Tomatenmark im Hirn – Besuch vom Berliner Aluhutträger

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In der vergangenen zweiten Wochenhälfte war mein Uralt-Kumpel Rudi hier zu Besuch, der Typ aus Berlin mit dem Faible für thematisch schwerste Kost. Dennoch verlief der Besuch mit einer unerwarteten „Leichtigkeit“. Philomena hatte im Vorfeld bereits erwogen für die Besuchsdauer zu ihrer Mutter nach Süddeutschland zu entfliehen – war dann aber ebenfalls sehr positiv erstaunt, dass alles weniger heftig ablief, als zunächst befürchtet…

Ich schrieb hier bereits vor einigen Monaten den Blogbeitrag Rudi, der esoterische Aluhutträger, in dem ich aus einem alten myTagebuch-Blogeintrag zitierte, den ich im Herbst 2016 verfasste, nachdem ich zuletzt bei Rudi in Berlin zu Besuch war. Falls ihr erfahren möchtet, wie Rudi so gestrickt ist, empfehle ich die abermalige Lektüre jenes Eintrages… Jedenfalls ist es bezeichnend, dass wir bis zum gerade gestern endenden Besuch seit über anderthalb Jahren keinen persönlichen Kontakt mehr hatten (außer wöchentlichen Telefonaten, bei denen nur meine durch den Garten und eine Zigarre bedingte partielle Abgelenktheit verhindern konnte, dass sich bei mir am Ohr ein Blumenkohl und im Hirn ein Knoten entwickeln konnte). Früher war ich mindestens zweimal im Jahr in Berlin und Rudi ebenso häufig an meinem jeweiligen Wohnort zu Gast – teils sogar noch erheblich häufiger. Diese Besuchsfrequenz war in letzter Zeit nur deshalb weniger geworden, weil ich ein Wiedersehen mit Rudi auf die lange Bank schob. Früher waren wir wirklich beste Freunde gewesen – Rudi war damals ein ruhiger, unaufgeregter Naturbursche, Typ „Fels in der Brandung“, mit dem man die fabelhaftesten Bergwanderungen und Paddeltouren unternehmen konnte… Im Laufe der Jahre entwickelte er dann aber allerlei Phobien, die sich in ihrem wiederum ein paar Jahre später erfolgenden Abebben in Spleens und krudeste Weltanschauungen verwandelten – oftmals in einer wahren Jauchegrube von miteinander verquirlter Esoterik, pseudoreligiöser Erweckungsromantik und übelsten Verschwörungstheorien fußend…

Dieses Mal war es dann aber doch nicht so schlimm, wie bereits befürchtet – analog zu einem frisch konvertierten Islamisten, oder einem wiedergeborenen Christen, der dank einer Marienerscheinung gerade erst dem Suff abschwor, scheint sein Missionseifer und weltanschauliches Sendungsbewusstsein mit den Jahren, die seit seinem „Aufwachen“ vergangen sind, auch wieder graduell abzunehmen. Rudis Erkenntnisse zum unmittelbar bevorstehenden (seit Jahren stets immer nur noch ein paar Tage oder Wochen in der Zukunft liegenden) „Aufstieg der Menschheit“, den diversen Alien-Rassen, die uns angeblich beherrschen, und zur Verwicklung allerlei weltlicher und kirchlicher Würdenträger in satanistische Kinderschändernetzwerke und Schlimmeres, sind eben nicht mehr ganz neu, sondern auch schon ein paar Jahre alt… Deshalb hielt sich der Anteil von Predigten über diese Dinge an unserer Gesamtgesprächszeit während des gerade vergangenen Rudi-Besuchs glücklicherweise in erträglichen Grenzen.

Mir ist es ja völlig schleierhaft, wie man sich dermaßen gründlich mit solch einem ausgemachten Bullshit nicht nur beschäftigen, sondern diesen auch pseudoreligiös davon ergriffen verinnerlichen kann! Eine meiner eigenen Sternstunden und wendepunktartigen Landmarken im Leben war wohl der Moment – ob er bereits in der frühen Kindheit oder später als Teenager erfolgte kann ich nicht mehr rekonstruieren – als ich beschloss nur noch „wissen“ zu wollen und keinesfalls lediglich an irgendetwas zu „glauben“. Es gibt nur eine objektive Wahrheit – die ist messbar und beweisbar. Oder oftmals auch schlichtweg nicht bekannt, weil uns dazu (noch) die geeignete Methodik und das notwendige Instrumentarium fehlen… Einfach gestrickte Geister muss es offenbar ungemein fuchsen, wenn sie sich etwas nicht erklären können, oder die benötigte Erklärung vierzig DIN-A4-Seiten umfassen würde. Oder wenn etwas eben noch nicht hinreichend erforscht ist. Dann beginnen sie das Vakuum mit Phantasmen zu füllen und beginnen zu „glauben“. Weil sie sich sonst in diesem Setting von Überforderung und Unwissenheit ängstigen und alleingelassen fühlen würden. Oder weil der „Sinn des Lebens“ eben keine unstrukturierte, bedeutungslose Sinnlosigkeit sein darf… Sie glauben also lieber, als nach echter Erkenntnis zu streben.

