Schöne lange Asche…

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Schöne lange Asche hatte ich gerade an meiner Zigarre, die ich im nächtlichen Garten rauchte. Ich gestattete mir einen erlesenen Smoke, wie ich ihn mir vor 15 Jahren noch mehrmals täglich entzündete – heute gönne ich mir Zigarren dieser Preislage nur noch einmal alle paar Monate. Beim paffenden Umherwandeln trug ich eine Wollmütze, die mir auch als „Sturzhelm“ gute Dienste leistete, denn momentan fallen alle paar Sekunden ganze Salven von Eicheln von den beiden uralten Bäumen.

Ohne diese Wollmütze gehe ich derzeit nicht mehr vor die Tür, denn ich fühle mich ansonsten ein wenig peinlich „entstellt“

Die ausrasierte Kahlstelle mit der prangenden OP-Wunde schaut schlichtweg zu gesellschaftsfeindlich aus. Eigentlich bin ich nicht mehr so eitel – jedenfalls nicht mehr in dem Maße wie einst, als ich noch rahmengenähte Budapester zum sandfarbenen Nadelstreifen-Maßanzug trug. Besonders attraktiv sah ich schon damals nicht aus, aber ich legte Wert auf einen überaus gepflegten, distinguierten Stil. Darüber hinaus ist mir solch ein offensichtlicher Makel im Kopfbereich allein schon unter formalästhetischen Gesichtspunkten ein Graus – obwohl ich ihn am Hinterkopf selber nicht sehen kann. Oder gerade deshalb. Ich stelle mich wohl ein bisschen an.

Immerhin heilt die Blessur erfreulich gut, wenn auch unter einem deutlich vernehmlichen Jucken. Dennoch fühle ich mich „unvorzeigbar“. Zunehmend auch wegen der Haare – nach einer knappen Woche ohne tägliche Kopfwäsche, sehen diese leicht asozial aus. Also immer schön die Mütze aufgesetzt, wenn ich in der Öffentlichkeit agieren muss!

In letzter Zeit habe ich öfters (früher hatte ich das so gut wie nie) Kopfschmerzen. Nicht durch die heilende Wunde bedingt, sondern generell. Insgesamt baue ich langsam ab. Fühle mich älter und maroder. Mit momentan 94 Kilogramm habe ich das höchste Körpergewicht erreicht, das ich zu meinen Lebzeiten bisher hatte. Die Maßanzüge waren damals für eine 78-kg-Version von mir geschneidert worden. Jung und schlank und rank. Ich trinke zu viele Energy Drinks ohne dadurch energetischer zu werden. Esse lieber, als mich zu rühren. Verkomme zunehmend in der Passivität und erahne manchmal am Horizont bereits den wartenden Schnitter. Stinkefaul bin ich! Früher hatte so etwas noch keine gesundheitlichen Konsequenzen – mittlerweile müsste ich jedoch eigentlich Sport treiben. So wie Philomena. Ihr geht es täglich besser und ich bin in der Gegenrichtung unterwegs. Zunehmend klagt sie (berechtigterweise) über meine Faulheit im Haushalt. Sie blüht endlich auf. Joggt am frühen Abend eine 9-Kilometer-Runde mit 11 km/h. Traut sich wieder mehr zu und endlich auch zunehmend aus dem Haus. Nach 20 Jahren krankheitsbedingter Inaktivität kann sie sich gelegentlich sogar vorstellen, unter Umständen wieder eine Berufstätigkeit auszuüben.

Ihr kennt die Geschichte meiner Mitbewohnerin Philomena. Zumindest jene unter meinen Lesern, die mich schon auf der Blogging-Plattform myTagebuch gelesen haben. Aber ich hole für die neu hinzugekommenen Abonnenten besser nochmals ein wenig aus und skizziere einen Rückblick:

