STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel V

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0005 Logo Pirmasens

Verehrte Freunde meiner Fortsetzungsgeschichtenserie „Sternenkreuzer Pirmasens“, heute serviere ich Euch fürs lange Wochenende das fünfte Kapitel – viel Vergnügen beim Lesen! Falls jemand erst jetzt neu in die Story einsteigen und deshalb ein bisschen Probleme mit den ganzen Personennamen und Fachbegriffen bekommen sollte, steht unter diesem Link ein bebildertes Glossar zur Verfügung, wo alles ausführlich erklärt wird. Außerdem findet sich dort noch eine Episoden-Liste mit direkten Links zu allen vorherigen Kapiteln und am Ende selbstverständlich die Möglichkeit zu kommentieren und zu liken.

0002 Strich

Kapitel V – Eine Landung

Ein olivgrüner Schatten raste den mickrig gewachsenen Stamm einer Ulme empor, die den breiten Loungesesseln der beiden Crewmitglieder am nächsten stand. Swoosh! Gleich bis hoch in die Krone des kümmerlichen Baumes, der traurig am Rande des Arboretums wuchs! „Aus, Fuzzbutt, aus!“, rief Pavlína und erhob sich dabei halb aus ihrem komfortablen Korbgeflecht – fast dabei ihren Cocktail verschüttend, der vor ihr auf dem Glastisch stand, an dem ihr Ben Freitag gegenüber saß. Sie hasste es, wenn Fuzzbutt Spot einen Knochen wegschnappte, den dieser gerade im Arboretum vergraben wollte, und damit auf Nimmerwiedersehen irgendwo oben in den Bäumen verschwand. Wenn er Benjamins kleinem Hundchen erfolgreich etwas abnehmen konnte, verzog sich der flauschig olivgrün bepelzte Fuzzbutt gerne mit seiner Beute stundenlang unerreichbar in eine hohe Baumkrone oder hinter irgendeine durch den Sternenkreuzer verlaufende, deckennahe Rohrleitung.

Das außerirdische Tierchen sah nicht nur aus wie eine unglückliche Mischung aus Hund und Affe, sondern es verhielt sich auch so, wie sich solch eine putzige Chimäre vermutlich verhalten würde.

Benjamin meinte grinsend, dass das stets stumme – es konnte weder bellen, noch ein Affentheater machen – aber manchmal erschreckend intelligent agierende, außerirdische Haustier der wissenschaftlichen Expeditionsleiterin der „U.E.S.S. Pirmasens“ ruhig noch ein Weilchen auf der Ulme bleiben könne, „wann habe ich schon mal die Gelegenheit mit meiner Lieblingswissenschaftlerin in Ruhe einen Cocktail zu genießen?“ „Jaja, du willst mir doch nur noch ein bisschen länger in den Ausschnitt starren, Ben!“, entgegnete ihm Pavlína Dvořáková spitz. Mist – ertappt…

Benjamin war auf der Pirmasens zwar nicht als ausgewiesener Schwerenöter bekannt, aber er flirtete ganz gerne mit den Damen. Als der Sternenkreuzer kurz nach seiner Indienststellung – Benjamin war dank des in der Lotterie gewonnenen Crew-Tickets fast von Anfang an mit dabei – zunächst überwiegend in relativ erdnah gelegenen Planetensystemen unterwegs war, gab es ziemlich oft hübsche Praktikantinnen an Bord. Als das Expeditionsschiff später in unerforschte Regionen des Orion-Armes der Milchstraße aufbrach, war das leider erheblich seltener geworden. Aber ein paar Dates waren auch auf den jüngeren Missionen immer mal wieder für den langhaarigen Hobbymusiker drin gewesen. An Pavlína hatte er sich aber bisher die Zähne ausgebissen. Dabei stand sie ganz weit oben auf seiner Liste!

