Staubgenossen

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„Si tacuisses, philosophus manisses“ (1), heißt es so schön – also wäre es eigentlich klüger sofort das Bloggen einzustellen. Aber „qui vitat molam, vitat farinam“ (2) – ohne Einträge auch keine Leser… 😉

◾ Unser Wohnzimmer dient weniger dem Wohnen, als so ziemlich allen anderen vorstellbar möglichen Zwecken. Lange Zeit war es diesen Sommer improvisierte Holzwerkstatt, im Winter kommen ein paar Pflanzen von der Terrasse nach innen, dann ist es eher Gewächshaus. Meistens ist es Lagerraum, denn die Hütte wird hier allmählich zu klein. Ich verstehe das irgendwie nicht – obwohl ich mich in puncto Quadratmeterzahl bisher in den allermeisten Fällen bei jedem Ortswechsel deutlich verbessert hatte, reichte der Platz meistens binnen eines überschaubaren Zeitraumes nicht mehr aus! Es häuft sich. Anfangs genügte ein WG-Zimmer, dann eine Zweizimmerwohnung. Auf eine 82-m²-Wohnung folgte eine mit 105 m². Jetzt ist Haus „Zweieichen“ auch schon wieder vollgestellt bis unter die Decke!

Da wir im konventionellen Sinne kaum „wohnen“ (TV-glotzend pseudo-romantisch aufeinander glucken und dabei Junkfood aus Schälchen klauben…) und auch Gäste so gut wie nie eingeladen werden (dann wäre das hier schließlich kein Exil, sondern eine Residenz!), ist das „Wohnzimmer“ momentan oftmals nur Durchgang nach draußen – vorbei an allerlei Dingen. Manchmal müssen Dinge abgestaubt werden. Hier kommt Philomena ins Spiel. Ich bin zwar Freund einer gewissen (formalästhetischen) Ordnung und Systematik – aber nicht des Hausputzes. Solange Klo und Küche nicht verschmoddert sind und nirgends Essensreste vor sich hin gammeln, kann es meinethalben überall gepflegt einstauben. Museale Patina. Meine Hausgenossin ist diesbezüglich genau andersherum gepolt: Bei ihr kann alles ruhig kreuz und quer vollgestellt und zugestapelt werden – aber dafür sollte die Hütte besser klinisch- als nur besenrein sein! Sauberkeit vor Ordnung, statt Ordnung vor Sauberkeit

Also wurde heute abgestaubt. Dabei stieß sie auf ein verstaubtes Buch mit lateinischen Redewendungen. Keine Ahnung, wann ich dieses Zitatenlexikon zuletzt in den Händen 0170 Nota benehielt, oder gar benutzt hatte: Vor zehn Jahren? Vor zwanzig Jahren? Hatte ich daraus mal ein Zitat für eine Rede entnommen? Vielleicht anlässlich Olivers Hochzeit? Keine Ahnung. Sie bat mich, sie während ihrer Abstaube-Tätigkeit aus dem Buch abzufragen. Philomena verfügt über die bemerkenswerte, mich immer wieder verblüffende Fähigkeit, auch nach Jahrzehnten noch über einen erstaunlich festsitzenden Schatz von Schulbildung zu verfügen. Grammatik, Schulmathematik, usw.. Ich habe diesbezüglich erheblich mehr vergessen, oder aber mit später erworbenem Wissen überschrieben. Bin schon froh, wenn ich ohne Taschenrechner noch das kleine Einmaleins auf die Reihe bekomme… Philomena war dann entsprechend gut bei der Übersetzung der lateinischen Redewendungen und Zitate.

Doch irgendwann drehte sie den Spieß um und begann mich abzufragen! Mir rutsche das Herz in die Hose, denn ich war in Latein dermaßen schlecht, dass ich während meiner Zeit auf dem Gymnasium nicht einmal das große Latinum erworben hatte – lediglich das kleine Latinum hatte man mir gewissermaßen als „Trostpreis“ hinterhergeschmissen… Peinlich! Aber mir kamen wohl meine Allgemeinbildung und meine beträchtliche Fremdwörterkenntnis zur Hilfe, denn ich stellte mich beim Übersetzen der Zitate gar nicht so kläglich an, wie befürchtet. War dann völlig unerwartet sogar fast so gut, wie Philomena. Unsere Lateinstunde im Wohnzimmer machte mir sogar ein bisschen Spaß, denn dabei wurde endlich einmal der Geist gefordert – man ist es ja leider fast schon gewohnt, sich vielmehr berieseln zu lassen, als selber scharf nachzudenken und in den tiefsten Hirnwindungen nach Erinnerungsbrocken zu wühlen. Wikipedia ersetzt auch bei mir zunehmend das Selber-Wissen. Statt Bildung zu verankern, lernt man lediglich, wie man dieses schnellstmöglich im Internet aufspürt. Recherche statt Konsolidierung. Kein Wunder, dass die Generation der Millennials so bekloppt und glattgeschliffen angepasst ist: Lauter Fachidioten mit gleichgeschalteter Kollektivideologie. Einer guckt vom anderen ab – bloß nicht aus dem Schwarm ausscheren… Aber bereits Cicero hinterließ uns: „Sapientissimus est, cui, quod opus sit, ipsi venit in mentem!“ (3)

