Überhitzte Schildkröte – hoffentlich überlebt unser Haustier

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Die Ameisen schwärmen momentan im Garten aus – lauter geflügelte Biester, die synchron aus ihren Nestern steigen. 35 Grad im Schatten. Unerträgliche Temperaturen. Wollte gerade den großen alten Standventilator in Gang setzen, den wir letztes Jahr mangels Sommer gar nicht benutz haben. Ventilator läuft an, kurz kühler Wind – dann merkwürdiges Geräusch, Unwucht im Lauf – lautes Scheppern und im Gitterschutzkorb zersplitterter Flügelsalat. Toll. Natürlich sind Ventilatoren in dieser Hitzewelle allerorts ausverkauft. Eigentlich bräuchte man hier im Dachgeschoss von Haus „Zweieichen“ auch eine festeingebaute Klimaanlage, aber mindestens 2000 Euro sind uns momentan zu heftig…

Aber es gibt schlimmere Sorgen und Probleme. Seit Montag sind wir abwechselnd tief traurig, besorgt, bedrückt, verstimmt, von Vorwürfen geplagt: „Kröt“ ist fast auf elendigste Art verreckt! Wir haben zwar ein paar tausend Euro in Landschildkrötenhaltungsinfrastruktur und Fachliteratur investiert – dennoch ist man vor dümmsten Anfängerfehlern nicht vollkommen gefeit… Montag war der erste wirklich heiße Tag hier, also nicht knapp 30, sondern deutlich über 30 Grad.

Normalerweise steht bei uns tagsüber das Frühbeet offen. Unsere Griechische Landschildkröte, wandert nach Lust und Laune zwischen dem Frühbeet-Häuschen und dem Außengehege hin und her. Oft ist es ihm innen nach einer Weile zu warm und er geht dann wieder nach draußen, kurze Zeit läuft’s dann wieder umgekehrt. Gegen allzu hohe Temperaturen hilft ein automatischer Dachöffner, so kann es drinnen keine 40 Grad heiß werden. Am Montag suchte „Kröt“ über Mittag das schattige Versteck auf, das er im Frühbeet hat. Demnächst werden wir ihn bei extremen Sommertemperaturen aber besser außerhalb des Frühbeets aussperren, in dem wir die Klappe verriegeln, die nachts dafür sorgt, dass er im Frühbeet bleibt, wo er vor Raubtieren sicher ist. Falls er demnächst noch lebt…

Folgendes geschah nämlich: Montagmittag wurde es ihm durch die erhöhten Temperaturen auch im Schattenversteck des Frühbeetes zu heiß. Als er aus seinem Unterschlupf kam, wollte er im Frühbeet womöglich auf diesen steigen, um schneller nach draußen zu gelangen (vielleicht dachte er, er könne durch die Fenster raus – das Konzept „Glas“, bzw. „durchsichtige Umwandung“ versteht er nämlich nicht und rennt dann fortwährend dagegen). Dabei muss er umgefallen und auf dem Rücken gelandet sein. Normalerweise kann er sich dann an Steinen oder Pflanzen von alleine umdrehen und weiterkrabbeln. Aber wir hatten aus der Befürchtung heraus, dass sich dort womöglich tagsüber durchs Türchen ins Frühbeet gelangte Ratten oder Mäuse verstecken könnten, die dann nachts eventuell den kleinen Kröterich anknabbern könnten, bisher auf eine Bepflanzung bzw. Gestaltung des Frühbeetinnenraumes verzichtet…

Durch das geöffnete Dach schien die knallheiße Mittagssonne direkt auf den Bauchpanzer des umgekippten Reptils. Er muss möglicherweise fast anderthalb Stunden so gelegen haben, denn erst nach dieser Zeitspanne kontrollierte ich abermals das Gehege, bevor ich eigentlich wegfahren wollte. „Kröt“ ruderte wie wild mit Armen und Beinen, das Maul soweit er konnte aufgesperrt! Um sich abzukühlen, hatte er sich selbst vollgepinkelt. Ich werde dieses Bild nie wieder aus dem Kopf kriegen: Seine weitaufgerissenen Augen mit bereits dick geschwollenen Lidern. Aus dem Mäulchen, den Nasenöffnungen und der Kloake blubberte blutig-rosafarbener Schaum. Todeskampf in den letzten Zügen! Er machte Geräusche, die so klangen, als ob jemand den Schaum eine Milchshakes durch einen Strohhalm zieht. Die Augen sahen stumpf aus. Im eingefallen, vertrocknet wirkenden Gesicht klebte gelbgrüner Schleim. Eventuell Erbrochenes, oder Galle, Lymphe, etc.. Der Panzer war so heiß geworden, wie der obere Lenkradkranz eines stundenlang in der Mittagshitze parkenden Autos!