Zunächst hatte er sie für eine nerdige Forschungs-Zicke gehalten, zumal sie als offizielle Stellvertreterin des eigentlichen Wissenschaftsoffiziers schnell ein paar gehörige Allüren entwickelt hatte. Im Prinzip musste sie dieses vertrocknete Männchen, das einen Großteil seiner Existenz zurückgezogen vor sich hin kränkelnd zwischen tausenden von Büchern und Datenträgern in der ihm zustehenden geräumigen 2-Raum-Offizierskabine im Habitationssegment C-R1 verbrachte, ständig vertreten. Zumal sich der greisenhaft und gebrechlich wirkende offizielle Wissenschaftsoffizier der Pirmasens unter keinen Umständen auf eine Außenmission zur wissenschaftlichen Erkundung fremder Planeten begeben würde. Pavlína schon. Als wissenschaftliche Expeditionsleiterin hatte sie auf solchen Outdoor-Exkursionen sogar echte Haudegenqualitäten. Von dieser pragmatisch-entschlossenen Art war Benjamin ebenso angetan, wie vom attraktivem Äußeren der forschen Forscherin mit den wallenden, leuchtend pink gefärbten Haaren – denn diese besaß einen Körperbau, den man eher einer galaxieweit erfolgreichen Pornodarstellerin zutrauen würde, als einer Fachliteratur verschlingenden Labormaus. Als Benjamin sie erstmals in einer enganliegenden Außeneinsatzuniform erspäht hatte, statt in ihrem weiten Laborkittel, war es um ihn geschehen: Seitdem war er bei ihr am Ball – und biss sich bisher gehörig die Zähne an ihr aus. Dabei begegneten sich die beiden Crewmitglieder aufgrund ihrer beiden Haustiere ziemlich oft im Arboretum. Der kleine Baumbestand in einem vier Decks durchbrechenden Innenhof des gewaltigen Weltraum-Schlachtschiffs, war nämlich nicht nur der heimliche Pinkelpark von Spot. Im Prinzip war die Tierhaltung an Bord strengstens untersagt – aber bei Benjamin hatte man aufgrund seines Sonderstatus als Lotteriegewinner eine großzügige Ausnahme von dieser Regelung gemacht, und bei Pavlína deshalb, weil sie ihren kleinen Fuzzbutt dem Kommandanten gegenüber als wissenschaftliches Projekt verkauft hatte. Gassi-Gehen im Arboretum stellte unabhängig von allen haustiertechnischen Extrawürsten aber eindeutig eine grobe Ordnungswidrigkeit dar – die konspirativen Aufenthalte mit den Tieren im Arboretum hatten deshalb dazu geführt, dass sich Ben und die wissenschaftliche Expeditionsleiterin ein wenig näher gekommen waren. Wenn auch nicht so nahe, wie es der spitzbärtige Hobbygitarrist aus der Südwestpfalz gerne haben würde.

0104 Pavlina Dvorakova

„Ben, ich werde dich morgen mit einem Expeditionsteam auf diesen einen unbekannten Planeten schicken, den wir aufgrund der gegenwärtigen Datenlage für am interessantesten halten. Er liegt mitten in der habitablen Zone dieses Sonnensystems und scheint den teleskopischen Aufnahmen nach überwiegend dicht bewaldet zu sein. Momentan sind ein paar autonome Aufklärungssonden dorthin unterwegs, damit wir bis dahin genauer sagen können, ob wir euch ohne vermeidbare Risiken einzugehen auf die Oberfläche entsenden können. Du solltest besser deinen Drink austrinken und dich früh aufs Ohr legen – das dürfte morgen ein ziemlich anstrengender Tag werden!“

