Das schwarze Schaf in der Salzurne

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0006 LogoTrauer

Gestern telefonierte meine jĂŒngste Cousine mit mir – sie hatte gerade erst vom Tod meines australischen Onkels erfahren. Der australische Onkel galt ja, wie ich in diesem Eintrag berichtete, als eine Art „schwarzes Schaf der Familie“ – nun er war nicht nur mein Lieblingsonkel, sondern auch der Lieblingsonkel jener Cousine. Heimlicher Held ihrer Kindheit. Sie ist nĂ€mlich mittlerweile auch solch ein „schwarzes Schaf“, empfindet sich zumindest ein bisschen so. Und ist es vermutlich mehr als ich. Zwar nicht wirklich „schlimme“ Kindheit, aber dennoch „furchtbare“, weil Kind zweier Lehrer und dermaßen abgelegen auf dem Lande im Wald lebend aufgewachsen, dass kaum Fluchtmöglichkeiten bestanden
 Nach dem Abi dann Auszug auf nimmer Wiedersehen, Großstadt, Dreadlocks und Fundamentalopposition. Studienabbruch, öko, alternativ, Kioskbesitzer als Lebenspartner. Vermutlich also sogar etwas „schwarzschafiger“ als ich
 😉

Habe sie jahrelang nicht mehr gesehen oder gesprochen und mich deshalb schon ein wenig auf die gemeinsame Fahrt zur Bestattung gefreut, die wir gestern vereinbart hatten – das hĂ€tte bestimmt eine fabelhafte Fachsimpelei der „schwarzschafigen“ Art gegeben
 350 Kilometer Zeit zum Kennenlernen, nachdem man Jahrzehnte in seinen jeweiligen Blasen aneinander vorbei gelebt hat.

Wird nun nichts draus. Denn mein verstorbener Onkel geht dahin zurĂŒck, woher er stammt: Geboren wurde er an der masurischen OstseekĂŒste – in einer „Seeurne“ geht er zurĂŒck ins Wasser der baltischen See. Er hat sich eine anonyme Seebestattung gewĂŒnscht. Seine fast 30 Jahre jĂŒngere LebensgefĂ€hrtin Ă€ngstigte sich schon vor der anstehenden Trauerfeier – lauter ihr unbekannte, uralte Verwandte die plötzlich aus dem Nichts auftauchen, nachdem sie sich zuvor ewig nicht gezeigt haben
 Außerdem kostet solch eine Trauerfeier ziemlich viel. Eine Feier, die anderen zuliebe abgehalten wird, nur um irgendwelchen Konventionen zu genĂŒgen. Das wĂ€re nicht im Sinne meines verstorbenen Onkels gewesen. Der wollte lieber still verschwinden. Sich einfach auflösen. Ohne großen Trubel und hohe Folgekosten. Das schwarze Schaf in der Salzurne. Also demnĂ€chst (sobald er von seinen in Australien lebenden Kindern mit allen dazu benötigten Pi-Pa-Po-Papieren zur Bestattung freigegeben ist) eine anonyme Seebestattung in der Ostsee. Ohne kuchenfressendes Gelage. Ohne unpassendes Gestammel von Leuten. Sehr in seinem Sinne. „Schwarzschafig“.

Meine alternative, aus dem Familienclan weitgehend ausgestiegene Cousine muss ich nun irgendwann einmal bei einer anderen Gelegenheit besser kennenlernen. Falls es dazu kommen sollte. Immerhin telefonierten wir heute ein zweites Mal. Wir haben in unserem Leben ĂŒberhaupt nur zweimal direkt persönlich miteinander telefoniert – gestern und heute. In den ganzen Jahren zuvor begegneten wir uns immer nur im Setting von Familienfeiern (auf denen wir uns, unabhĂ€ngig voneinander und aus recht unterschiedlichen GrĂŒnden, ĂŒber die Zeit vermutlich als jeweils zunehmend „schwarzschafiger“ empfanden).

9 Gedanken zu “Das schwarze Schaf in der Salzurne

  1. Eine Trauerfeier, nur weil man das macht, geht gar nicht.

    Als mein Vater starb, ist seine Mutter mit „ihren“ Leuten (sie wĂ€re halt immer gerne was besseres gewesen) in ein Restaurant zum Schmaus gefahren, weil wir uns geweigert haben, ein Essen zu veranstalten. Die Trauerfeier war die kĂŒrzeste meines Lebens – 25 Minuten, mein Vater hatte mit der Kirche gar nichts am Hut. Meine Mutter hat eine grosse kalte Platte bestellt und wir haben uns daheim um den Esstisch gesetzt mit sicher einem Freund meines Vaters total lustig unterhalten haben.

    Als ebendiese Oma starb, haben wir zum Leidwesen ihrer Verwandtschaft, die sehr wert auf Konventionen legen, aber alle Leichen im Keller haben und auch nur Proleten wie wir sind, nicht mal eine Trauerfeier veranstaltet, sondern nur eine Abdankung am Grab und wieder kein Leidmahl (Leichenschmaus tönt immer als wĂŒrde man die Leiche essen fĂŒr mich). Ausserdem war die dĂ€mliche Frau Pfarrer sowieso sauer auf uns, weil wir uns (aufgrund unser aller psychischen ZustĂ€nde) ĂŒber gewisse Vorlieben der Oma hinweggesetzt haben. HĂ€tte ich vorher gewusst, dass ich auch einen anderen Pfarrer hĂ€tte bestellen können, wĂ€re ich dort rausgelaufen und hĂ€tte das getan. Leider hat mir das Mama erst hinther erzĂ€hlt – dann wĂ€re die Pute erst recht sauer gewesen.

    Bitte triff deine Cousine – vielleicht entwickelt sich ein guter Kontakt daraus. Besonders schwarzschafig finde ich sie nicht – ich habe immer grosses VerstĂ€ndnis, wenn sich jemand aus so einem Umfeld so verhĂ€lt wie sie – und Lehrer als Eltern ist ja wohl etwas vom Schlimmsten ĂŒberhaupt *quiek*

    GefÀllt 1 Person

  2. Ich wĂŒrde mich auch so beerdigen lassen, aber glaub in Deutschland geht das nicht….mir geht dieser „Grabpflegewettbewerb“ den es hier auf den lĂ€ndlichen Friedhöfen gibt auf den Keks. Außerdem will ich nicht dass meine Kids Geld fĂŒr sowas rauswerfen! Sie sollen lieber davon gut leben!

    GefÀllt mir

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