Als ich ihn umdrehte raste er so schnell wie ein Eichhörnchen (als wechselwarmes Reptil wird er umso schneller, desto wärmer er ist) in den schattigen Unterstand, wo er zusammenbrach.

Ich holte ihn dort gleich wieder hervor und setzte ihn sofort draußen auf dem Rasen in den Vollschatten der riesigen Eichen. Philomena kam hinzu und kühlte ihn vorsichtig mit Wasser ab. Zum Glück machte sie dabei alles richtig: Bloß kein kaltes Wasser – dann stirbt das Tier sofort am Kreislaufkollaps durch den Temperaturschock! Erst warmes, dann lauwarmes, immer kühler… Parallel wollte ich die spezielle Schildkrötenexpertin-Tierärztin in „Shangri-La“ anrufen, um zu hören, was wir weiterhin tun könnten. Leider war die Praxis geschlossen – Urlaub. Zu anderen normalen Tierärzten hier um Umland wollten wir lieber nicht. Die bringen Schildkröten gerne mal unbeabsichtigt um, statt ihnen zu helfen. Sie sterben beispielsweise – anders als Säugetiere – wenn man ihnen Medikamente statt in die Vorderbeinvenen in die Hinterläufe injiziert. Viele Tierärzte kennen sich mit Reptilien und dann auch noch speziell mit den wiederum besonderen Schildkröten nicht aus. Philomena rief später weitere Tierärzte an, einer sagte dann auch gleich, dass er keine Ahnung von Schildkröten habe. „Kröt“ lebte nun zwar noch, aber er atmete rasselnd. War apathisch. Seine Augenlider waren geschwollen und die Haut über den Ohren stark eingefallen. Philomena setzte ihn später – erst sträubte er sich dagegen – vorsichtig in eine Wasserschüssel, wo er zu trinken begann (etliche Schlucke mehr, als normalerweise) und auch am anderen Ende blubbernd seine Kloake mit Wasser volllaufen ließ. Ein erster Schritt, um den enormen Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Etwas später fraß er sogar angefeuchtete, besonders wasserhaltig-saftige Salatblätter. Die eigentliche Überhitzung hatte er also offensichtlich überlebt.

Aber wie geht es nun weiter? Durch die abartigen Körpertemperaturen muss viel Zelleiweiß degeneriert sein. Für die körpereigenen Reparaturkräfte eine Großbaustelle! Ebenso die Lunge. Der blutige Schaum lässt auf ein Lungenödem schließen. Überhitzung, Herzschwäche, Einblutungen in die Lunge. Das Tierchen muss nun einiges auskurieren. Vermutlich war es eh sauknapp, dass er überhaupt überlebt hat. Philomena und ich forsteten uns stundenlang durch sämtliche Schildkrötenforen und ähnliche Webseiten. Den Symptomen nach, hätte er wohl nur noch wenige Minuten durchgehalten. Einige Tiere sind in diesem Stadium der Überhitzung bereits verendet. Zähes Kerlchen also, der „Kröt“. Aber die Sorgen blieben. Ab gestern bildete sich eine leichte Panzerröte heraus. Vielleicht innere Blutungen. Bei Tieren mit schwerem Hitzschlag verfärbt sich der Panzer oftmals leicht ins rötliche. Hoffentlich schafft sein Immunsystem das und er bekommt nicht noch eine Sepsis… Er wirkte weiterhin apathisch. Aber zwischendurch auch schon wieder fast normal: Immerhin fraß er nun und trank stets ein paar Schlucke, wenn man ihn badete. Unmittelbar nach der Überhitzung hatte er zunächst Angst vor dem Wasser gezeigt und sträubte sich gegen einen Wasserkontakt. Vielleicht weil er das Abgekühltwerden mit dem Schrecken über die Überhitzung verknüpft hatte. Erst nach einigen Stunden trank er wieder.

