STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel VII

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Bei mir kommt Ihr nicht vom Hundertsten ins Tausendste, sondern andersherum: Mein heutiger Blogeintrag Nr. 100 erfolgt zehn Einträge, nachdem ich mein 1000er-Jubiläum feierte. Das erklärt sich dadurch, dass dieses hier zwar mein 100ster WordPress-Eintrag ist, aber insgesamt der 1010te, wenn ich meine alten Autorenzeiten auf myTagebuch mitzähle…

Bevor hier nun irgendwelches, weitgehend sinnentleertes Zahlengefasel weitergeht, mit dem ich mich vermutlich um ein paar Abonnenten brächte, kommt nun lieber ein weiteres zuverlässiges „Quotengift“, das aber wenigstens deutlich spannender sein dürfte: Passend zum Wochenende serviere ich Euch eine weitere saftige Folge „Sternenkreuzer Pirmasens“ – diesmal wieder richtig schön lang!

animated-newspaper-image-0032 Viel Spaß beim Lesen! 

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Kapitel VII – Hoffnungslos begraben

Eine schrille Kakophonie der unterschiedlichsten Warntöne riss die drei an Bord der kleinen Landefähre verbliebenen Mitglieder des Expeditionstrupps aus dem Schlaf – Sergeant Ored Olsen und die Söldnerin Ceyonne Ward standen sofort mit gezückten Waffen senkrecht in ihren Kojen! Nur der außerirdische Nappoke Gnobkock brauchte etwas länger bis er sabbernd und schmatzend aus seiner Tiefschlafphase zu sich kam. An Bord der kleinen Landefähre war die rote Notbeleuchtung angegangen – auf diversen Displays blinkten Warnhinweise. Sofort registrierten die Drei, dass Benjamin Freitag offenbar noch nicht wieder von seinem Abendausflug zurückgekehrt war – nach dieser Entdeckung machten sie sich schnell an die Ursachenforschung für den massiven Alarm, der ihnen die Ohren klingeln ließ. „Man merkt sofort, dass wir hier mit dem ältesten Schrott unterwegs sind, den sie noch auf der Pirmasens hatten“, beschwerte sich Nappoke über den Lärm. Der beleibte Schompad saß mittlerweile auf dem Rand seiner Koje und rieb sich die Augen. „Auf der neueren Landefähre hätte es sogar angenehmere Warntöne gegeben! So etwas Ohrenfreundlicheres, polyphone Wohlklänge geradezu…“

„Halt dein Maul und hilf uns herauszufinden, was hier überhaupt los ist“, herrschte die zwischen diversen Konsolen herumspringende Söldnerin den Außerirdischen an!

Nappoke schlurfte jeglicher ihn umgebender Hektik ungeachtet gemütlich zu einem der Bildschirme, über den kunterbunte Zahlenkolonnen huschten, und verkündete sachkundig: „Pervers hoher Außendruck ist hier los! Wir haben hier Umgebungswerte auf der Hülle, die allenfalls zustande kämen, wenn wir irgendwo ein paar tausend Meter tief im Ozean trieben – oder allenfalls noch, wenn wir mit der Fähre in die tieferen Wolkenschichten eines Gasriesenplaneten eindrängen…“

„Häh, wie kann das sein?“ Die hünenhafte Söldnerin runzelte die Stirn und ließ ihren Blick sofort gehetzt über die Außenwände der kleinen Landefähre wandern. Zum Glück schienen die Cockpitfenster dem Druck noch gewachsen zu sein! Hinter den Fenstern sah man im roten Notbeleuchtungsschein nur homogene Dunkelheit. Ored Olsen griff deshalb zu einer starken Taschenlampe und leuchtete auf das linke Cockpitfenster, das sich unmittelbar vor ihm befand: Im grellen Licht erschien eine gleichförmige violette Fläche, die die Scheibe komplett bedeckte. „Hat uns etwa jemand lila angestrichen?“

Auf der Brücke des Sternenkreuzers herrschte inzwischen trotz der nächtlichen Stunde rege Betriebsamkeit. Der Notfall mit der aus unerklärlichen Gründen verschwundenen Landefähre hatte dazu geführt, dass etliche Leute aus ihren Betten geholt worden waren. In wenigen Augenblicken würde es einen erneuten Überflug der Landestelle Camp Corax geben – dieses Mal mit einem umfangreichen Tiefenscan: Sämtliche verfügbaren Messinstrumente des Weltraum-Schlachtschiffes würden dabei auf die Stelle fokussiert werden, an der sich eigentlich die kleine Landefähre befinden sollte. Pavlína Dvořáková hatte bereits hinter einem Kontrollpult Platz genommen, das unter einem geballten Wust von Displays beinahe verschwand. Captain Erno Santorius und Hayden Findley standen unmittelbar daneben an einer Art „Kartentisch“ auf dessen Oberfläche und auch in den darüber liegend Luftraum sich diverse Landkarten, Diagramme und ähnliches holografisch projizieren ließen.