Mein Liebesleben währte gerade einmal ein gutes Dutzend Jahre. Ich fing spät damit an und hörte früh wieder auf. Früher war ich zu schüchtern, später zu zynisch für die Liebe. Dennoch kam in meinen bewegten guten Jahren (als ich weder schüchtern, noch allzu zynisch, ein leicht versnobter Salonlöwe war, ein kosmopolitischer Partygänger, fester Bestandteil der örtlichen Kunstszene und von champagnerlustigen Pseudointellektuellenrunden) eine zwar kleine, aber illustre Schar an Freundinnen, Gespielinnen, Gefährtinnen, Verlobten (aber ich heiratete nie) und Affären zusammen (zweimal sogar mit myTagebuch-Blogging-Kolleginnen)… Meine letzte neue Liebe war anno 2011 Philomena, die damals tief im Süden mutterseelenallein in einem schönen, alten dreigeschossigen Haus am Hang lebte, das ihren Eltern gehörte. Sie wurde dort weitgehend sich selbst überlassen „endgelagert“: Krank, aussichtslos, verzweifelt, weitgehend bettlägerig und isoliert vor sich hin dämmernd. Austherapiert und ohne Hoffnung. Sie hatte mit dem Leben weitestgehend abgeschlossen – aber raffte ihren letzten verzweifelten Mut zusammen, um mich kennen zu lernen! Initial nahm sie an, ich würde sofort entsetzt auf dem Absatz kehrtmachen und wieder das Weite suchen. Aber ich kam immer wieder – stets 500 km hin und wieder zurück. Aus Wochen wurden Monate und wir tatsächlich ein unwahrscheinlich erscheinendes Liebespaar.

2012 kam dann im Sommer der Super-GAU: Philomenas Eltern verkauften ihr das schöne, ruhige Haus unterm Hintern weg und nötigten sie dazu, wieder ein Zimmer bei ihnen im Elternhaus zu beziehen. Unsere Treffen waren abrupt beendet worden. Philomena wagte es nicht, ihren Eltern meine Existenz zu offenbaren. Sie hätten ihr solcherlei Flausen in ihrem Zustand nicht zugestanden, befürchtete sie. Ein paar Monate gingen ins Land. Ihr ging es dort zunehmend schlechter. Ausgeliefert und kontrolliert, unverstanden zumal. Ich besuchte sie nach einer Weile ab und an dennoch. Nun als sporadischer Gast. Zu gemeinsamen Spaziergängen konnte sie zeitweilig aus dem Haus huschen. Es begann eine Zeit der Heimlichkeit und der ungewollten Distanz. Ich lebte bei solchen Besuchen im Hotel und sah Philomena manchmal nur ein paar Minuten am Tag. Im Mangel entwickelte sich aus einer Liebelei zunehmend eine Seelenverwandtschaft. Ich wollte und musste eine sterbende Seele retten: Philomena musste da unbedingt wieder raus!

Aber sie brauchte ein Haus. Ich auch. Ich hatte damals zwar eine riesige Wohnung in einem Randbezirk von „Shangri-La“, aber die war runtergerockt, zugequalmt und lag in einem asozialen Mietshaus über einer stinkenden Imbissbude. Eine bessere Lage konnte ich mir nach meinem beruflichen Absturz in jener sündteuren Nobel-Metropole nicht mehr leisten. Ich brauchte mehr Luft und mehr Platz! Philomena ein Haus (sie war schließlich an Häuser gewöhnt und nicht an lumpige Flats) – ein Exil. Ich war inzwischen auch reif für’s Exil. Scheiß auf alles! Ich suchte und fand ein Haus für uns. Ein bezahlbares Haus „Zweieichen“ in „Niedergüllestunk“, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen…

Nach wenigen Wochen war alles eingetütet und ich umgezogen. Allein. Philomena konnte nicht, wollte nicht, oder traute sich (noch) nicht. Vielleicht glaubte sie auch nicht mehr daran, dass ich das alles wirklich so meinte und wollte. Ich wollte! Ich kann zwar die Menschheit nicht retten, aber vielleicht einen einzelnen Menschen. Dachte ich. Philomena hätte das verdient. Ihr ging es damals wirklich dreckig. Gesundheitlich, psychisch, generell. Man liest hier auf WordPress so etliche Blogs von Leuten, denen es absolut mies geht – nun, Philomena ging es damals gleich zehnmal mieser, als den Leuten aus den miesesten Miesgeh-Blogs hier… Mindestens.

