Letzte Ernte?

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„Die Renekloden sind reif – wir haben schon sooo viele geerntet, wir schaffen gar nicht, die alle aufzuessen – ihr müsst uns helfen kommen!“

Ein mütterlicher Hilferuf aus dem hypermentalen Elternhaus ereilte uns gestern, so dass wir uns am späten Nachmittag dorthin in Bewegung setzten. Immer noch brennend heiß war es draußen, als Philomena und ich im Obstgarten eintrafen. Über Mittag verlassen meine inzwischen recht betagten Eltern gar nicht mehr ihr Haus, in dem es zum Glück auch im Sommer immer recht kühl bleibt. Sie vertragen die Hitze nicht mehr.

Mein Vater irritierte mich leicht – er roch. „Alte Männer riechen nicht gut – aktiv wie passiv“, ging es mir durch den Kopf. Scharf nach Schweiß. Früher war er immer eine extrem elegante, hochgewachsen-schlanke Erscheinung gewesen – immer sehr gepflegt, stets in Anzug und Krawatte. Immer duftete er nach einem klassischen Rasierwasser. Jetzt ist er ein bisschen krumm, kleiner als ich und wirkt mit seinen von Hosenträgern gehaltenen Cordhosen und dem Strohhut sehr großväterlich. Vermutlich riecht er selber nicht, dass er in der Hitze zu riechen beginnt. Früher undenkbar. Manchmal erschrecke ich mich, wie alt er geworden ist und wie anders!

Einige charakterliche Veränderungen sind eher angenehm. Altersmilde beispielsweise. Er ist nun geduldig, umgänglich, stets freundlich und friedlich – früher war er sehr viel unnahbarer, wirkte auf mich als Kind und Jugendlichen dermaßen souverän, charismatisch, diszipliniert, unnahbar und sakrosankt, dass ich ihn halbgottgleich auf einen dermaßen hohen Sockel stellte, dass ich jahrelang nicht dazu in der Lage war, aus dessen Schatten kriechen zu können und mich zu entfalten. Mir war schon als Kleinkind bewusst, dass ich niemals das erreichen können würde, was er für mich repräsentierte. Ich glaube intrafamiliäre Ehrfurcht ist vorzüglich dazu geeignet, den eigenen Ehrgeiz verkümmern zu lassen…

Heutzutage wirkt er gebrechlich. Unter der neuen genügsamen Friedfertigkeit und ständigen Fröhlichkeit – die eigentlich eine sehr angenehme und begrüßenswerte  neue Facette sind – blitzt immer öfters etwas hervor, dass mir Angst macht: Ist diese neue Facette vielleicht ein Zeichen für eine beginnende Demenz? Früher war er fokussiert, scharfsinnig, im Denken immer bereits am Ende des Satzes, den man ihm gerade vortrug – jetzt wirkt er oft fahrig, zerstreut und lacht öfters in einer Art über Erzähltes, die seiner Schwerhörigkeit geschuldet ist. Er bekommt nicht mehr alles mit, akustisch und oft auch vollinhaltlich.

Meine Eltern haben kürzlich den Teil ihres Gartens, auf dem das Obst wächst, abgegeben – sich von einem halben Hektar auf einen Zehntelhektar verkleinert. Dafür ist jetzt der Nachbar vom anderen Rand der Wiese zuständig. Dieser mäht nun die Wege in die Wiese und er wird demnächst auch das Obst ernten. Er kennt sich nicht so gut aus – wirft Laubabfälle in das teils zum Grundstück gehörende Wäldchen und deckt damit die von meinen Eltern einst mühsam dort angesiedelten seltenen, unter Naturschutz stehenden Pflanzenarten ab. Aronstab wächst dort, Einbeere, Waldmeister und Bärlauch. Und viele Pflanzenarten, die ich gar nicht kenne…

Wehmut. Verkleinerung. Verzicht. Natürlich hat der Nachbar, der jetzt auch für die Obstbäume zuständig ist, gesagt, dass wir weiterhin so viel enten sollen, wie wir können. Und er war sogar sehr hilfreich – hat erkannt, dass der alte Gravensteiner-Apfelbaum (womöglich die leckerste Sorte der Welt) dieses Jahr unter vermutlich über 1000 Äpfeln fast zusammenbricht und hat ihn mit Pflöcken und Gummimatten abgestützt. Alles sehr löblich. Aber die leise Wehmut bleibt. Unter dem Apfelbaum, dessen Äpfel momentan noch etwas zu grün zum ernten sind (ab Mitte August geht es damit los) steht eine Bank, die in den letzten Jahren ein Lieblingsplatz meiner Eltern war. Ein Ort, wo ich sie neulich einmal darob leicht perplex beim Händchenhalten erwischte… 😉 Ob sie dort noch öfters sitzen werden? Wo jetzt ein anderer dafür zuständig ist? Der dort natürlich immer häufiger auftauchen wird? Innerlich verabschieden sie sich langsam von der Wiese hinter ihrem eigentlichen Garten.