„Tiefenscan läuft!“, rief die Wissenschaftlerin. Um sich besser auf die vielen blinkenden Anzeigen konzentrieren zu können, hatte sie ihre unvermeidliche Sonnenbrille ausnahmsweise ins rosafarbene Haar hochgeschoben. Über der Billardtisch-großen Projektionsfläche baute sich vor Captain Santorius und seiner Ersten Offizierin eine unglaublich detaillierte 3D-Landkarte auf, in die man einfach hineingreifen konnte, um mit simplen Gesten zu zoomen, oder diverse Datenfilterebenen einzublenden.

„Nein!“, entfuhr es dem Sternenkreuzer-Kommandanten nun recht laut, obwohl ihn ansonsten kaum etwas aus der Fassung bringen konnte, „sehen sie das auch, was ich da an der als „Camp Corax“ markierten Stelle erkenne?“

Vor Dritten und im Dienst siezte Hayden ihren Vorgesetzten und wählte sogar die formale Anrede, obwohl sie vermutlich noch fassungsloser war, als Erno Santorius: „Herr Kommandant, ich sehe dort, wo unsere Landefähre eigentlich parken müsste, einen Berg!“ Wie konnte das sein?

„Ich habe hier sofort ein paar Scan-Ebenen von unseren vorherigen Überflügen übereinandergelegt“, meldete sich Pavlína nun, der vor Schreck wieder die Sonnenbrille zurück auf die Nase gerutscht war. Auf dem Projektionstisch erschien nun eine Art Daumenkino der Planetenoberfläche, auf der die zahlreichen violetten Berge hin und her ruckelten, die man zunächst für irgendwelche vulkanischen Strukturen gehalten hatte. „Die Dinger bewegen sich fast alle! Die meisten nur ein paar Meter pro Stunde, aber einige sind offenbar sogar im regelrechten Marschtempo unterwegs!“

„Nicht zu fassen“, Hayden Findley starrte auf die Landkartenanimation vor sich. Einer der seifenstückglatt mitten in der Waldlandschaft liegenden Berge hatte sich seit der Landung des Expeditionstrupps annähernd einen halben Kilometer westwärts bewegt und sich offensichtlich über das kleine Raumschiff samt Mannschaft geschoben! „Wie fette Schnecken im Salat“, murmelte Captain Santorius kopfschüttelnd, „die Biester weiden den ganzen Planeten ab.“

„Genau“, Pavlína tippte und zoomte hastig auf ihren vielen Infodisplays herum, „nun wissen wir auch, was die tierische Komponente dieses Ökosystems ist! Diese vielen Schneisen im Wald sind tatsächlich kilometerbreite Fraßspuren!“

„Schön und gut, soweit die Erkenntnisse fürs Biologie-Lehrbuch… Aber kann man in einer Landefähre so etwas überleben? Ebenso relevant: Wann käme diese auf natürliche Weise wieder zum Vorschein?“

„Captain, ich weiß es nicht. Ich habe gerade ein paar weitere Ergebnisse des Tiefenscans erhalten, die diesbezüglich wenig Mut machen. Der Berg, der sich über die Landestelle geschoben hat, bewegte sich seit unserem ersten Überflug mit durchschnittlich 40 Metern pro Stunde fort und ist in etwa 7,5 Kilometer lang. Geschwindigkeit und Richtungsvektor berücksichtigend, sollte er demnach in etwa einer Woche über Camp Corax hinweg sein…“

„Eine ganze Woche!“, solange können wir eigentlich gar nicht in diesem System bleiben“, rief Hayden dazwischen. Es gefiel ihr überhaupt nicht, wenn ihr mühsam ausgeklügelter Expeditionszeitplan durcheinander zu geraten drohte.

„Moment, es kommt noch schlimmer: Diese Vorhersage mit der Woche kann ich so nicht stehen lassen, denn dieses Monstrum scheint momentan zum Stillstand gekommen zu sein. Vielleicht liegt ihm die Landefähre schwer im Magen…“

„Ihren schwarzen Humor in allen Ehren – ich wiederhole nochmals meine erste Frage: Kann man so etwas überleben?“

„Captain, es sieht wirklich sehr übel aus. Der Tiefenscan lieferte auch ein paar Dichte- und Schweremessungen dieser biologischen Berge. Etwas Ähnliches habe ich bisher noch nicht gesehen! Sie müssen einen enormen Innendruck haben und sind auch sehr massiv. Vermutlich enthalten sie keine inneren Organe oder größeren Hohlräume, sondern bestehen gänzlich aus einer gleichförmigen Gallertmasse. Man muss sich das wohl wie eine über zwei Milliarden Tonnen schwere Qualle vorstellen…“