Ein Jahr sollte es dann noch dauern. Ich saß alleine in Haus „Zweieichen“ auf meinem Arsch. Im Sommer 2013 eskalierte im tiefen Süden die Lage: Philomena geriet aufs übelste mit ihrem völlig verständnislosen, unempathischen Vater aneinander. Ich fuhr hin. Ging ins Haus. War plötzlich präsent. Nach zwei oder drei Tagen traute sie sich endlich die lange Reise zu. Wir fuhren weg. Nun war sie hier.

Aber es war anders als anderthalb Jahre zuvor. Mitunter schwierig. Manches hatte sich verbraucht und überlebt. Wenn Träume wahr werden, erweisen sie sich eben oftmals als das, was sie waren – Träume. Es war nun anders.

Anders, aber auch gut. Geistiger. Wir hatten gemeinsam einen Leidensweg überstanden – das schweißt zusammen. Man kennt sich. Man kennt jeden Winkel der anderen Seele, die Dramatik jeglicher Problematik. Schonungslos ausgeleuchtet. Gleichklang ohne verbliebene Geheimnisse. Plan erfüllt – Seele gerettet? So leicht war das nicht. Man nimmt sich überall hin mit. Aber ich glaubte weiterhin an Philomena. Nach Jahren der Hindernisse und Verschlechterungen kann sich ein Individuum nicht schlagartig neu entfalten. Aber langsam heilen. Ihre körperlichen Malaisen hielt ich bereits seit 2011 für weitestgehend kurierbar. Sie waren nur jahrzehntelang ignoriert oder bestenfalls falsch behandelt worden. Aber teils reparabel. Seit Ende 2016 war die gesundheitliche Hauptbaustelle meiner „Lebensgefährtin“ bekannt. Von nun an ging es in kleinen Schritten bergauf. Drei Stufen hoch, zwei Stufen runter, drei Stufen hoch, zwei Stufen runter, drei Stufen hoch…

Inzwischen wiegt sie fast zehn Kilo mehr, wagt sich wieder vor die Tür. Trainiert auf ihren Fitnessgeräten. Sie blüht auf. Ihre langen Haare werden voller und glänzen wieder. Sie hat inzwischen eine bessere Figur als die 18jährige Tochter aus dem Nachbarhaus, die in „Niedergüllestunk“ gemeinhin als „überaus attraktiv“ gilt. Sie geht fast an jedem frühen Abend joggen. Heute kam ihr beim Laufen in Niedergüllestunk ein sich irgendwie dorthin verirrt habender Ferrari entgegen, der Fahrer hupte, winkte und lächelte sie an… Philomena ist eine äußerst attraktive, sportliche Frau geworden. Was mich sehr für sie freut! Ich glaube, sie wird nun langsam flügge… 😉

Vielleicht sollte ich die nächste Baustelle aufmachen: Diesmal wäre dann meine traurige Gestalt dran. Faul, 94 Kilo schwer, den anrückenden Schnitter bereits am Horizont erahnend – aber immerhin „schöne lange Asche“. Mein Lebensthema: Schöne lange Asche

 

 

 

 

 

6 Gedanken zu “Schöne lange Asche…

    • Na, die ist keine „Dorfschlampe“ – eher so eine arglos-tierliebe Junggrüne aus einem Sozialpädagogen-Elternhaus – sie gilt hier aber als „gutaussehend“ und muss daher als Gefahrenmagnet herhalten, wenn wieder gegen das Asylheim gewettert wird. Wenn sie dort vorbeiläuft, gehen bei den davor sitzenden Alis angeblich synchron die Hände in die Hosentaschen…

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  1. Mir fehlen grad etwas die Worte, weil sehr müde.

    Ich freue mich sehr für Philomena. Ich kannte ihre Geschichte ja noch nicht.

    Du hast jetzt einen Riesenstein bei mir im Brett – 1. weil du das für Philomena alles getan hast und 2. rahmengenähte Budapester – fucking sexy – meine Erstausbildung war Schuhverkäuferin und da die meisten Menschen keine Ahnung haben, was gute Schuhe sind, flippe ich jedes Mal aus, wenn jemand weiss was zB rahmengenäht ist *lach*

    Gefällt 1 Person

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