„Oh, kommst Du denn morgen gar nicht mit auf den Planeten runter?“, fragte Ben leicht enttäuscht. Pavlína musterte Ben kurz über die tiefblaugetönten Gläser ihrer schwarzen Hornbrille hinweg. Dieser Sonnenbrillentick war eine ihrer Marotten. Die Wissenschaftlerin hatte eine tiefverwurzelte Angst vor koronalen Massenauswürfen. Sonneneruptionen, die bei manchen Sternen für enorme Helligkeitsschwankungen sorgen konnten. Nachdem sie vor etlichen Jahren einmal während einer Planetenexpedition durch solch ein unerwartet und abrupt auftretendes Ereignis empfindlich geblendet worden war, trug sie stets eine ihrer zahlreichen Sonnenbrillen. Auch in Gebäudeinnenräumen und sogar im Labortrakt des Sternenkreuzers. Dort zog sie ihre schicken Schmuckstücke auch jenen unförmigen Schutzbrillen vor, die die anderen Wissenschaftler bei der Arbeit trugen. Ja, sie hatte ihren eigenen eigentümlich exzentrischen Stil. Nicht nur bei der Brillenmode, sondern auch charakterlich… „Nein, Ben. Aber ich muss hier an Bord bleiben und eure Daten verarbeiten. Ihr werdet dort unten sicherlich schon ganz gut alleine klarkommen. Ohne eure Nanny.“ In einem hastigen Zug leerte sie im Aufstehen den Rest ihres aus einem Drink-Dispenser stammenden, künstlichen Frucht-Cocktails, der genau so leuchtend pink war, wie ihre kunstvoll frisierte Mähne, und verabschiedete sich mit einem kurzen Nicken von Ben, der in seinen Loungesessel gefläzt am Rande des Arboretums zurückblieb. „Komm, Fuzzbutt!“ rief sie ihr extraterrestrisches Haustier zu sich. Als es von der Ulme kletterte, ließ es dabei den Knochen fallen, auf den sich sofort Benjamins Hundchen Spot stürzte, das am Fuße des kümmerlichen Baumes die ganze Zeit über geduldig auf diesen Moment gewartet hatte.

Kopfschmerzen – sie starrte leidend durch ihre noch halb geschlossenen Augenlider auf den leuchtend gelben Himmel über ihr. Zum Glück wurde das grelle Licht größtenteils durchs Geäst abgeschirmt. „Scheiß Licht!“, krächzte sie, setzte sich langsam auf und trank einen Schluck kühlen Wassers. Hunger. Sie war wohl länger ausgeknockt gewesen, als gedacht. „Scheiß Pilze, verfickte Kacke!“ – sie hatte immer noch Mühe, ihre Umgebung klar zu fokussieren. Nach dem Hinsetzen war ihr zudem noch schwindeliger geworden, als im Liegen. Die Umgebung schien um sie zu kreisen. Der stark flirrende Kontrast aus grellem Tageslicht und unzähligen Schattenflächen verwirrte ihre Sinne. Halb kriechend, statt gehend, setzte sie sich ununterbrochen vor sich hin fluchend in Bewegung. Der Hunger trieb sie von ihrem provisorischen Lager hoch. Der Magen fühlte sich an wie Dörrobst. Hunger. „Scheiß Hunger, scheiß Gegend, scheiß Alles!“ Sie musste sich dringend etwas zum Essen suchen – und auch baldmöglichst ihre Wasserflasche auffüllen, die am Gürtel baumelte, der ihre lädierte Kleidung, oder das was davon noch übrig war, zusammenhielt. Zerschlissene Lumpen, die allmählich auch zunehmend zu verschimmeln begannen. Hinter ihrer Stirn hämmerte es wie eine Gatling-Bordkanone, durch die halbverklebten Augen hatte sie noch erhebliche Mühe, zu erkennen, wo sie da gerade hinschlich. Sie musste wieder ein paar Pilze finden. Vielleicht fand sie endlich mal welche von den Blauen mit den gelben Flecken, die ließen einen zwar halluzinieren, aber verursachten hinterher weniger Kopfweh… „Dreckspilze!“