„Kann man nun?“

„Vermutlich nicht“, die stellvertretende Wissenschaftsoffizierin schlug ihre langen Wimpern hinter den getönten Brillengläsern nieder und seufzte: „Kurzfristig vielleicht schon, die Landefähren sind so ausgelegt, dass sie eigentlich auch Abstürze in tiefe Ozeane überstehen sollten – eine schnelle Bergung aus solch einer Lage vorausgesetzt. Langfristig bilden sich unter derartig hohem Außendruck nämlich immer irgendwelche Haarrisse an Schwachstellen im Material. Vermutlich halten die Fenster am wenigsten lange durch. Vielleicht ein oder zwei Tage lang. Allerhöchstens!“

„Können wir dieses Ungetüm nicht einfach mit einer unserer Bordwaffen pulverisieren? Oder uns den Weg zur Landefähre irgendwie durch den Berg freilasern?“, warf Hayden nun ein, die sich offenbar mehr um ihren durcheinander geratenden Zeitplan sorgte, als um das Wohl des Expeditionscrew.

„Das könnte für die eingeschlossene Fähre viel zu gefährlich werden! Aber man könnte einen Versuch wagen. Man sollte aber sicherheitshalber unbedingt zunächst an einem anderen Berg ausprobieren, wie er auf unser Waffenarsenal reagiert…“

Captain Erno Santorius nickte kurz, um seine Zustimmung zu Pavlínas Vorschlag zu signalisieren und griff zu seinem Kommunikator: Sofort beorderte er zwei Fighter-Piloten in einen der Bordhangars. Direkter Beschuss aus einem der riesigen Bordgeschütze des Weltraum-Schlachtschiffes schien ihm zu unpräzise zu sein – und vielleicht auch etwas zu martialisch: Mit den Dingern konnte man glatt kleinere Monde zerstäuben! Die Fighter sollten umgehend ausprobieren, was geschehen würde, wenn man solch eine gigantische Landqualle mit einem Laser ärgerte! Ein paar kleine Bömbchen hatten die einsitzigen, Jagdflugzeugen nicht ganz unähnlichen, Kampf-Raumfahrzeuge auch mit an Bord. Pavlína starrte mit gerunzelter Stirn auf weitere Daten auf ihren Displays. Benjamin Freitag und der dicke Schompad waren dort unten, ebenso der Soldat und die Söldnerin. Sie machte sich ernsthafte Sorgen um das Wohl ihrer Crew-Kollegen, die man – durch die enorme Schicht von dichter violetter Masse hindurch – leider nicht mehr direkt anfunken konnte.

„Ich mache gleich das Schott auf und räume uns draußen den Weg mit meinem Plasma-Energieschild frei!“, rief Ceyonne Ward angriffsbereit mit ihrem gefürchteten „Pommesschneider“ wedelnd quer durch die Landefähre. Die dunkelhäutige Söldnerin hasste es, eingesperrt zu sein, seitdem sie auf einer Kampfmission einmal verschüttet worden war. Ein ihr Auge in Auge gegenüberstehendes Heer von Feinden ängstigte sie weniger, als die Vorstellung irgendwo gefangen zu sein. „Mach keinen Mist“, antwortete ihr Nappoke kauend, der das Beste aus der notgedrungenen Wartesituation machte, indem er auf seiner Koje sitzend eine Proviantkiste nach der anderen leer fraß, „Du weißt, dass da draußen fast 1000 bar Druck herrschen! In einem Sekundbruchteil wäre das ganze lila Zeug überall hier drinnen. Ist doch noch viel zu früh für Lagerkoller! Ich hab noch nicht mal ein Viertel unseres Proviants leergefuttert…“ Ceyonne trat dem feisten Schompad scheppernd die Proviantkiste aus den Händen: „Schluss jetzt mit dem Gefresse da! Wer weiß, wie lange wir noch in dieser lila Scheiße feststecken! Wir sollten lieber unser Triebwerk anwerfen und uns einen Tunnel freibrennen, falls das funktioniert!“

„Beruhige Dich wieder“, ermahnte nun Sergeant Olsen, der eine ziemlich lange Zeit nichts gesagt hatte, seine Teamkollegin, „wir haben hier drinnen für fast eine Woche Proviant und Atemluft…“

„Aber nur, wenn Du hier drinnen nicht diese scheußlichen Luftverpester rauchst und wenn der Schompad auf Diät gesetzt wird“, fuhr Ceyonne ihm ins Wort.

