STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel IV

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Kapitel IV – Wild Card Pirmasens 2058

„Bei der würde man doch mal so richtig rabongo-zongo-wongo und zisch-lickel… Du etwa nicht?“, raunte Nappoke Benjamin schräg von der Seite zu, während sie der Ersten Offizierin Hayden Findley hinterherschauten, als diese raschen Schrittes den Raum verließ, nachdem sie etlichen dort versammelten Crewmitgliedern die Missionsbeschreibungen für die aktuellen Arbeiten und Aufgaben überreicht hatte, die im unerforschten Planetensystem auf sie warteten, an dessen äußerem Rand die „U.E.S.S. Pirmasens“ in den frühen Bordzeit-Morgenstunden aus der Alcubierre-Metrik gefallen war. Auch Benjamin Freitag und Nappoke hatten von ihr persönlich ein aktuelles Missions-Briefing auf ihre Tablets übertragen bekommen – die rothaarige „Erste“ hatte dabei angesichts der undefinierbaren Schmodderkruste, die an Nappokes Tablet klebte, von einem unwillkürlichen Zischlaut begleitet angewidert ihre Oberlippe hochgezogen.

„Ben, schau mal wie sauber und lecker die heiße Braut da ist!“ legte der fettleibige Außerirdische nach, als Hayden Findley in ihrer makellos-adretten, weiß-blauen Uniform gerade durch die Tür des Konferenzsaales eilte, „du würdest bei der doch auch am liebsten mal ausgiebig schlubber-schmonzo-fludderschludder – stundenlang kreuz und quer über alle Öffnungen sabbern, oder?“ Nappoke T. Gnobkock war ein ziemlich widerwärtiges Wesen, das überall vor anderen ungefragt seine schmutzigen Phantasien ausbreiten musste und hauste in der völlig vermüllten und verdreckten Nachbarkabine Nummer 8 im gleichen Habitationssegment R4-8, in dem der langhaarige Spitzbartträger mit dem milchkaffeefarbenen Teint die Nummer 7 bewohnte. Da die Pirmasens ein irdisches Regierungsschiff war – also auf ihren Expeditionsmissionen quasi im Dienste der Menschheit unterwegs – gab es an Bord kaum nicht-menschliche Crewmitglieder. Lediglich fünf Prozent der Mannschaft gehörten außerirdischen Gattungen an – so auch Nappoke Tryphul Gnobkock, der zur Spezies der Schompads gehörte.

Die Schompads stammten von höhlenbewohnenden Geschöpfen ab, die ihre kugeligen, unterirdischen Baue in dicken Schichten mit Nahrungsvorräten und ihrem eigenen Unrat auskleideten. Wenigstens das mit dem Unrat hatten sie sich weitgehend abtrainiert, nachdem sie im Kreis der interstellare Raumfahrt betreibenden Spezies angekommen waren, denn sie wollten nicht als „rückständig“ gelten. Trotzdem kursierte im Orion-Arm der Milchstraße das Sprichwort, jemand sei „dreckig wie ein dicker Schompad!“ Nappoke T. Gnobkock, den die meisten nach seinem abgekürzten Nachnamen schlicht „Gnob“ nannten, hatte mit kiloweise aus diversen Food-Dispensern gezogenen Nahrungsmitteln auch seine Kabine Nummer 8 den Gepflogenheiten seiner Art entsprechend in monatelanger Kleinarbeit dermaßen ausgiebig „dekoriert“, dass es manchmal bis nach nebenan in Benjamins Nummer 7 hinüberstank! Alle bisher von Vorgesetzten deshalb vorgebrachten Tadel hatten bisher nichts dagegen ausrichten können und offiziell verhängte Strafen gegen Nappoke wurden in der Regel sehr schnell wieder von der Ethik-Beauftragten der „U.E.S.S. Pirmasens“ kassiert, weil diese meinte, dass man nicht ein „kulturspezifisches Verhalten“ einer außerirdischen Gattung bestrafen dürfe, dieses sei im Prinzip „anthropozentrischer Rassismus“ und die „Unterdrückung einer Bord-Minderheit“, die in diesem Fall aus nur einem Schompad-Exemplar bestand.