„Unsere Aufklärungssonden sind also bereits auf dem Rückweg und haben schon ihre von der Planetenoberfläche gewonnenen Daten übermittelt – bleibt es also dabei, dass wir unser Team auf diesen speziellen Planeten schicken?“ Captain Santorius stand mit Hayden Findley und Pavlína Dvořáková auf der zu dieser nach Pirmasens-Bordzeit frühen Morgenstunde nach etwas unterbesetzt wirkenden Brücke des Sternenkreuzers. „Ja“, antwortete die Stellvertreterin des eigentlichen Wissenschaftsoffiziers, der zu dieser Uhrzeit noch von seinen Herzmedikamenten ruhiggestellt in seiner Offizierskoje schlummerte, „Pirmasens 98c liegt in der Habitablen Zone des Planetensystems, ist etwa erdgroß und weitgehend von einer geschlossenen Vegetationsdecke überzogen. Bis auf zahlreiche, kilometerweit ausgedehnte, violette Aufwölbungsstrukturen, die vermutlich durch eine unbekannte Form von vulkanischen Aktivitäten entstanden sein dürften.“

Alle von der „U.E.S.S. Pirmasens“ auf Expeditionsmissionen neu entdeckten und erstbeschriebenen Sterne wurden „Pirmasens“ getauft – dieses war der 98., bei dem das der Fall war. Die Planeten eines Sternes wurden mit Kleinbuchstaben durchgezählt. Bei dieser Nomenklatur blieb es in der Regel, außer es handelte sich um ein Planetensystem, bei dem es sich nachträglich herausstellte, dass es bereits von anderen Raumfahrerspezies wie den Horko getauft worden war – dann übernahm man gegebenenfalls den älteren Namen. Desweiteren wurden besondere Sterne und ihre Planeten oft mit kreativeren Eigennamen als einer Zahl und einem Buchstaben versehen, wenn diese später für die Menschheit eine größere Bedeutung erlangten – etwa als Ort für die Gründung neuer terranischer Kolonien. „Und die Atmosphäre, atembar?“  Pavlína antwortete auf die Frage des Captains: „Ja. Die analysierten Luftproben enthielten auch keinerlei Schadstoffe und keine gefährlichen Keime – zumindest nichts, mit dem wir hier auf unserer Sternenkreuzer-Krankenstation nicht klar kämen…“

„Sehr beruhigend“, Captain Santorius trommelte mit seinen Fingern auf den Rand eines Kontrollpultes – er war kein Freund unnötig langer Besprechungen, „sonst noch etwas Relevantes?“ „Keine offensichtlichen Zivilisationsspuren, keine technischen Emissionen, keine Bauten, kein Flug- oder Funkverkehr. Scheint ein echter Garten Eden zu sein.“ Der Planet Pirmasens 98c hörte sich für den Kommandanten des Sternenkreuzers jetzt schon nach einem langweiligen Routineobjekt an – fast schon schade um die Quantenfunk-Peilboje, die man gestern in diesem Sonnensystem ausgesetzt hatte. Andererseits vielleicht irgendwann mal ein möglicher Koloniestandort – Schwerkraft und Atmosphäre im grünen Bereich findet man auch nicht überall. Man sollte dieser unbesuchten Welt also zumindest eine Chance geben. Zumal die anderen Planeten des Systems Pirmasens 98 offenbar noch irrelevanter zu sein schienen – in unmittelbarer Sternennähe gab es noch eine kleinere, ziemlich verbrannte Glutkugel, weiter draußen auf ferneren Umlaufbahnen dann drei Gasriesen mit zwar zahlreichen, aber atmosphärenlosen Monden… „Also gut, Planet c ist das Ziel der Wahl – wen schicken wir heute mit einer Landefähre runter, Hayden?“