Auch für mich lag ein leichtes Gefühl von Abschied und Endgültigkeit in der Luft, als wir dort gestern mit Philomena Beerenobst (weiße, rote und schwarze Johannisbeeren, sowie Stachelbeeren) und Renekloden ernteten. Renekloden, auch „Reineclaude“ (nach → ihr hier benannt), „Reneclode“, „Ring(e)lotte“, oder „Ringlo“ genannt, sind Edel-Pflaumen. Bei meinen Eltern wachsen zwei Bäume, etwas weniger ergiebig tragend „Graf Althanns“ und die üppig fruchtende „Reineclaude d’Oullins“. Zwischen den beiden Pflaumenbäumen steht der wuchtige, momentan dem Zusammenbrechen nahe Apfelbaum. Am Rand des Wäldchens wachsen die Johannibeeren. Nach dem Ernten gingen wir durchs Törchen in den eigentlichen Garten zurück – dem offiziell nun noch verbliebenen Teil. Die Welt wird kleiner, wenn man alt wird. Ich war froh, dass wir dort zu Besuch waren. Sie waren auch froh – auch froh Philomena zu sehen. Mal ein wenig Abwechslung. Zerstreuung in einem großen Haus, in dem man in der Stille sehr laut die Uhren ticken hört. Zum Glück kommen ab und zu auch noch die Enkelkinder mit der Familie meines Bruders dort vorbei.

Jetzt haben wir hier bei uns viel zu viel Obst. „Wir haben schon sooo viel geerntet, wir schaffen gar nicht, alles aufzuessen – ihr müsst uns helfen kommen!“ Schade, dass man das nicht hier unter den Lesern und Abonnenten verteilen kann… 😉 Schöne Grüße!

0119 Obstgarten

11 Gedanken zu “Letzte Ernte?

  1. Was für ein lebensnaher Bericht.

    Reineclaude sagen wir Schweizer natürlich 🙂

    Mein Vater war ein Hallodri (und Alkoholiker), ich bin froh, dass sein Verfall mit Hirnschlägen beendet wurde bevor er eigentlich angefangen hatte – ich glaube, wenn ich je für Pflege-Organisation verantwortlich gewesen wäre, wäre ich nach Feuerland ausgewandert.
    Meiner Mutter geht es sosolala – sie kann aber noch gut alleine leben. Sie ist ja auch erst 68 und körperlich gesund wie ein Teenager – nur die Psyche – das liegt bei uns allerdings auf beiden Seiten in der Familie und auch meine Schwester und ich balancieren täglich auf dem Grat zwischen es schaffen oder aufzugeben.

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  2. Ich hätte jetzt spontan Lust auf Hefeboden mit Pflaumen und Schlagsahne. Und auf selbstgemachtes Beereneis. Beeren einfrieren, mit Zucker, reifer Banane durch eine Küchenmaschine jagen. Pürierstab tut es auch. Bei Bedarf Milch, Sahne, Frischkäse dazu. Mist. Nun habe ich Hunger.

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  3. Reineclauden wuchsen bei einer meiner Tanten im Obstgarten. Ganz lange kannte ich diese Obstdorte nur von dort und habe sie nirgendwo anders gesehen. Ich könnte jetzt auch gar nicht sagen, ob es sie im Supermarkt gibt… vielleicht nur selten?

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    • In die Supermärkte findet nur noch DIN-genormtes Zeugs, das a) lange lagerfähig und b) optisch sehr gleichmäßig ist – viele (alte) Obstsorten finden deshalb nicht mehr in Sortiment – darunter leider oftmals die besonders schmackhaften… 😦 Oft werden auch keine saisonalen Früchte angeboten, denn das Sortiment soll am besten ganzjährig zu haben sein. Das geht nur mit Gewächshauszeugs aus Holland oder Spanien, oder durch Importe aus Südamerika, Südafrika oder Neuseeland, denn dort ist Sommer, wenn hier Winter ist. Im Prinzip wird ja fast allerorts weltweit angepflanzt, damit wir uns in den Industrieländern – wo keiner mehr einen eigenen Garten besitzt, geschweige denn solch einen bewirtschaften möchte – hemmungslos satt fressen können… 😦
      Vielleicht mal in Biomärkten oder besser noch Bio-Hofläden schauen? Da konnte es vielleicht Renekloden geben. Momentan ist Saison. Viel Glück bei der Suche! 🙂

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  4. Märchenhafte Schilderung aus dem TB des älter Werdens. Meine Großeltern vom Harthof in Münchens Norden hatten Renekloden, Mirabellen, schwarze, rote Kirschen usw, dazu Hühner. Ganz normaler Siedlergarten, den gibt’s noch, hat mein mittlerer Onkel (80) übernommen. Wie ein richtiger Bauerngarten, idyllisch, verwunschen damals, wurde alles nach und nach – steril. Aber ist halt auch so noch zu viel Arbeit, diese Generation ist auch schon längst dabei, gebrechlich zu sein …

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