Das kam mir Spanisch vor…

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Gestern am spĂ€teren Nachmittag dachte ich, hier in „NiedergĂŒllestunk“ mĂŒsse irgendwo ein Kindersportfest sein. Ausgelassener Jubel alle paar Minuten in ziemlich hoher Stimmlage. Ab und zu auch rhythmisches HĂ€ndeklatschen, wie zum Anfeuern


Abends war mir ĂŒbrigens nicht gut – ich fĂŒrchte, ich habe mich in den letzten Tagen ĂŒberarbeitet. Ich berichtete an dieser Stelle kĂŒrzlich ĂŒber gewisse „Arbeitscluster“, die zeitweilig durch meine erratisch-fluktuierenden TagesablĂ€ufe entstĂŒnden. KĂŒrzlich war es wohl wieder zu viel des Guten. FĂŒr einen Indoor-Schlaffi wie mich wohl auch zu viel ungewohnte körperliche BetĂ€tigung im Freien bei Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit und angeblich auch erhöhten Ozonwerten in der Luft
 Gestern war mir leicht ĂŒbel und ich beschloss am spĂ€ten Abend noch ein bisschen mit einer guten Zigarre bewaffnet im Garten zu lustwandeln. Wenn mir Magen und GedĂ€rm in Aufruhr sind, lĂ€sst sich das mit einem Nikotinschub oft beruhigen – manchmal schlĂ€gt‘s aber auch ins Gegenteil um und mir ist dann hinterher wirklich richtig ĂŒbel.

Das „Kindersportfest“ war akustisch weiterhin prĂ€sent. Aber um 23:30 Uhr? Draußen hörte ich auch satte BĂ€sse, denn das ausgelassene Gejohle und das Klatschen wurden von einem eher langsamen, aber sehr rhythmisch-packendem Beat geleitet. Wer feiert denn da so ungewöhnlich ausgelassen? Ab und zu sangen die hohen, hellen Stimmen freudig mit. Waren wohl doch keine Kinder, sondern junge Frauen, die man da ĂŒberwiegend vernahm. Nach urdeutscher Landbevölkerung hörten sich diese PartyaktivitĂ€ten allerdings nicht an. Wenn hier in der Nachbarschaft dermaßen feucht-fröhlich gefeiert wird, dass selbst die Weiber akustisch aus dem PartylĂ€rm hervorstechen, geht es dabei gröber zu: KleinbĂŒrgerliche Matronen mit verlebten Reibeisenstimmen grölen Schlagerfragmente oder ordinĂ€re Sentenzen in die Nacht – man kennt solcherlei GerĂ€usch von Bahnfahrten in einem Großraumwagen, in dem auch ein mit „Kleiner Feigling“ aufmunitionierter Damen-Kegelclub mitreist


Die hellen, auch fĂŒr deutsches Landfrauentum viel zu melodischen Mitklatsch-GesĂ€nge muteten exotisch an. WĂ€hrend ich zwischen der Gartenbepflanzung umherspazierte, kam – auch angesichts der fast subtropisch anmutenden WĂ€rme der Nachtluft – fast ein wenig Urlaubsstimmung bei mir auf. Als ob ich mit der Zigarre im Mundwinkel unter Palmen 🌮🌮🌮 flanieren wĂŒrde. Afrikanerinnen! Sofort sah ich vor meinem geistigen Auge ein paar fröhlich singende und klatschende Schwarzafrikanerinnen mit bunten Turbanen. Sicherlich feierten sie im nahegelegenen Asylbewerberheim! Obwohl? Ungewöhnlich. Dort lag so gut wie niemals ausgelassene, oder fröhliche Stimmung in der Luft. Eher Resignation und Verzweiflung. Wenn es dort abends richtig laut wurde, dann meistens weil jemand durchdrehte: Heulen und Lamentieren – oft kamen nach ein paar Minuten dann ein Krankenwagen und Polizei. Letztere kommt auch, wenn der LĂ€rm dort von eskalierenden Konflikten ausgeht: Alle paar Monate kommt es mal zu einer SchlĂ€gerei oder gar Messerstecherei zwischen verfeindeten Bewohnerfraktionen! Dann wird es dort auch sehr laut und ungemĂŒtlich – aber gestern Abend, das war eine ausnahmslos Ă€ußerst fröhlich klingende Fete!

