„Ich habe gerade einen Orgasmus gehabt, einen Orgasmus!“

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Ich mag keine Menschen (mehr) um mich haben – ausgenommen meine wenigen noch verbliebenen (nicht aussortierten) Freunde und die nächsten Familienangehörigen… Der Rest stört eher. Schlimm genug, dass man ab und an zu Kundenkontakten und zum Einkaufengehen gezwungen ist! Beim Einkaufen widert mich das Gesindel inzwischen einfach nur noch an – borniertes, dämliches, unnützes Geschmeiß! Ich desinfiziere mir umgehend nach jedem Supermarktbesuch die Hände mit „Sterillium Virugard“ – das Fläschchen mit dem Händedesinfektionsmittel steckt immer griffbereit im Fahrertürfach unserer Limousine…

Schon früher bin ich am liebsten nachts spazieren gegangen, weil man da weniger Leuten auf den Straßen begegnet. Das Packzeug sitzt stattdessen überwiegend TV glotzend in seinen Hütten oder pennt ab einer gewissen Uhrzeit. Mir ist das sehr recht. Das ist jetzt keine Sozialphobie meinerseits – ich habe einfach fertig mit dem Kroppzeug und gerne meine Ruhe. Deshalb die Mondscheinspaziergänge. Der Nightwalker schreitet durch sein Revier.

Seit etwa zwei Monaten bewege ich mich deutlich öfters und auch auf längeren Wegen durch die kalte Nachtluft – ich möchte nicht ähnlich vergammeln, wie letzten Winter. Bin jetzt in einem Alter angelangt, wo man Fett ansetzt, wenn man sich zu wenig rührt. Außerdem hat mich Philomena dazu inspiriert – die nutzt seit dem vergangenen Sommer eine Lauf-App. Sie war bekanntlich zwei Jahrzehnte lang sehr krank und konnte bis zum Behandlungsbeginn ihrer Schilddrüsenproblematik kaum noch mehrere hundert Meter im Stück gehen. Inzwischen ist sie zwar lange noch nicht von all ihren Malaisen geheilt – aber sie ist wieder ziemlich fit. Trainiert fast täglich auf ihren hiesigen Fitnessgeräten und läuft regelmäßig draußen. Ihre Läufe und Spaziergänge protokolliert sie mit der Fitness-App „Runtastic. Dieses kleine, feine Programm habe ich mir Mitte November auch auf mein iPhone geladen.

Ich bin zwar mehr der Geher, als der Jogger (was sicherlich auch an meinem aktuellen Fitnesslevel liegt – außerdem bin ich eher der Zigarre rauchende Flaneur, als ein echter Sportsmann) – aber das Programmchen zeichnet nicht nur Marathonläufe, sondern auch Spaziergänge auf. Und animiert mich, inspiriert mich, motiviert mich! Inzwischen gehe ich öfters, schneller und weiter durch die Nacht, als in den Jahren zuvor. Allein in diesem halben Monat habe ich bei sechs Aktivitäten innerhalb von gut 10 Stunden rund 60 km zurückgelegt und dabei 7500 Kilokalorien verbrannt. Sagt mir alles die App. Ich bin ja auch so ein Statistik-Fan, füttere an jedem Monatsende allerlei Diagramme mit Daten (Ausgaben, Fahrten, Verbräuche – beruflich wie privat). Schon in meinem Erst- und Zweitstudium habe ich schneller und nachhaltiger durch das Studieren von Schaubildern und graphisch aufbereiteten Daten gelernt, als durch trockene Texte ohne Illustrationen. Deshalb lag mir das Jurastudium auch nicht, mit dem ich meine akademische Laufbahn begann – furztrocken und nix für’s Auge. Ich sattelte nach anderthalb Semestern in eine „anschaulichere“ Fächerkombination um.

