STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel II

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0005 Logo Pirmasens

Kapitel II – Pinkeln im Park

„Spot“ war schon wach, sein Herrchen noch eher weniger. Der kleine Hund kratzte an der Kabinentür, weil er in der Crewkabine Nr. 7, Habitationssegment R4-8 nicht sein Beinchen heben durfte. Benjamin Freitag brauchte aber zunächst einmal einen starken Kaffee, schwarz wie die Nacht. Dieses war glücklicherweise eines der fünf Getränke, die er sogar aus dem kabineneignen Food-Dispenser ziehen konnte – weniger glücklich war er hingegen über die geschmackliche Qualität dieser Plörre. Aber er war morgens initial immer zu müde und morgenmuffelig, um die paar Meter zur nächsten Food-Corner mit einem Großdispenser zu latschen, wo man erheblich echter schmeckende Kaffeegetränke erhielt. Außerdem kannte Spot kein Halten mehr, wenn er morgens erst einmal durch die sich zischend öffnende Kabinentür gehüpft war! Apropos „Halten“ – in seiner morgendlichen Benommenheit registrierte Ben anhand der erheblich reduzierten Geräuschkulisse, dass die „U.E.S.S. Pirmasens“ gerade stillstand. In irgendeinem Planetenorbit geparkt vermutlich. Dunkel erinnerte er sich, dass für den heutigen Pirmasens-Tag ein Tankstopp in einem Planetensystem geplant war, das von den Horko kontrolliert wurde. „Ah, unsere galaktischen Brüder und Schwestern…“, dachte er. Die offizielle diplomatische Sprachregelung der Erde wählte jene Floskel für die verblüffend menschenähnliche Raumfahrerspezies der Horko – Benjamin bevorzugte hingegen eher den Begriff „Schlappohren“. Die meisten einfacheren Crewmitglieder ebenfalls. „Grüne Schlappohren“, die in diesem Planetensystem eine „Tanke“ betreiben. Vermutlich wurden gerade isolierte Antimaterie, Energiezellen und diverse konventionelle chemische Treibstoffe im Wert von einigen hundert Millionen Credits (= in einigen dichter bevölkerten Teilen des galaktischen Orion-Armes universell akzeptierte, interstellare Währung) ins Innere des stillstehenden Sternenkreuzers befördert.

0103 ein typischer Horko

„Sehr schön – bald sind wir voll bis unter die Decke!“, sagte Captain Erno Santorius, der Kommandant der Pirmasens zu seiner Ersten Offizierin. Der graubärtige Raumschiffskapitän stand auf der Brücke neben der in ihrer adretten Unform stets wie frisch aus dem Ei gepellt wirkenden Hayden Findley. Gemeinsam überwachten sie den immer ein bisschen heikel wirkenden Verladungsvorgang der Antimaterie-Kapseln. Wenn eines der nur Fußball-großen Dinger „hochgehen“ sollte, wäre das fatal, denn die Annihilation von nur einem einzigen Kilogramm „Antiwasserstoff“ mit normaler Materie würde prinzipiell ausreichen, um den kompletten Energiebedarf einer Kleinstadt über 100 Jahre lang zu decken. Wenn diese Energie in millionstel Bruchteilen einer Sekunde auf einmal freigesetzt werden würde – nun, das Resultat bleibt besser der Phantasie überlassen… Zum Glück verstanden die grünhäutigen „Tankwarte“ ihr Handwerk – Captain Santorius kannte die Treibstoff-Handelskette zudem bereits aus anderen Sternenregionen. Auf die Horko war Verlass, die „kosmischen Geschwister der Menschheit“ waren eine Spezies, die gemeinhin als umsichtig, sorgfältig und recht verlässlich galt.

0100 Captain Erno Santorius

„Gut. Ab morgen stoßen wir in unbekannte Gefilde vor. Wir dürften dann genügend Treibstoff für vier Jahre eingebunkert haben“, antwortete die rothaarige Erste Offizierin ihrem Kommandanten, „ich hoffe doch mal inständigst, dass die kommende Expedition nicht so lange währen wird!“

0102 Hayden Findley

Normalerweise dauerten die Expeditionen zwischen einigen Wochen und maximal einem Jahr. Die Crew saß auf dem Sternenschiff dadurch in ähnlicher Weise fest, wie einstmals holzbeinige Seeräuber auf ihren Segelschiffen während Plündertouren in karibischen Gewässern. Ganz so schief war dieses Bild gar nicht einmal; ähnlich wie die Piraten vor etlichen Jahrhunderten stopfte man auch nahezu alles in den geräumigen Bauch des Schiffes, was man unterwegs zusammenklauben konnte. Wenn auch aus eher wissenschaftlichen Gründen und nicht zur persönlichen Bereicherung aus Habgier. Obwohl – einige Kollegen vom Forschungsdeck entwickelten in ihrer Sammelwut durchaus seeräuberhafte Züge! Vermutlich gab es auch noch weitere Piraten-Parallelen, denn die Sternenkreuzer-Besatzung bestand teils aus eher eigenbrötlerischen Glücksrittern, Ex-Söldnern, hierhin strafversetzten Wissenschaftlern und anderen als zumindest leicht verschroben geltenden Typen, und war, von alten Haudegen wie dem Captain einmal abgesehen, im Altersdurchschnitt auch eher jünger, was wohl überwiegend daran lag, das niemand gerne Monate und oft auch Jahre von seiner Familie und der Heimat getrennt unterwegs ist.