„Angesichts des auf Grund der Datenlage eher gering erscheinenden Risikos nur einen kleinen vierköpfigen Erkundungstrupp, der dort nur einmal übernachten wird – mehr als ein Dutzend Arbeitsstunden werden die nicht brauchen. Als Leiter dachte ich an Sergeant Olsen.“ „Sehr gut. Ich mag es nicht, wenn wir nur Zivilisten runterschicken… Die anderen Drei?“ „Ceyonne Ward…“ „Warum die Söldnerin?“, fragte Santorius nun mit hochgezogener Braue. Der Captain schätzte die wenigen Söldner, die auf dem Sternenkreuzer angeheuert hatten, nicht besonders, weil er die offiziellen Militärs für loyaler hielt. „Weil die sich auf solchen Missionen bewährt hat“, verteidigte Hayden ihre Personalwahl für das Erkundungsteam, „Ceyonne Ward ist hochgradig belastbar und funktioniert in nahezu jedem Setting. Außerdem schicken wir noch Benjamin Freitag und den Schompad runter…“ Captain Santorius runzelte abermals die Stirn und zwirbelte seinen grauen Bart: „Einen Lotterie-Gewinner und einen verfressenen Quasselkopf – nun gut, wenn sie meinen, Hayden…“ Hayden verteidigte ihre Auswahl; der Schompad Nappoke Tryphul Gnobkock wurde auf solchen Expeditionen dafür geschätzt, dass er sich instinktiv in den unbekanntesten Ökosystemen zurechtfand, auch aufgrund seines außergewöhnlichen Orientierungssinnes. Darüber hinaus galt der dicke Außerirdische als robust, abgebrüht und stressresistent. Benjamin Freitag würde mit von der Partie sein, weil er mit dem Schompad erfahrungsgemäß stets überragend gut zusammenarbeitete – etwa gestern beim Installieren der Quantenfunk-Peilboje. Captain Santorius ließ die Erste Offizierin und die stellvertretende Wissenschaftsoffizierin wegtreten und wandte sich der Aufgabe zu, den Sternenkreuzer für das spätere Aussetzen der Landefähre in Richtung des Planeten Pirmasens 98c zu steuern, wo er während der Erkundung im Orbit bleiben sollte. Für ein Absetzten des Teams mit der Landefähre hatte man sich entschieden, weil man nicht einschätzen konnte, ob der dichtbewaldete Untergrund überhaupt für eine Landung des riesigen Sternenkreuzers geeignet wäre und ein Start des schweren Raumschiffs von einer Planetenoberfläche zudem immer eine immense Treibstoffverschwendung darstellte.

„Scheiß Suche nach verfickten Scheiße-Pilzen…“ Sie konnte inzwischen wieder besser sehen und hatte sogar eine Pfütze Wasser entdeckt, in der sie ihre Trinkflasche auffüllen konnte, aber dafür krampfte nun öfters ihr Herzmuskel. Diese Nachwirkung war ihr definitiv noch nicht unterkommen. „Juhu, öfter mal was Neues!“ Zwischen zwei dicken fleischigen Baumstämmen hatte sie auch endlich etliche der kartoffelgroßen orangefarbenen Pilze gefunden, die ebenso wie die kleinen Blauen mit den gelben Tupfen halbwegs verträglich für ihren Organismus waren. Sie riss sie mit beiden Händen mühsam von ihren starken Wurzeln ab und schwitzte dabei ganze Wasserfälle. Ob das an der stehenden Hitze lag, oder an ihrem nach der letzten Mahlzeit immer noch anhaltenden Schwächezustand, war ihr dabei herzlich egal. Sie riss mechanisch die Pilze aus, wie ein wühlendes Tier, und stopfte diese abwechselnd in einen dreckigen Beutel, oder in ihren Mund. „Immer nur diese scheiß Pilze. Was wird es wohl zum Abendessen geben? Scheiße-Pilz-Risotto und dazu einen Cappuccino vom hellbraunen Scheiße-Pilz? Und morgen zum Brunch gebratene Scheiße-Pilze nach Försterart und dazu ein leckeres Püree vom orangenen Scheiße-Pilz oder wahlweise gelbe Scheiße-Pilze à la vapeur…“ Sie spuckte verächtlich mitten zwischen die noch zu pflückenden Scheiße-Pilze aus. „Ob das mit dem Überleben wirklich so eine gute Idee war, Eena?“ Das hatte sie nun von ihrem Egoismus! Davon, dass sie als einzige noch da war… „Eena, du egoistisches, durchtriebenes Miststück! Hättest damals nicht in den Borrok-500 vom Boss kriechen dürfen!“ Aber sie hatte die Borrok-500-ZZ-Überlebenskapsel wenige Sekunden vor ihm erreicht und schnell von innen verriegelt. Nur sie hatte zuvor rechtzeitig entdeckt, was für einen sündteuren High-Tech-Lebensretter der Boss unter ein paar alten Decken getarnt heimlich in seiner Kabine vor allen anderen verborgen hielt… Niemals würde sie sein dunkelrotes, wutverzerrtes Gesicht vergessen! Wie sie durchs Sichtfenster des Borrok-500 von innen her zusah, wie der Boss die letzten Augenblicke lang noch vergeblich versuchte, irgendwie von außen den Deckel aufzubekommen! Wenn er statt ihr in den 20 Millionen Credits teuren Borrok geschlüpft wäre… Wenn sie statt ihm gemeinsam mit allen anderen beim Aufprall atomisiert worden wäre… „Dann müsste le Boss heute Scheiße-Pilze fressen, statt der armen Eena!“ Sie lachte kurz und hell auf. Seit so vielen Monaten immer nur Scheiße-Pilze, dass sie inzwischen nicht einmal mehr wusste, seit wie vielen Monaten genau… immerhin hatte sie gerade orangene Pilze gefunden, denn von den hellgrün-geäderten, die direkt daneben wuchsen, musste man sofort im breiten Strahl kotzen…