Das Gute an Philomena ist ihre Ähnlichkeit in vielerlei Dingen und Belangen. Homogener Stallgeruch. Gleichklang. Mit wem könnte man sonst noch in gemeinsamer Bergungsfreude von Latein-Fragmenten schwelgen? Wir sind da beide gleichermaßen „verstaubt“. Tote Sprache in einem leblosen Salon. Wohnzimmer ohne Gäste. Eingestaubtes Exil.

„Formicis gaudet formica, cicada cicadis.“ (4)

  1. „Wenn du geschwiegen hättest, wärst Du ein Philosoph geblieben.“
  2. „Wer nicht zur Mühle geht, bekommt auch kein Mehl.“
  3. „Am weisesten ist, wem selbst einfällt, was er braucht.“
  4. „An Ameisen hat die Ameise ihre Freude, an Zikaden die Zikade.“

20 Gedanken zu “Staubgenossen

  1. Ich liebe Latein, eine späte Liebe. Auf Druck meiner Eltern habe ich damals auf dem Gymnasium Französisch gewählt, eine Sprache zu der ich nie einen guten Zugang gefunden habe. Nach dem Schulwechsel in der Oberstufe konnte ich selbst wählen und nahm Latein. Das passte besser zu mir.

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  2. latein ist was für besserwisser, angeber und die sogenannte bildungs-elite. leider sind auch heute noch viele fachbereiche vom lateinischen infiziert. hauptsache man sagt was, das nur 5 % der menschen verstehen (wenn überhaupt). das klingt dann ungeheuer gebildet und abgehoben. kein wunder, dass allen voran der papst seine predigten in latein vorträgt. (würg!)
    geil fände ich, wenn die nutten latein als ihre berufssprache entdeckten! das wäre mal was anderes…

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      • die sprache kann gar nichts dafür. es sind die menschen, welche eine sprache, die längst der vergangenheit angehört, zu einer bildungssprache machten. mich stört dieser elitäre habitus dabei. für die völkerverständigung und die verständigung der menschen untereinander sind die „lebendigen“ sprachen wichtiger.

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    • Na! Zumindest trainiert Latein das Gehirn (man lernt es ja nicht zum „fließend“ sprechen, sondern übersetzt eher so, wie man sich einer Matheaufgaben widmet) – andere Leute machen deshalb dann eher Sudokus…
      Außerdem sind gute Lateinkenntnisse doch allenfalls noch in der Generation 70+ ein elitäres Merkmal – bei den Jüngeren zeigt doch eher Englisch auf Muttersprachlerniveau, dass man „dazu“ gehört. Oder noch oberflächlicher: Das Louis Vuitton-Täschchen, iPhone XS Max, usw. …

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  3. Mir ist es auch nicht peinlich, dass ich kein Latein hatte – je nach Berufswahl ist das halt auch obligatorisch (jedenfalls bei uns). Ich kann die üblichen Sätze aus Asterix und das eine oder andere Zitat, das muss genügen. Ich liebe Sprachen und ihre Entwicklung, jedoch nicht so sehr, dass ich Latein lernen möchte. In Wettingen (grosses Dorf in der Nähe) finden grad dieses Wochenende Latein-Tage statt – wie mir das Radio berichtet hat.

    Bei uns räume ich auf, aber nur meinen Kram und der Herr putzt (hasse ich, hatte vorher eine Putzfrau). Wir haben zwar nur drei Zimmer, sind jedoch auch vollgestellt und dann gibts noch meine Mutter, die alleine in einem ca. 5-Zimmer-Haus wohnt und lamentiert, sie könnte niemals in einer Wohnung wohnen – hahaha – klar kann man – mich stört das Gestapel auch nicht, es muss nur halbwegs ordentlich sein. Staub und so lässt mich kalt – auch bei mir muss nur Bad und Küche sauber sein und es sollte möglichst nichts rumkreuchen oder schimmeln.

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