Scheiße schwimmt immer oben – Neues von Claude

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💩 Scheiße schwimmt definitiv immer oben. Absolut. Bestes Beispiel dafür ist neben Donald Trump dessen Westentaschenausführung: Claude. 💰💰💰 Einige Traditionsleser, die mich schon seit meiner Bloggingzeit auf der inzwischen eingestellten Plattform „myTagebuch“ begleiten, werden sich vermutlich noch daran erinnern, wer das war. Für die anderen hole ich zunächst einmal weiter aus, bevor ich aus aktuellem Anlass zu ein paar Neuigkeiten über diese besonders hässliche Fratze des Raubtierkapitalismus in seiner dümmlich-aufgeblasensten Form komme…

Claude war einst ein auffallend unbeliebtes, fettleibiges und auf begriffsstutzig-naive Weise dämliches Kind. Einer der beiden Außenseiter in seiner Schulklasse – der andere war mein alter Kumpel Mitch (der damals noch in meiner Parallelklasse war – unsere Freundschaft entstand eigentlich erst so richtig in der gymnasialen Oberstufe, vorher saß ich immer nur im Religionsunterricht neben Mitch), mit dem Claude damals, aus der gemeinsamen Rolle heraus, fast unabwendbar befreundet war. Zwei ungemochte Sonderlinge, die niemand in seiner Schulsportmannschaft haben wollte – Mitch phlegmatisch, klein und schmächtig, Claude tumb, groß und schmerbäuchig. Als Claude 14 oder 15 Jahre alt war, glaubte niemand daran, dass aus dem „mal irgendetwas werden“ könne. Aber Claude hatte schon damals eine absolut ausgeprägte Inselbegabung: Er war ein musikalisches Ausnahmetalent! Konnte ihm zuvor unbekannte Musikstücke, nach nur einmaligem Anhören, sofort beidhändig auf dem Klavier wiedergeben, und mehrere tausend Lieder, ohne Vorbereitung und zu jeder Tag- & Nachtzeit, fehlerfrei auswendig spielen. Vermutlich hatte er autistische Züge, denn neben dieser ungewöhnlichen Inselbegabung fiel des Weiteren auf, dass er sich auch später immer recht schwer damit tat, die Motive und Charakteristika anderer Menschen zu verstehen. Ihm war normales Verhalten völlig fremd. Aber als ausgesprochenem Egoisten waren ihm andere (solange er sie nicht geschickt für seine Zwecke verwenden konnte) eh vollkommen egal. Er konnte eiskalt über Leichen gehen und selbst vermeintliche Freunde als Bauernopfer über die Klinge springen lassen.

Aber bis dahin war es noch ein gewisser Weg. In der Oberstufe blühte Claude zunächst einmal erheblich auf: Er entwickelte nun gerissene, hinterhältig-verschlagene Züge, die ihn weniger „dümmlich“ wirken ließen, als in den Jahren zuvor. Die Inselbegabung wanderte vom Musikalischen aus – über die Zwischenstationen Musikunterricht und Musikinstrumentehandel – ins Ökonomische: Claude war nun plötzlich ein Finanz-Nerd, eine Art „Wirtschafts-Wunderkind“, wie man das damals nannte. Gab Anfang der 90er Jahre diesen jungen Bengel Lars Windhorst, der durfte Bundeskanzler Helmut Kohl im Rahmen von Wirtschaftsdelegationen auf Asien-Reisen begleiten und wurde in der Presse als eben solch ein „Wirtschafts-Wunderkind“ herumgereicht. Claude war auch so ein Jungkapitalist, hatte als 17-Jähriger schon mal 30.000 D-Mark in bar mit in der Schule, die er mir (un)heimlich (stolz) unter der Bank zeigte, gründete bis zum Abitur seine ersten drei GmbHs und kurz darauf die erste AG. Mit Anfang 20 war er dann endlich Millionär.

Aber er war unbeliebt. Jeder in der Schule hasste ihn, denn Claude war gleichermaßen feige und hinterhältig. Ein Kameradenschwein. Mogelte in der Abiturprüfung und versuchte es anderen in die Schuhe zu schieben, als er aufflog. Desweiteren war Claude aufgeblasen wie ein Heißluftballon. Ab der 12. Klasse kam er nur noch mit Designer-Anzug und Krawatte ins Gymnasium. Ein Wichtigtuer, ein Schaumschläger. Oftmals wirkte er darüber hinaus auch noch ziemlich tuntig, Claude Unsympath hörte Elton John und trug auch schon mal Strass-Steinchen am Revers seiner Anzüge. Ich hatte mit ihm anfangs nur durch den gemeinsamen Freund Mitch zu tun, und später vorwiegend deshalb, weil Claude immer interessante Reisen und Ausflüge zu organisieren wusste. Er war ein talentierter Tour-Guide und Hobbyreiseführer (später schrieb er übrigens auch einige Reiseführer).