„Trotzdem würde ich die Triebwerke nicht zünden, solange wir in diesem Dreck feststecken – durch den hohen Außendruck explodieren sie vermutlich, statt anzuspringen! Oder schmelzen in der eignen Hitze, weil diese nicht sofort entweichen kann… Das funktioniert leider nicht.“ Statt etwas darauf zu erwidern, trat Ceyonne wütend gegen die Wand.

In einem Höllentempo stürzten die beiden Fighter Seite an Seite der dicht bewaldeten Planetenoberfläche entgegen. Captain Santorius hatte die beiden Piloten erst vor wenigen Minuten aus ihren Quartieren gescheucht. „Yee-haw! Endlich gibt es mal wieder etwas zu tun…“ ließ der Pilot des einen Fighters seinen Wingman über den Helmfunk wissen.

„Jau, Redneck. Lass uns diese dreckigen Biester vermöbeln!“

„Wenn man es weiß, sieht man sofort, dass diese ganzen Schneisen dort unten eindeutig Fraßspuren hinter den Bergen sind…“

„Ey du Streber, willste damit deine Biolehrerin beeindrucken? Lass uns den Kram wegballern, Redneck! Ich verpasse wegen diesem Scheiß gerade ein Date mit ner wirklich hübschen Krankenschwester vom Medizindeck!“

„Ich mein ja nur… Man sieht regelrecht, wo die sich da durchs Grün gefressen haben…“

Jessas! Man merkt wirklich, dass du deinen Pilotenschein auf nem Farm-Sprühflugzeug gemacht hast, Redneck…“

0109 Pirmasens 98c Fighter

Die beiden Fighter rasten nun Seite an Seite über den planetaren Wald. Obwohl sie sofort überall auf die kissenartigen Erhebungen trafen, bei denen man sich nur sehr schwer vorstellen konnte, dass es in Wirklichkeit Lebewesen waren, eröffneten sie nicht sofort das Feuer. Der Kommandant hatte ihnen die Order gegeben, etliche tausend Kilometer von Camp Corax entfernt ihren Probebeschuss durchzuführen. Sicherheitshalber. Zudem gab es hier einen besonders sumpfigen Waldstrich – so würde die Waldbrandgefahr bei einem Fehltreffer recht gering bleiben.

„Der alte Graubart hat wohl Angst, dass wir danebenschießen, hahaha – dabei würde ich solch einen Oschi sogar nach fünf Kisten Bier noch blind nach hinten über die Schulter geschossen treffen, Redneck!“

„Spar dir deine Angebereien für diese Krankenschwester auf, du Heißluftgebläse! Wir sind jetzt kurz vorm Zielgebiet. Dort hinten am Horizont taucht schon unser Opfer auf!“

Die beiden Kampfpiloten loggten ihre Zielmarken auf der Frontseite des violetten Objektes ein, dem sie rasend näher kamen. Die Abstandszahl, die im Head-up-Display unterhalb der Zielmarkierung direkt auf das Kanzelfenster eingeblendet wurde, schrumpfte rasant: 160 Kilometer, 150, 140… Der von seinem Wingman „Redneck“ genannte Pilot, Vince Norton, hatte den Befehl eine erste Lasersalve aus etwa 20 bis 30 Kilometern Entfernung abzufeuern und dann über Backbord abzudrehen. Der zweite Pilot, Butho Lamula, sollte seinen Fighter anschließend bis auf wenige hundert Meter an den Berg heranbringen, um die Auswirkungen des Beschusses zu dokumentieren und gegebenenfalls aus direkter Nähe eine zweite Salve abzufeuern, während er über diesen hinwegflog. Soweit der Plan. 80 Kilometer, 70, 60. Beide Piloten drosselten nun leicht das Tempo. 40, 35, 30, 25… „Feuer!“

„Redneck“ Norton hatte gerade ein oder zwei Sekunde Zeit, um durch sein sich automatisch abdunkelndes Helmvisier die vier gleißend hellen Laserstrahlen zu bewundern, die von seinem Fighter ausgehend auf die Bergflanke vor ihm zielten. Dort wo sie vereint auf die violette Wand trafen, stieg zunächst nur ein klitzekleines, schwarzes Rauchwölkchen auf – doch dann brach die Hölle los! Der ganze Berg schien in einem einzigen weißen Blitz zu entflammen! Die Visiere der beiden Piloten verdunkelten sich schlagartig bis zur Undurchsichtigkeit. Instinktiv kippte Norton die Maschine wie geplant nach links, bevor ihn eine ordentliche Druckwelle gehörig durchschüttelte: „Holy moly! Was war denn das?“

