Breitstrahlkotze & Augenkrebs im Möbelhaus

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Heute war ich schon wieder in einem Möbelhaus – Philomena treibt nach wie vor ihre Matratze um und auch die Idee, einen Relax-Sessel zu erwerben. Nachdem wir uns kürzlich den „Wichssessel“ (vergl. letzter Blogeintrag) der Marke „Interliving“ anschauten, wollte sie heute in ein Einrichtungszentrum, das Modelle der norwegischen Firma „Stressless“ führt.

Nach zermürbend langem Aufenthalt dort sieht es nun so aus, als ob eher das skandinavische Produkt in Frage kommt. In Sachen Matratze wird der Entscheidungsprozess wohl noch ein Weilchen länger brauchen…

Unten im Wohnzimmer liegt ein alter Orientteppich, den ich von meiner Großmutter mütterlicherseits geerbt habe. Eines jener Stücke, die vor 60 Jahren so teuer wie eine Mittelklasselimousine waren. Der Teppich hat heute aber nahezu keinen Wert mehr, da er einfach zu „verlatscht“ ist – meine Hausgenossin stellte ihn daher zur Disposition. Vielleicht könne man einen ansprechenderen Teppich auftreiben, um dem eh kaum genutzten Raum (außer als Durchgang zum Garten) etwas mehr Aufenthaltsqualität zu geben.

Deshalb machte ich den gravierenden Fehler, im Möbelhaus nach der Matratzen- und Relax-Sessel-Abteilung, sowie dem bei Philomena obligatorischem Sichten/Kaufen von Bettwäsche und Handtüchern, noch in den Teppichbereich zu fluktuieren. Dort packten mich Mordphantasien gegen die deutsche Mittelklasse! Bereits der Aufenthalt in der Bettwäscheabteilung war für mich als Formalästheten (Bloggerkollege rabi würde wieder „Formalhysteriker“ dazu sagen) grenzwertig – wer zur fickenden Hölle denkt sich bloß diese behämmerten Bettzeugmuster aus? 90% davon sind nur im Tiefschlaf erträglich – sobald das Licht anginge, müsste ich nach dem Erwachen angesichts solcher Scheußlichkeit unweigerlich die letzten drei Hauptmahlzeiten im breiten Strahl an die Wand speien! Wieso möchte jemand freiwillig in einem Dessin schlummern, das so ausschaut wie bei bedruckten Küchenpapierrollen? Und welche Drogen muss man nehmen, um leberwurstrosafarbene Wellenlinien mit Dreiecken in Hornhautbeige und Gallegrün zu kombinieren? Vermutlich kann Kreativität aufgrund jahrzehntelang frustrierender Routine dermaßen „eintrocknen“, dass am Ende solche Entwürfe dabei herauskommen. Grausam. Augenkrebs. Optisch noch am wenigsten schlimm waren übrigens mal wieder die teuersten Produkte. Die Unterschicht darf ruhig hässlich schlafen, oder was?

Aber noch schlimmer war es dann nach der Bettwäsche bei den Teppichen! „Shabby Chic“ ist nach wie vor in. Und zwar ein augenfällig industriell gefertigter Shabby Chic von der Stange… Ihr kennt vermutlich diesen bereits seit etlichen Jahren bei grünen Yuppies und ähnlichen Loftbewohnern beliebten Einrichtungsstil, bei dem eine Mischung aus Erbstücken, Flohmarktkäufen und Selbstgemachtem sowie Möbel und Gegenstände mit sichtbaren Gebrauchsspuren zum Konzept gehören. So weit – so gut. Den Scheunenfund aus der Toskana kann man ja als charaktervolles Einzelstück noch gelten lassen. Möbel mit Geschichte. Aber künstlich Gealtert-Demoliertes (und das auch noch sichtbar schlecht gemacht!) vom Fließband? Kein echtes, ressourcenschonendes Re- bzw. Upcycling (à la selbstgezimmerte Palettenmöbel), sondern fake-vergammelte Neuware?

Da gab es zum Beispiel für an die 1000 Euro künstlich auf abgefuckt gemachte Pseudo-Orientteppiche, die noch erbärmlicher aussahen, als mein Oma-Erbstück: Nicht nur abgelatscht, sondern so, als ob die Teppiche noch zusätzlich einen Wasserschaden erlitten hätten, danach verschimmelt seien und daraufhin etliche Monate zum Trocknen überm Zaun hingen. Da behalte ich doch lieber mein Original, dessen Gebrauchsspuren wenigstens echt sind und eine Geschichte erzählen! Zumal der alte Perser noch ein handgeknüpftes Unikat ist und nicht solche Fake-Fließbandware aus der Fabrikfertigung… Wer richtet sich so ein? Herr und Frau Dummesau, weil es gerade „in“ ist, wie im Slum zu wohnen? Was für eine perverse Dekadenz! In Indien oder Mittelamerika vegetieren Familien in halbzertrümmertem Sperrmüll und Herr und Frau Dummesau aus der saturierten deutschen Mittelschicht kaufen sich dann solcherlei Mobiliar, das genau so pittoresk armselig-verkommen ausschaut, fabrikneu zu vierstelligen Preisen! Als Student ist es ja noch halbwegs cool, alte Sperrmüllfunde weiter zu nutzen – auch schön „nachhaltig“ und so… Macht ja auch Spaß ein paar Trümmer aus dem besetzten Haus aufzumöbeln. Die reihenendhausabzahlenden Büromenschen haben keine Zeit für solche Basteleien und kaufen diesen Look daher aseptisch aus der Massenfertigung. Künstlich verbeult und mit Risslack-Finish direkt ab Werk in die Spießerstube. Weil‘s „flott“ ausschaut! „Flott“, „pfiffig“ oder gar „frech“! „Frech“ wie die fliederfarbene Haarsträhne in der pflegeleichten Kurzhaarfrisur des Cellulitebombers…