Außerdem stimmte die Richtung nicht – das Klatschen und Johlen wurde vom Wind aus der Gegenrichtung der Asylbewerberunterkunft an mein lauschendes Ohr getragen. Vielleicht doch einheimische Jugendliche? Die Musik war sehr basslastig und langsam genug fĂŒr ein etwas zögerliches, aber dafĂŒr systematisch Spannung aufbauendes, sich gegen Ende hin steigerndes Mitklatschen, das sich stets im kollektiven Jubel-Aufjauchzen entlud. Diese Musik klang aber auch ein bisschen fremdartig fĂŒr mich. Normalerweise spielen sie bei FestivitĂ€ten in den hiesig umliegenden Gefilden Schlager oder Pop – allenfalls noch etwas, das man als „Kirmes-Techno“ bezeichnen könnte, wenn es hochkommt
 Aber bezĂŒglich aktueller Musiktrends bin ich eh ziemlich „raus“ – ich habe nahezu keine Ahnung, was heutzutage von einem u30-Publikum gemeinhin fĂŒr Musik gehört wird. Vieles davon klingt eh dermaßen seicht und weichgespĂŒlt, dass sich ein Hinhören fĂŒr mich auch gar nicht lohnen wĂŒrde


Aber dieses leicht anheizende, von rhythmischem HĂ€ndeklatschen begleitete Mitsingen? Das freudig ausgelassene Johlen immer wieder nach einer kurzen Weile? Sicherlich irgendein aktuelles Teenager-Ritual, von dem ich keine Ahnung habe. Fremde Welten sind das fĂŒr einen isoliert lebenden alten Sack wie mich
 Da wird eh dauernd eine neue Sau durchs Dorf getrieben: Bei uns wurde zu Queen‘s „We Will Rock You“ mitsingend kollektiv mit den FĂ€usten auf den Boden gehĂ€mmert und es gab ein „Jo-Jo“-Revival. Heute haben sie stattdessen „Fidget Spinner“ und es gibt seltsame Trends, die schneller wieder „out“ sind, als das sie jemals „in“ waren, wie Planking, die Russen-Hocke oder das Insta-Posten von Selfies des eigenen „Toblerone Tunnel“ („it’s nice to be heiß“)


Ich stieß den Rauch aus und hörte abermals genauer hin – irgendwie faszinierten mich diese fĂŒr simples Partygegröle ungewöhnlich wohlklingenden, klaren, hellen Frauenstimmen. Nun hörte ich auch, dass es gar nicht so viele Leute waren, die da trĂ€llerten. Die Sangesinbrunst und der Augelassenheitsgrad ließen zwar auf etliche Dutzend Personen schließen, aber de facto waren das sicherlich nicht einmal zehn – die nichtsingenden, sondern sich dem gegenĂŒber deutlich leiser unterhaltenden Kerle sogar schon mitgerechnet
 Aber es kam mir spanisch vor!

Es war eindeutig Spanisch
 Die fröhlich feiernden jungen Damen sangen auf Spanisch. Der Originalgesang der Songs war Spanisch. Auch die MĂ€nner, die man ab und an dazwischenreden hörte, klangen spanisch
 HĂ€tte natĂŒrlich auch nicht sein können, dass die hiesige Landbevölkerung solch „positiv-fröhlich“ klingende Partys auf die Beine stellt! Gibt es denn auch „negativ-fröhlich“ klingende Partys? Hier in „Nieder- und ObergĂŒllestunk“ unverkennbar: Ja! Dumpfe Gartenparty-MassenbesĂ€ufnisse und als deren Steigerung dann auch noch alljĂ€hrlich die zum spießbĂŒrgerlichen Ritual erstarrten SchĂŒtzenfeste, auf denen ordinĂ€re Muttis als bunte Knallbonbons verkleidet in der Gegend herum bornieren, wĂ€hrend sie ihren lĂ€cherlich uniformierten MĂ€nnern dabei zuschauen, wie diese sturzbetrunken in die das FestgelĂ€nde umrahmenden GebĂŒsche reihern