Einmal waren wir gegen Ende unserer Schulzeit in den Ferien in England unterwegs und teilten uns ein Zimmer. Als ich aus dem Badezimmer kam, lag Claude rücklings auf dem geblümten Bett und wichste ausgiebig: Er hatte den kleinsten Schwanz, den ich für physiologisch überhaupt noch funktionsfähig hielt… Seitdem ich diese Ungeheuerlichkeit erblickte, war ich Claudes persönlicher Beichtvater. Ab jetzt hatte er unterschwellig Angst, dass ich tratschen würde. Deshalb tat er nun alles, um die „Freundschaft“ (die tatsächlich immer einseitig blieb, weil ich sie nur als „Bekanntschaft“ empfand) zu stärken. Zog mich auch über allerlei Persönliches ins Vertrauen. Seit jenem Geschehnis weiß ich, was die treibende Kraft hinter Claudes verrücktem, raketenhaft wirkendem Aufstieg, seinem Drängen nach Geld, Macht und Ansehen war – das winzige Dingelchen, bzw. die daraus resultierenden Komplexe! Deshalb wollte er wohl unbedingt Milliardär werden. Ein feister, stets etwas übergriffig nassforsch-tumb wirkender Typ mit manisch gehetzt erscheinendem Blick aus engstehenden, wässerig-blassen Augen, Weichkäse-Teint, Dreifachkinn und wippendem Trommelbauch, kriegt normalerweise keine halbwegs vorzeigbaren Frauen in die Kiste. Mit der entsprechenden Kohle schon. Zunächst reichte es für ein paar wenig wählerische Asiatinnen während seiner zahlreichen Urlaubsreisen – als er sich später Sportwagen und Luxuslimousinen leisten konnte, hüpften auch ein paar deutsche Mädels zu ihm in den Whirlpool. Als er sich Penthouse-Wohnungen und eine große Motoryacht zulegte, verirrten sich die ersten Top-Models und erfolgreichen Jungunternehmerinnen in seine Bettstatt.

Aber offenbar blieb immer die Angst vorm Versagen seines Pimmelchens bestehen – denn Claude war ein notorischer Wichser. Überall und ständig schlug er sich in die Büsche, um sich einen von der Palme zu wedeln – vermutlich musste er permanent überprüfen, ob es das Fitzelchen überhaupt noch tat. Einmal war er mit mir und Mitch bei minus 18 Grad auf einer Winterwanderung unterwegs und blieb plötzlich in einem kleinen Seitental zurück. Mitch: „Er wird doch wohl nicht schon wieder?“ Hyper: „Niemals, nicht bei fast minus 20 Grad! Oder?“ Ich lief zurück, heimlicher Kontrollblick ums Eck: „Oh nein, er tut‘s tatsächlich!“ 😂

Claude studierte mehrgleisig diverse Finanzwissenschaften, baute parallel dazu eine monströs verästelte Firmengruppe auf, bei der er – krakenhaft im Zentrum sitzend – irgendwann selbst den Überblick verlor. Scheißegal – immer volle Kraft voraus! 🤑  „Lehman Brothers“ war noch weit entfernt – die „new economy“-Blase schwoll gerade gewaltig an. No risk – no fun. 80 Prozent seiner Unternehmungen und Unternehmen setzte der aufstrebende Tausendsassa Claude zwar nach kürzester Zeit frontal vor die Wand, aber die anderen liefen dafür halbwegs und mehrten seinen Ruhm. Ab einer gewissen Größe, bieten sich die Bankhäuser wie Huren an, um ihre Kredite auszukübeln. Chuzpe vor Kompetenz – Claude nahm und raffte. Er besackte sich wie diese Typen, die am Ende des Films mit dem ganzen Goldplunder behangen wie Steine im Meer versinken. Ein richtiger „Raffke“. Moneymaker. Kurzpimmel-Kapitalist eben. 😉

Die Mitarbeiterreisekosten werden zu hoch? Gründete er eben sein eigenes Reiseunternehmen! Die Steuern auf Fachliteratur nerven? Gründete er eben seine eigene Buchhandlung – ach was, gleich ein eigenes Verlagshaus! Think big. Too big to fail. Fast hätte er es auch geschafft. Millionen waren ihm nicht genug – er wollte Milliarden! Noch zuckte der winzige Pimmel in den mit Dollarzeichen bedruckten Boxershorts unter der Maßanzugshose. Es war noch nicht genug.