Als Hayden Findley im Gang verschwunden war, schickte ihr Nappoke noch ein paar sabbernd nasse Geräusche hinterher, die er mit den Lippen und seiner dicken Zunge erzeugte. „Gnob, du hast schon richtig erkannt, dass ich ein bisschen auf Hayden stehe, aber „schlubber-schmonzo“ finde ich dann doch ein bisschen übertrieben…“ Die Art der Verehrung, die Benjamin der erheblich ranghöheren 1. Offizierin gegenüber empfand, war dann doch eher eine platonisch-abstrakte – ähnlich wie die eines mittelalterlichen Minnesängers gegenüber dem hochwohlgeborenen Burgfräulein, das für den einfachen Sänger gesellschaftshierarchisch auch vollkommen außer Reichweite stand…

Natürlich „datete“ der mit seinem breiten Lächeln stets sehr einnehmend wirkende und dazu auch noch recht passabel Gitarre spielende Ben mit einer gewissen Regelmäßigkeit diverse weibliche Crewmitglieder. Naheliegend bei einer Mannschaft, die überwiegend aus Singles bestand. Aber der Sternenkreuzer war ein Regierungsschiff mit etlichen Militärs an Bord – da wurde auch von den Zivilisten an Bord ein gewisses Maß an Zucht und Ordnung erwartet! Schließlich war man auch immer irgendwie als „Botschafter der Menschheit“ in diplomatischer Mission unterwegs. Auf diversen privaten Frachtraumschiffen sah das natürlich schon ganz anders aus – da wurde innerhalb der Crews oft querbeet durcheinander gebumst… Selbst Benjamin, der bei günstiger Gelegenheit selten etwas anbrennen ließ, und deshalb auch so gut wie nie mehr rote Ohren bekam, hatte sich so manches Mal über die Zustände an Bord gewundert, als er einmal für ein paar Wochen als Anhalter auf so einem abgehalftertem Frachter durch die Galaxis gereist war. Im Prinzip wurde dort an Bord so ziemlich jede Droge durchgezogen, die man in der Milchstraße erhalten konnte, und die Besatzung führte ein derartiges Lotterleben, dass man sich oftmals nur noch für die notwendigen Außenkontakte mit Dritten etwas überzog…

„Komm, gehen wir noch ein bisschen auf unsere jeweiligen Kabinen chillen“, klopfte Benjamin dem Schompad aufmunternd auf den Rücken der immer leicht mit Nahrungsmittelflecken besprenkelten Borduniform, „wir müssen erst in zwei Stunden raus, um die Quanten-Peilbojen auszusetzen…“ Eigentlich hatte Ben persönlich nichts gegen seinen Kabinennachbarn, mit dem er heute für einen gemeinsamen Arbeitseinsatz eingeteilt worden war, man lief sich immer in den Gängen über den Weg und ging auch schon mal gemeinsam etwas trinken, oder zockte zusammen ein paar Computer Games in der virtuellen Realität (wo man sein Gegenüber zum Glück nicht riechen konnte), aber die permanenten sexuellen Anzüglichkeiten, in der Regel irgendwelche vor Sabber starrenden Besudelungsphantasien, die „Gnob“ offenbar für eine höchst erbauliche Art von Humor hielt und in einer nicht mehr zu steigernden Häufigkeit von sich gab, nervten den gebürtigen Rheinland-Pfälzer mittlerweile doch erheblich. Gut, die Schompad-Sexualität war eine komplett orale – die außerirdischen Dickwänste verfügten über keine außenliegenden Genitalien und übertrugen ihr Erbmaterial untereinander über den Speichel – das erklärte auch diese ganzen Leck- und Spuck-Metaphern, die Nappoke dauernd gebrauchte – aber irgendwann wurden diese permanenten Sabber-Obszönitäten schon deshalb langweilig, weil der Schompad diese endlos wiederholte. Viele Crewmitglieder gingen ihm aber nicht nur aus diesem Grund aus dem Weg, sondern auch, weil an diesem speziellen Außerirdischen permanent irgendwelche vor sich hingammelnden Nahrungsreste klebten…