„Schaut mal! Fast so schön wie mein Heimatplanet Bo-Danell“, rief der angesichts seines Bauchumfangs nur mühsam angeschnallt in den Sitz passende Schompad beim Blick aus dem Cockpitfenster. Die Landefähre mit dem vierköpfigen Erkundungstrupp an Bord schoss im Tiefflug über die in vielen Grün- und Blautönen dicht bewaldete Planetenoberfläche dahin. Der offensichtlich planetenumspannende Wald wurde nur von wenigen violetten, kissenartigen Hügeln durchbrochen, die sich glatt und rund wie kilometerbreite Seifenstücke deutlich über die Wipfel hinaus erhoben.

0108 Pirmasens 98c

Bisher war der Landeanflug reibungslos verlaufen. Der militärische Leiter ihrer Mission, Sergeant Ored Olsen und die Söldnerin Ceyonne Ward saßen schweigsam und kerzengerade in ihren Pilotensesseln, während die Fähre sich zielstrebig dem ausgewählten Landepunkt annäherte. Die automatischen Aufklärungssonden hatten dort eine der wenigen größeren Lichtungen im planetaren Vegetationspelz gemeldet. Benjamin Freitag fläzte weiter hinten in seinem Sitz und war noch ein wenig schläfrig. Er hatte am Morgen erheblich zu wenig Kaffee getrunken. Dafür war es ihm gelungen, Hundchen Spot und seine Gitarre mit an Bord der Landefähre zu schmuggeln. Vielleicht könnte er abends am Lagerfeuer ein paar Akkorde spielen, falls man ihn auf der Landestellen-Lichtung überhaupt ein solches entfachen ließe.

0106 Sergeant Olsen

Unmittelbar nach dem Ausdocken aus dem im Sternenkreuzer liegenden Hangar, hatte sich der Sergeant in der Landefähre die erste Zigarre angezündet. Auf der „U.E.S.S. Pirmasens“ war es überall strengstens verboten zu rauchen. Deshalb nutzte Sergeant Olsen jede Gelegenheit um diesem Laster zu frönen, sobald er ein paar Meter außerhalb des Sternenkreuzers unterwegs war. Böse Zungen behaupteten, er würde sogar heimlich in seinem Raumanzug für Weltraumspaziergänge rauchen…