Natürlich hat so jemand keine echten Freunde. Er ist da wie Trump. Umgeben von Ja-Sagern und ja-sagenden Nutznießern. Mitch und mich hielt er für seine einzigen wahren Freunde. Ich ließ ihn in diesem Glauben. Nicht umsonst kam bei einem Online-Quiz „Welcher Game-of-Thrones-Charakter wärst du?“ bei mir „Lord Petyr Baelish“ heraus. Man kritisiert einfach keine Leute, die eventuell noch mal wertvoll werden könnten. Warum sollte ich im Affekt die Moralkeule schwingen? Ich war inzwischen selber ein Stück weit „Nutznießer“, weil ich während meines Studiums ein bisschen nebenbei in Claudes Firmen jobbte und später über ihn ein paar wertvolle Kundenkontakte erhielt. Aber ich war kein ja-sagender, sondern ein kritischer „Nutznießer“ – innerlich maximal distanziert und oftmals, bzw. über die Zeit beständig zunehmend, auch aus moralischen Erwägungen, davon angewidert. Aber offiziell immer noch der Beichtvater, der „beste Freund“. Na, wenn er das so sehen mochte… 😇

Claude war besessen, ein manischer Workaholic. Spekulant, Immobilienhai, Dozent, Verleger, Buchautor, Kolumnist. Er legte Fonds auf, für die er in seinen eigenen Publikationen Werbung betrieb – schaffte dann die Zeichner mittels der eigenen Reiseunternehmen an exotische Locations, um sie dort in sündteuren Lehrgängen zu coachen – zog ihnen die Kröten gleich mehrfach aus der Tasche, wie ein satanischer Zauberkünstler. Motivationstrainer war er und Anlageberater: Er motivierte seine Jünger und trainierte sie darauf, in seinen Finanzprodukten anzulegen. Stillstand ertrug er nicht. Sofort erfasste ihn dann Angst vor der Leere. Deshalb pflegte er auch noch seine Traditionsfreundschaften. Ging mit Mitch auch mal ganz volkstümlich an die Currywurstbude. Rief mich an, weil ihm nach zehn Minuten ohne Leute um sich, in seiner extravagant ausgestatteten Nobelhütte die sechs Meter hohe Decke auf den Kopf fiel. Er brauchte permanenten Trubel und Input um sich herum. Zuhörer, Claqueure, Unterhaltung, Zerstreuung. Sonst zuckte vermutlich wieder das Pimmelchen. Ihm brach dann der Schweiß aus. Oder der Wahn durch.

Ich ging zunehmend auf Distanz. Scheiße schwimmt zwar oben – stinkt aber mitunter penetrant. Wenn man keine Scheißhausfliege ist, wird einem deshalb schnell schlecht. Wenn ich am Telefonhörer diese nasale Polterstimme hörte, stieg mein Blutdruck. Arschlochalarm! Aber ich war angeblich immer noch der „beste Freund“, Vertrauter Number One. Mir war das aber ziemlich Latte. Dafür ging ich zunehmend in die Popcorn & Kinosessel-Position, um mich an Claudes zunehmendem Größenwahn zu delektieren. Manchmal ist es ganz amüsant – ja geradezu drollig, den nötigen inneren Abstand vorausgesetzt – wenn man Scheiße beim „Obenschwimmen“ zuschauen kann. Dem „Wirtschafts-Wunderkind“ beim Abheben. Oder beim Absturz. Einmal war das sogar ein wortwörtlicher Absturz: Wieder eine Parallele zu Lars Windhorst – dieser überlebte 2007 einen für andere Insassen tödlich verlaufenden Flugzeugabsturz, Claude bereits 2004. In Südamerika. Als einziger. Nur die Guten sterben jung – Arschlöcher werden uralt (siehe Jimi Hendrix und Elton John). Unkraut vergeht nicht. Claude hatte nur ein paar Schrammen und eine kleine Schnittwunde. Von dieser jähen Nahtoderfahrung völlig unbeeindruckt, setzte Claude seinen Großkapitalisten-Weg stur wie ein Panzer fort. Großkapitalist. Großkotz. Größenwahn.