0105 Nappoke Gnobkock

Wie war es eigentlich soweit gekommen, dass Menschen im Jahre 2121 Seite an Seite mit skurrilen Alien-Spezies auf Weltraumspaziergängen in Hunderte von Lichtjahren von der Erde entfernten exotischen Planetensystemen gingen, um dort Peilbojen, die ihre Informationen nach dem Prinzip der Quantenverschränkung auf unfassbare Weise in Echtzeit bis zur Erde übertrugen, auszusetzen? Nun, um dieses besser nachvollziehen zu können müssen wir uns – wie schon im letzten Kapitel angekündigt – näher mit den Vorkommnissen im Pirmasens des Jahres 2058 beschäftigen, die man sehr berechtigt als absolut einmaliges „Wild Card“-Ereignis ansehen kann…

Damals stießen Straßenbauarbeiter in der zu diesem Zeitpunkt weitgehend verwahrlosten und hauptsächlich von einer sozial-abgehängten, verarmten Bevölkerung bewohnten, rheinland-pfälzischen Provinzstadt Pirmasens bei Baggerarbeiten auf ein größeres metallisches Objekt im Erdreich. Sofort hielt man den  teilautonom arbeitenden Baggerroboter an – schließlich könnte es sich bei jenem Objekt um eine der wenigen noch nicht geräumten Blindgänger-Bomben aus dem zweiten Weltkrieg handeln! Doch das Objekt entpuppte sich schon nach kurzer Betrachtung als ein gänzlich anders geartetes Artefakt… Schnell rief man Experten und Wissenschaftler herbei und nun erwies es sich als glücklich für die Menschheit, dass dieser Fund auf deutschem Boden erfolgt war. Hätte man das schnell für außerirdisch befundene Artefakt auf dem Territorium von Atlantis (wie sich der Staatenverbund etlicher Nationen inzwischen recht pathetisch nannte, die sich um die ehemalige USA geschart hatten), Russland oder China gefunden, wäre sofort die ganze Gegend evakuiert und zum militärischen Sperrgebiet höchster Geheimhaltungsstufe erklärt worden. Die deutsche Regierung erklärte den besonderen Fund jedoch zu einer für die gesamte Menschheit relevanten wissenschaftlichen Sensation und lud schnell eine internationale Wissenschaftler-Kommission ein, die vor Ort bei der weiteren Erforschung des Objektes ähnlich reibungslos und erfolgreich kooperierte, wie bereits seit Jahrzehnten das unter diesem Aspekt beispiellose, multinationale Forscherteam vom CERN mit dem gemeinschaftlich betriebenen Teilchenbeschleuniger „Large Hadron Collider“ in der Schweiz. Sehr schnell waren fundierte Ergebnisse vorhanden, denn diese prasselten in unglaublicher Masse auf die Wissenschaftler und Ingenieure ein, nachdem man einmal herausgefunden hatte, wie man jenes Artefakt nutzen konnte, dessen unerwartete Entdeckung für die darauf im Grunde vollkommen unvorbereitete Welt ein unvorhergesehenes Wild-Card-Ereignis war. Als „Wild Cards“ werden in der Zukunftsforschung „seltene und überraschende Ereignisse mit massiven Auswirkungen für die gesamte Menschheitsgeschichte“ bezeichnet.

Das Artefakt schien eine Art Konsole mit einem riesigen roten Knopf zu sein – verständlich, dass sofort die Versuchung groß war, diesen einfach zu drücken. Aber die Wissenschaftler waren sich zunächst eine ganze Weile lang uneins, was der Gebrauch dieses pizzatellergroßen Druckschalters wohl zur Folge haben könnte – womöglich schlimmstenfalls die Auslöschung des gesamten Menschengeschlechts! Erst nach langen heftig geführten Grundsatzdebatten obsiegte dann doch die Neugier – beziehungsweise die Dreistigkeit: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion drückte eine ebenso vorwitzige, wie ehrgeizige, junge aserbaidschanische Nachwuchs-Wissenschaftlerin einfach nassforsch auf den Knopf! Aserbaidschan gehörte aufgrund der schiitischen Bevölkerungsmehrheit als eines von nur ganz wenigen islamisch-geprägten Ländern nicht zum vereinigten „Kalifat“, das sich in den letzten 20 Jahren von Südspanien bis nach Indonesien ausgebreitet hatte. Im Gegensatz zu dieser neuerstandenen Großmacht legte die Regierung Aserbaidschans großen Wert darauf, möglichst viele junge Wissenschaftler an die Eliteforschungsinstitute der restlichen Welt zu entsenden, die dort den Ruhm des Landes mehren sollten. Nun, İntişar Jabbarova mehrte – auch wenn sie dafür zunächst in eine U-Haft-Zelle wanderte, aus der sie dann aber schnell wieder entlassen wurde. Heute – über sechzig Jahre danach – wurden nach ihr Universitäten, Raumflughäfen und sogar ganze Planeten benannt…