Butho Lamula erging es sogar noch dreckiger, denn er drohte nun schnurstracks in das weißauflodernde Desaster hineinzufliegen. Er konnte gerade noch den Steuerknüppel  an sich ziehen, als die Druckwelle der regelrecht explodierenden Bergoberfläche seine aufsteigende Maschine traf und in eine buchstäbliche „Rolle rückwärts“ riss. Glücklicherweise raste er nun nicht mehr direkt auf das Flammenmeer zu, sondern stieg vor diesem in völlig unkontrollierten Spiralen senkrecht in die Höhe, bis ein paar automatisierte Notsteuerungsroutinen seinen Fighter wieder einfingen. Als er aus einer Sekundenohnmacht wieder zu sich kam, realisierte er außer einen enormen Hitze diverse Warntöne in seinem Cockpit. Offenbar hatte die kleine Maschine gehörig etwas abgekriegt!

Vince Norton hatte einen weiten, liegenden Looping über Backbord geflogen und schloss nun zu seinem lädierten Kollegen auf: „Butho, dir hat’s gerade ordentlich den Pelz verbrannt! Aber wenigstens scheint es dein Brathähnchen noch zu tun. Alles in Ordnung, Kumpel?“

Nachdem sich Butho Lamula nach seiner Benommenheit halbwegs sortiert hatte, murmelte er nur noch: „Redneck, ich habe die Schnauze voll, lass uns heim auf die Pirmasens fliegen. Ich befürchte, meine Krankenschwester darf unser Date noch dienstlich mit mir fortsetzen: Es ist hier wirklich verdammt warm geworden in meiner Kiste!“ Wie zwei geprügelte Hunde zogen sich die beiden Fighter zum Mutterschiff zurück, während unter ihnen der riesige violette Koloss auf der endlosen grünen Waldfläche lichterloh brannte, wie ein gerade explodierter Flüssiggas-Tanker auf dem Ozean – nur etliche Nummern größer.

„Das war eine sehr kluge Idee von ihnen, den Probebeschuss zunächst an einem anderen Berg durchführen zu lassen“, lobte Erno Santorius die Wissenschaftlerin mit den pink gefärbten Haaren. Gemeinsam mit Hayden Findley standen sie um den 3D-Displaytisch und schauten auf das weißglühende Inferno, das dort projiziert wurde. Die beiden Piloten hatten unverschämtes Glück gehabt, dass ihnen nicht noch mehr zugestoßen war – einer von ihnen war nach seinem Einsatz ziemlich lädiert auf die Krankenstation gehumpelt. Hoffentlich war genügend Brandsalbe an Bord. Armer Kerl.

„Und es war eine weise Entscheidung, dass sie meinem Vorschlag gefolgt sind, Captain“, antworte Pavlína Dvořáková, die ihren Blick dabei nicht von den grellweißen Flammen auf dem Großdisplay lösen konnte, die es vollkommen gerechtfertigt erscheinen ließen, dass sie auf der Brücke eine Sonnenbrille trug, „vermutlich wird es noch Tage oder gar Wochen dauern, bis dieses violette Monster vollständig ausgebrannt ist. Ich würde ja zu gerne wissen woraus dieses Ding eigentlich besteht! Ist nach dem Lasertreffer hochgegangen wie eine Kiste Magnesiumpulver…“

„Woraus auch immer, das tut nichts zur Sache“, mischte sich Hayden Findley nun ein. Die Erste Offizierin wollte schnell erfahren, ob angesichts der neuen Erkenntnisse ein ähnliches Vorgehen an jenem Berg überhaupt sinnvoll wäre, in dem der Expeditionstrupp samt Landefähre eingeschlossen war.

„Ich würde dringend davon abraten! Solch ein tagelanges Feuerinferno übersteht eine einfache Landefahre unter keinen Umständen!“

„Soll das etwa heißen, wir müssen unseren Erkundungstrupp dort unten verloren geben? Es scheint ja nur Pest oder Cholera zu geben: Entweder fackeln wir sie ab, oder ihnen geht nach wenigen Tagen der Sauerstoff an Bord aus, wenn sich dieser Koloss nicht schnell wieder von alleine in Bewegung setzen sollte.“

„Und selbst dann wäre es gar nicht einmal sicher, ob die Landefähre im Inneren nicht längst zerquetscht worden ist, Captain“, warf Hayden nun ein. Sie ließ zunehmend durchblitzen, dass sie persönlich eine Rettungsmission angesichts der verzweifelten Lage für eher weniger sinnvoll hielt. Vielleicht dachte sie dabei auch wieder an ihren ihr überaus wichtigen Expeditionszeitplan…