Ich machte einen kapitalen Fehler, in dem ich meine damalige Verlobte Giulia in Claudes Firmenimperium unterbrachte, nachdem diese ihr zweites Hochschulstudium abgeschlossen hatte. Ich dachte, ich täte ihr damit etwas Gutes. Sie war gierig, wollte auch schnell nach oben, es ihrem erfolgreichen Manager-Vater zeigen: „Das kann ich auch!“ Bei Claude durfte sie reinklotzen. Knechten. Wurde geknechtet. Claude beutete sie maximal aus, schadete ihr. Führte sie vor. War eben kein „bester Freund“, sondern ein absolutes Arschloch. Giulias spezielle Berufseinsteiger-Erlebnisse in einer claudeschen Nahost-Dependance waren vor inzwischen einem Dutzend Jahren wohl zu einem nicht unerheblichen Maße für unsere Trennung mitausschlaggebend. Außerdem lernte sie im dortigen Büro – unter dem Eindruck der unschönen Ereignisse wohl etwas anlehnungsbedürftig geworden – meinen „Nachfolger“ kennen, mit dem sie heute drei Kinder hat. Nun begann ich Claude zu hassen. Gemocht hatte ich ihn noch nie, vielleicht anfangs (aufgrund des noch nicht hinreichend feinjustierten eigenen moralischen Kompasses) ein kleines bisschen bewundert. Teils hatte ich ihn auch bemitleidet. Diese Getriebenheit kam mir zeitweilig etwas mitleidserregend vor – zumal ich dieses Pimmelchen nicht mehr aus dem geistigen Auge bekam: Ein Erdnussflip am Rande einer weißen Wampeninsel, die sich aus einer geblümten Bettensee erhob. Dazu lief Elton John. Ist das oftmals die heimliche Quelle der kapitalistischen oder auch oligarchischen Arschloch-Macht? Größenwahn und Großmachtphantasien als Kompensation von Komplexen. Hitler, Stalin, oder etwas profaner Dirk Jens Nonnenmacher und Thomas Middelhoff – hatten die etwa alle einen kleinen (…)?

Durch Giulia wusste ich bereits, dass Claude nicht mehr alles im Griff hatte (außer seinem Shrimp vielleicht), dass er partiell die Bodenhaftung verlor. Auch ein „Wirtschafts-Wunderkind“ wie Lars Windhorst landete irgendwann in der Privatinsolvenz. Vielleicht kam nun wieder der leichte Autismus durch, die gewisse Blindheit gegenüber der Feinheiten und Gepflogenheiten, die eine reale Welt bestimmen. Claude war kraken- & krankhaft davon besessen, alles „alleine“ machen zu können. Verzichtete auf Berater und Experten. Wusste immer – wie schon als mogelnder Abiturient – alles besser. Andere unterschätzte er, sich hingegen überschätzte er zunehmend. Er spielte nur noch nach seinen Regeln: Legal – illegal – scheißegal. War eigentlich noch genauso unreflektiert, wie einst schon als dämlich-tumbes Kind. Irgendwann überhob er sich an einem besonders dicken Brocken von Projekt. Wenn von zehn seiner kleinen Firmen acht pleitegingen – scheißegal! Die zwei funktionierenden konnten das locker kompensieren. Dieses Projekt wich aber um Größenordnungen von den anderen ab. Und ging in die Hose. Aus Selbstüberschätzung. Weltfremde. Weil Claude die Zeichen nicht sehen konnte oder wollte. Durch seine Hybris in einer sich zunehmend verengenden Weltsicht (war die überhaupt zwischenzeitlich mal wirklich „weiter“ gewesen?) gefangen war. Irgendwann schuldete er seinen Investoren hunderte von Millionen Euro und konnte nicht liefern wie bestellt. Damals ging das weltweit durch die Presse. Genauere Details walze ich hier jetzt aber nicht breiter aus – nach der Lektüre dieses Eintrages werden vielleicht eh schon ein paar gewiefte Leser wissen, um wen es sich bei Claude handeln könnte… 😉

Das Ende vom mir bekannten Lied war, dass Claude international zur Fahndung ausgeschrieben wurde, in Abwesenheit verklagt und kurz darauf vollständig von der Bildfläche verschwand. Die Journaille, die geprellten Anleger und die europäischen Behörden waren ratlos. Claude wie plötzlich vom Erdboden verschluckt…

Zuletzt sah ich meinen alten Schulkollegen („Schulfreund“ schreibe ich jetzt bewusst nicht) Claude wenige Tage vor meiner endgültigen Entlobung mit Giulia: Wir hatten uns an Bord seiner übermotorisierten Motoryacht im Persischen Golf ein Duell mit der örtlichen Wasserschutzpolizei geliefert und uns vor dieser gerade noch rechtzeitig in den Hafen eines Drittlandes geflüchtet, in welchen die olive-braun uniformierten Sportsfreunde mit den imposanten Handfeger-Schnäuzern nicht einlaufen durften. Dort gab einer der beiden völlig heiß gelaufenen Bootsmotoren seinen Geist auf. Wir waren dort gestrandet. Eigentlich wollten wir nach einer Weile wieder retour schippern, wenn sich die Lage etwas beruhigt hätte. Claude war stinkesauer und ließ mich am Hafenbecken zurück, um den defekten Kahn sollten sich später irgendwelche Techniker kümmern. Claude hatte am Abend noch einen Termin und zückte nun sein Handy, um einen Helikopter für sich anzufordern. Da das Fluggerät ein Zweisitzer war, könnte ich sehen, wo ich bliebe. Federnden Schrittes ging er in Jeans und wehendem XXL-Oberhemd mit dem Telefon am Ohr die Treppe einer Hafenmole empor. Das war das letzte Bild, das ich von ihm sah.