„Hey, pass mit deinem riesigen Rohr da auf!“, schnauzte Nappoke Benjamin an, der gerade mit einem sperrigen Teil des Antennengestänges hantierte, das die beiden auf ihrem Weltraumspaziergang im neu zu erkundenden Planetensystem an die dort gerade erst ausgesetzte Quanten-Peilboje montieren sollten. „Quantenfunk“ war eine geniale Sache und eine der wenigen wirklich epochalen Erfindungen des 21. Jahrhunderts, die die Terraner schon kurz vor der Zäsur der Pirmasens-Entdeckung von 2058 alleine, ohne außerirdische Hilfe, hinbekommen hatten. Mittels miteinander verschränkter Quantensysteme, konnte man über beliebige Entfernungen hinweg Informationen überlichtschnell in Echtzeit übertragen. Dazu mussten diese Systeme zunächst an einem Ort miteinander verschränkt werden. Wurden sie dann weit voneinander entfernt – etwa in verschiedene Planetensysteme – bildete sich eine Manipulation der Information des einen Quantensystems augenblicklich auch im anderen ab. Egal wie weit entfernt voneinander diese Systeme nun waren, man konnte darüber Daten, Sprache, Bilder übertragen. Quantenkommunikation. Die Quantenfunk-Peilbojen verfügten über entsprechend verschränkte Gegenstücke auf der Erde und dienten innerhalb abgelegener Planetensysteme deshalb gleichermaßen als „Handynetzmasten“, wie auch als interstellare Navigationspunkte für Raumschiffe. Wenn etwa die Pirmasens-Brücke in einem Horko-Planetensystem Antimaterie auftanken lassen wollte, dann rief sie über Quantenfunk zunächst die mit dem bordeigenen Quantensystem verschränkte Relaisstation auf der Erde an, dort wurde der Anruf elektronisch auf ein weiteres Quantensystem übertragen und dieses leitete das Gespräch dann an die Tankstation im Planetensystem der Horkos weiter, wo es mit seinem spezifischen Gegenstück verschränkt war. Daraus resultierte bei der Sprachübertragung über zwei verschränkte Quantensystem-Paare mit der Erde als Vermittlung lediglich eine Zeitverzögerung, wie man sie hundert Jahre zuvor von einem Überseetelefonat kannte… Ein Großteil der Expeditionsmissionen des Sternenkreuzers Pirmasens bestand im Verbreiten von Bojen in diversen Planetensystemen. Routinearbeit.