Benjamin blinzelte ein wenig durch den dicken Zigarrenqualm und fokussierte die schräg vor ihm sitzende Söldnerin mit seinem künstlichen Auge, dem Cyborg-Implantat, das ihm der Angriff eines „Dreikieferigen Klebstachlers“ damals auf „Finaxa“ eingebrockt hatte. Er war, auch nachdem er mit Ceyonne Ward schon öfters auf gemeinsamen Missionen unterwegs gewesen ist, immer wieder aufs Neue von der respekteinflößenden Physis der dunkelhäutigen Frau fasziniert: Eine Frau wie ein Berg! Einen halben Kopf größer als der nicht gerade klein gewachsene Ben, und auch noch mit einem erheblich breiterem Kreuz gesegnet, als dieser! „Eine echte Kampfmaschine“, dachte Ben, „und ihren Pommesschneider hat sie auch mit dabei…“ Hinter ihrem Sitz hatte die Hünin etliche Waffen verstaut. Neben einem eindrucksvollen XXL-Automatikgewehr auch ihre heißgeliebten beiden Katana-Schwerter und den runden Energieschild, den Benjamin etwas respektlos als „Pommesschneider“ bezeichnete. Das Ding sah ähnlich aus, wie der mittelalterliche Rundschild eines Wikinger-Schwertkämpfers, nur dass die Oberfläche nicht durchgängig geschlossen war, sondern durchbrochen. Der Schild bestand aus filigranen Streben. Speichen, die so aussahen, wie die einer eigenwillig designten Custom-Chopper-Felge. Im aktivierten Zustand waren entweder die durchbrochenen Freiflächen mit einem Hochenergieplasma-Schutzschild ausgefüllt – an diesem zerplatzten sogar auftreffende Großkaliber-Projektile wie die Mikro-Asteroiden am Bug-Schutz-Energiefeld des Sternenkreuzers Pirmasens – oder es waren, in einem weiteren Betriebs-Modus, nur die filigranen Streben mit einem ebenso hochenergetischem Plasma überzogen, so dass sie wie Schneidbrenner oder Laser-Klingen wirkten, wenn etwas auf den Schild prallte. Oder der Schild auf jemanden. Dem erginge es dann wie einer Kartoffel in der Fritten-Produktion – deshalb „Pommes-Schneider“… Benjamin musste unwillkürlich lächeln, diese Frau war so krass!

0107 Ceyonne Ward

Sie hatten den einprogrammierten Landepunkt erreicht – Pavlína Dvořáková hatte diesen Ort bereits an Bord des Sternenkreuzers „Camp Corax“ getauft. Gerade die Militärs an Bord des Sternenkreuzers schätzten es, wenn Missionen und geografische Objekte Eigennamen erhielten. So fühlte sich auch der ansonsten stets wortkarge Sergeant Olsen nach der butterweich auf einer weiten Lichtung erfolgten Fährenlandung bemüßigt, seine Zigarre aus dem Mund zu nehmen und ein paar Worte über diesen Ort zu verkünden – halb zum umsitzenden Expeditionsteam gemeint, und halb über Funk zur Pirmasensbesatzung im Orbit gesprochen: „Wir sind unten. Camp Corax um 11:30 Pirmasens-Bordzeit erreicht. Alle Shuttle-Parameter im grünen Bereich. Erste automatische Außen-Sensoren-Messung bestätigt die angekündigte Atembarkeit der Atmosphäre, knapp über 30% Sauerstoffgehalt.“ Ziemlich viel Sauerstoff in der Umgebungsluft – 10% mehr als auf der Erde. Das musste an dem ganzen Grünzeug liegen, das dort draußen wuchs. „Außentemperatur 26° Celsius, relative Luftfeuchtigkeit 94%. Keine größeren Tiere auf der Lichtung zu erkennen und auch keine artifiziellen Strukturen, weder technische, noch bauliche. Ringsum nur Waldrand. Bodenstruktur leicht morastig, aber tragfähig.“

Es war immer wieder erhebend, als Allererste einen neuen und fremdartigen Planeten zu betreten. Die Tür-Luke hatte sich zischend geöffnet und die Gangway war surrend ausgefahren. Die Crew trat ins Freie. Benjamin Freitag atmete tief durch. Die Luft roch ein wenig moderig, wie man es auch in einem Sumpfwald auf der Erde erwarten würde. Recht schwül war es und am Boden der Lichtung windstill. Überhaupt sehr still. Es fehlten all die piependen, zwitschernden, summenden oder wie auch immer tönenden Tiergeräusche, die man an solch einem Ort erwartet hätte. Camp Corax war ein Ort erdrückender Stille.

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