Wochen später telefonierten wir noch einmal kurz – ich war aber nun bereits nachhaltig wegen Giulia verstimmt. Inzwischen war mir immer detaillierter zu Ohren gekommen, welche Rolle er bei der Trennung gespielt hatte. Die Schweinereien, die er sich als Giulias Boss geleistet hatte – Verhaltensweisen, die jeden anständigen deutschen Gewerkschafter dazu veranlasst hätten, sofort in den bewaffneten Widerstand zu gehen… Später erfuhr ich dann auch noch von meinem „Nachfolger“ aus Claudes Büromannschaft und von Giulias Schwangerschaft. Jetzt hätte ich ihn bei einem weiteren Telefonat vermutlich verbal gelyncht! Aber es folgte kein weiterer Anruf. Ein Jahrzehnt des Schweigens.

⏳ Zeitsprung: Ab Anfang Dezember 2018 klingelte bei mir und Philomena hier im Haus „Zweieichen“ öfters das Telefon: Im Display erschien stets eine exotische Nummer mit einer mir unbekannten Auslandsvorwahl. Hundertprozentig war das irgendein Spamming- oder Fishing-Scheiß! Einmal nahm ich das Gespräch entgegen, ohne selbst etwas zu sagen. Am anderen Ende der Leitung meldete sich ebenfalls niemand, dafür brummte irgendetwas. Mist, die schalten irgendwas Kostenpflichtiges auf! Ich legte sofort auf. Die Anrufe häuften sich. Komischerweise wurde nicht nur das Festnetz, sondern auch mein iPhone angerufen – irre, woher diese Schweinebande meine Nummer hatte! Bevor ich die ominöse Nummer auf sämtlichen Leitungen endgültig blockte, nahm meine Hausgenossin Philomena ein letztes Mal bei solch einem Anruf das Gespräch entgegen und schrie so laut sie konnte extrem schrill in den Hörer! Das sollte gesessen haben…

Kurz vor Weihnachten rief mich mein alter Freund Mitch an – seltsam aufgedreht (was ich von ihm als eher phlegmatischem Zeitgenossen eigentlich überhaupt nicht kenne): „Du wirst es nicht erraten, mit wem ich eben telefoniert habe!“ „Claude?“ „Was?! Woher weißt du das?“ „Weil das am unwahrscheinlichsten ist und du ansonsten nicht so überdreht wärest…“

Lebt der alte Stinkstiefel also doch noch. Zwischenzeitlich erwog ich nämlich die Theorie, dass womöglich einer der geprellten Anleger Claude zufällig im Dunkeln begegnet sein könnte. Sofort schämte ich mich ein wenig fremd für Mitch, als dieser nun völlig unkritisch in den höchsten Tönen davon zu berichten begann, was Claude ihm alles erzählt habe, und was dieser inzwischen so alles tolles machen würde. Kam mir wie so ein hyperventilierendes Hündchen vor, das auch noch mit dem Schwanz wedelt, wenn es vom Herrchen getreten wurde. Peinlich devot. Aber egal – die beiden waren seit frühesten Schulzeiten wohl wirklich „befreundet“ gewesen und nicht nur „bekannt“, so wie im Falle von Claude und mir (auch wenn der das anders sah). Obwohl diese Freundschaft meiner Beobachtung nach immer ein enormes Gefälle hatte: Hündchen und Herrchen. Mitch blickte auch früher schon stets zum weltläufigen Tausendsassa Claude auf. Ließ sich von dessen materiellem Besitz blenden…

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, Claude im unwahrscheinlichen Fall, ihm im Leben noch einmal zu begegnen, zur Begrüßung die gestreckte Faust in die Fresse zu rammen und ihn erst danach zu fragen, wie es in all den Jahren eigentlich so gelaufen sei… Nun könnte der Kontakt allerdings telefonisch stattfinden. Also nix mit Faustschlag. Schade eigentlich… Sollte ich überhaupt noch einmal mit diesem aufgeblasenen Kapitalistenschwein reden? Ich erzählte Mitch von meinem Faustschlagplan, meinte aber, dass es für mich okay sei, wenn die beiden alten Schulfreunde sich nun wieder näher anfreunden würden. Dieses könnte nämlich demnächst sogar geschehen, denn Claudes Schandtaten sind nun strafrechtlich verjährt. Deshalb traute der sich nun auch pünktlich, wieder aus der Versenkung zu erscheinen! Als wenn nichts gewesen wäre…