Benjamin Freitag guckte sich verstohlen über die linke Schulter um, ob er allein mit Spot im bordeigenen Arboretum unterwegs war. Es wurde nicht gerne gesehen, dass er mit seinem Hund dort Gassi ging. Aber dieses war der einzige Ort, der auf der Pirmasens hierfür geeignet schien. Die Planer des Sternenkreuzers hatten dem Schiff das Arboretum als „grüne Lunge“ spendiert, es lag in einem vier Decks hohen „Innenhof“ direkt unterhalb der Kommandobrücke. Das Habitationssegment C-R1 der ranghöchsten Crewmitglieder, in dem auch Captain Santorius seine Suite hatte, lag selbstverständlich auch so, dass es direkt an diesen bepflanzten Freiraum im Schiffsinneren grenzte. „Arboretum! Das diese Großkopferten immer alles so verschwurbelt benennen müssen“, murmelte Ben, während sein Hundchen an eine mickerig wachsende Ulme pinkelte, „für mich ist das hier unser Stadtpark! Nicht wahr, Spotti?“ Der kleine Hund bellte kurz und verschwand dann in den Rhododendren. Im Prinzip war das Arboretum in einem recht verwilderten, ziemlich jämmerlichen Zustand, weil sich keiner für dessen Pflege zuständig fühlte. Außer den Rhododendronbüschen und einigen krüppelwüchsigen Bäumen gedieh hier kaum noch etwas Anständiges. Hayden Findley hatte Benjamin jedes Mal scharf getadelt, wenn sie – ihre Kabine lag auch im nahegelegenen Offiziers-Segment C-R1 – ihn dabei erwischte, wie er hier seinen Hund ausführte. Die wachsame Offizierin tat dann immer so, als ob das Gassi-Gehen der einzige Grund dafür sei, dass die Baumsammlung in einem derart kläglichen Zustand war… Zum Glück war aber gerade niemand in Sicht. Etliche Crew-Mitglieder waren entweder mit dem Treibstoff-Einlagern beschäftigt, oder bereiteten sich auf andere Weise auf den baldigen Beginn der offiziellen Expeditionsreise vor. Morgen würde die Pirmasens zum ersten Mal seit einigen Monaten wieder in völlig unkartierten Gefilden aus ihrer Warp-Blase in den Normalraum fallen. Benjamin beschloss seinen letzten dienstfreien Tag im gechillten Modus zu verbringen. Vielleicht würde er sich aus diesem neuen Food-Dispenser auf dem vorderen Freizeitdeck eine Portion des schon nach wenigen Wochen bei der ganzen Mannschaft als legendär gut geltenden Walnusseises mit Ahornsirup ziehen und später noch ein bisschen Gitarre üben… Jetzt musste er aber erst einmal Spot aus den Rhododendren klauben, unter denen er gerade ein ordentliches Loch buddelte. „Hoffentlich hat die Findley noch auf der Brücke zu tun – ich treffe sie zwar immer recht gerne, aber bitte nicht hier in unserem kleinen Pinkelpark!“ Andererseits dachte Benjamin dann aber auch, dass es eigentlich sowieso ein unverschämtes Glück war, dass er überhaupt einen Hund mit an Bord haben durfte! Es gab nur eine an einer Hand abzählbare Anzahl von Ausnahmen von der Regel, dass man auf der Pirmasens keine Haustiere halten sollte. Ben kannte eine Lady aus der Forschungsabteilung, die durfte als einzige sogar ein außerirdisches Haustier halten – aber das hatte offiziell wissenschaftliche Gründe. Dass Benjamin Freitag an Bord sein Hundchen um sich haben durfte, lag vermutlich letztendlich doch an gewissen Außenseiter-Privilegien, die er wohl deshalb genoss, weil er sein Crew-Ticket in der Lotterie gewonnen hatte: Er war schließlich der einzige gebürtige Pirmasenser an Bord des Sternenkreuzers Pirmasens! 

0002 Strich

Soviel für heute vom Sternenkreuzer Pirmasens – in der nächsten Folge werdet Ihr vermutlich ein paar Hintergründe dazu erfahren, wieso die Menschheit durch einen besonderen Fund im rheinland-pfälzischen Pirmasens innerhalb weniger Jahrzehnte einen dermaßen großen Technologiesprung machen konnte, dass sie im Jahre 2121 zu den sternenfahrenden Spezies gehört, und vielleicht auch schon, wieso außerirdische, intelligente Völker wie die oben kurz erwähnten „Horko“ in den meisten Fällen über eine unerwartet menschenähnlich erscheinende äußere Gestalt verfügen!  

(eine Übersichtsliste mit direkten Links zu allen bisher in meinem Blog veröffentlichten „Sternenkreuzer Pirmasens“-Kapiteln findet Ihr unter diesem Link)

 

2 Gedanken zu “STERNENKREUZER PIRMASENS – Kapitel II

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