Aber das hier klang spanisch! Ich kam mir eher wieder so vor, als wĂŒrde ich noch in Berlin leben und nicht auf dem Dorf wohnen
 Lateinamerikanische Lebensfreude in „NiedergĂŒllestunk“! Wo kam das her? Rund 100 Meter von hier entfernt haben sie in den letzten Jahren ein paar neue, teils recht große EinfamilienhĂ€user hochgezogen – fast schon kleine Villen sind das. Aber anderseits ist hier auch das Land und das Bauen billig
 „Villa“ ist vielleicht etwas ĂŒbertrieben. Aber teils sind das ziemlich große KĂ€sten, einer sogar mit ‘ner schicken, umlaufenden Veranda. Kam die spanische oder sĂŒdamerikanische Partyfreude dorther an mein lauschendes Ohr im nĂ€chtlichen Garten? AustauschschĂŒler aus Brasilien auf ‘ner kleinen Teenager-Gartenparty? Oder feiert dort ein junges, spanisches Zuwandererpaar mit seinen Landsleuten? Die Musik klang eher sĂŒdamerikanisch, als spanisch – fast schon karibisch! Limbo! Deshalb das anfeuernde Mitklatschen, das immer in Jubel brandete, wenn es jemand beim Limbo-Tanz unter der Stange durchschaffte! Vor meinem geistigen Auge wanden sich nun karibisch-exotische Latina-Schönheiten unter der immer niedriger gehĂ€ngten Limbostange hindurch – hĂŒftwackelnd tanzend – natĂŒrlich mit ausgeprĂ€gtem „Toblerone Tunnel“! (googeln 😉) Bauchfreie Tops und straff angespannte Bauchmuskulatur, seidig-schwarzes, langes Haar, in dem eine HibiskusblĂŒteđŸŒș steckt
 Jetzt war ich mit meiner Zigarre mindestens auf Kuba, statt in einer nach Jauche stinkenden lĂ€ndlichen Kleinsiedlung


Etwas mehr exotische „Buntheit“ kann dem hiesigen Landeier-Muffel-Deutschland wirklich nicht schaden, dachte ich mir angesichts meiner nĂ€chtlichen TagtrĂ€umerei schmunzelnd. Bisschen mehr weltoffen-buntes „Berlin“ tĂ€t ganz gut hier
 Ich bin ja pro Einwanderung und picke mir eh schon seit Jahrzehnten die Rosinen aus allerlei Kulturkreisen heraus: Kulinarisch, stilistisch, kulturell, ideologisch
 Der beste Mix aus Allem, was der Globus hergibt. Unter anderem hat mich meine ausgedehnte Indienreise diesbezĂŒglich geprĂ€gt und offener werden lassen – „hungriger“ auf neue, exotische Inspirationen
 Ich sehe mich als kosmopolitischen WeltbĂŒrger, der sich bedingt durch allgemeine Unzufriedenheit mit seiner spießbĂŒrger-deutschen Umgebung und aufgrund von Geldmangel ins selbstgewĂ€hlte Exil verrĂ€umt hat, statt exzessiv zu reisen und neue Dinge aufzusaugen. Das Internationale und die Großstadt kann ich mir leider nicht mehr leisten, dann baue ich mir lieber mein eigenes kleines Reich hinterm Gartenzaun auf. Ohne Gartenzwerge und SchĂŒtzenfest-Bier zwar, aber mit einer Prise Exotik gewĂŒrzt. In der Wohnungseinrichtung schimmert manchmal ein Hauch Indien durch, in meiner inneren Einstellung ein bisschen mediterrane „mañana“-Gelassenheit (es sei denn mich packt mal wieder der urdeutsche Arbeitsrausch, der schizophrener Weise in meinem Inneren mit dieser kontrastiert). Nordisches mischst sich mit OsteuropĂ€ischem und Asiatischem. Von jeder meiner Reisen brachte ich meistens auch eine eigene neue Facette mit nach Hause. Ebenso aus jeder neuen Freundschaft, oder Bekanntschaft mit Nicht-Deutschen heraus.