Am späten Dienstagnachmittag lief er immerhin schon wieder ein bisschen im Gehege umher. Auch die Augenliderschwellungen sind zurückgegangen und die schwarzen Knopfäuglein glänzen wieder. Sein Sehvermögen, Gehör und Geruchssinn scheinen inzwischen wieder normal zu funktionieren, wie unsere Beobachtungen erfreulicherweise zeigten. Aber schafft er das? Hoffentlich keine Sepsis!

Heute Morgen hatte die Rötung weiter zugenommen, die Haut über den Ohren war dafür etwas weniger eingefallen. Außerdem zeigten sich nun manchmal Spasmen (zuckt abrupt mit dem Kopf zur Seite) die ein paar neurologische Probleme befürchten lassen. Immerhin wurde sein Gehirn extrem überhitzt… Hoffentlich legt sich das wieder. Bei Menschen kommen ja nach einem Hitzschlag oft auch etliche Funktionen wieder zurück. Mein Kumpel Rudi aus Berlin hatte mal einen hitzebedingten Schlaganfall, der dazu führte, dass er nicht mehr richtig gehen und die Wochentage nicht mehr benennen konnte. Nach einer Woche Krankenhaus war er fast wieder der Alte – ziemlich gesponnen hatte er ja schon vor dem Hitzschlag,… 😉

Aber wie ist das bei Reptilien? Schildkröten merkt man Schmerzen kaum an. Außerdem sind sie dermaßen instinktgesteuert, dass sie auch in größter Not noch mechanisch zu fressen beginnen, wenn man ihnen etwas Leckeres vors Maul hält… Gesundheitlich angeschlagene Landschildkröten überleben zwar oft ziemliche Dramen, aber versterben dann gerne während der nächsten Winterstarre… 😦

Keine Ahnung, ob unser „Kröt“ nun über den Berg ist. Heute war er zwar eben wieder etwas munterer, als gestern, bzw. erst recht als am Montag unmittelbar nach dem Unglück, aber ganz normal verhält er sich auch noch nicht. Hoffentlich erholt er sich wieder! Philomena ist seit dem Ereignis ziemlich depressiv und mir gehen diese furchtbaren Bilder des Todeskampfes mit dem Schaum vor dem weitaufgerissenem Mäulchen nicht mehr aus dem Kopf: Die panisch aufgerissenen, trockenen Augen, das wilde Zucken…

„Kröt“ ist mehr als nur ein Haustier – eher schon Familienmitglied, oder Dreh- und Angelpunkt unseres hiesigen Tagesablaufs. Gestern wurde meiner 15.750 Kilometer entfernt lebenden Cousine in Australien eine Brust abgenommen – Krebs. Sie hat zwei kleine Kinder. Aber sie ist fern – man sieht sich alle 5 bis 10 Jahre, wenn es hoch kommt… Irgendwie kann ich mir um sie nicht gleichermaßen Sorgen machen, Empathie empfinden, Tränen im Augenwinkel haben, wie bei unserem Kröterich hier. Seltsam. Aber zumindest die meisten Haustierbesitzer werden das verstehen, denke ich einmal…

Drückt mir und Philomena die Daumen, dass „Kröt“ wieder auf den Posten kommt! Ich kann und will mir nicht vorstellen, wie es sonst wäre – wenn er nicht wieder gesund wird. Aber vielleicht sind die Sorgen auch unnötig und inzwischen übertrieben: Immerhin frisst und trinkt er heute bereits wieder normal und wandelt auch ein bisschen im Gehege umher. Vielleicht kommt doch nichts Schlimmes mehr nach. Sollen ja zähe Tiere sein, die sogar das Ende der Dinosaurier überstanden haben. Ich las auch von einer Landschildkröte, die versehentlich in einen Gartenteich fiel, dort wie ein Stein unterging und erst nach einer Stunde gerettet wieder zu atmen begann. Und überlebte. Das macht Hoffnung.