Benjamin schaute durch das Helmvisier seines Raumanzuges zu Nappoke Gnobkock herüber. Der feiste Schompad schwebte in seinem Außeneinsatz-Raumanzug wie ein dicker Blimp, ein silbergrau glitzerndes Prall-Luftschiff, vor der strahlend hellen Sonne im Zentrum des Planetensystems, die er dadurch vollständig verdeckte. Er rotierte dabei melodramatisch um seine Längsachse – so, als ob Benjamin ihn tatsächlich mit dem sperrigen Antennenträger erwischt hätte. „Halts Maul, du elende Sabberwurst! Hilf mir lieber mal, das Ding hier festzuschweißen…“ Während das außerirdische Besatzungsmitglied mit gezückter Laserschweißpistole heranschwebte, keifte es beleidigt zurück: „Jetzt lass hier nicht den Macker heraushängen, nur weil du so ein dickes Ding in deinen Händen hältst! Wie ist das überhaupt so bei euch Menschenmännern? Macht das wirklich richtig Spaß mit so ‘nem abstehenden Teil da unten beim Rongo-Zongo? Ich stelle mir das geradezu anstrengend vor! Wie findet ihr im Dunkeln damit überhaupt das Loch?“ Oh Gott, der Schompad war mal wieder bei seinem Lieblingsthema! Weil sich die Angehörigen seiner Art, die über keine äußeren Geschlechtsorgane verfügten, durch ihrem Speichel beigemengtes Erbmaterial miteinander vermehrten, das sie in wüsten Paarungsritualen oral miteinander austauschten, war er stets brennend daran interessiert, wie das entsprechend bei den Menschen so liefe. „Das werde ich Dir gerade ausführlich mitteilen, Gnob! Ein Gentleman schweigt und genießt…“, erwiderte Ben leicht genervt, „setze lieber eine anständige Schweißnaht, du hodenlose Frechheit! Wenn du so gut schweißen kannst, wie du angeblich leckst, dann wird das hier wenigstens ratzfatz fertig!“

Nachdem İntişar Jabbarova den großen roten Knopf gedrückt hatte, projizierte das Artefakt seltsame, dreidimensionale Hologramme in die Umgebung. Seltsame, durcheinanderschwirrende Symbole, die zunächst unverständlich erschienen, aber von einem Heer von Mathematikern und Linguisten schnell enträtselt und geordnet werden konnten. Offenbar handelte es sich wirklich um eine Sammlung äußerst schwerer Rätsel, mittels derer die Menschheit geprüft werden sollte. Geprüft, ob sie „schon reif“ sei… Reif dafür, mit der kosmischen Wahrheit konfrontiert zu werden: Dem Nicht-Alleinsein.

Abgefragt wurden Finessen der Kernfusion, Grundlagen der Genmanipulation, Fakten zum allgemeinen Entwicklungsstand von Technologie und Gesellschaft. Nachdem alles enträtselt, beschrieben und zusammengefasst war, sendete das Artefakt eine Art „Ja-sie-sind-jetzt-soweit-Signal“ zum Asteroidengürtel des Sonnensystems, der sich zwischen den Bahnen von Mars und Jupiter befindet. Dort erweckte das Signal eine als Felsbrocken getarnt zurückgelassene Sonde aus ihrem 65 Millionen Jahre währenden „Schlaf“. Die autonome Sonde reiste innerhalb einer beeindruckend kurzen Zeit zur Erde, wo sie in der Innenstadt von Pirmasens unweit der „Pirminiuskirche“ direkt über dem Artefakt automatisch landete und sich nun in eine Art Informations- und Schulungszentrum verwandelte. Anders kann man es nicht ausdrücken, denn es war unverkennbar der eindeutige Sinn der Sonde in diesem fraktal-filigran entfalteten Zustand, den Menschenkindern fleißig galaktischen Aufklärungs- und Nachhilfeunterricht zu geben!

