Das schwarze Schaf ist tot…

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0006 LogoTrauer

In jeder Familie – zumindest den etablierten, alteingesessenen, konservativeren und auf Etikette bedachteren – gibt es ein „schwarzes Schaf“, oder zumindest einen „komischen Onkel“. Nun, mein australischer Onkel war wohl beides in Personalunion. Heute Morgen lag er tot in seinem Bett.

Nach einem bewegten Leben, in dem er vielleicht ein- bis zweihundert verschiedene Jobs ausgeĂŒbt hatte, mehrmals zwischen Deutschland und Australien hin und her gezogen war und an zwei Orten auf dem fĂŒnften Kontinent nach Ehescheidungen Cousinen und Cousins von mir zurĂŒckgelassen hatte. Meine australische Verwandtschaft geht also auf ihn zurĂŒck, der in den 60er Jahren dorthin vor der Einberufung zur Bundeswehr geflohen war.

Mit seinem schrottreifen WĂ€gelchen war er von zuhause getĂŒrmt – nach einigen Wochen erhielt mein Urgroßvater von seinem Enkel eine Postkarte aus Teheran, wo das Autochen mit dem luftgekĂŒhlten Zweitaktmotor endgĂŒltig verreckt war. Zwischenzeitlich standen die Bundeswehr-FeldjĂ€ger bei meinen Großeltern vĂ€terlicherseits mit dem Einberufungsbefehl vor der TĂŒr. Sehr peinlich fĂŒr meinen Großvater, der damals selbst Chef eines Bundeswehrlazaretts war und in jenem Verein einen entsprechend hohen Dienstrang bekleidete… Damals, als mein Onkel ohne Angabe von Zielen und PlĂ€nen von zuhause ausbĂŒxte, wurden bereits die Fundamente der „Schwarzes Schaf“-Rolle gelegt. Der sich in den Folgejahren entfaltende unstete Lebenswandel und die beiden Scheidungen sorgten dann spĂ€ter dafĂŒr, dass sich in meiner Großelterngeneration diese Rolle meines australischen Onkels weiter verfestigte und meine Oma vĂ€terlicherseits beispielsweise ihren KaffeekrĂ€nzchendamen auf den geblĂŒmt-gepolsterten StĂŒhlchen niemals etwas ĂŒber ihren mittleren Sohn erzĂ€hlte, immer nur vom Ă€ltesten (meinem Vater) und vom jĂŒngsten – den „funktionierenden“ beiden


Ich habe meinen „australischen“ Onkel nur alle fĂŒnf oder sechs Jahre einmal gesehen, oft anlĂ€sslich besonderer Familienfeiern. Schon als Kind liebte ich seine ausschweifenden ErzĂ€hlungen von exotischen Orten und schrĂ€gen Begebenheiten. Ich merkte damals schon sehr frĂŒh, dass er teils recht stark polarisierte, als „Crocodile Dundee“-Haudegen zwischen all den braven BildungsbĂŒrgern. Ich hörte ihm gerne zu. Am spĂ€ten Abend wurden seine Geschichten allerdings regelmĂ€ĂŸig etwas konfus und vernuschelt, er trank viel und gerne
 In meiner Erinnerung lĂ€uft er immer mit einem Glas in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand herum. Dass er ĂŒber ein halbes Jahrhundert lang ketterauchend und jeden Tag mindestens ein oder zwei Flaschen Bourbon killend ĂŒberhaupt fast 80 Jahre alt wurde, grenzt wohl fast schon an ein medizinisches Wunder.

Nach dem in den 60er Jahren in Persien der alte DKW seinen Geist aufgegeben hatte, setzte er die Flucht vor der Einberufung (der man damals noch nicht durch das Ableisten eines Zivildienstes entkommen konnte) – als frĂŒhem Hippie war ihm alles MilitĂ€rische verhasst, zumal der prĂŒgelnde Alte dort ein hohes Tier war – zu Fuß fort und stand irgendwann am Ufer des indischen Ozeans. Er heuerte als Schiffskoch auf einem indonesischen Bananendampfer an, obwohl er nicht kochen konnte. Dieses fiel der asiatischen Crew allerdings erst auf hoher See auf, als es immer nur RĂŒhrei mit Nudeln gab. In Australien schmissen sie ihn von Bord.