Mehr „Buntheit“ und PrĂ€gung durch einwandernde EinflĂŒsse empfinde ich als meistens angenehm und begrĂŒĂŸenswert – mit einer einzigen aber entschiedenen Ausnahme: Dem politischen Islam(ismus). An einer gestrigen, in ihrer UnterdrĂŒckung von Frauen und Menschenrechten faschistoid anmutenden Religions-Ideologie kann ich nichts „Bereicherndes“ finden. Wenn jemand seine Religion im kleinen Kreis ausĂŒbt und vor allem moderat auslegt, ist das okay und Privatsache. Egal, um welche Religion es sich dabei handelt. Als bekennendem Atheisten kommt mir diese Art der GlĂ€ubigkeit allenfalls ein wenig befremdlich vor…  Aber sobald jemand zum kriegerischen Fundamentalismus neigt, seine Dogmen notfalls „mit Feuer und Schwert“ verbreiten will, und Ritualen anhĂ€ngt, die nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, endet bei mir jede Toleranz: Diese Menschen möchte ich lieber nicht im Land haben, sondern möglichst weit weg wissen, wo sie unter Gleichgesinnten weniger Schaden anrichten können. Mir wird diese kultivierte Über-Toleranz gegenĂŒber einer extremen Intoleranz immer fremd bleiben, wie sie vielen Menschen eines gutbĂŒrgerlich-grĂŒnen Spektrums zur eigen ist: Wie kann man einerseits fĂŒr Emanzipation, Menschenrechte und Meinungsfreiheit sein und andererseits eine Minderheit protegieren, die vollstĂ€ndig auf diese Werte scheißt und ihre starre, dogmatisch-religiös verbrĂ€mte Intoleranz in einem frĂŒhmittelalterlichen Paralleluniversum kultiviert, das sie am liebsten gewaltsam allen anderen ĂŒberstĂŒlpen wĂŒrde? Wenn es Probleme mit Zuwanderern gibt, wenn es zu GewalttĂ€tigkeiten kommt, wenn in einem Stadtteil allmĂ€hlich die Stimmung kippt, wenn Einwanderer auch nach mehreren Generation immer noch unter sich bleiben und permanent anecken
 Fast immer liege ich richtig, wenn ich deren Religion erraten mĂŒsste. Meistens sind das keine Buddhisten, und Juden in der Regel auch nicht


Aber ich schweife ab und bin ja eigentlich auch ganz froh, dass ich im verschlafenen „NiedergĂŒllestunk“ hinterm Gartenzaun von Haus „Zweieichen“ solche Probleme nicht am (eigenen) Bein habe
 Etwas lateinamerikanische Lebensfreude in Form von mit dem Wind herangetragenen Partygesangsfetzen finde ich jedenfalls auch im selbstgewĂ€hlten Exil ab und an ganz begrĂŒĂŸenswert – und sei es deshalb, dass man dann als alter Zausel – trotz grummelndem GedĂ€rm – fĂŒr ein paar Momente lang im nĂ€chtlichen Garten mit der Zigarre in der Hand an Limbo tanzende Latinas denken muss
 Inklusive „Toblerone-Tunnel“.

16 Gedanken zu “Das kam mir Spanisch vor…

  1. FĂŒr’n Jungesellinnen-Abschied klang’s zu kultiviert? Heute hab ich bei Dir zum ersten Mal gelesen, daß es in NiedergĂŒllegestank tatsĂ€chlich stinkt. Sonst hast Dich immer nur ausschließlich in Form von eben jenem nach Asterix und Obelix klingenden Ortsnamen darĂŒber beklagt.

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  2. Wer weiß, vielleicht war es ja doch die Freiwillige Feuerwehr, die ein paar flotte Schallplatten abgespielt hat, wodurch dann einige spanische Gastarbeiter angelockt wurden. Ich hoffe ja dass das Ganze nicht mit einer SchlĂ€gerei geendet hat wie das bei Dorffesten so ĂŒblich ist.

    GefÀllt 1 Person

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