gang? Folgendes: Jemand rempelte mich deutlich von schräg hinten an und grummelte: „Eh du Lappen, steh nich dämlich im Weg rum!“ Ich wirbelte auf dem Absatz herum und sah einen dünnen, ziemlich großen Typen mit einem etwas verschwiemelten Allerweltsgesicht, der eine kleine, dicke Platinblonde im blassrosafarbenen Anorak hinter sich her zog. „Was haben sie für ein Problem?“, zischte ich ihn an. Er wurde lauter: „Geh aussem Weg du Scheiß-Penner!“ Hallo? Neben mir war fast zwei Meter breit Platz zum Vorbeigehen! Den „Penner“ ließ ich ihm ja noch durchgehen – mit meinen mittlerweile halblangen Haaren und dem wildwuchernden Vollbart sehe ich tatsächlich ein wenig unorthodox aus. Bereits ein Hauch des Leichtverkommenen… Jedoch, mit meiner braunen Büffellederjacke und der grünen Cordhose in Kombination dazu, hoffentlich auch ein bisschen seventies-mäßig cool. Aber explizit „Scheiß-Penner“? Und dann auch noch in diesem lauten Anschnauz-Tonfall? Ging ja mal so richtig gar nicht! 😠 Ich handelte impulsiv: Ohne langes Überlegen und auch nicht aktiv geplant, griff ich mit vorschnellendem Arm nach dem linken Ohr des Idioten und packte dieses so fest ich konnte. Wenn ich auf einem alten Damenfahrrad den Mount Everest heruntergeradelt wäre, hätte ich mich am Lenker ähnlich heftig festgekrallt. Sehr bestimmt, aber nicht ausfällig laut werdend, sagte ich ihm „Hör zu du Schwein – ich mach dich kaputt!“ direkt in seine Visage, bevor ich sein Ohr wieder losließ. Ich hatte übrigens bereits vor zwei Wochen vorgehabt, mir die Fingernägel zu schneiden und es dann bislang versäumt. Pech für ihn. Er wimmerte nun „aua, aua“ und hielt sich seine Ohrmuschel, während ihn seine blondierte Kugel hysterisch herumhüpfend und auf ihn einredend zum raschen Fortgehen aufforderte. Das Pärchen setzte seinen geplanten Weg zu den Toiletten jedenfalls nicht fort und strebte in die Tiefen des Einkaufszentrums davon. Kurzzeitig war mein Puls hochgeschnellt, danach legte sich das Adrenalin aber wieder und ich war danach für die restliche Zeit in Graustadt eher ziemlich tranig. Jedenfalls lasse ich mir offenbar nicht mehr so viel gefallen, wie noch vor ein paar Jahren. Das fand auch Philomena ganz gut, die inzwischen wieder vom Klo gekommen war, als ich ihr die unerfreuliche Begebenheit berichtete.

Auf dem Parkplatz am Auto angekommen, desinfizierte ich erst einmal die Ohren-Hand mit reichlich Sterillium Virugard. Wir fuhren dann raus in einen Vorort von „Graustadt“, in dem wir in einem großen „real“-Markt in der Spielzeugabteilung auch am späten Nachmittag des Rosenmontags noch ein paar schöne Geschenkchen für Philomenas Neffen fanden, bevor wir in unserer schwarzen Limousine wieder heimwärts rollten. Graustadt ist ein wahres „Shit-Hole“ voller asozialer Kaputtniks und Clan-Barbaren. An Rosenmontagen scheint auch noch die halbwegs vernünftige Restbevölkerung zwischen diesen beiden Polen zu fehlen, bzw. kostümiert direkt an der Umzugsschneise zu stehen und dort frierend der Dinge zu harren. In der andernorts recht leeren Stadt trieb sich heute wirklich nur noch Gelumpe und Gesindel herum. Nicht zu fassen! 

25 Gedanken zu “Rosenmontagsfreuden: Jemand nannte mich „Scheiß-Penner“ und lieh mir sein Ohr…

      • wo hast du das mit dem am ohr ziehen eigentlich her? wer hat dir das beigebracht oder vorgelebt?
        eigentlich hätte ich erwartet, dass du eine pumpgun unter der büffellederjacke versteckt trägst, sie herausholst und dem affen den kopf wegknallst, frei nach tarantino.
        du bist ein softie.

        Gefällt 2 Personen

        • Irgendeine merkwürdige Intuition – vielleicht wurde mein Hirn im Automatikmodus irgendwo in einer Deutsche-Krimiserien-der-80er-Jahre-, statt in der Tarantino-Schublade fündig… 😉

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  1. Hier hättest du Angst haben müssen, nach deinem „Angriff“ ein Messer im Bauch zu haben oder gleich in eine Schlägerei verwickelt zu werden 🙁. Ansonsten wieder einmal schön skizzierte Szenen 👍😁

    Gefällt 1 Person

    • Ja, Köln scheint diesbezüglich in den letzten Jahren noch erheblich krasser geworden zu sein, als ich es eigentlich in Erinnerung habe. Mein Kumpel Mitch chauffiert ja mitunter auch spätabends und nachts Züge durchs Rheinland und Ruhrgebiet. Er meinte neulich „wenn irgendetwas heftiges passiert, Polizei hinzugerufen werden muss, dann fast immer in Köln oder – aber erheblich seltener – in Dortmund“.

      Gefällt 1 Person

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