Diese verwaschenen Orientteppich-Fakes für freche Mittfünfziger mit Sehnsucht nach studentischem WG-Siff konnte ich noch halbwegs ertragen, lediglich die Zehennägel kräuselten sich ein wenig – doch dann stieß ich auf ein wirklich „pfiffiges“ Stück: Ein pseudoverblasster Shabby-Teppich, der aussah wie alter Berber blau gebatikt und hinterher großflächig mit pinker Wandfarbe bekleckert! WER? KAUFT! SOWAS? Spießer, die so leben möchten, wie sie sich intellektuelle Kunstschaffende aus Brooklyn vorstellen, die in ihrem Maleratelier wohnen und dort großflächig mit Acrylfarbe auf der bei einem neckischen Streifzug direkt aus dem East River gefischten Auslegeware herum aasen? Alter Verwalter! „Schatz, guck mal, der ist wirklich äußerst flott mit diesem frechen, pinken Farbspritzer da!“ Pink bekleckert – sehr praktisch, wenn die Kinder mal wieder ihren Erdbeerjoghurt durch die Gegend kotzen, dann muss das gute Stück nicht gleich sofort in die Reinigung…

Was für degenerierter Spießermüll mit einverleibten Möchtegern-Künstlerallüren! Sofort das Wahlrecht entziehen! Oder zumindest einen nassen Lappen um die Ohren hauen… Solche Ästhetik-Verbrecher tragen auch gelbgrüne Freizeithemden. Brillenkordeln. Ringelsöckchen in Sandalen als Partnerlook.

Angesichts der heutzutage üblichen Teppichauswahl bleibt der Orientteppich von Oma weiterhin unten im Wohnzimmer Gartendurchgang liegen – mindestens für die nächsten 20 Jahre!

  • „Schatz! Komm, her – Silberhochzeit! Lass es uns auf dem pinkverspotzten Schmodderteppich treiben, wie diese frechen Künstlertypen aus Neff Jork!“
  • „Ja du geile Sau mit deiner frechen Fliederlocke – ich pack dich an deinen Cellulitequolpen und mach Dir den dreifachen Brooklyner!“

Shabby-Chic. Echt frech.

18 Gedanken zu “Breitstrahlkotze & Augenkrebs im Möbelhaus

    • ich oute mich dann mal als Jeans mit Sitzfalten-Käufer, das finde ich ganz ok.

      Das mit den grossen Löchern mag ich auch nicht, wenn sie da und dort etwas angeraut sind, störts mich aber nicht.

      Und ja das Zeug von Dolce & Gabbana – so geil es teilweise ist – ist nicht nur unbezahlbar sondern auch noch frech überteuert. Kürzlich habe ich wunderschöne Schuhe von Prada, meine ich mich zu erinnern, gesehen, die waren sogar im Outlet noch zu teuer – nicht weil ich das für ein richtig cooles Paar nicht ausgeben würde, sondern weil die niemals soviel wert sein können.

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  1. Mit den Bettwäschemustern habe ich seit bald 20 Jahren meine liebe Mühe – mit Teppichen weniger, da sollte es einfach nach Möglichkeit Wolle und nicht Polyester sein und meinen Farbvorlieben entsprechen – das aktuelle Stück im Wohnzimmer (sonst haben wir keine Teppiche) habe ich bei ner Outlet-Webseite für wenig Geld bestellt und zufälligerweise passt er perfekt zu den neuen Sofas – was nicht mal Absicht war, denn ich kann ohne mit der Wimper zu zucken komische Farben zusammen kombinieren, wenn mir beide gefallen. Der Teppich ist in Altrosa-Tönen, die Sofas dunkler gegen pflaume gehend. Ich hätte gerne petrolfarbene gehabt, doch das gefiel dem Mann nicht.

    Shabby Chic gefällt mir nicht schlecht, wenn entweder echt oder selber gemacht, nicht jedoch vom Fliessband.

    Wir wohnen fast ausschliesslich in Ikea-Möbeln. Die Sofas sind aus einem „echten“ Möbelhaus. Dann besitze ich noch einen Uralt-Schreibtisch, den ich bei einem Ausverkauf erstanden habe – das Mobiliar war eigentlich nicht im Ausverkauf, nur die Waren, doch die Inhaberin war so glücklich, weil der ihrem Vater gehört hatte, dass ich den kaufen wollte – und ich auch. Und ich mag auch heute noch gebrauchte Möbel aus dem Brockenhaus – so gehts mir allerdings auch mit Klamotten – statt neue, nehme ich auch gerne die abgelegten von Freunden, ich finde das kuschelig.

    Ich hatte mal nen Freund, der hatte eine Harley mit Reisslack – DAS gefiel mir sehr gut.

    Als wir vor ca. einem Jahr die Sofas aussuchten, habe ich den Rest im Möbelhaus gar nicht angeschaut, von daher habe ich keine Ahnung, was so in ist – ich verstehe jedoch deine Gedanken sehr gut. Ich mag ja diese Pseudo-Trendy-Leute sowieso nicht.

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  2. Ja, überall nur hässliche Bettwäsche. Bei den Verkaufssendern kann man sie auch bewundern, die Garnituren sind meist aus Plastik. Wie steht es eigentlich damit? Sollten Plastiktextilien zum Schutze der Umwelt nicht auch verboten werden? Was ist dagegen das Verbieten von Strohhalmen? Ein Pullover = 300 Strohhalme?

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