Die „Wild Card Premium de Luxe“ war aus dem Ärmel geschüttelt. Weltbilder und politische Pläne wurden dadurch zerstört, als eigentlich unerschütterlich geltende Auffassungen verrückt, Berge gerieten ins Stürzen. Nichts war danach so, wie es mal war – beziehungsweise gewesen zu sein schien! Der kosmische Nachhilfelehrer outete sich als Robotersonde einer uralten galaktischen Spezies, die demnach über schier unglaubliche technologische Fähigkeiten verfügt haben musste. Sie waren quasi die „Altvorderen“, die wahren Schöpfergötter der Menschen und unzähliger weiterer kosmischer Kinder! Vor einigen hundert Millionen Jahren hatte sich diese Urspezies wohl dazu entschieden ihr Heimatplanetensystem zu verlassen und überall in der Milchstraße dafür zu sorgen, dass sich auch auf anderen Planeten ähnlich intelligentes Leben entwickeln würde. Sie waren so etwas wie der Sämann und die späteren intelligenten Rassen der Galaxie so etwas wie ihre aufgegangene Saat! Um dem Leben in die von ihnen gewünschten Bahnen zu helfen, manipulierten sie im Laufe von Äonen die Erbinformationen von zuvor nicht intelligenten Lebewesen auf unzähligen Welten. Sie wollten einerseits überall ihre „Ebenbilder“ erschaffen, aber andererseits auch, dass sich diese durch natürliche Evolutionsprozesse zu unendlich vielen verschiedenen Varianten entwickeln würden. Gerade noch untereinander so ähnlich, dass sie sich in einer galaktischen Zukunft kooperativ miteinander vergesellschafteten, um im besten Fall gemeinsam „Größeres“ vollbringen zu können, und zum anderen dennoch voneinander so verschieden, dass sie sich in ihrem Facettenreichtum gegenseitig inspirieren sollten und durch verschiedene Kulturen, Traditionen, Technologien, Weltbilder und Glaubenssätze, Temperamente und Charaktereigenschaften voneinander lernen. Zumindest schien das von den Altvorderen vermutlich – ihre genauen Beweggründe ließen sich nur erraten – ursprünglich so geplant gewesen zu sein. Überall sollten sich ungefähr ähnlich große, und langfristig gesehen auch ähnlich intelligente, Zweibeiner mit Greifarmen entwickeln, die in einer fernen Zukunft dann im Idealfall miteinander kooperieren würden, um dann in noch weiterer Zukunft als Erbe ihrer Schöpfer das gesamte Universum auch über die Milchstraße hinaus zu besiedeln…

Im Falle der Erde war der ordnende Eingriff zu diesem Zweck vor ziemlich genau 65 Millionen Jahren erfolgt: Die Erkundungstrupps der „Altvorderen“ hatten einen Planeten geeigneter Größe mit halbwegs atembar erscheinender Atmosphäre entdeckt, der zudem bereits von relativ hoch entwickelten Tieren bevölkert war. In puncto „Charakter“ und „Temperament“ erschienen ihnen die vorherrschenden Geschöpfe dieser Welt aber eher ungeeignet. Deshalb manipulierten sie auch nicht die Dinosaurier-DNA, sondern die Erbinformationen kleiner Tierchen, die zu deren Füßen herumwuselten. Die Erbinformationen kleiner spitzmausähnlicher Säugetiere. Damit sich diese besser wie vorgesehen weiterentwickeln konnten, mussten die vorherrschenden Tierkolosse zunächst aus dem Weg geräumt werden. Ein Asteroid wurde aus seinem Orbit umgelenkt, so dass er auf dem Planeten einschlug und dort auf verheerende Weise Platz für das ungestörte Aufgehen der jungen Saat schuf. Außerdem veränderte man durch diesen, vielleicht ein wenig rabiaten, Kunstgriff auf raffinierte Art zugleich auch blitzartig, ohne mühseliges und langwieriges Geoengineering einsetzen zu müssen, die atmosphärische Zusammensetzung des Planeten, so dass die possierlichen Tierchen erheblich besser gedeihen könnten. Die manipulierten Steuerungs-Gene, die aus den Mäuschen allmählich Menschen machen würden, brachten die kosmischen Experimentatoren übrigens versteckt in jenen bruchstückhaft zusammengewürfelt wirkenden DNA-Abschnitten unter, die 65 Millionen Jahre danach von menschlichen Wissenschaftlern jahrelang für innerhalb der eignen Chromosomen gewissermaßen unsinniges Gen-Müll-Gebröseln gehalten wurden. Nach vollzogener Tat, eilten die Altvorderen zum nächsten Planetensystem weiter, um den nächsten Rohdiamanten anzuschleifen…