Captain Santorius fuhr sich durch den eisgrauen Vollbart und überlegte kurz, bevor er einen Gedanken in Worte fasste, der ihm gerade durch den Kopf gegangen war: „Hmm… Könnte es nicht eine klitzekleine Chance geben, dass unser Team aus irgendeinem Grund gar nicht an Bord war, als sich dieses Monstrum über Camp Corax geschoben hat? Vielleicht haben sie ja was kommen gehört und sind gerade noch rechtzeitig aus ihrer Fähre geflüchtet? Immerhin verläuft die Funkverbindung über die Landefährenantenne. Wenn diese über den Jordan ist, kann sich der Trupp auch dann nicht über die Kommunikatoren bei uns melden, wenn er es rechtzeitig ins Freie geschafft haben sollte!“

„Guter Gedanke, Captain, aber ich sehe mir hier gerade die genauen Analyseergebnisse des Bioscans durch, der Teil des großen Tiefenscans war, den wir eben durchgeführt haben“, sagte Pavlína. „Wir haben hier ein paar Daten, die uns verraten würden, ob Menschen zu diesem Zeitpunkt außerhalb der Fähre unterwegs waren. Infrarotaufnahmen und ähnliches…“

„Und? Können sie darauf irgendwelche Crewmitglieder erkennen?“

„Leider sind wir technisch nicht dazu in der Lage, aus dermaßen großer Entfernung zur Bodenoberfläche wirklich hochauflösende Fotos zu erhalten – außerdem sind die vielen Äste dauernd im Weg: Wir können durch das Kronendach hindurch nur Infrarotaufnahmen machen…“

„Kommen sie auf den Punkt!“ Die erste Offizierin wurde immer ungeduldiger, ebenso wie ihr Vorgesetzter mochte sie keine langatmigen wissenschaftlichen Erläuterungen – das hatte sie vom „Alten“ schon übernommen. „Läuft da unten noch jemand herum, oder nicht?“

Pavlína nestelte nun an ihrer Brille herum. „Eigentlich möchte ich mich nicht voreilig festlegen. Aber es sieht nicht danach aus. In einem halbwegs realistisch um den Landepunkt herum gezogenen Beobachtungsradius gibt es keine Infrarotsignaturen, die nach Menschen ausschauen. Allerdings habe ich da eine merkwürdige Anomalie entdeckt, offenbar befand sich zum Tiefenscan-Zeitpunkt in einem etwa 150 Meter östlich der Landefähre gelegenem Gewässer ein wärmeabgebendes Lebewesen unbekannter Art…“

„Aber eindeutig kein Mensch?“

„Sehr unwahrscheinlich. Es scheint etwa doppelt so schwer wie ein Mensch zu sein und darüber hinaus über sieben oder acht Extremitäten zu verfügen, die sich ziemlich herumwinden. Dennoch blieb es während des Scan-Zeitraumes die ganze Zeit über stationär in seinem Gewässer… Keine Ahnung, was das war. Vielleicht gibt es ja doch noch irgendwelche Fauna dort unten – außer den violetten Bergen.“

Zur Begrüßung war Eena gleich in den Tümpel gestiegen. Offenbar war es in den langen Monaten seit dem Schiffbruch, den sie als einzige überlebt hatte, nicht nur die Speisekarte gewesen, die sie als überaus defizitär erlebte: Sie litt ebenso an einem Mangel an menschlicher Gesellschaft und Nähe… Eena war es darüber hinaus gewohnt, dass sie sich nahm, was sie brauchte! Ohne ihre ruppige Direktheit hätte sie sich die ganzen Jahre auf ihrem verkommenen Raumschiff gar nicht gegen die Anderen behaupten können. Dem Boss hatte sie, als es mit dem üblen Schrotthaufen zu Ende ging, zu guter Letzt auch nur dank skrupellos-egoistischer Direktheit dessen eigene Borrok-Überlebenskapsel vor der Nase weggeschnappt. Sonst wäre sie nun nicht hier. Außerdem sah der Typ in seinem Teich sympathisch aus. Mit dem langen Haar und seinem bärtig-breitem Grinsen. Hatte coolerweise sogar eine Gitarre am Ufer liegen… Und er schien womöglich recht wohlhabend zu sein – das schloss Eena gleich daraus, dass er ein sündteures Cyborg-Implantat im Gesicht trug. Sie hätte es schlechter antreffen können, wenn sie nach monatelanger Isolation in einem dumpf-drückenden Wald auf übelster „Scheiße-Pilz“-Diät erstmals wieder auf ein menschliches Wesen träfe…