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Über diesen Zeilen seht Ihr ein paar Screenshots aus meiner Lauf-App. Man kann sich allerlei Statistiken anzeigen lassen und auch Karten der zurückgelegten Wegstrecken (um nicht sofort zu offenbaren, wo ich da konkret herumgelaufen bin, habe ich Teile der Landkartendarstellung unscharf gemacht). Auf den Karten sieht man auch die jeweils gelaufene Geschwindigkeit. Außerdem gibt es noch Höhenprofile und zahlreiche weitere interessante Darstellungen. Mich inspiriert so etwas. Eine weitere Motivation hole ich mir daraus, dass man sich miteinander messen kann. Ich kann in der App auch Freunde einladen und dann sehen, wann diese wo wie viel gelaufen sind. Oder ihnen sogar live beim Laufen zusehen und sie per Knopfdruck anfeuern. Mal liegt Philomena vorne, mal ich – seit Jahresbeginn ist als Dritter auch noch Inorbit im Bunde. Nachdem er phasenweise deutlich in Führung ging, hat Philomena uns beide aktuell deutlich abgehängt: Mit 12 Kilometern Vorsprung…

0180 laufschuheEine weitere sinnvolle Anschaffung neben der App waren meine extra gut gedämpften Laufschuhe. Zuvor beschränkte sich meine Sportgarderobe auf ein paar Jogginghosen (die ihrem Namen nicht gerecht werden, weil sie eher als Gammelhosen für die Freizeit dienen) und ein paar T-Shirts. Die ersten App-begleiteten und durch die erstarkende Motivation in vergleichsweise forciertem Tempo zurückgelegten Nightwalks absolvierte ich noch mit normalen Winterstiefeln. Aber deren brettharte Sohlen setzten in Kombination mit über 90 Kilo Körpergewicht meinen reichlich untrainierten Knöcheln auf den asphaltierten Feldwegen, die es hier überall gibt, schnell merklich zu. Deshalb also die Treter mit der ordentlichen Dämpfung – seitdem ist alles fein. Keine dicken Fußgelenke mehr – auch nicht nach 15 Kilometern.

15 km waren in den letzten beiden Monaten meine längste Strecke. Anfangs legte ich meistens zwischen drei und fünf Kilometer zurück. Inzwischen werden es eher zehn bis fünfzehn pro nächtlichem Ausflug. Ich lerne dadurch allmählich die nähere Umgebung kennen. Nur im dichten Wald bin ich nachts eher selten unterwegs, weil es dort zappenduster ist. Werde mir eventuell noch eine Stirnlampe zulegen, damit ich kein Wildschwein über den Haufen renne, oder mich kein Jäger erschießt, der mich versehentlich für ein solches hält.

Heute lief ich ab halb zehn Uhr abends trotz miserablen Wetters 13,17 km in zweieinviertel Stunden. Auf den ersten Kilometern rauchte ich unterwegs dabei eine Zigarre, die mir aber im strömenden Regen allmählich absoff und im stürmischen Wind dazu noch einen erheblichen Schiefbrand entwickelte. Dafür drang unterwegs unerwartet der von glückselig glucksendem Lachen begleitete Ausruf einer Dame an mein Ohr, die vermeldete: „Was willst du denn noch mehr? Ich habe gerade einen Orgasmus gehabt, einen Orgasmus!“ Im strömenden Regen? Ich schaute irritiert vom erhöhten Feldweg wenige Meter böschungsabwärts in einen bewaldeten Grund hinab, dort standen zwei Wagen auf einer offensichtlich befahrbaren Lichtung, einer davon hell beleuchtet. Offenbar ein heimliches Schäferstündchen, dass gerade sein freudiges Ende gefunden hatte – keine zwei Minuten später überholten mich die beiden Autos, eine Oberklasselimousine mit Xenonlicht gefolgt von einem Uralt-BMW mit Funzelbeleuchtung. Im Regen konnte ich nicht erkennen, in welchem Auto der Stecher und in welchem die Beglückte saß, wohl aber, dass beide Fahrzeuge aus unterschiedlichen Städten stammten – offenbar so ein Tinder-Date. Ich kenne mich mit diesem neumodischen Zeug nicht so aus…

Bin bezüglich beglückter Frauen eh weg vom Fenster. Alles mindestens ein halbes Jahrzehnt lang her. Der Partylöwe und der Szenegänger sind noch viel länger passé – inzwischen bin ich ein eigenbrötlerischer komischer Kauz, der sich in sein selbstgewähltes Exil verräumt hat und keine Orgasmen mehr beschert. Dafür brüte ich im eigenen Saft gärend diverse Zynismen und ein von generalisiertem Menschenhass bestimmtes Weltbild aus. Eher wütender alter weißer Mann, als jugendlicher Liebhaber…