Sein bester Posten in Australien war so etwas wie der eines „technischen Direktors“ der „Stadtwerke“ von Sydney. Aber oftmals schlug er sich auch nur irgendwie so durch. RasenmĂ€hermann, Hochzeitskutscher, HundeausfĂŒhrer, „Tour Guide“ im zentralaustralischen Outback und auch mal außerhalb Australiens in SĂŒdamerika. Er war mehr Abenteurer, als BĂŒroarbeiter und deshalb nicht lange auf dem Ingenieursposten in Sydney, den er bekommen hatte, weil er Anfang der 70er Jahre, als er nochmals kurz in Deutschland war, dort ein paar Semester studiert hatte – in Australien brauchte man damals kein Diplom, sondern lediglich Charisma, ein gutes Auftreten und ein paar Semesterbescheinigungen aus Europa, um den Job zu ergattern. Er war lieber draußen im Busch, als im Wolkenkratzer zu sitzen. Eine Weile lang lebte er sogar in einem Erdloch – als OpalschĂŒrfer hatte er sich ein Claim in Coober Pedy abgesteckt. Coober Pedy ist ein winziges Nest in SĂŒdaustralien, der Name ist eine englische Schreibweise des Aborigine-Begriffs „kupa piti“, was so viel heißt wie „white man’s hole“. Die OpalschĂŒrfer nutzen dort die bei der Edelsteinsuche von ihnen selbst gebuddelten, gegrabenen, gebohrten und gesprengten Löcher gleich als kĂŒhle Höhlenwohnungen. Oft komplett mit Fernsehsofa und KĂŒchenzeile eingerichtet in zehn Metern Tiefe. Als Kind war ich von solcherlei Geschichten schwer beeindruckt und noch beeindruckter war ich, als mir mein Onkel fĂŒr meine kleine Mineraliensammlung eines Tages zwei kartoffelgroße Roh-Opale schenkte


Er war auch ein passionierter Segler – wenn auch nie mit einem eigenen Boot. Eine Zeit lang ĂŒberfĂŒhrte er quasi „hauptberuflich“ Segelyachten, etwa von Nord- nach SĂŒdaustralien, einmal um den halben Kontinent. Oder rĂŒber nach SĂŒdafrika. Gemeinsam mit seiner ersten Hippie-Ehefrau (der Mutter meiner Ă€ltesten Cousine), machte mein Onkel einmal mitten in der WĂŒste eine Töpferwerkstatt auf. Überhaupt machte er sehr hĂ€ufig irgendetwas „auf“, das dann hinterher schnell wieder „zu“, also futsch war. Oftmals ließ er sich mit windigen „Freunden“ – mit denen er nach einem gemeinsamen Sundowner in einer Bar am Arsch der Welt stets blitzschnell brĂŒderlich war, bis sie ihn dann spĂ€ter ĂŒber den Tisch zogen – auf windige GeschĂ€fte ein. Seinen Erbteil von meiner Großmutter vĂ€terlicherseits hatte er bereits nach zehn Tagen vollstĂ€ndig verbraten: Er hatte mit zwei „neuen“ Kumpels (die sich vermutlich mit ihm angefreundet hatten, nachdem sie gemeinsam zwei oder drei Flaschen Tennessee-Whisky geleert hatten und er ihnen dabei von seinem Erbe aus Germany erzĂ€hlt hatte) in irgendeine „todsichere“ GeschĂ€ftsidee mit verrosteten Wasserpumpenteilen investiert. Der jĂŒngere Bruder meines Vaters hat seinen Erbteil zwar auch verbraten, aber mit Infineon- und Telekom-Aktien, was entschieden lĂ€nger dauerte und ihm wenigstens noch einen kĂŒmmerlichen Rest ließ. Mein Vater hatte hingegen die Wohnung meiner Oma behalten und seine BrĂŒder ausgezahlt. Auf diese Weise fuhr er damals am besten. Mein Vater erzĂ€hlte allerdings auch nicht so viele spannende und exotische Geschichten auf Familienfeiern