Ich erwog, die Nummer blockiert zu lassen – entschied mich dann aber doch anders. Letztendlich überwog auch bei mir die Neugierde. Außerdem wäre ich nicht „Lord Baelish“, wenn ich meinen Antagonisten nicht ein offenes Ohr leihen würde. Wer weiß, wofür dieser Kontakt nicht irgendwann noch einmal gut sein könnte? Vielleicht ein bisschen Entschädigung? Feinde, die sich für Freunde halten, kann man nämlich auch ein wenig bluten lassen, ohne dass sie es merken. 😈

Ende Dezember rief Claude also tatsächlich nach über einem Jahrzehnt hier an: „Du bist ja schwieriger zu erreichen als der Papst! Es gab da auch irgendwelche seltsamen technischen Probleme…“ Das glaube ich dir sofort, dachte ich an Philomenas Geschrille denkend – hoffentlich haben seine Ohren geblutet. „Oh Claude – welch eine unerwartete Überraschung! Ich hatte fast schon gedacht, dass du gar nicht mehr lebst!“ „Häh, wieso denn das?“ „Na, andere hätten sich umgebracht, wenn sie solch eine Schuld auf sich geladen hätten…“ 😈

Claude war ganz der Alte. Nicht nur die nasale Polterstimme war dieselbe, wie früher. Null menschliche Weiterentwicklung. Kein geistiger Werdegang. Keine kritische Selbstreflexion. Keine moralische Reifung. Genauso, wie bei Trump! Infantil ich-bezogen. Ein trotziges Kind. Alle anderen sind doof. Seine Anleger etwa. Er versuchte mir etwas vom Pferd zu erzählen (ich meine jetzt nicht die Tatsache, dass er seinen Blagen im Exil klimatisierte Reitställe gebaut hatte). Ein Rührstück mit sich als Opfer einer bösen Intrige. Mitch konnte er solch eine hanebüchene Weihnachtsmann-Story erzählen – mich beeindruckte und überzeugte er damit absolut nicht! Dick aufgetragen, grobgetupft. Alternative Fakten. Genauso, wie bei Trump! Jetzt weiß ich, an wen mich Claude immer erinnerte – bzw. rückwirkend: Trump!

Aber das wirklich erschreckende ist: 💩 Scheiße schwimmt tatsächlich immer oben! Absolut. Die Bösen gewinnen im Kapitalismus. Gott ist mit den Dreisten… Claude Trumpolino wurde zwar durch seine ungeplante Einbremsung kein Milliardär mehr – aber ein dreistelliger Millionär. Irgendwie konnte er mit einem Winzteil seiner ergaunerten Anlegermillionen die Behörden schmieren und mit einer Daueraufenthaltsgenehmigung an einer exotischen Location seiner Familie ein ungestörtes Luxusleben aufbauen. Als Geschäftsmann war er weiterhin weltweit aktiv und wohl auch finanziell recht erfolgreich – vermutlich über Strohmänner. So ganz genau habe ich das noch nicht aus ihm herausgekitzelt. Ich frage in der Regel nicht exzessiv. Meistens reden sich die Leute ganz von alleine um Kopf und Kragen, wenn man ihnen ein offenes Ohr leiht… Claude schwallte und schwallte. Was er alles habe. Endlose Aufzählung materiellen Wohlstandes. 💰💰💰 Von Geschäftserfolgen. Blahblahblah. Langweilig. Hellhörig wurde ich, als er berichtete, dass wir ja alle immer älter würden: Er scheint inzwischen kahlköpfig zu sein und fett wie Reiner Calmund… Mir unterstellte er, dass es bei mir sicherlich auch so sei. Ich verneinte. Er schwieg kurz. Hahahaha! Was für eine Genugtuung! Ein menschlicher Fesselballon mit einem Erdnussflip als bodenseitigem Ventil… Mit seinem zusammengegaunerten materiellen Wohlstand beeindruckt er mich überhaupt nicht. Ich ziehe geistigen Wohlstand vor. 🧐