Jedenfalls hat Philomena bereits gestern allerlei Grünzeug in das Frühbeet gepflanzt, an dem er sich besser abstützen und wieder umdrehen könnte, falls er abermals umkippen sollte. Müssen wir halt noch genauer am Abend auf Mäuse achten, wenn wir das Türchen und die Beetdeckel schließen… Außerdem soll die Landschildkröte nun sicherheitshalber an solchen Hitzewelletagen, wie aktuell gerade, nicht mehr tagsüber ins Frühbeet gehen können. Das Türchen wird in der Mittagshitze verriegelt. Im Außengehege gibt es dann auch genügend schattige Unterschlupfe, u.a. eine kühle Höhle.

22 Gedanken zu “Überhitzte Schildkröte – hoffentlich überlebt unser Haustier

    • Die telefonisch erreichten Experten und die Literatur meinen dazu nur, dass man Flüssigkeit per Infusion auffüllen muss, wenn das Tier nicht aktiv trinkt, oder Wasser über die Kloake aufnimmt. Sonst kann man leider nichts machen, außer abwarten und v.a. weitere Überhitzungen zu vermeiden. Am besten lässt man das Tier aktiv eine Temperaturzone seiner Wahl aufsuchen, denn es weiß instinktiv selber am besten, welche Temperatur es zur Heilung gerade benötigt. Tierarzt hätte also Sinn gemacht, wenn er nicht wieder mit der Wasseraufnahme angefangen hätte… Keine Ruhe lässt uns das Ganze aber in der Tat, wir denken seit dem das passiert ist keine Stunde mehr an irgendetwas anderes… 😦

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    • Eben hat er erstmals wieder Urat abgesetzt. Sah normal aus. Stoffwechsel scheint zu funktionieren. Nachmittags kamen auch keine weiteren Spasmen mehr vor. Meine Mutter ist zwar keine Tierärztin, aber eine gute Humanmedizinerin. Sie meinte, dass das Hirn durch die Überhitzung angeschwollen ist. Das nun keine Spamen mehr auftreten, könnte demnach bedeuten, dass sich die Druckverhältnisse wieder normalisieren… Wir sind jetzt erstmals ein bisschen optimistischer. Könnte gut ausgehen. Wir beobachten ihn stündlich. Ins Frühbeet kommt er zur Nacht erst, wenn es darin unter 25 Grad ist. Vermutlich gegen 22 Uhr. Philomena holt ihn nach Sonnenaufgang dann wieder hervor und setzt ihn ins Außengehege um. Freies Hinundhergehen gibt’s für Kröt erst wieder, wenn sich sein Zustand weiter verbessert haben sollte und wenn die Hitzewelle vorüber ist. Grüße auch an alle anderen, die hier Daumen für ihn drücken! 👍

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  1. Oje 😣. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie es euch geht. Man macht sich ja dann auch Vorwürfe, dass es so kommen konnte. Aber ich glaube, Kröt ist zäh und wenn Tiere essen und trinken, ist das immer ein gutes Zeichen. Ich drücke die Daumen, dass er keine Folgeschäden haben wird 🐢🤒🍀

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  2. Da bin ich voll und ganz bei Euch, und ich versteh Dich. Wenn wer sagt: „Mach Dir keine Vorwürfe.“, bohrt es in einem trotzdem brennend weiter. Dabei war doch noch dieser glückliche Zufall mit im Spiel, daß Du grad auf Sprung warst. Für mich hört sich das jetzt erstmal nach Zuversicht schöpfen an. Hoffentlich habt Ihr dennoch halbwegs manierlich schlafen können. Nachhaltig gute Besserung wünsch ich ihm! Ja, doch, ich denk, der ist jetzt dazu da, Euch doch noch eine gute Wegstrecke lang in Dreieichen zu beschäftigen, weil, bisserl was sollte einem das Leben wenigstens gönnen.

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  3. Auch von mir alles Gute und schnelle Genesung! Auf dass sich „Kröt“ in Kürze wieder vollends berappelt!

    Bei dem Vergleich mit dem Strohhalm und dem Milchshake musste ich allerdings schon schmunzeln. Nix für ungut.

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  4. Wenn man ein Kind hat, muß man mit solchen Problemen rechnen, ist dann aber selbstverständlich sehr froh, wenn sie überwunden sind. Manchmal verführt die Hoffnung den Schmerz doch noch, einfach keiner mehr sein zu wollen. Er gibt dann gerne nach.

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