Mein australischer Onkel war auch ein leidenschaftlicher Kunstmaler (bis er eines Tages in einem Anfall von jĂ€hem Selbstzweifel und Frustration alle Werke mit zwei Kanistern Dieselöl in der WĂŒste verbrannte) und ein großer Jazzer – in unzĂ€hligen Bands zupfte er seit seiner Schulzeit den Kontrabass. War phasenweise auch Profimusiker, gerade in den Dixiland-Revival-verrĂŒckten 70er Jahren spielte er zeitweilig quasi „hauptberuflich“ auf Hochzeiten (bei denen er oftmals auch die Pferdekutsche lenkte) und Firmenfeiern auf. Manchmal machten meine beiden Onkel auf irgendwelchen Familienfeiern gemeinsam „Hausmusik“ – ich glaube seit jenen Kindheitstagen mag ich Jazz. Auch wenn das nicht meine Lieblingsmusikrichtung ist. Ich habe deutlich mehr Rock-, Metal-, Elektro- und Klassik-CDs, als Jazzalben. Aber Jazz, Swing und Blues war durch meine beiden jĂŒngeren Onkel immer irgendwie in der Familie prĂ€sent. Nur mein Vater scherte, als jemand der fast ausschließlich Klassische Musik hört, aus diesem Kanon aus.

In den letzten Jahren ging es meinem Onkel nicht mehr so gut. Ich habe ihn soweit ich weiß im Januar 2011 zum letzten Mal gesehen. Bis vor drei oder vier Jahren haben wir aber sehr hĂ€ufig miteinander telefoniert. Im Prinzip sind wir so etwas wie die „schwarzen Schafe der Familie“ in ihrer jeweiligen Generation, zumindest die signifikanten Abweichler von der Norm tiefeingetretener Pfade. Ich habe bei diesen Telefonaten viele Geschichten gehört und etliches erfahren, das andere aus der Familie gar nicht wissen. Gegen Ende wurden die TelefongesprĂ€che aber anstrengend. Der einstige „Lebensstil eines Rockstars“ forderte zunehmend Tribut – oftmals war mein Onkel am Telefon Ă€hnlich orientiert wie Ozzy Osbourne zu jener Zeit, als die Doku-Soap „The Osbournes“ gedreht wurde, wenn dieser in der Serie gerade einen eher schlechteren Tag erwischt hatte. Definitiv zu viele Sundowner. Schade. Irgendwann schlief das Telefonieren dann vollstĂ€ndig ein. Obwohl mein australischer Onkel die letzten anderthalb Jahrzehnte nicht mehr 16.000 km entfernt lebte, sondern nur noch 350, habe ich ihn dort leider nie besucht. Mit seiner fast 30 Jahre jĂŒngeren LebensgefĂ€hrtin aus dem Osten Deutschlands verbrachte er seinen Lebensabend in deren Heimatstadt. Sie war damals Ende Zwanzig gewesen, als sie sich auf einer mehrmonatigen Australienreise mit einer Studienfreundin in den Ă€lteren Haudegen verliebte, den „Tour Guide“ ihres Abenteuerurlaubs, der tödliche Giftschlangen mit der Hand fing und abends am Lagerfeuer die tollsten Schoten von sich gab. Irgendwann krabbelten die beiden MĂ€dels nachts zu ihm ins Zelt. Mit einer der beiden blieb er dann bis heute zusammen. Er hatte ihr damals erzĂ€hlt, er sei 47 Jahre alt. Erst als sich mein Vater der jungen LebensgefĂ€hrtin meines Onkels gegenĂŒber am Telefon verplapperte („Wie 50ster Geburtstag? Mein Bruder wird 60!“), flog auf, dass er sich zehn Jahre jĂŒnger gemogelt hatte. So war er halt, mein Onkel
 😉

Normalerweise bleiben jĂŒngere Frauen mit drei Jahrzehnte Ă€lteren Kerlen nur zusammen, wenn diese ordentlich Schotter haben – aber mein Onkel hatte im Alter nur eine bescheidene deutsche Rente auf Hartz-IV-Niveau, die er auch nur ausgezahlt bekam, weil er nicht mehr Down Under lebte, sondern in NeufĂŒnfland. Zum Schluss scheint seine LebensgefĂ€hrtin ihn dort gepflegt zu haben – bis er heute Morgen nicht mehr aufstand. Es muss also echte Liebe zwischen den beiden gewesen sein.