Aber egal, inzwischen bin ich eh raus aus fast allen zwischenmenschlichen Aktivitäten. Lieber schreite ich durch die Nacht! Stundenlang und kilometerweit. Trotze Wind und Wetter (heute wurde ich wirklich klatschnass, weil es die ersten anderthalb Stunden lang schiffte wie aus Eimern). Ab dem neunten oder zehnten Kilometer komme ich beim schnellen Gehen meist in eine Art Flow – einen herrlich entrückten Geisteszustand, fast meditationsartig. Vielleicht laufe ich deshalb so gerne diese längeren, nächtlichen Strecken. Irgendwann hören die Gedanken auf. Der Kopf leert sich – die Füße laufen wie von alleine. Patt, patt, patt, patt. Dank der supergedämpften Treter wie auf Wolken. Fast lautlos, wenn man nicht gerade bei Regen unterwegs ist und in Pfützen oder irgendwelchen noch schlimmeren, landwirtschaftlichen Schmodder tritt. „Niedergüllestunk“ – bei dieser Ortschaft ist der (von mir vergebene fiktive Alias-)Name Programm: Hier liegt kein „Geld auf der Straße“ und auch keine „Orangenbaumblätter auf dem Weg“, sondern halbverflüssigte Schweinescheiße!

11 Gedanken zu “„Ich habe gerade einen Orgasmus gehabt, einen Orgasmus!“

  1. Wenn ich hier nachts laufen würde, hätte ich kurze Zeit später entweder ne Kugel im Kopf, ein Messer im Bauch oder wäre vergewaltigt 😒. Da hat das Landleben doch einige Vorteile 😉. Runtastic habe ich früher mal ausprobiert, aber da ich wenig „Wanderungen“ mache und eher über den ganzen Tag verteilt „laufe“, fand ich die für mich nicht so praktisch für den Alltag. Ich habe neben der beim iPhone eh schon integrierten Health-App noch StepsApp. Die reicht für meine Bedürfnisse aus 🙂. Finde ich gut, dass du jetzt so viel zu Fuß unterwegs bist. Viel Sauerstoff ist gut für den Organismus 👍

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    • Angesichts der Autoauswahl denke ich da auch an ein Aufeinandertreffen von oberer Mittelschicht und Sozialschrott. Entweder eine gelangweilte Anwaltsgattin, die sich hoffnungslos untervögelt von einem wackeren Klempner-Azubi ein Rohr verlegen ließ, oder andersherum: Prokurist einer Schraubenfabrik schraubt an der diesbezüglich streikenden Gattin vorbei eine alleinerziehende Floristin… 😉

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  2. Das mit den Lauf-Apps hat meine Schwester auch.
    Als mathematisch-ambitionierter Mensch würde mich so etwas zwar auch interessieren, also, welche Strecken ich den ganzen Tag so rumwatschel und wie viele (Kilo)Meter da zusammenkommen.

    Und – vielleicht gibt es auch eine App, die Orgasmen zählt und auswertet, nach Intensität, Dauer, Kalorienverbrauch etc. Falls es so etwas noch nicht geben sollte, melde ich hiermit die ideenmäßige Urheberschaft an.

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  3. Frauen zum Orgasmus bringen sowie zu Fuß durch die Pampa latschen – alles viel zu anstrengend. Was hat man davon? Dass man ein Schweineschnitzel mehr futtern kann?
    Aber Respekt vor deiner Leistung. In 10 Stunden 60 km… wow! In derselben Zeit bewege ich mich im Büro vielleicht 60 Meter. Sollte mir auch so’ne App zulegen, um das genau zu eruieren.

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    • Ich lauf nicht für’s Mehr-essen-Können, sondern für mein Allgemeinbefinden und vor allem für meinen Gesundheitszustand. Bin ja diesbezüglich ziemlich „fertig“ (Fettleber, Herzmuskelverdickung, Arterienverkalkung, Reizdarm, Rückenprobleme, u.v.m.), da kann ein moderates Ausdauertraining (dazu zähle ich solche längeren Spaziergänge mit leicht angezogenem Tempo) wahre Wunder wirken…. 😉

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