Claude tat so, als ob ich immer noch „sein bester Freund“ sei. Ließ mich aber gar nicht zu Wort kommen. Tönte, lobte sich und schwallte. Heißluftgebläse. Trump. Shrimp. Schweinebacke mit Ringelschwänzchen… Er kann nach seinem Verschwindibus-Coup wirklich keiner Sau mehr über den Weg trauen. Hat keine loyalen Leute mehr um sich. Ja-Sager sicherlich – aber vermutlich wieder nur ja-sagende Nutznießer. Leute, die er schmieren musste. Strohmänner. Seine Frau musste er offenbar auch mit Millionengeschenken bei Laune halten. Bisschen Shrimp-Cocktail reicht jedenfalls nicht. Klimatisierte Pferdeställe, Diamantschmuck und ein Flugzeug müssen schon sein. Keine Freunde. Deshalb kam er auch umgehend wie ein Kastenteufel aus der Box gesprungen, sobald sein Millionenbetrug verjährt war! Hypermental, Mitch, wo seid ihr? Mir ist langweilig – mir fällt die Decke auf den Kopf, ich brauche Zuhörer für meinen Sermon und Bewunderer! Was für ein dämlicher Trampel. Trumpel. Westentaschen-Trump.

Er ist offensichtlich „bedürftig“ – nach „Freunden“ zum Glänzen und Betexten. Rief nach dem Telefonat im Dezember gleich dreimal hier an. Ich ging nicht an den Apparat. Man kann ihn ruhig ein wenig am ausgetreckten Arm verhungern lassen, nach der langen Pause… Heute war mir ein bisschen fad. Deshalb nahm ich ausnahmsweise ab, als ich die exotische Ländervorwahl im Display sah. In wenigen Jahren will er zurück nach Europa ziehen. Direkt nach Deutschland traut er sich noch nicht länger, als für ein paar Tage. Nur als Kurzbesucher. Vielleicht kann ich ihm dann bei Gelegenheit doch noch die Faust in die Fresse hauen. Aber ich mache es wohl eher auf die „Baelish“-Tour. Werde etwas anziehen, das mich besonders schlank erscheinen lässt und mein volles Haupthaar aufföhnen. Wenn er dann neugierig nach meinem Privatleben fragt (wenn er ausnahmsweise nicht selber schwallte, tat er das am Telefon bereits recht penetrant), werde ich aufreizend langsam und ausgiebig schildern, wie unsere Schildkröte so lebt und dann von der Gartenarbeit berichten, von den Freuden des Betonierens… Mir dabei eine Zigarre anzünden (er ist militanter Nichtraucher). Und mir überlegen, ob ich nicht doch noch irgendwie Kapital aus dieser „Bekanntschaft“ schlagen kann. Claude musste ins Exil flüchten, hatte dort aber dennoch „Alles“ – wie er ausgiebig aufzählte – Luxusautos, eine Villa, Hauspersonal, Privatlehrer für die Kinder, eine offenbar schwierige Ehefrau, ein eigenes Musicaltheater zum Elton John hören. Nur eines hatte er dort nicht: „Freunde“. Mein Gott, was muss er wohl leiden. Traurig, bzw. (Trump): „so sad“! Echte Freunde kann man sich nicht kaufen. Selbst nicht als oben schwimmende Scheiße. 

12 Gedanken zu “Scheiße schwimmt immer oben – Neues von Claude

  1. Interessant…aber du hast recht solche Leute fallen immer wieder auf die Füße und brauchen als Narzissten keine Freunde…bei Trump dachte ich immer er säbelt sich spätestes nach einem Jahr durch irgendwelche dumme Skandale selber ab oder er wird umgebracht…naja vielleicht kommt’s noch 😜

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  2. Sehr interessant, wie du die Claude-Geschichte erzähst. Ich finde, dass du außer graphischen Begabungen auch literarisches Talent hast.
    Und fällt mir wieder der Begriff „Mindset“ ein: Während Claude aus seinem Pimmelchen Milliarden rauswichst, machst du dir Sorgen um deine Altersversorgung.

    Du schreibst „Nach der Lektüre dieses Eintrages werden vielleicht eh schon ein paar gewiefte Leser wissen, um wen es sich bei Claude handeln könnte…“ = Nun, ich habe da eine starke Vermutung: Er muss ja Deutscher sein. Ein untergetauchter, mit internationalem Haftbefehl gesuchter schwerreicher dicker Deutscher in deinem Alter, um den es seit ein paar Jahren recht still geworden ist … Dazu fällt mir nur EINER ein… (und sag bloß, du kennst DEN persönlich … da sieht man mal wieder, wie klein die Welt doch ist

    P.S.: Habe mir gestern in der Stadtbibliothek die „Wirtschaftswoche“ (Ausgabe 8) geholt. Überschrift: „Rettet den Kapitalismus! Trumps Protektionisten betreiben den Untergang der Marktwirtschaft – und Deutschland baut den Sozialstaat aus“