Oftmals lassen sich solche Gläubigen dann besonders leicht einfangen, dirigieren und beherrschen, wenn man aus ihrem Glauben einen „-ismus“ macht und sie ins gemeinsame Boot stopft, dessen Kapitän man dann ist (bzw. Papst, König, Abteilungsleiter, oder sonstiger Oberboss). Die Gläubigen sind immer „Schafe“, die entweder gehütet, oder gefressen werden. Der Wissende hingegen wird oft zum Einsiedler – es sei denn er betätigt sich als „Prophet“ und schart Anhänger (s)eines neuen „Glaubens“ um sich.

Zurück zum Verschwörungs-Schmompf, den Rudi sich seit etwa zehn Jahren aus dem Internet eintrichtert: „Cui bono?“, frag ich mich dann immer, wenn ich solchem, oftmals erschreckend ähnlich klingendem, Mist begegne – ist das alles wirklich nur vom Kollektiv der world wide vernetzten Spinner ausgebrütet worden? Weil einer, immer vom anderen abschreibt? Auffallend oft finden sich in diesem Verschwörungszeug Einsprengsel von Antisemitismus („internationales Finanzjudentum“, „chasarische Mafia“, etc.), Nazi-Propaganda („Reichsflugscheiben“, Hitler lebt in der Antarktis, etc.) oder Putin-Verehrung (gerade unter sogenannten „Lichtarbeitern“ und ähnlichen Taiga-Waldschraten) wieder – sind da also hinter den Kulissen diverse, politisch gezielt wirksame „Troll-Fabriken“ am Werk? Obwohl das ja auch schon wieder eine eigene Verschwörungstheorie wäre… 😉

Vermutlich bin ich nach dem hiesigen Rudi-Besuch auf die rote Liste diverser Geheimdienste geraten, falls diese meinen Browserverlauf protokollieren sollten – mein Berliner Kumpel surfte nämlich ausgiebig mit meinem PC herum, um sich die neuesten, systemkritischen Botschaften von obskur-sinisteren „Truther“-Gurus wie „Cobra“, oder „Benjamin Fulford“ reinzuziehen. Momentan scheint der neueste Schrei unter Rudis Gleichgesinnten die „Erkenntnis“ zu sein, dass die bösen „Reptiloiden“-Aliens doch nicht die heimlichen Weltherrscher sind, sondern die zwar zahlenmäßig weitaus weniger häufig auf der Erde anzutreffenden, aber in ihrer Düsternis und Boshaftigkeit den Reptilienmenschen noch haushoch überlegenen „Insektoiden“-Aliens. „UFO-Spinnen“ also, an die die UFO-Spinner glauben… 😉

Auf unseren zahlreichen Wanderungen musste ich oft mein iPhone komplett ausschalten, wenn mir Rudi von diesen Spinnenwesen berichtete – damit sie uns nicht abhören konnten… Diese Mistviecher haben uns nämlich nur deshalb die Smartphones gegeben, um uns mithilfe dieser zu beherrschen! Rudi selbst benutzt deshalb lediglich ein dauerausgeschaltetes Uralt-Handy, an dem ein Shungit-Plättchen aufgeklebt ist, um ihn vor der Strahlung zu schützen, mit der „sie“ uns heimlich foltern. Angeblich haben die bösen Insektoiden-Spinnen-Sonstetwas-Obermotze weltweit in den Hauptstädten überall riesige Spinnenskulpturen aufgestellt, um ihren Machtanspruch damit zu zementieren. Rudi zeigte mir sogar Fotos davon! Nun, diese Skulpturen stehen zwar wirklich in einigen Weltstädten, aber rätselhafterweise immer vor renommierten Kunstmuseen… Denn es handelt bei diesen großen Spinnen in Wirklichkeit im um Bronzefiguren der Künstlerin Louise Bourgeois und nicht um Weltherrschaftsdenkmäler der Insektoiden… So etwas ist den Verschwörungsdeppen aber natürlich nicht zu vermitteln, die lieber an ihre alternativen Erklärungen glauben, als an das Naheliegende! Dabei wäre solch ein Vorgehen heimlicher Weltherrschafts-Aliens doch eigentlich ähnlich bescheuert, als wenn Erich Honecker in der DDR lauter „Stasi-Skulpturen“ aufgestellt hätte – am besten noch mit der Sockel-Inschrift „Leute, wir belauschen Euch!“ 😉

