Update aus dem Krankenhaus

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Seit dem Sturzunglück und der anschließenden Operation meines Vaters bin ich jeden Tag mit meiner Mutter in die Klinik gefahren. Meine Mutter fährt seit 2009 kein Auto mehr, da sich ihre Sehleistung stetig verschlechtert, momentan hat sie noch etwa 30 Prozent.

Meinem Vater geht es inzwischen wieder deutlich besser. Heute ist er mit Hilfe zweier Physiotherapeuten bereits einen endlos langen Krankenhausflur an Krücken einmal auf und ab gegangen. Als meine Mutter und ich ihn nachmittags aufsuchten, trafen wir ihn bei einem Besuch erstmals außerhalb des Bettes an; er flitzte auf einem rollbaren WC-Stuhl durchs Zimmer. 😉 Ohne die Therapeuten soll er aus Sicherheitsgründen noch nicht selbstständig aufstehen und gehen – aber „rollen“ wurde ihm nicht explizit verboten, also trainiert er auf diese Art und Weise. Inzwischen sieht er auch nicht mehr wie ein Häuflein Elend aus, sondern wirkt fast schon wieder so, wie vor dem Sturzunglück. 🙂

Zum Glück ist er seit Freitagabend nicht mehr auf der kardiologischen Station – die im Vergleich zur Privatstation, auf der er seitdem ist, wirkte wie die Hölle im Kontrast zum Himmel. Die medizinische Betreuung war dort zwar akzeptabel, der Chefarzt der Kardiologie hat sich gut um ihn gekümmert und sich auch für ein längeres Gespräch mit meiner Mutter eine halbe Stunde Zeit genommen. Mein Vater hatte früher während seiner aktiven Berufszeit selbst etliche Jahre lang Herzkatheteruntersuchungen durchgeführt und viele hundert Herzschrittmacher implantiert, deshalb konnte er die Kompetenz des jüngeren Kardiologie-Kollegen gut einschätzen und war davon recht angetan. Aber das Medizinische ist schließlich nur die eine Seite der Medaille – die andere Seite, alles in puncto Pflege, war auf jener Kardiologischen leider katastrophal schlecht! Vermutlich lag das zum einen am mittlerweile in den Kliniken durch betriebswirtschaftlichen Renditeoptimierungs-Wahnsinn üblichen Personalmangel, zum anderen aber hauptsächlich am miesestes Betriebsklima, das man sich nur vorstellen kann: Eine aufs übelste gelaunte, drachenhaft-dominante Chefschwester führte die Station fast nach Manier einer KZ-Aufseherin und lauter blutjunge, ziemlich verscheucht wirkende Pflegepersonalanfänger entwickelten deshalb – mimimimi – keine Eigeninitiative und standen nur verschüchtert herum. Mein Vater wurde auf jener Horrorstation beispielsweise unnötig oft und brutal umgebettet und mehrere Tage trotz der Hitze nicht gewaschen, er wirkte deshalb auf schon unwürdige Weise verwahrlost, einige Mahlzeiten wurden einfach nicht gebracht, außerdem schien das Personal nicht zu wissen, dass er dort nicht nur aus kardiologischen Gründen war, sondern unmittelbar vorher die Hüft-OP hatte, denn darauf wurde null Rücksicht genommen. Aufs Klo mussten meine Mutter und ich meinen Vater deshalb am Tag des ersten Stuhlgangs nach der OP selber bringen, weil nach einer halben Stunde immer noch keine Hilfe kam und die junge Hilfskrankenschwester, die dann irgendwann endlich doch kam, dann so zierlich war, dass sie gerade mal mit Müh und Not den angeschlauchten Pinkelbeutel hinterher tragen konnte… Es gab deshalb dauernd Situationen, In denen mein Vater erneut hätte stürzen können – nicht auszudenken, mit welchen Folgen (für seine morschen Knochen)!

Als die Herzkatheteruntersuchung glücklicherweise nichts ergab, was man sofort behandeln müsste – langfristig braucht mein Vater vielleicht zwei Stents, aber kurzfristig ist noch nicht nötig, erst einmal steht die Erholung von der OP im Vordergrund – wurde er Freitagabend auf die Privatstation verlegt, welche die am komfortabelsten ausgestattete ist, die ich bisher in irgendeiner Klinik sah – im Vergleich zum vorherigen Zimmer ein maximaler Kontrast: Ruhig, riesig (wie unser Wohnzimmer hier im Haus „Zweieichen“ mindestens) und modern-luxuriös ausgestattet und eingerichtet; es gibt in jenem Einzel-Krankenzimmer sogar eine Ledersitzgruppe mit Glastischen wo man mit Besuchern sitzen kann, und statt eines winzigen Spindes einen viertürigen Kleiderschrank. Hinter einer Boden-bis-Decke-hohen Fensterfront draußen ein großer Balkon mit einem Blick über ganz „Graustadt“ bis zu den 40 Kilometer weit entfernten Bergen, wie man ihn allenfalls von irgendeiner sündteuren Penthousewohnung aus genießen könnte… In diesem 4-Sterne-Hotel-mäßigen Krankenzimmer kann und wird er sich vermutlich bestens erholen!