Das war alles wahrlich starker Tobak für die Menschen – für die beteiligten Wissenschaftler, für die Presse, für die Politiker und die Religionsführer, für die einfachen Bürger auf der Straße… Doch es sollte noch heftiger kommen: Die erweckte Sonde, die durch das von Homo Sapiens selbst übermittelte Reifezeugnis aus Pirmasens erweckt worden war, sendete das „Seht-her-sie-sind-jetzt-endlich-soweit-Signal“ auch in die umliegende Umgebung des Sonnensystems, wo es zunächst auf die Horko traf, eine Spezies, die schon ein wenig länger über ihren Ursprung aufgeklärt war, als ihre Nachbarn von der Erde. Bei ihnen hatte es auch ein paar hunderttausend Jahre weniger lange gedauert, bis dank künstlich zugefügter Steuerungs-Gene aus kleinen grünen Schlappohr-Tierchen zwei Meter große Zweibeiner geworden waren, die allerdings immer noch über grüne Schlappohren verfügten. Da das per Quantenfunk in Echtzeit übertragene Signal aus dem Sonnensystem nur ein paar Dutzend Lichtjahre vom nächstgelegenen Planetensystem entfernt ausgesendet worden war, in dem die Horko einen Stützpunkt unterhielten, dauerte es nicht sehr lange, bis auf der Erde die ersten Horko-Raumschiffe eintrafen… Nun gab es weitere Nachhilfelehrer, die aber ihrerseits für Konfusionen sorgten, als sie den Menschen mitteilten, dass es ihnen trotz ihrer fast 500-jährigen Raumfahrttradition in einem ziemlich großen Bereich des Orion-Armes bisher nicht gelungen war, aktuelle Spuren der Altvorderen zu finden. Nachdem diese Ur-Väter aller raumfahrtfähigen Spezies mehrere hundert Millionen Jahre lang überall ihre Saat verschleudert hatte, waren sie offenbar spurlos verschwunden. Die Horko hatten keine Ahnung wohin.

Geheimnisvolle Götterwesen. Schöpfer, die in unerreichbare Gefilde entschwunden waren… Auf fast alle menschlichen Weltanschauungen, Ideologien und Religionen hatten diese Berichte einen unvorstellbaren Impakt! Man war tatsächlich nach dem Ebenbild einer höheren Instanz geschaffen worden – aber man war auch nicht alleine im Universum. Es gab kosmische Geschwister! Laut den Horko sogar noch zahlreiche weitere intelligente, hochentwickelte, raumfahrende Spezies! Alle zwischen einem und drei Metern groß, aufrecht gehend und mit Greifhänden ausgestattet. Humanoide Wesen, die ihrerseits in extrem unterschiedlichen Faunen- und Florenreichen lebten, aus denen sie kraft eines jeweils erfolgten ordnenden Eingriffs genetisch hervorgegangen waren. Die Horko waren nur die ersten Besucher. Innerhalb weniger Monate und Jahre kamen noch andere neugierige Abgesandte, um die jüngste „aufgeklärte Gattung“ zu besichtigen!

Unter dem Eindruck der Geschehnisse entwickelten diejenigen unter den Menschen, die darob nicht zu Fällen für geschlossene Psychiatrieabteilungen geworden waren – glücklicherweise eine deutliche Mehrheit – eine völlig andere Weltsicht: Aktuelle Konflikte, Kriege und die meisten religiösen Dogmen verloren schlagartig ihre Grundlage und wurden nun als sinnlos erkannt. Vieles relativierte sich im kosmischen Vergleich mit anderen. Anderen, die einem dennoch sehr ähnlich waren! Freundlich gesonnene Andere zudem, die gewillt waren, ihre oftmals überlegenen Technologien, Informationen und kulturelle Besonderheiten bereitwillig mit den Erdbewohnern zu teilen. Das Jahr 2058 n.Chr. war wirklich der Druck auf den Reset-Knopf für die Menschheit. Man bekam nun das technische Rüstzeug an die Hand, um den eigenen Saustall namens „Erde“ auszumisten und zu reparieren. Umweltzerstörungen rückgängig zu machen und darüber hinaus zu erkennen, dass das ganze nationalstaatliche Klein-Klein ebenso lächerlich war, wie das kriegerische Säbelrasseln der fünf Großmacht-Blöcke.