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    • Tja, danke für das „literarische Talent“, dass Du bei mir erkannt haben willst – aber der Text könnte mir noch erheblich besser gelungen sein, wenn ich den nicht wieder so spät und eigentlich schon zu müde aufgeschrieben hätte. Ich kann mich nachts nicht mehr so gut konzentrieren, wie tagsüber. Zumal ich beim Schreiben auch noch von drei Telefonaten, einer längeren Esspause und meiner normalen abendlichen Alltagskommunikation mit Philomena unterbrochen worden bin… Aber der Tag hat leider nur 24 Stunden und ich war bei dem schönen Wetter nachmittags lieber draußen im Garten. 😉 Früher, zu meinen frühen Bloggingzeiten bei myTB, als ich erst Anfang 30 war, da war ich noch erheblich belastbarer: Konnte wirklich literarisch ansprechende Einträge selbst nach mehrtägigem Schlafentzug und mit reichlich Restalkohol im Blut verfassen… 😄
      Nee, „Kim Dotcom“ ist es nicht – an den hast Du doch bestimmt gedacht, oder Rabi? Es gibt dort draußen leider ganze Legionen von solchen skrupellosen Zockertypen, die halbseidene Fonds auflegen, oder Beraterfirmen nach dem Schneeballprinzip betreiben. Vermutlich in jeder größeren Stadt gleich ein halbes Dutzend. Alle paar Monate knallt dann mal einer von diesen jungen Finanz-Glücksrittern derartig spektakulär auf die Schnauze, dass auch die Financial Times und das Handelsblatt darüber berichten. Meistens gehen sie dann zwei oder drei Jahre in den Knast, wenn’s hoch kommt. Claude war jedoch einer der eher wenigen unter ihnen, die sich rechtzeitig und erfolgreich ins Ausland absetzen konnten.

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      • Woher wusstest du, wen ich vermutet habe? Aber du hast damit recht gehabt. Das Einzige, was ich bei Kim Dotcom nicht finden konnte, war der Flugzeugabsturz. Aber der ist in einer Biographie wohl auch nicht so wichtig.
        Und beim Wohnort von Dotcom (Schleswig-Holstein) war ich nicht sicher, ob der mit deinem übereinstimmt. Aber ich kenne natürlich nicht alle (ehemaligen) Schurken; dazu lese ich zuwenig BILD.

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        • Ich bin „Hypermental“ – ich lese in anderer Leute Hirnen wie in Büchern… 😉 Quatsch. Es war einfach nahe liegend – „Kim Dotcom“ ist fett, arrogant und war vor etlichen Jahren in aller Munde. Deshalb denkt man als halbwegs aufmerksamer Zeitungsleser vermutlich ziemlich schnell an ihn.

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    • Ah, gleiche Vermutung wie auch schon Rabi. Aber daneben. Über Claude wurde etwas weniger berichtet, weil er keiner ganz so breiten Öffentlichkeit bekannt war – mehr in den Finanzkreisen eine bekannte Nummer war, als an der ganz großen Glocke. Bis in den „Spiegel“ hat er es damals allerdings mit seiner Anlegerabzocke geschafft… 😉

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  3. Krasse Geschichte, fast wie ein Kinofilm 🙂 Ich verstehe deinen Beweggrund, nach all der Scheisse doch noch mit ihm Kontakt zu halten, aber ich persönlich würde ihn wohl in den Wind schießen. Er hätte sich bei seinem „Freund“ doch auch aus dem Exil schon mal zeitiger melden können, Wege gibt es doch immer. Erst jetzt fällt ihm das ein, und höchstwahrscheinlich nur deswegen, weil er hier eine Anlaufstelle benötigt, wenn er wieder nach Deutschland kommen sollte. Wieder regiert nur der eigene Egoismus 🤮

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    • Ich glaube er hatte auch Angst davor, dass ihn irgendwelche Ermittler (Europol etwa, oder Privatdetektiv, die von Anwälten seiner Anleger beauftragt wurden) dort „orten“ könnten, wenn er sich von dort aus telefonisch meldet. Ich schätze aber, er braucht wirklich eine emotionale, vermeintlich „loyale“ und „unverbrannte“ Anlaufstelle, weil er nun offenbar wieder öfters nach Deutschland kommen möchte. Alte Geschäftskontakte können das nicht sein. Da würden ihm immer noch etliche mit einem Knüppel auflauern wollen, bzw. die Information an potentiell Knüppellustige durchstechen – bleiben die alten „Schulfreunde“. 😉
      Vermutlich traut er sich aufgrund der Vorgeschichte auch nicht komplett nach Deutschland zurück, sondern geht eher in ein europäisches Nachbarland. Vielleicht an einen Ort, in dem er früher schon gerne im Urlaub war…

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