Die letzten Jahre ĂŒber gab es nur noch sehr wenig Kontakt zwischen meinem australischen „komischen Onkel“ und dem Rest der Sippschaft. Viele alte Verwandte liegen schon lĂ€nger unter der Erde und mein Vater ist selber hochbetagt und unbeweglich. Weiß gar nicht, ob da groß jemand von unserer Familie hinfahren wird
 Vielleicht sollte ich zu seiner Beerdigung fahren – er war immerhin mein Patentonkel. Kleines schwarzes Schaf und großes schwarzes Schaf. 😩

20 Gedanken zu “Das schwarze Schaf ist tot…

  1. Von innen konserviert und gerĂ€uchert hĂ€lt man sich lĂ€nger 😉 Insofern hat er doch alles richtig gemacht – gelebt, geliebt, geraucht, gesoffen. Wenn du euch als schwarze Schafe der Familie siehst, dann solltest du aus SolidaritĂ€t auch zur Beerdigung fahren.

    GefÀllt 4 Personen

  2. Unbedingt sollst du zu dieser Beerdigung fahren – einerseits fĂŒr deinen Onkel, andererseits damit die Familie weiss, dass es noch nicht vorbei ist 😀

    Ich grinse hier vor mich hin und trinke in Gedanken auf diesen Onkel. Wir sind eine ganze Sippe schwarzer Schafe – vor allem auf Vaters Seite. Sie versuchen immer den Anschein zu erwecken, sie hĂ€tten irgendwas im Griff, doch dann tanzt doch wieder einer seinen eigenen Tanz. Wobei ich sagen muss, dass ich, seit alle Onkel und Tanten meines Vaters verstorben sind, auch nicht weiss, was deren Kinder machen – wir hatten mit denen nie viel Kontakt. Wir sind allerdings „nur“ Working Class.

    Mein Liebling ist der Onkel meines Vaters, der einst im Suff in ZĂŒrich seine Handharmonika versetzt hat. Am Morgen rief er dann bei seiner Schwester an und der Sohn von ihr fuhr dann nach ZĂŒrich, löste die Handharmonika aus und brachte den Onkel wieder mit nach Hause. Dieser Onkel hat einen Sohn, der Musiklehrer und psychiatrieerfahren ist. Dann ist da mein Vater, der als Vater völlig versagt hat, als coole Socke jedoch von mir einen Preis erhalten wĂŒrde und wir (meine Schwester und ich). Beide ebenfalls psychisch erkrankt und typische Non-Konformisten.
    Auf Vaters Seite haben auch fast alle ein Alkohol-Problem gehabt und meine Schwester hat da eine Zeitlang heftig mitgemacht, mit Drogen und SchnĂ€psen – doch seit lĂ€ngerem ist sie trocken, jedoch nicht ganz clean und ich hoffe, das bleibt so. Es gab schon Jahre, da hatte ich Angst um sie.

    Diese schwarzen Schafe sind meine Lieblingsverwandten in jeder Sippe und ich bin auch immer sofort auf deren Seite – das Totschweigen der Mutter finde ich extrem peinlich, doch ich weiss, dass das in diesen Generationen und bei einem gewissen Stand ĂŒblich war/ist.

    GefÀllt 1 Person

    • Eine ganze Herde schwarzer Schafe folglich – sehr schön… 😉
      Und ja, das Elternhaus meines Vaters war sehr streng und traditionell, seine Eltern waren aus den JahrgĂ€ngen 1908 und 1915 soweit ich weiß, und dann war man ja auch noch adelig zu allem UnglĂŒck… 🧐

      GefÀllt mir

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