Tja, Rudi eben. Aber dennoch hatte der Besuch sehr viele gute Seiten, etwa die eben erwähnten Wanderungen, die wir absolvierten. Normalerweise sitzt bei mir der innere Schweinehund fest im Sattel, wenn es um ausreichende Bewegung an der frischen Luft geht. Bei Rudi ebenso, der inzwischen (bis auf seine Hobbygärtnerei) eher weniger Naturbursche, sondern vielmehr truthender Schreibtisch-Surfer mit einsetzender Wampenentwicklung ist. Gut also, wenn man sich gemeinsam aufraffen kann und dann jeden Tag etliche Kilometer durch Naturlandschaften wandelt (außerdem wird dort weniger abgehört und mit Strahlenwaffen gefoltert, als in dicht bebauten Gebieten)! Das Wetter war dafür phantastisch geeignet – nicht mehr so brutal heiß, wie in den Tagen der ersten Wochenhälfte – aber auch kein Regenwetter. Wälder, Naturschutzgebiete und Seen. Fast so schön wie früher – als man mit Rudi ebenfalls überwiegend in solch einer Kulisse unterwegs war, sich dort aber eher über „infrage kommende“ Uni-Schönheiten unterhielt, als über Hillary Clintons Kinder-Folterkeller unter einer Washingtoner Pizzeria oder die Alien-Rassen, denen Angela Merkel und deren Klone angehören…

Schön war auch, dass Rudi – als halber Prepper baut er im großen Stil eigenes Gemüse in einem gemieteten Garten außerhalb Berlins an – große Mengen eigener Bio-Tomaten und anderen Gemüses mitgebracht hatte. Besonders die vier verschiedenen Tomatensorten waren überaus schmackhaft! Solange er dank zweier grüner Daumen solche Köstlichkeiten erntet, die sogar besser munden, als die lokale Ware von unserem Biohofladen hier, soll er ruhig an die weltbeherrschenden „Reptiloiden“ und die demnächst erscheinenden „Plejadier“, die uns vor diesen retten werden, glauben! Wenn’s ihm denn nun hilft…

P.S.:  Lieber Verfassungsschutz, liebe ausländische Geheimdienste – verzeiht mir das Surfverhalten, das Ihr unter meiner IP-Adresse an den letzten Tagen beobachten konntet – ich war’s nicht! 

12 Gedanken zu “Tomatenmark im Hirn – Besuch vom Berliner Aluhutträger

  1. Geht mir ganz ähnlich mit Hassan. Tolle Spaziergänge aber auch leicht verschwörungstheoretisch angehaucht. Mit den Juden hat ers auch. Nicht ganz so krass wie bei Rudi. Vielleicht ist er ja bisschen schizophren? Da könnten Medikamente helfen. Belauscht werden gibt es auch als Gefühl aus der Schizophrenie. Aber Krankheitseinsicht ist halt schwer zu vermitteln. Amüsanter Eintrag! 😁😁😁

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    • So sehr, wie er die Errungenschaften der Schulmedizin ablehnt, müsste man ihm irgendwelche Psychopharmaka mit ner Hochdruckpumpe einflößen… 😉
      Aber ich denke, die bräuchte er auch gar nicht, denn er ist wohl kein wirklicher Psychotiker, sondern einfach nur tief „gläubig“ innerhalb der selbstgebastelten Ersatzreligion gewisser Internet-Verschwörungstheoretiker! Einen strenggläubigen Katholiken oder fundamentalistischen Muslim würde man ja auch nicht deswegen zum Arzt schicken… LG!

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  2. Hab‘ den Eintrag gar nicht gelesen, nur einzelne Sätze, zu umfangreich, muß was essen, bestimmt aber interessant ! Karl Lagerfeld über Heidi Klum: “ Die war nie in Paris. Die kennen wir nicht. “ Paßt jetzt aber nicht hierher.

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  3. Ich war neulich in Steglitz im Modellbauladen, dort hatten sie allen ernstes eine Reichsflugscheibe. Amerikanischer Hersteller. Ich hätte sie fast gekauft, wollte sie zusammenbauen und dann ein Axel Stoll Gedächtnisvideo machen. Das Ding war mir aber am Ende zu teuer, 60 Euros. Zum „Aufstieg der Menschheit“ kann ich nicht viel sagen, ich sehe überall nur Niedergang.

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