Wenn wir ihn zuvor besuchten, wirkte mein Vater bedrückt, hilflos und still, nach seinem Umzug hingegen wieder wach, organisiert und fröhlich. Immer wieder erstaunlich, wie viel angenehme Umgebung, gutes Betriebsklima und Ruhe ausmachen. Das Pflegepersonal ist dort nämlich auch erheblich angenehmer. Wenn was ist, auch binnen einer halben Minute statt halben Stunde da. Dazu professioneller, empathischer, diskreter.

Leider zeigen einem solche Beobachtungen aber auch, wie sehr inzwischen eine Zweiklassenmedizin in Deutschland (entgegen aller offiziellen Bekräftigungen des Gegenteils) vorhanden ist, denn die Kardiologie bildete eher die Situation von Kassenpatienten ab, weil dort aus organisatorischen Gründen kaum ein Unterschied zwischen öffentlich versicherten und Privatpatienten gemacht wurde, die Privatstation hingegen die Situation der Privilegierten. Zum Glück gehört mein Vater zu dieser Gruppe. Der Luxus erscheint allerdings auch wieder „angemessen“, wenn man bedenkt, dass die private Krankenversicherung für betagtere Herrschaften sündteuer ist: Zusammen zahlen meine Eltern für ihre PKVen zweieinhalbtausend Euro im Monat. Das bedeutet schon einen schmerzlichen Einschnitt bei der Rente!

Da ich als selbständiger Freiberufler auch zwangsweise privat krankenversichert bin, wird das für mich im Alter ziemlich übel enden: Über 1000 Euro pro Monat könnte ich mir nicht leisten – ich werde dann wohl in einigen Jährchen auf den Sozialtarif der Privaten wechseln müssen und somit erheblich unterversichert sehr viel schlechtere Leistungen erhalten, als jemand, der in einer öffentlichen Krankenkasse versichert ist… Schon jetzt zahle ich bald 400 Euros im Monat für den PKV-Mist und das auch nur, weil ich eine sehr hohe jährliche Selbstbeteiligung habe. Sehr übel. De facto zahle ich deshalb alle Medikamente, die ich im Jahresverlauf benötige, aus eigener Tasche…

Aber zurück zu meinem Vater: Wenn alles gut geht, kann er am nächsten Wochenende die Klinik verlassen und dann eine Reha zuhause durchführen. Die entsprechenden Therapeuten kämen nämlich auch ins Haus, so dass er dazu nirgends extra hin müsste – was ihm (wie ich ihn kenne) sehr gelegen käme!

12 Gedanken zu “Update aus dem Krankenhaus

  1. fortwÄhrend / StÄtigkeit / aber: stEtig // Ja, die „alte Garde“ (aus Sommer in Lesmona) hat es nicht immer leicht, aber mit einem WC-Stuhl durchs Zimmer zu flitzen, das musst du deinem Vater erst mal nachmachen. // Zum Glück kann dein Vater aufgrund seiner beruflichen Erfahrungen die „Qualität“ seiner Behandlung gut einschätzen Es ist erschreckend, dass in unserem Land einerseits die Krankenversicherungskosten dermaßen hoch und gleichzeitig die medizinische Betreuung dermaßen schlecht ist. – Da hat wohl mein Vaterrecht gehabt, als er immer wieder sagte: Du darfst alles im Leben machen, nur nicht krank werden // Zweiklassenmedizin – und das in Deutschland. Ich möchte nicht wissen, wie so eine Holzklassenmedizinversorgung in einem Dritte-Welt-Land aussieht (wie gesagt: man darf alles werden, nur nicht krank) // Zweieinhalb Tausend Euro Rente im Monat – dafür müsste ein Arbeiter wohl 180 Jahre lang arbeiten – sofern die Knochen das durchhalten – und wie gesagt: währenddessen am besten nciht krank werden // Sozialtarif der Privaten: also immer gut Zähne putzen. Alles was nicht lebenserhaltendnotwendig ist, wird dann nicht bezahlt // Ich wünsche deinem Vater – und auch dir, was die Gesundheit angeht – alles Gute. Alt sein ist nichts Schlechtes, aber Kranksein ist einfach Schei…

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  2. Ich freue mich auch sehr, das hier zu lesen.

    Die KV deiner Eltern kann sich hier mit der normale Rente keiner leisten (Max. CHF 3’525.– für Ehepaare (wenn keine Beitragslücken, haben wir aber beide)).

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  3. ja der unterschied ist in deutschland schon massiv mit der zweitklassengesellschaft im gesundheitsbereich. mein verstorberner freund zahlte auch an die 800 euro monatlich für seine private versicherung. in den krankenhäusern gab es in seinem wohnort aber keine privaten zimmer mehr. beide häuser haben erklärt, dass man nur noch zwei-bett-zimmer anbietet. das eine war aber ein privates krankenhaus, da hätte ich mehr erwartet.
    krass fand ich damals auch, als er einen termin beim kardiologen ausmachen wollte und sie ihm erklärt haben, dass der nächste freie termin in 2 monaten sei. er meinte darauf hin, dass er privat versichert sei und siehe da, am nächsten tag war ein termin frei.
    zum glück ist es in der schweiz noch nicht so …

    alles gute weiterhin deinem vater 🙂

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