Zusammen mit Eena hatte Benjamin Freitag in jenem Tümpel nun erst recht komplett die Zeit vergessen. Erst als Spot die anbrechende Morgendämmerung bellend begrüßte, stiegen sie wieder aus dem lauwarmen Gewässer. Er nahm sie bei der Hand und nickte grinsend in Richtung Landestelle: „Komm, jetzt ist es an der Zeit, dich meiner Familie vorzustellen!“ Vermutlich wurde er eh schon vermisst. Er stellte Eena ein ausgiebiges „Pilzknollen-freies“ Frühstück in Aussicht, als er mit ihr noch nichts Böses ahnend den kurzen Weg durch den Wald beschritt…

„Sie wollen also Benjamin, Nappoke und die beiden anderen einfach dort unten zurücklassen!“, „echauffierte sich Pavlína Dvořáková lautstark, „das sind teilweise meine Freunde!“ Hayden und der Kapitän hatten nach kurzer Besprechung unter vier Augen verkündet, dass sie die Landefähre und das vierköpfige Bodenexkursionsteam als „Verlust“ verbuchen müssten.

„Wir können nichts mehr für sie tun. So oder so überleben sie den Aufenthalt in diesem Berg oder Tier nicht…“, drängte die rothaarige Offizierin zum baldigen Aufbruch des Sternenkreuzers, „es gibt keinen vernünftigen Grund mehr, aus dem wir uns nun noch länger als nötig in diesem Planetensystem aufhalten müssten! An diesem schrecklichen Ort, der diese Tragödie über uns gebracht hat!“

„Aber wenn wir noch ein paar Tage abwarteten, könnten wir wenigstens die sterblichen Überreste unserer Crewmitglieder bergen und ihnen ein würdevolles Begräbnis in der Erde ihrer beiden Heimatwelten zukommen lassen! Außerdem sehe ich immer noch eine winzige Wahrscheinlichkeit, dass die Fähre tief in diesem Scheißding doch noch irgendwie intakt bleiben könnte!“

„Sie sind Wissenschaftlerin“, Captain Santorius griff Pavlína bei ihren Schultern und schaute sie direkt an, „wie hoch ist diese Wahrscheinlichkeit nach all den Daten und Erkenntnissen, die wir inzwischen gewonnen haben? Nach dem katastrophalen Ergebnis unseres Beschussversuchs? Ich frage sie: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass unsere vier Männer und Frauen das dort unten auf dem Planeten womöglich wirklich überleben könnten?“

Wenige Promille vielleicht“, antwortete sie kleinlaut und durch einen einsetzenden Tränenschleier.

Hayden Findley nickte dem Kapitän zu, dieser fixierte sie kurz und nickte dann ebenfalls, bevor er sich wieder der Wissenschaftlerin zuwandte: „Mehr können wir nicht tun. Mir tut es auch leid.

Pavlína wäre aber nicht Pavlína, wenn sie nicht noch einen letzten Trumpf im Ärmel gehabt hätte: Sie bat Hayden und den Kommandanten noch kurz zu bleiben und zeigte ihnen ein weiteres inzwischen vorliegendes Ergebnis des Tiefenscans, das sie ihnen bisher noch nicht offenbart hatte: „Hier auf diesem Bodenradarbild, das aus einem nur wenige Kilometer von Camp Corax entferntem Gebiet stammt, kann man im Gegensatz zu einer Infrarotaufnahme, auf der wir warmblütige Lebewesen erkennen können, technische Strukturen erkennen.. Sehen sie das da in der Bildmitte? Diese Röhre, die leicht schräg aus dem Boden ragt?“

Die beiden Anderen steckten ihre Köpfe zusammen und betrachteten die Aufnahme: „Was soll das sein?“, fragte Santorius skeptisch.

„Nun, das sind unzweifelhaft – ich habe diesbezüglich diverse Datenbanken konsultiert – die Reste eines Borrok-500-ZZ!“

„Sie meinen damit das Spitzenmodell unter den Überlebenskapseln von Borrok Industries?“

„Genau, Captain. Größe und Form stimmen eindeutig – außerdem hat das Ding beim Einschlag einen veritablen Krater erzeugt, in dessen Zentrum es nun steckt! Der sarkophagförmige Borrok 500-ZZ ist aus den solidesten Substanzen, wie beispielsweise Carbon-Nanotubes, Amorphmetallen und teils von der Herstellerfirma geheim gehaltenen Metamaterialien aufgebaut und darüber hinaus mit Antigravitations-Prallfeld-Generatoren an Kopf- & Fußende ausgestattet. In solch einer Überlebenskapsel lässt sich sogar ein Impakt mit Kometengeschwindigkeit auf einen Felsplaneten überleben. Borrok Industries fertigt nur einige Dutzend Exemplare des 500-ZZ pro Jahr und verlangt dafür pro Stück rund zwanzig Millionen Credits…“