Was sollte dieser Unfug mit Russland und China gegen Atlantis? Mit einem rückwärtsgewandtem Kalifat angesichts einer kosmischen Wahrheit, die der eigenen religiösen Weltanschauung sämtliche Grundlagen entzog? Rest-EU und Pleite-Japan? Die Terraner wurden nun endlich – zwar mit Hilfe von außen – vernünftig und gründeten bereits im Jahr 2062 die „United Earth“. Alle planetaren Grenzen waren nun gefallen. Draußen lockte nun die Weite der Milchstraße. Neuland – und dank der unendlichen Weiten dort draußen auch größtenteils besiedelbares Neuland. Sehr verlockend angesichts der inzwischen abartig gedrängten Überbevölkerung von 12 Milliarden menschlichen Individuen auf der Erdkugel…

Gerade die grünhäutigen Horko, die von der Menschenspezies schnell als „kosmische Brüder und Schwestern“ tituliert wurden, weil sie recht ähnlich tickten und der Erde innerhalb des Orion-Armes der Milchstraße auch räumlich am nächsten siedelten, gaben der „United Earth“ zügig und überaus generös interstellare Starthilfe. Überließen den Terranern gebefreudig Raumfahrttechnologie im Austausch für irdisches Kulturerbe. Die Horko liebten Mozart und Chopin! Für eine Bach-Kantate gaben sie im Gegenzug ein überlichtschnelles Raumschiff samt Schulungskursen der Crew. Auch auf die irdische Literatur standen sie, von traditioneller japanischer Dichtkunst über Dostojewski bis hin zu Charles Bukowski… Galaktische Grundlagentechnologie gegen Gedichte, für Musik Materiewandler, sogar für irdische Gewürze wie Pfeffer und Curry erhielt man von den Horko eine Gegengabe!

Da wir nun das Jahr 2121 schreiben, ist der Startknopf-Druck von Pirmasens gerade erst 63 Jahre her. Die Menschheit hat in diesen sechs Jahrzehnten schnell gelernt. Innerhalb der raumfahrenden Spezies braucht sie sich inzwischen nicht mehr zu verstecken. Zu einigen hat sie mittlerweile auf Augenhöhe aufgeschlossen (die Schompads sogar meilenweit überholt). Aber sie muss auch noch viel darüber lernen, was dort draußen auf sie wartet. Die Galaxis ist nicht unbedingt überall so friedlich, wie die unmittelbar erdnahe Umgebung der sogenannten „Lokalen Blase“ innerhalb des weitläufigen, 20.000 Lichtjahre langen Orion-Armes (selbst der Sternenkreuzer Pirmasens wäre im Alcubierre-Modus-Dauerbetrieb rund viereinhalb Jahre lang unterwegs, um ihn einmal vollständig entlang zu fliegen – technisch ist ein so langer Warp-Dauerbetrieb allerdings gar nicht möglich). Einige Körner der Altvorderen-Saat sind auch als eher düstere Gewächse aufgegangen. Manches ist sogar regelrecht aus dem Ruder gelaufen, weil der Gärtner zwar fleißig gesät hat, aber danach niemand mehr mit Astsäge und Heckenschere vorbei kam. Wo sind die Schöpfer so vieler Spezies abgeblieben? Vieles bleibt rätselhaft – und gefährlich. Das terranische Kind hat zwar ein wenig Nachhilfeunterricht bekommen, aber nun muss es sich draußen im dunklen Wald bewähren.

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Ein neues Schmankerl habe ich heute übrigens noch für die Sternenkreuzer-Freunde unter meinen Lesern und Abonnenten: Ab sofort findet Ihr auf der offiziellen „Sternenkreuzer Pirmasens“-Infoseite meines Blogs nicht nur die bekannte EPISODENLISTE mit direkten Links zu allen bisher veröffentlichten Kapiteln, sondern darüber hinaus auch noch ein liebevoll illustriertes GLOSSAR zur Erklärung der Fachbegriffe und als Personen-Übersicht (unter diesem Link hier anklickbar – aber wie immer auch innerhalb des schwarzen Balkens unter dem Seitenheader in der Nicht-Reader-Ansicht meines Blogs aufzurufen). Mit diesem neuen Feature wünsche ich Euch viel Vergnügen und schicke abschließend noch ein paar hypermentale Grüße an alle Leser!

6 Gedanken zu “STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel IV

  1. Manche Themen erinnern an Star Trek. Da gibt es auch eine Folge, wo raus kommt, dass die Menschen mit den anderen Rassen verwandt sind. Aber schön, wie Du das alles beschreibst. Man taucht richtig ein in die Welt!

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