Hayden Findley stoppte den Redeschwall der anderen Frau am Tischdisplay: „Und was sollen wir nun mit diesem Werbetext anfangen? Erhalten sie etwa Geld dafür?“

Von so viel Patzigkeit genervt, antwortete Pavlína: „Nein, das nicht – leider. Der Pirmasens würde es natürlich gut tun, wenn wir endlich einmal hochwertige Ausstattung anschafften! Aber ich will damit auf etwas anderes hinweisen: Wenn es dort eine Überlebenskapsel gibt, dann sind vielleicht noch andere Menschen oder Außerirdische unten im Wald unterwegs. Leute, die auf Rettung hoffen…

Nun antwortete der Kapitän: „Sie kennen doch ihre eigenen Daten und Messergebnisse! Wir haben vor der Landung des Expeditionstrupps Sonden um den Planeten kreisen lassen, die dort unten keine Menschenseele aufspüren konnten. Der Tiefenscan hat dann später auch keine entsprechenden Ergebnisse geliefert! Dort unten ist nichts! Der Unglücksrabe, der vor womöglich zehn oder zwölf Jahren – solange wird der 500-ZZ bereits gefertigt – im Wald einschlug, ist inzwischen vermutlich verhungert oder unter einen dieser violetten Berge geraten… Seien sie realistisch, Pavlína Dvořáková!“ Santorius wandte sich nun wieder seiner Ersten Offizierin zu: „Erste, machen sie den Sternenkreuzer bereit zum Verlassen des planetaren Orbits! Nach dieser bewegten Nacht gönnen wir der Crew noch ein paar Stunden Erholung und Zeit zum Trauern. Um vierzehnhundert Bordzeit verlassen wir dann dieses Planetensystem und setzen die aktuelle Erkundungsmission der unerforschten Gebiete des galaktischen Orion-Armes wie geplant fort!“

Hayden salutierte vor dem Sternenkreuzer-Kommandanten und setzte sich auf dem Absatz ihrer blankpolierten Uniformstiefel quietschend kehrtmachend in Bewegung, um den neuen Marschbefehl auszuführen. In wenigen Stunden würden sie endlich diesen schrecklichen Ort verlassen…

Als auch der Captain fortgegangen war, sank Pavlína in einem der komfortablen, ergonomisch optimierten Brücken-Sessel zusammen. Auch wenn die eher rationale Wissenschaftlerin unter normalen Umständen so gut wie niemals weinte, liefen ihr jetzt die Tränen in breiten Bächen über die Wangen. Sie mochte Benjamin Freitag! Seine unangepasste Art, seine Heiterkeit, teils auch seine blöden Sprüche. Ein oder zweimal wäre sie fast schon soweit gewesen, seiner ewigen Flirterei nachzugeben und sich tatsächlich näher mit ihm einzulassen. Aber auch so war er ein lieber Kerl – inzwischen auch schon ein guter Freund. Beim heimlichen Gassi-Gehen mit ihren beiden Haustieren waren sie sich im Arboretum allmählich näher gekommen… Oh Gott, das Hundchen! Jetzt fiel ihr ein, dass der kleine Spot auch an Bord der im violetten Verderben feststeckenden, todgeweihten Landefähre war! Sie weinte um den kleinen Hund und sein Herrchen, sie weinte auch um die große, gleichermaßen wortkarg, wie raubeinig auftretende Ceyonne und den Sergeant, der einmal ein Disziplinarverfahren am Hals hatte, nachdem er mit einer heimlich gerauchten Zigarre einen wahrhaftigen Feuer-Großalarm an Bord ausgelöst hatte, wodurch etliche Sperrschotts hinunterfuhren und den gesamte Betrieb des Sternenkreuzers stundenlang komplett durcheinander brachten! …und selbst um den korpulenten, immer etwas widerlichen Außerirdischen weinte sie ein bisschen, obwohl den die meisten eigentlich nicht besonders gut leiden konnten…

Etliche tausend Kilometer entfernt stand unter Gebirgen aus fleischiger, violetter Gallerte explosiver Konsistenz verborgen, Tryphul Gnobkock vor einer der Landefähren-Cockpitscheiben und starrte, sich gleich zwei Energy-Riegel auf einmal in den Mund stopfend, auf die fliederfarbene Gleichförmigkeit: „Oh Mann, was für eine beschissene Aussicht! Ob wir jemals wieder etwas anderes zu sehen bekommen werden?“

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(eine Episodenliste mit direkten Links zu allen bisher in meinem Blog veröffentlichten „Sternenkreuzer Pirmasens“-Kapiteln und ein illustriertes Glossar zur Erklärung der Fachbegriffe und als Personen-Übersicht findet Ihr unter diesem Link)

 

 

3 Gedanken zu “STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel VII

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